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Norwegen: intelligente Strom- oder Schnüffelnetze?

In vier Jahren soll jeder norwegische Haushalt mit einem intelligenten Stromzähler ausgestattet sein, berichtet die Taz. Diese messen laufend den Verbrauch der Haushalte und schicken ihn an die Netzgesellschaften. Die staatliche Netzagentur Statnett möchte die erhobenen Stromverbrauchsdaten nun in einer zentralen Datenbank für mehrere Jahre speichern. Die Daten könnten so besser analysiert, langjährige Verbrauchsmuster ermittelt und damit die Stromversorgung besser geplant werden. Der Branchenverband Energi Norge will die Daten mindestens zehn Jahre gespeichert wissen um aussagekräftige Konsummuster erstellen zu können.

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Allerdings lässt sich mit den Daten nicht nur der Netzausbau, sowie die Stromversorgung besser planen, sondern auch viele Details des Lebens der Stromverbraucher offenlegen. Aus den Daten können beispielsweise die Lebensrythmen der Menschen herausgelesen werden: Wann sind sie zuhause? Wann gehen sie ins Bett? Wie lange schlafen sie? Wann schalten sie den Fernseher ein? Daten die für Versicherungen, Polizei, Geheimdienste, Finanzamt oder Kriminelle sehr interessant sein dürften. Die staatliche Energiebehörde NVE möchte das System daher freiwillig gestalten und die Stromverbrauchsdaten unter die Kontrolle der Nutzer stellen – wie dies genau aussehen soll ist noch unklar.

24 Kommentare
    1. Ich könnte mir vorstellen über die IP…natürlich erst, wenn IPv6 bei allen Nutzern angekommen ist. Vorher gibt es vermutlich zuviel Wiederholungsmöglichkeiten und dadurch Ungenauigkeiten.
      Dabei darf natürlich die Datenbank für die IP´s nicht mit Datenbank der Nutzerdaten verknüpft sein und vor allem die Datenbank mit den Nutzerdaten nicht am Internet hängen. Würde aber nur funktionieren, wenn das Interesse nur dem Stromverbrauch gewidmet ist und nicht, wann Lischen Meier Strom verwendet. Das entscheidet wohl in diesem Fall der Stromanbieter.

      1. Ergänzung: Und Menschen, die Angst vor einer Rückverfolgung haben, sollten natürlich keine Daten von sich auf dem Rechner haben, der online geht. Setzt natürlich voraus, dass man 2 Rechner und mehr besitzt. Aber das ist den Meisten bestimmt zu kompliziert, da viele ja Gerne Alles in Einem haben (Kamera, Telefonbuch, Terminkalender, Büroprogramme,…) und auf Cloud-Dienste schwören. Ansichtssache! Ich finde ich die Systemtrennung persönlich viel angenehmer. Bei Trojanerbefall muss ich einfach nur das Betriebssystem und den Internetzugang neu installieren und nicht erst eine Datensicherung vornehmen, die wohl am meisten Zeit frisst. Außerdem muss ich nicht erst bei Firmen anfragen, ob ich meine Daten zurück bekommen kann.

  1. Zu Norwegen muss man wissen:

    Dort herrscht im Vergleich zu Deutschland eine völlig andere Mentalität.

    Die Norweger sind schon heute sehr gläsern. In deutschen Augen sind die Norweger (fast) totalüberwacht.
    Das stört dort allerdings kaum jemanden. Für die Norweger überwiegen die Vorteile gegenüber den Nachteilen.
    Sie vertrauen ihrem Staat. Denn sie bilden den Staat. Der Staat gehört den Bürgern. Es ist ihr Staat.
    In Norwegen gab es keine Nazi-Diktatur. Keine DDR.
    Das Vertrauen der Norweger in ihren Staat wurde insgesamt nicht missbraucht.
    Natürlich ist nicht alles perfekt. Skandale gibt es auch. Im Gegensatz zu Deutschland haben Skandale dort aber auch tatsächliche Konsequenzen, die echte Änderungen herbeiführen.

