Das Internet wird immer schlimmer, aber Innenminister Friedrich eilt zur Hilfe.

Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2010 lässt Medienberichten zufolge für Hans-Peter Friedrich nur einen Schluss zu: Da muss was getan werden. „Wenn das Netz zu unsicher wird, wird es unbrauchbar“ lautet der Slogan des Innenministers, der mittels Vorratsdatenspeicherung nun zur Rettung des Netzes herbeieilen möchte.


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Die horrende Zahl von 84.377 Fällen von Computerkriminalität geistert gerade durch die Überschriften. Computerkriminalität wohlgemerkt, denn nur eine Zeile darunter ist in der Tabelle die IuK-Kriminalität aufgeführt, jene „Teilmenge der Straftaten im Deliktsbereich der Computerkriminalität, deren Tatbestandsmerkmal die Informations- und Kommunikationstechnik ist“ – das waren immerhin fast 25.000 Fälle weniger – aber will man sich deshalb etwa von einer griffigen Überschrift abbringen lassen?

Unter diese 59.839 Delikte fallen allein 11.491 Fälle von „Ausspähen, Abfangen von Daten.“ Dieser Deliktbereich hatte mit erschreckenden 32,2% den mit Abstand stärksten Anstieg gegenüber dem Vorjahr im Vergleich zu allen (also nicht nur Coputer-bezogenen) erfassten Deliktbereichen. Hier wird die immer noch allgemein unterschätzte Bedeutung von Sicherheits- und Verschlüsselungstechnologien deutlich.

Die zweitstärkste Veränderung fand im Bereich der „Straftaten im Zusammenhang mit Urheberrechtsbestimmungen“ statt. Und zwar negativ: Diese gingen um 29,9% zurück. Das hört die Urheberrechts-Lobby sicherlich gerne, oder etwa nicht?

Besonders werden auch die Fälle von Computerbetrug hervorgehoben – 27.292 gab es davon 2010. Ihnen gegenüber steht fast eine Million (968.162) Fälle von offline-Betrug. Auch hier werden also – milde gesprochen – die Relationen außer Acht gelassen.

Man muss die unvollständige, schlecht aufbereitete, und viele Fragen offen lassende Veröffentlichung wohl kaum noch detaillierter lesen, um zu erkennen, dass bei der Interpretation des Innenministers weniger das Argument, als viel mehr der Wunsch Vater des Gedankens gewesen sein muss, dem „Ausspähen, Abfangen von Daten“ ausgerechnet durch Vorratsdatenspeicherung zu begegnen.

Update: Fun Fact am Rande: Kritisiert wird die Statistik auch vom DPolG-Vorsitzenden Rainer Wendt (bekannt durch die Online-Streife via Streetview und den Netzpranger). Insgesamt weist die Statistik nämlich sinkende Kriminalität aus. Wendt attribuiert das auf mangelnde Polizeipräsenz.

Es [gibt] eine vollkommen narrensichere Methode, die statistisch erfasste Kriminalität in Deutschland noch weiter zu senken. Man muss dazu einfach die Polizei immer und immer weiter schwächen.

Zur Kriminalstatistik 2009 übrigens, in der steigende Kriminalität zu beklagen war, hatte Wendt den eifrigen Spiegel-Redakteuren ins Heft diktiert, dass dies – NA? – an der mangelnden Präsenz der Polizei gelegen habe.

„Hier zeichnen sich die Folgen unseres Präsenzproblems ab. Die Beamten fahren aus Kostengründen kaum noch Streife, sondern rücken nur zu Einsätzen aus. Wir haben eine Feuerwehrpolizei, das ist gefährlich. Wenn Sie nachts auf der Straße etwas anstellen, wird das nur zufällig bemerkt.“ Dem könne jedoch mit zusätzlichen Polizisten entgegengesteuert werden.

Wendt’sche Dialektik.

28 Kommentare
  1. Schon wenn ich die Überschrift lese … Nein, was man immer so spontan denkt, wenn man einen Text liest, der sich mit dem Gehabe dieser (und anderer) Politiker befaßt, das kann man gar nicht schreiben.

    1. „Wir kommen von der Regierung und sind hier, um zu helfen.“ Laut Ronald Reagan einer der größten Lügen der Menschheit. Man kann ja von Reagan halten, was man will, aber hier hatte er sicherlich recht.

