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Frankreich will ein zivilisiertes Internet

Frankreich will ein zivilisiertes Internet und fängt an, die eigenen Bürger zu schikanieren: Internet-Sperre bei Urheberrechtsverstoß. In Frankreich haben Musik‑, Film- und Fernsehwirtschaft, Internet-Anbieter sowie die Regierung am Freitag eine Vereinbarung unterzeichnet, die drastische Maßnahmen gegen die unautorisierte Vervielfältigung urheberrechtlich geschützter Inhalte im Internet vorsieht. Konkret möchte man eine neue Behörde schaffen, die mit weitreichenden…

  • Markus Beckedahl

Frankreich will ein zivilisiertes Internet und fängt an, die eigenen Bürger zu schikanieren: Internet-Sperre bei Urheberrechtsverstoß.

In Frankreich haben Musik‑, Film- und Fernsehwirtschaft, Internet-Anbieter sowie die Regierung am Freitag eine Vereinbarung unterzeichnet, die drastische Maßnahmen gegen die unautorisierte Vervielfältigung urheberrechtlich geschützter Inhalte im Internet vorsieht.

Konkret möchte man eine neue Behörde schaffen, die mit weitreichenden Rechten auf Urheberrechtsverstöße aufmerksam machen soll. Wer in Tauschbörsen urheberrechtlich lizenzierte Inhalte ohne Berechtigung tauscht, soll erstmal eine Warn-eMail bekommen. Bei Wiederholungstätern soll der Internetzugang temporär gesperrt oder gleich gekündigt werden. Die Internetanbieter sollen Filtersysteme installieren und ihre Kunden verpetzen. Als Gegenleistung möchte die Musikindustrie etwas mehr auf Kopierschutz verzichten und die Filmindustrie möchte DVDs früher veröffentlichen. Da hat man eine tolle Sache herausgehandelt. Denn die Massnahmen der Rechteinhaber werden eh über den Markt kommen. Kunden wollen keinen Kopierschutz und laden sich vor allem Filme und Serien aus dem Netz, weil diese legal nicht erhältlich sind. Wahrscheinlich denkt man sich dabei, man würde eine „Zuckerbrot und Peitsche“-Strategie entwickelt haben.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy erklärte den ideologischen Überbau:

Es gebe im Netz noch immer „mittelalterliche Verhaltensweisen“, sagte er. Viele Internet-Nutzer würden „unter dem Vorwand, dass es sich um digitale Kommunikation handelt, nach eigenem Ermessen Ladendiebstahl begehen“. Die Vereinbarung sei deshalb ein „entscheidender Moment für die Einführung eines zivilisierten Internets“.

Hoffen wir mal, dass dies noch verhindert wird. Nachher könnte die grosse Koalition auf den Gedanken kommen, das auch hier zu realisieren. Die Rechteinhaber machen für solche Pläne seit Jahren Lobbying und das wird jetzt mit dem Verweis auf Frankreich leichter werden. Als Verbraucher würde ich mich verarscht vorkommen, wenn mich mein eigener Provider ausspionieren und mich in meiner Kultur und Kommunikation beschränken würde. Für ein freies und offenes Internet wäre dies verheerend. Und aus Verbrauchersicht einfach nur unakzeptabel.

Über die Autor:innen

  • Markus Beckedahl
    Darja Preuss

    Markus Beckedahl hat schon 2003 in der Ur-Form von netzpolitik.org gebloggt und hat zwischen 2004 bis 2022 die Plattform als Chefredakteur entwickelt. Seit 2024 ist er nicht mehr Teil der Redaktion und schreibt einen Newsletter auf digitalpolitik.de. Kontakt: Mail: markus (ett) netzpolitik.org, Presseanfragen: +49-177-7503541 Er ist auch auf Mastodon, Facebook, Twitter und Instagram zu finden.


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13 Kommentare zu „Frankreich will ein zivilisiertes Internet“


  1. erlehmann

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    Frankreich will ein zensiertes Internet

    nur kurz korrigiert, SCNR.


  2. Mit wirklich allen Mitteln wird inzwischen versucht, dem potentiellen Content-Kunden das Internet maximal zu versauern.