    Jeder norwegische Bürger steht im Internet. Von Staats wegen.
    Name, Wohnort, Einkommen, Vermögen, Steuerzahlungen. Totale Transparenz.
    http://skattelister.no/
    Das ist allerdings nicht ganz unumstritten und wurde in der Vergangenheit auch schon mal zeitweise wieder vom Netz genommen.
    Die Steuererklärung ist schon fast komplett vorausgefüllt. Alle relevanten Daten werden automatisch ans Finanzamt gemeldet.
    Jeder hat eine eindeutige Personennummer, die aller Ortens angegeben werden muss.
    Die Halter von Fahrzeugen können mittels Kennzeichen von jedermann abgefragt werden.
    Bargeldlose Kartenzahlungen sind Standard.

    Der Staat ist im Gegenzug selbst auch transparent.
    Wenn der Ministerpräsident über SMS mit dem Chef der größten norwegischen Bank kommuniziert, können Journalisten die Veröffentlichung verlangen.
    Parteien müssen alle Parteispenden zügig im Internet veröffentlichen.
    Dort ist ein anderes Verständnis gegeben. Die Politiker, die Parteien, die Behörden müssen transparent Rechenschaft ablegen.

    Es gibt keine Bereitschaftspolizei (riot cops).
    Die Schutzpolizei trägt keine Schusswaffen. Nur in eskalierenden Gefahrensituationen werden diese aus den Tresoren in den Fahrzeugen geholt.
    Jeder Polizist ist identifizierbar durch ein Namensschild.
    Eine unabhängige Behörde überprüft Fälle von möglichem Fehlverhalten der Polizei.

    Die Resozialisierung von Straftätern wird sehr wichtig genommen. Es gibt sogar eine Gefängnisinsel, wo Häftlinge mit guter Prognose frei leben dürfen. Häuser, Tiere, Handwerk, Landwirtschaft. Sie müssen für sich selbst anpacken und arbeiten. Die Aufseher leben gemeinsam mit den Häftlingen.
    Keine Waffen, keine Gitter, keine Schlösser, keine Zäune.
    Die Insassen könnten über das Wasser fliehen. Tun sie aber nicht. Sie wissen, was für sie auf dem Spiel steht.
    Auch in den „normalen“ Gefängissen geht es sehr viel humaner zu als anderso in Europa.
    Denn die Norweger wissen, Gefängnisse machen aus Straftätern neue Straftäter, wenn man nicht aktiv dagegen arbeitet.
    Und wer will schon neben einem entlassenem, aber weiter kriminellem Ex-Häftling wohnen?

    Norwegen ist keine Insel der Glückseligen.
    Es gibt auch Probleme. Gesellschaftliche und politische Spannungen.
    Das Land ist kein EU-Mitglied. Nur EWG. Die VDS wurde auf EU-Druck eingeführt, da sonst Wirtschafts- und Handelsnachteile drohten (Erpressung durch EU).
    Das Land hat jedoch das Glück, mit Erdöl- und Gasreichtum gesegnet zu sein. Die Einkommensunterschiede sind nicht so hoch wie anderswo.
    Soziale Gerechtigkeit. Sozialleistungen. Das Land ist reich, aber auch teuer. Das merkt man. Bei den Preisen. Oslo ist die teuerste Stadt der Welt. Die Steuerlast ist sehr hoch.
    Trotzdem wird der Reichtum nicht verprasst.
    Ein Fonds mit hunderten Milliarden Dollar (einer der größten Staatsfonds der Welt) legt die Öldollars für zukünftige Generationen an. Manche Norweger wollen das Geld natürlich lieber verprassen. Aber die Vernunft behält die Oberhand. Denn Öl und Gas gehen zur Neige. Der Peak ist überschritten.

