Geschäftsmodell für Journalisten: Blogger abmahnen

Update: Die Journalistin hat angekündigt, die Abmahnung zurückzuziehen. Mehr am Ende des Textes.

Im Mai vergangenen Jahres veröffentlichte Philipp im Gemeinschaftsblog nom nom nom einen Beitrag mit dem Titel „Obama of Nine“. Er nahm dort Bezug auf eine New York Kolumne bei Zeit Online. Er tat dabei genau das, was Blogger oft tun: Er zitierte einige Passagen aus dem Text, setzt korrekt einen Link, kennzeichnete korrekt das Zitat und empfahl seinen Lesern, den ganzen Artikel bei Zeit Online weiter zu lesen. Soweit so gut.

Vergangene Woche erhielt Philipp dafür eine Abmahnung. Dahinter steckte nicht Zeit Online, was man vermuten würde, sondern die Journalistin Eva C. Schweitzer als Autorin des Beitrages. Nun soll er 2155,00 Euro für eine Urheberrechtsverletzung zahlen. Der Betrag setzt sich zusammen aus Schadensersatz in Höhe von 1200,00 Euro und ganzen 955,00 Euro Honorarkosten für den Anwalt. Ein ganz schön starkes Stück.

Spreeblick zitiert
aus dem Abmahnschreiben, was auch uns vorliegt:

Das Schreiben das Anwalts betont, dass Frau Schweitzer für namhafte Zeitungen schreibt, durch ihren Zweitwohnsitz in den USA erhebliche Kosten hat und dass sie „vergleichsweise hohe“ Honorare für ihre Artikel verlangt. Gütigerweise würde Frau Schweitzer jedoch in diesem Fall der „Zweitverwertung“ quasi ein Auge zudrücken und sich mit der „Pauschale“ von 1.200,00 Euro zufrieden geben. Frau Schweitzer lasse „durch einen Dienstleister“ Rechtsverletzungen in Bezug auf ihre Texte im Internet recherchieren, im Rahmen dieser „Ermittlungen“ sei man auf das Zitat in Philipps Blog gestoßen.

Nun kann man streng genommen sagen, dass die Zitatsschranke im Urheberrecht für das zitieren von drei Absätzen aus einem viel längeren Artikel nicht greift. Aber trotzdem zeigt dieser Fall, welches Problem das Urheberrecht Menschen bereitet, die das tun, was Philipp gemacht hat. Das Gemeinschaftsblog nom nom nom ist ein nicht-kommerzielles Blog. Dort findet sich keinerlei Werbung und es wird kein Gewinn angestrebt. Er hat seine Leser zu dem Artikel navigiert und Zeit Online und damit dem Artikel der Journalistin Leser zugetragen. Das ist Teil des neuen medialen Ökosystems.

Nachdem Philipp mir am Wochenende von der Abmahnung erzählte habe ich Zeit Online kontaktiert mit der Bitte um Klärung des Vorfalls. Offensichtlich ist das ja ein kleines juristisches Problem, abgesehen von der Abmahnung für Philipp. Immerhin zitiert Philipp aus einem Artikel bei Zeit Online und das Medium ist somit auch in der Abmahnfalle gelandet. Leider habe ich keine konkrete Antwort bekommen, ausser Bestätigung, dass diese Abmahnung ein starkes Stück sei. Aber hier ist noch Zeit zur Klärung, Phillip soll bis zum 5. November die Abmahnung unterzeichnet haben. Und vielleicht möchte die Taz.de Redaktion auch mal bei ihrer freien bloggenden Journalistin freundlicherweise nachfragen, ob sie nicht die Abmahnung zurückziehen möchte?!

Moralisch kann man nun fragen, ob diese Abmahnung gerechtfertigt ist. Ich meine nicht! Die Abmahnung argumentiert mit dem Urheberrecht der Journalistin. Man kann auch die Journalistin Eva C. Schweitzer nach ihrer Vergangenheit fragen, immerhin war sie mal bekennende Hausbesetzerin, wie man ihrem Lebenslauf entnehmen kann. Wenn sie es mit ihrem „Geistigen Eigentum“ nun so genau nimmt, wie hat sie es denn in ihrer Vergangenheit mit dem Eigentum von anderen Menschen gehalten und hätte sie ebenfalls eine solche Abmahnung für das besetzen eines Hauses akzeptiert?

Der Fall zeigt weiter anschaulich, dass wir ein Problem haben: Solche Fälle sollten bei nicht-kommerziellen Zwecken nicht zu solchen Abmahnungen führen. Was ist denn mit der Deckelung der Abmahngebühr, die uns von der Bundesregierung im Zuge des Urheberrechts-Durchsetzungsgesetzes versprochen worden sind? Und 2155 Euro sind eine Frechheit. Hier scheint sich die Journalistin ein moralisch-fragwürdiges Geschäftsmodell bei der Musikindustrie abgeschaut zu haben: Zusammen mit einem Anwalt ein neues Geschäftsmodell auf Basis von Abmahnungen bauen. Ein Zukunftsmodell für den Journalismus? Ich hoffe nicht, denn das gefährdet das mediale Ökosystem und führt zu weniger Empfehlungen zu den „traditionellen“ Medien, damit zu weniger Werbeeinnahmen und damit verbunden auch wieder zu weniger Aufträgen für freie Journalisten.

ich hoffe, dass Eva C. Schweitzer die Abmahnung noch zurückzieht und wünsche Philipp alles Gute.

Spread the News. (Und nein, die Frau muss man nicht beschimpfen und ihr jetzt auch keine Hass-Mails schreiben. Ich will, dass Phillip aus der Sache gut heraus kommt, die agmahnung zurückgezogen wird und das Problem zufriedenstellend gelöst wird)

Update: Die Journalistin hat angekündigt, die Abmahnung zurück zu ziehen. Sie habe nur die unerlaubte kommerzielle Nutzung ihrer Texte durch eine „spezielle neue Software“ und einen Anwalt verfolgen wolen, dabei seien auch einige unkommerzielle Blogger in den Radar gekommen.

75 Kommentare
  1. marcomedia 30. Okt 2009 @ 0:41
  2. Chrstoph Englich 30. Okt 2009 @ 0:47
  3. Neurotiker 30. Okt 2009 @ 1:30
  4. Matthias G 30. Okt 2009 @ 7:01
  5. JJ Preston 30. Okt 2009 @ 9:40
  6. Klammerbeutel 30. Okt 2009 @ 11:46
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