  2. Tagesschau.de:

    „Die Delikte im Netz haben 2010 um 34,4 Prozent auf knapp 225.000 zugenommen, im Vorjahr waren es noch 167.451. Bei rund 80 Prozent der Fälle handle es sich um Betrug.

    Friedrich forderte erneut eine Vorratsdatenspeicherung für Internet-Verbindungen, um solche Straftaten besser verfolgen zu können“

    Eine VDS wäre doch (formal) nur bei schwersten Straftaten anwendbar.
    Hat die Tagesschau den Bezug jetzt falsch hergestellt oder redet sich unser Chefverfassungsschützer um Kopf und Kragen, ohne dass es irgendjemanden in der Journaille stören würde? 8[

    1. „Um Kopf und Kragen“ redet sich von denen keiner. Seit Jahren reden doch diese Typen gequirlte Scheiße, die einen ganz gezielt, bei den anderen weiß man nicht genau, was größer ist: ihre Unkenntnis oder ihre Energie (die ich hier vorsichtshalber nicht näher benenne). Absicht ist es aber allemal, die Öffentlichkeit zu täuschen und die Unterdrückung der Bürger auszubauen. Die meisten Betroffenen merken es bloß nicht, weil sie anderes zu tun haben, nicht so genau hinhören oder ohnehin von der Materie so gut wie keine Ahnung haben.

  3. Nur so als fun fact:

    Im Bundestag sitzen durchaus einige Herrschaften, die nah genug an diversen Finanzdelikten dran waren. Will man sich mal ausmahlen, was das für einen Schaden anrichten kann.

    Dagegen will Herr Friedrich sicherlich auch was tun, oder?

  4. Das .liegt bestimmt an den tapferen Seehunden der US-Marine, die dem Terror den Kopf abgeschlagen haben, so dass wir jetzt die ganzen Sicherheitsgesetze über Bord schmeissen können, die Bundeswehr aus Dingsbumbistan zurückziehen, die VDS abschaffen und so weiter. Ausserdem sagt ja sogar der Bundespräsident dass der Islamismus jetzt zu unserem Lande gehöre. Nebenbei spielt die Kapelle weiter das Liedchen, während die USA und die Hälfte der europäischen Staaten wirtschaftlich ein wenig stranden.

  5. Ich wundere mich nicht wirklich. Nutzerzahlen steigen, Dienste, bei denen Betrug überhaupt möglich ist, werden populärer. Da ist es doch ganz klar dass man das an der Kriminalstatistik merkt. Ob das Internet unsicherer wird kann man da nicht wirklich draus schließen.

    In ein paar jahren kommt die Schlagzeile „Immer mehr Unfälle mit Elektroautos“. Ist unausweichlich.

  6. „Wenn das Netz zu unsicher wird, wird es unbrauchbar“, so wird Friedrich in der SZ zitiert.
    Unbrauchbar? Für wen unbrauchbar?
    Man muss mal wieder den geschichtlichen Werdegang des Internets betrachten, dann stellt man fest, dass die Wirtschaft das Internet mit eigenen Mitteln erobert hat und damit auch den Missbrauch mitgefördert hat.
    Das Netz hatte seine Regeln ohne gesetzlichen Druck selbst aufgestellt. Allzu leichtfertig wurden Kaufplattformen mit Kreditkartendaten eingerichtet. Es ist doch klar, dass Datenströme in denen Informationen transportiert werden die Diebstahl ermöglichen von Dieben heimgesucht werden. So wie der Geldautomat mit dem manipulierten Kartenschlitz und der Kamera für die PIN Ausspähung.
    Also ist es grundsätzlich der Leichtfertigkeit der Wirtschaft und der Banken zu verdanken, die durch schlecht gesicherte Dienste die Diebe angelockt haben. Staatlich reguliert muss somit die Wirtschaft im Umgang mit Daten reguliert werden und nicht „das Netz“.
    Tja, wenn nun das Netz als Wirtschaftsplattform nicht tragbar ist, als Informationsplattform ist es tragbar. Als staatlich regulierte Informationsplattform mit Zensur zum Wohle der Wirtschaft ist es nur eine Homeshopping Mall.
    Bei Walmart werden aber keine demokratischen Revolutionen in unterdrückten Staaten geplant …..