    PS: Nach Breiviks Attentaten sprach Ministerpräsident Jens Stoltenberg aus, wie eine freie Demokratie auf Terrorismus reagieren muss: mit mehr Demokratie, Toleranz und Offenheit. Die Norweger werden zeigen, ob sie sich ihren Gesellschaftsentwurf zerstören lassen.

    1. Das stimmt natürlich, nur vertraue ich dem deutschen Staat keinen Millimeter.
      Von mir aus sollen die Norweger intelligente Stromzähler bekommen, aber ich möchte das unter gar keinen Umständen…
      Ehrlich gesagt halte ich den Sinn solcher Apparaturen auch für sehr fragwürdig.

      1. Der Sinn dieser Geräte ist schon deshalb fragwürdig weil die Geräte ihren eigenen Strommehrverbrauch erst mal wieder reinspielen müssen und es ist gar nicht mal so klar, dass sie das schaffen.

    2. Sehr interessant, vielen Dank für die Ausführungen.

      Für Deutschland und den Rest der sonstigen „westlichen Wertegemeinschaft“ (sic) sehe ich allerdings schwarz. Mir fällt nicht EIN Vorkommnis oder Verfahren ein, das mich ermuntert, einen Hauch von Vertrauen in den Staat, der offensichtlich nicht die Bürger sind, aufzubringen. Wenn ein Schünemann nach der Staatstrojaner-Geschichte (hakt da eigentlich noch jemand nach?) offen ausspricht, es ginge nicht darum, den Bürger vor dem Staat, sondern den Staat vor dem Bürger zu schützen, ist das deutlich – und mit Sicherheit nichts, was man als Einzelmeinung oder „Mißverständnis“ abtun kann. Der Hardliner sind viele, und das nicht nur bei CDU/CSU. Herr Wiefelspütz etwas wäre auch dann für Vorratsdatenspeicherung, wenn es gar keinen Terrorismus gäbe.

      Geheimdienste, die Terror inszenieren. EU-Bürokraten, die Proteste als „nicht demokratisch legimiert“ (sic) und Soft-Terrorismus ansehen. Intransparente „Entscheidungsfindungen“. „Mutige Entscheidungen gegen die Mehrheit der Bevölkerung“ durch die Kanzlerin. Ein Eingreiftruppe, um zu erwartende innereuropäische Aufstände niederzuschlagen oder gar zu -schießen. Konzerne und Banken, die Gesetzestexte schreiben, um sie nur noch abnicken zu lassen. Weisungsgebundende Staatsanwaltschaften.

      Oh, ich könnte lange fortführen.

      Aber man sieht wieder mal, wie wenig man aus anderen, nicht weit entfernten Ländern weiß, gerade den skandinavischen. Das änderte sich vermutlich erst, wenn die Regierungen dort jeweils zum „Regime“ würden. Dann wüßte man, die Hölle auf Erden zum Quasi-Nachbarn zu haben.

  2. Achja immer dasselbe.
    Eine (neue) Möglichkeit der Technik wird entweder von den bösen kriminellen Bürgern genutzt um schwere Straftaten zu begehen oder sie wird vom bösen Staat benutzt, um die Bürger noch mehr zu überwachen ;-)

    Bin mal gespannt, wann das endlich mal besser wird…

      1. @Cumu: Ich denke, justme2h meint die Geisteshaltung – nicht, dass es wirklich so ist.
        Und da stimme ich durchaus zu – wir sind schon ein ziemlich pessimistisches Volk. Was aber IMO auch daran liegt, dass unsere Regierungen und regelmäßig über den Tisch ziehen.

      2. Die Frage ist doch wo liegen da eigentlich die großen Vorteile für den Verbraucher?
        Ich sehe zig „Vorteile“ für die Industrie und das nicht nur wegen einer möglichen Überwachung , sondern was sogar noch „Gefährlicher“ ist das Netzbetreiber auch die Kontrolle über die anzuschließenden Endgeräte bekommen.

