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Zeitungen im digitalen Wandel

Die Zeitungen stellen sich derzeit verstärkt auf das Internet ein. In London war bereits im Oktober eine Konferenz des Weltverbandes der Zeitungen, auf der 300 Teilnehmer aus 53 Ländern unter dem Titel „Digital Publizieren“ diskutierten. Da scheint sich gerade einiges zu bewegen, die drei Großtrends sind wohl: „Web first“: Die Redakteure schreiben direkt für das…

  • Ralf Bendrath

Die Zeitungen stellen sich derzeit verstärkt auf das Internet ein. In London war bereits im Oktober eine Konferenz des Weltverbandes der Zeitungen, auf der 300 Teilnehmer aus 53 Ländern unter dem Titel „Digital Publizieren“ diskutierten. Da scheint sich gerade einiges zu bewegen, die drei Großtrends sind wohl:

  • „Web first“: Die Redakteure schreiben direkt für das Netz, wo alle aktuellen News so schnell wie möglich erscheinen, und erst später wird entschieden, was in die gedruckte Ausgabe kommt.
  • „Lokalisierung“: Die Rückkehr der Lokalberichterstattung durch mobile Reporter vor Ort; teilweise werden auch die Lokalnachrichten nach oben auf dei Webseite gestellt, während der allgemeinpolitische Teil erst danach kommt.
  • „Citizen Journalism“: Leser und Blogger als Reporter, die teilweise von Redakteuren betreut werden, darüber hatten wir ja schon mehrfach berichtet.

Ausführlicher schreiben darüber heute Spiegel Online und der Bremer Weserkurier. (Der Link in dem SpOn-Artikel auf die sich angeblich auch ins Netz bewegende Washington Post führt allerdings zu einem völlig unpassenden WP-Artikel über den Romancier JT LeRoy. Frank Patalong muss wohl nochmal zum copy&paste-Nachsitzen. Update: Den richtigen WP-Link habe ich jetzt bei Techdirt gefunden)

Update 2: Telepolis wird ihrer Aufgabe der historischen Einordnung aktueller Hypes mal wieder gerecht und bringt einen Vergleich mit den historischen Vorläufern der Bild-„Leserreporter“: Die Volkskorrespondenten der Zeitung „Iskra“ der Sowjets um Lenin seit 1900.

Arbeiter und Bauern betätigten sich als Laienjournalisten und lieferten Beiträge für die Zeitungen. 1925 gab es rund 150.000 dieser Korrespondenten. Diese Zulieferung von publizistischem Material durch Bürger beschränkte sich nicht auf den Text, sondern die Laienreporter griffen auch zur Kamera.

Der Unterschied, den TP hier unterschlägt, ist allerdings der, dass es damals nur one-to-many bzw. many-to-one Kommunikation war, mit Lenin in der Zentrale. Die Bürgerjournalisten haben zumindest technisch jetzt die Möglichkeit, sich auch untereinander auszutauschen. Da drängt sich ja ein weiterer Vergleich auf: Der Lenin von heute heisst Murdoch oder Diekmann oder so.

Über die Autor:innen

  • Ralf Bendrath

    Ralf ist seit Jahren in Zusammenhängen wie DigiGes, EDRi, AK Vorrat, AK Zensur aktiv. 2011 wurde er in den Beirat von Privacy International berufen. Nach einer soliden Grundausbildung als Nerd am Commodore C-64 und dem Studium der Politikwissenschaft in Bremen und Berlin hat er zehn Jahre lang zu Datenschutz, Internet-Governance und Cyber-Sicherheit geforscht, u.a. in Berlin, Bremen, Washington und New York City. Von 2002 bis 2005 hat er für die Heinrich-Böll-Stiftung den Weltgipfel Informationsgesellschaft begleitet. Im Hauptberuf arbeitet er seit Sommer 2009 für den Abgeordneten Jan Philipp Albrecht im Europäischen Parlament, ebenfalls zu Themen der Internetfreiheit und der digitalen Bürgerrechte. Wenn er Zeit findet, bloggt er hier auf deutsch oder auf englisch auf http://bendrath.blogspot.com. Häufiger twittert er als @bendrath.


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Ein Kommentar zu „Zeitungen im digitalen Wandel“


  1. […] Eines ist klar: Der Bedarf an Journalismus, also an qualifiziertem und engagiertem Recherchieren, Aufbereiten und Liefern aktueller und verlässlicher Informationen, wird mit dem Ansteigen der Informationsflut eher zu- als abnehmen. Wie die Zukunft der Zeitung und die Zeitung der Zukunft aussehen werden, das zeichnet sich bislang jedoch allenfalls schemenhaft ab. Richtungweisenden Modellen der Präsentation journalistischer Arbeitsergebnisse und redaktioneller Arbeit widmet Spiegel online deshalb jetzt einen lesenswerten Beitrag. Auf das Posting Zeitungen im digitalen Wandel im Weblog netzpolitik.org sei ebenfalls hingewiesen. Dass die Zukunft der Zeitung im Netz liegt, müsse inzwischen jedem Verleger klar geworden sein, der über die Entwicklung von Web-Technologien und Leserverhalten auf dem Laufenden ist. Sogar die eher behäbige “Washington Post” wage deshalb jetzt zaghafte Schritte, um Print und Online näher zueinander zu bringen. Kennzeichnend für redaktionelle Arbeit sei in Zukunft nämlich eine enge Verzahnung von Print- und Onlineredaktion – „die darauf hinausläuft, das Eine im Anderen aufgehen zu lassen“, schreibt Autor Franz Patalong. […]

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