    1. “Wenn das Netz zu unsicher wird, wird es unbrauchbar”, so wird Friedrich in der SZ zitiert.
      Unbrauchbar? Für wen unbrauchbar?

      Nun, du kannst im Netz einfach so behaupten, jemand anders zu sein. Also besteht Unsicherheit darüber, dass Hermann Müller wirklich Hermann Müller ist und nicht Helga Meier. Und damit ist das Netz in seiner derzeitigen Form unbrauchbar für einen Staat, der seine Bürger überwachen möchte.
      Ist doch alles ganz logisch. (Ja, ich weiß, man kann über die IP etc herausfinden, dass Helga Meier sich als Hermann Müller getarnt hat. Aber wir sprechen hier immerhin von Politikern.)

  7. ich bin wahrscheinlich blind, aber ich sehe in der Statistik:
    59.839 Fälle von IuK
    Dann steht aber „Tatmittel Internet“ 246.607 Fälle – kann mir jemand weiterhelfen, wie diese Zahl entsteht? Danke.

    1. Das sind vermutlich dann solche Verbrechen, bei denen eben nicht Tatort sondern (wie es auch da steht) lediglich Tatmittel ist.
      Mir würden da z.B. diese „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben in Uganda eine große Erbschaft gemacht, bitte schicken Sie mir 500€, damit ich Ihnen das Geld überweisen kann“-Mails und ähnliches einfallen, was man genauso gut auch mit der gelben Post machen könnte.
      Also alle Verbrechen, bei denen sich nichts ändert, wenn man das Internet durch einen Papierbrief, einen Anruf oder das Anquatschen auf der Straße austauscht.

    2. das ginge mit sicherheit, wenn ein mann wie de maziere, der sich jetzt um die adelsscherbenhaufen kümmern muss, das sagen hätte. was haben manche (auch ich) den mann verdammt damals…..aber so eine krücke wie den überwachungsfriedrich steckt der mit links und 40grad fieber in die tasche.

      auusserdem wird 80% der ministerzeit dafür genutzt, die seilschaften für die „anschlussverwendung“ zu knüpfen, was bei herrn schröder auch für den kanzler zutraf.

      also ist bei herrn überwachungsdoktofriedrich nicht allzu viel hintergrundkenntnisse vorauszusetzen, ausser dass er die bayrischen stammtische nicht verprellen will. er muss ja irgenwann zurückkommen können, hoffentlich bald.

      1. Äähm, kann es sein, dass du auf den falschen Beitrag/Kommentar geantwortet hast?
        Ich finde auf die Schnelle absolut keinen Bezugspunkt für deinen Kommentar.

  8. arbeiten in der cloud umgebung ist „sicher“, „sicher“ ein daten eldorado für hacker und überwacher…

    handeln ohne zu wissen und dann heulen…

  9. In der FAS ist heute ein Interview mit ihm, in dem er über Terrorgefahr durch „virtuelle Bomben“ aus dem Cyberspace sinniert….

    Mal sehen, wohin die Reise mit ihm geht. Abgesehen von dieser Passage wirkte er einigermaßen besonnen. Zumindest legt er nicht das gleiche Bierzelt-Niveau an den Tag wie manch ein Parteikollege von ihm. Aber dass bei ihm die Risiken des Internets höher als die Chancen gehängt werden, ist m.E. in diesem Interview eindeutig erkennbar.

    1. „Virtuelle Bomben“? Was habe ich mir darunter vorzustellen?
      Echte Bomben, die ich bei mir „einscanne“ (also komplett in ihre atomaren Bestandteile zerlege, die Information über Position, Zustand und sonstige Eigenschaften jedes einzelnen Atoms speichere), über das Internet verschicke und die sich dann beim Empfänger wieder materialisieren (mit Hilfe der Informationen aus der dort vorhandenen Materie zusammen gesetzt werden)?
      So etwas dürfte im Moment noch an mangelnder Speicherkapazität und Bandbreite scheitern, könnte irgendwann aber real werden – zumindest für kleine Objekte (z.B. Golfball).
      Oder Hackerangriffe, die dazu führen, dass Bauteile des Ziel-Computers überlastet und damit zerstört werden? Oder …

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