      3. @Cumu:
        Wie Librarian schon sagte ging es mir um was anderes.
        Zum Beispiel in der Urheberechtsdebatte muss sich die „Internetgemeinde“ (ich mag den Begriff eigentlich nicht, aber mir fällt grade kein besserer ein) immer den Vorwurf „Technik vor Recht“ anhören.
        Hier ist es jetzt der Staat, der (potenziel) die Möglichkeit der Technik über das Recht des Datenschutzes stellt.
        Ist nur ein Beispiel von vielen.

        Die meisten Bürger trauen dem Staat nicht zu verantwortungsvoll mit Techniken wie Websperren, Staatstrojaner usw. umzugehen.
        Der Staat traut den meisten Bürger nicht zu verantwortungsvoll mit Techniken wie Anonymisierung, Vervielfältigungsmöglichkeiten usw. umzugehen.

        Ist jetzt stark vereinfacht, aber hoffe ist klar, was ich meine.

        @Mika B.:
        Wenn der Bewohner den Stromzähler auch auslesen kann (und davon gehe ich mal aus), kann dir das Ding schon dein Leben erleichtern, dir helfen, deinen Stromverbrauch zu verstehen und gegebenenfalls zu optimieren z.B.
        Je nachdem wie „intelligent“ die Teile halt sind.

  3. Toll das wird den Grünen aber freuen , die dann sicher gleich Nutzer von Altgeräten oder „Stromfressern“ als Klimakiller und CO2 passiv Verschmutzer an den virtuellen Pranger stellen können.
    Technisch kommt dann sicher auch bald die jährliche TÜV-Pflicht für über 5 Jahre alte Elekro- und Elektronik Geräte.
    Natürlich wollen sicher bald die Stromanbieter auch Entscheiden welche Geräte vom Kunden an sein Stromnetz angeschlossen werden dürfen oder direkt vom Herstellern Lizenzgebühren Einfordern
    Auch gibt es die von der Industrie und Regierung brvorzugte „Tree Strike Regelung“ mit Stromsperre für die Benutzung von nicht lizensierter „China Ware “ , Clone Geräten , Hacker-Computern oder gar Eigenbauteilen .
    Wenn also demnächst wieder ein Samsung Konzern einen Patentstreik Verliert gibt es nicht nur ein Verkaufsverbot , auch sämtliche schon verkauften Geräte können am Stromnetz seperat Abgeschalten werden.
    Sicherheitstechnisch höre ich schon die Forderung der EU-Kommission nach der 10 Jährigen Vorratsdatenspeicherungs- Pflicht für Stromzähler und einer IPv6 Adresse für jedes angeschlossene Gerät.

    Damit sich keine Terroristen mehr in Kühlschränken Verstecken können!

  4. Daten die für Polizei, Geheimdienste, Finanzamt oder andere Kriminelle sehr interessant sein dürften… Hm, vielleicht sollte man allmählich anfangen, mit Nachbarn einen Stromzähler zu sharen. Privacy von unten!

  5. Am jüdischen Sabbat ist es verboten, elektrisches Licht, Fernseher, Radio etc. zu verwenden. Das sieht man dann natürlich auch am Stromverbrauch. Heißt: Am Stromverbrauch kann man auch die Religionszugehörigkeit des Stromkunden erkennen.

  6. Nach § 21c EnWG – Einbau von Messsystemen werden in Deutschland auch Messsysteme kommen, die potentiell die Möglichkeit bieten Verbrauchsprofile zu erstellen. Es sind kreative und umsetzbare Lösungen gefragt, um den kompletten Schutz der Privatssphäre auf der einen Seite und die Höhe der Investionskosten in die Stromnetze auf der anderen Seite zu reduzieren.
    Wobei sich ja noch die Frage stellt, ob die Ausstattung der genannten Gebäude, Letztverbraucher und Anlagenbetreiber mit den Messsystemen insgesamt sinnvoll ist.

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