    Die Idee, direkt am Hahn herumzufummeln, sprich: die ISPs in die Verantwortung zu nehmen, wird auch in Deutschland noch deutlicher artikuliert werden, davon bin ich überzeugt.

    Aus Sicht der Kundenverklager auch logisch, denn sollten sich irgendwann einmal verschleiernde Tauschbörsen o.ä. etablieren, wodurch potentielle Verdächtige nur noch sehr schwer erschnüffelbar sind, dann wird die Kontrolle des Datenstroms durch den ISP die letzte wirksame(?) Waffe darstellen.

    Etwas später wird man feststellen, dass Filtertechniken nicht sonderlich gut funktionieren. Dann wird man einfach zur Datenmengenkontrolle übergehen, dann ist man eben bereits als Vielsauger oder Vieluploader verdächtig.

    Wirklich immer wieder erstaunlich, welche Lobbymacht die Musik- und Filmindustrie besitzt.


  3. […] II «Frankreich will ein zivilisiertes Internet» bei netzpolitik.org Andres Keen Feudalismus web […]


  4. Nun weiß ich endlich auch, was ich in dem französischen Blog, das ich mal abonniert habe, heute Mittag gelesen habe. Ich habe es nicht verstanden, aber war schon besorgt, als ich die Worte verstand, man wolle keinen rechtsfreien Raum im Internet. Da dachte ich mir schon: „Die Worte kennst du doch schon“

    Irgendwie bräuchte man ein Medium, bei dem man den Staaten und den Lobbyisten den Einfluss praktisch verwehren könnte, aber das ist rechtlich wohl nicht umsetzbar.


  5. erlehmann

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    Irgendwie bräuchte man ein Medium, bei dem man den Staaten und den Lobbyisten den Einfluss praktisch verwehren könnte, aber das ist rechtlich wohl nicht umsetzbar.
    Openmoko + IPv6 + B.A.T.M.A.N. ? Oder wir gründen mal eben unseren eigenen Staat. Ach, stimmt, das ist schwierig. Mist.


  6. Der Begriff „Freiheit“ und derartige Kontrolle wollen in meinem Kopf einfach nicht zueinander passen. Das ist doch genauso als wolle man das dreieckige Klötzchen durch die quadratische Öffnung drücken.


  7. freiheit ist halt leider ein sehr dehnbarer begriff, daher ist das leide rnur dein – ode runser – problem, nicht dass irgendwelcher politiker (Siehe auch Wiefelspütz bei Abgeordnetenwatch). Das wird sich so schnell auch nich lösen lassen.. Ich würde nicht davon ausgehen, dass man dem mit irgendwelchen Argumenten überhaupt beikommen kann..


  8. erlehmann

    ,

    freiheit ist halt leider ein sehr dehnbarer begriff

    inwiefern sind „unabhängigkeit von zwängen“ (negativer freiheitsbegriff) und „möglichkeit zum handeln“ (positiver f.) dehnbar ?

    Ich würde nicht davon ausgehen, dass man dem mit irgendwelchen Argumenten überhaupt beikommen kann.

    also mit ein paar koffern kann „man“ sicher überzeugen. aber vergiss nicht, neben den 100.000 € auch ein amnesie-induzierendes mittelchen einzupacken …


  9. […] netzpolitik.org: » Frankreich will ein zivilisiertes Internet » […]


  10. […] Klingt nach Frankreich…? Ja. Und wer sich wundert, wo das herkommt: Das fordert die Musikindustrie schon recht lange und ziemlich offen. Bald hat sie dann zusammen mit der Filmindustrie so gut wie alle eigenen Lobbypositionen auf EU-Ebene unter gebracht. Und die Politiker reden ganz offen darüber, dass man doch ständig die Verbraucherrechte stärkt… […]


  11. […] neuen Pläne, sondern die Wünsche der Unterhaltungsindustrie zur Urheberrechts-Debatte und unlängst in Frankreich in die Gesetzgebung gebracht. Ziel ist, dass Zugangsanbieter netzseitige Filter einbauen, wonach […]


  12. […] war ja schneller in der Schaffung des Gesetzes als Frankreich, wo der Plan seit einem halben Jahr angekündigt war. Zukünftig können wir dann auch von der franzsöschen Mauer, im direkten Vergleich […]

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