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Expertenanhörung Hamburger Wahlcomputer

Der Saal 151 im Hamburger Rathaus war voll, die Luft zum Zerschneiden, weitere Stühle wurden herangetragen, die Stimmung war gespannt. Viele erwarteten in der Verfassungsausschusssitzung vom 09.11.2007 die Wiederholung des ersten Wahlstifthacks. Das Landeswahlamt hatte ein Digitales Wahlstift System (DWS) aufgebaut, auf dem der Verfassungsausschussvorsitzende eine Wahlrunde vollführen durfte. Die Zuschauer wurden dabei zu Zuhörern…

  • Sven.Übelacker

Der Saal 151 im Hamburger Rathaus war voll, die Luft zum Zerschneiden, weitere Stühle wurden herangetragen, die Stimmung war gespannt. Viele erwarteten in der Verfassungsausschusssitzung vom 09.11.2007 die Wiederholung des ersten Wahlstifthacks.

Das Landeswahlamt hatte ein Digitales Wahlstift System (DWS) aufgebaut, auf dem der Verfassungsausschussvorsitzende eine Wahlrunde vollführen durfte. Die Zuschauer wurden dabei zu Zuhörern degradiert, denn sehen durfte man die Anzeige des Wahlcomputers nicht – aus Sicherheitsgründen keine Beamervorführung. Als der Vorsitzende den Logitech Stift in die USB-Dockingstation steckte, war ein Sound zu hören, mit dem dem Bürger erklärt wurde, dass die Stimme jetzt „korrekt“ übertragen wurde. Nur dieser Sound. Nichts weiter. Ob es sich wirklich um ein Originalsystem handelte, konnte keiner beurteilen. Denn seit dem letzten Hack wurde noch eine Veränderung ausgemacht: Der Stift hatte jetzt ein kleines Papiersiegelchen um den Bauch mit Klebeband befestigt.

Dann sollte der Chaos Computer Club seinen Hack von vor ein paar Wochen am DWS wiederholen. Warum? Der CCC hatte vor Monaten um ein Original DWS mitsamt Quellcode gebeten, um kostenlos das System auf Sicherheitslücken zu überprüfen. Das wurde ihm leider nicht gewährt, da das System noch nicht fertig gestellt war und Betriebsgeheimnisse verletzt werden könnten – die Wahlauswertungssoftware soll also nicht transparent für ein paar Quellcode-lesende Bürger sein. Außerdem sollte unter „realen“ Bedingungen getestet werden, was für das Landeswahlamt im „Schnupperwahllokal“, wie jetzt im Ausschuss aufgebaut, meinte. Das Erscheinen des Pesthörnchens wurde erwartet, mit anderen Worten ein Live-Hack.

Dass der CCC einen zweiten Hack mit viel einfacheren Methoden vorstellte, führte erst einmal zu einem Chaos und der Ausschuss legte eine kurze Pause ein. Die Abgeordneten hatten es sich zu einfach gedacht: Klappt der eine Hack nicht, ist das System sicher; klappt er, muss man sich noch einmal Gedanken machen. Doch das Entscheiden wurde ihnen nicht abgenommen, denn der CCC legte den zweiten Hack vor.

Als Sicherheitsargument wurde bisher immer die CommonCriteria Zertifizierung (EAL 3+) vom BSI und die Baumusterprüfung der PTB angeführt (später dann auch EMV- und Datenschutz-Plausibilitätsprüfung). Doch am 25.10.2007 sollte nicht-öffentlich und ohne abgeschlossene Zertifizierungen das DWS politisch in einem interfraktionellen Treffen durchgewunken werden. Der erste Hack folgte und führte zu dieser Expertenanhörung.

Prof. Brunnstein von der Universität Hamburg kritisierte den zu niedrigen CommonCriteria Level EAL3+ für das DWS, was einem methodisch getesteten und überprüften, aber nicht methodisch entwickelten System entspricht. Selbst das Betriebssystem des Hamburger Wahlcomputers mit Windows XP Prof. SP2 besitzt ein höheres Level (EAL4+). Außerdem wies er auf ein Zertifizierungsdilemma hin: Sollten nach der Zertifizierung Sicherheitslücken bekannt werden, bleiben nur zwei unschöne Alternativen – ein zertifiziertes, unsicheres oder ein sicheres, nicht-zertifiziertes Wahlsystem.

Tenor der Expertenrunde war, dass das DWS noch nicht ausgereift ist und abgeraten wird, es in der geplanten Form einzusetzen (wir erinnern uns: Das digitale Ergebnis sollte vor dem des Paper-Trails bei Abweichungen gelten, der Paper-Trail nur als Kontrolle oder besser gesagt als Alibifunktion wirken, denn ausschlaggebend soll das digitale Ergebnis sein, um Kosten und Zeit zu sparen. Zwei Punkte die relativ irrelevant bei demokratischen Wahlen sind). Diesen Freitag (16.11.2007) wird von den Bürgerschaftsfraktionen eine Entscheidung erwartet; bei dieser massiven Experten-Kritik ist von einer Teillösung auszugehen, wahrscheinlich einer vollständigen Auszählung der Papierstimmen und Einsatz des DWS als Zählhilfe. Die Änderung des Bürgerschaftswahlgesetzes bleibt noch abzuwarten; das Ergebnis der Sicherheits-Zertifizierung liegt weiterhin noch nicht vor.

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8 Kommentare zu „Expertenanhörung Hamburger Wahlcomputer“


  1. […] Rivva, magerfettstufe, netzpolitik, The Lunatic Fringe und allen Anderen, die ich vergessen […]


  2. Wahlstift wird 2008 nicht eingesetzt…

    Wie man beim NDR, dem Hamburger Abendblatt und bei der Welt nachlesen kann, wird der digitale Wahlstift nicht zum Einsatz kommen. Die Ergebnisse der Wahlen für die Hamburger Bürgerschaft und die Bezirksversammlungen werden per Hand ausgezählt.
    Am Ab.…..


  3. […] (14.11.2007): netzpolitik.org berichtet von der Anhörung im Verfassungsausschuß. Sicherlich interessant für alle die, wie ich, nicht kommen konnten und mit der medialen […]


  4. […] Nerds haben uns lautstark gegen den Wahlstift ausgesprochen, der CCC und weitere Experten haben Fakten geschaffen und Hamburger Parteien mit ihrer Kritik überzeugt. Der “Hamburger Wahlstift” wird bei […]


  5. […] netzpolitik.org: » Expertenanhörung Hamburger Wahlcomputer » […]


  6. Hamburger Wahlstift vom Tisch…

    Der Hamburger Wahlstift ist endgültig vom Tisch. Die kommende Bürgerschaftswahl wird rein manuell stattfinden; ob der Wahlstift in Zukunft als Wahlhilfe oder Wahlgerät Verwendung finden wird, ist jedoch noch nicht geklärt. Damit liegt die 4,5 Millione…


  7. […] Eine ausführliche Darstellung der Expertenanhörung findet sich hier auf netzpolitik.org […]


  8. […] berichtet von der Expertenanhörung über die Hamburger Wahlcomputer. “Der Saal 151 im Hamburger Rathaus war voll, die Luft zum Zerschneiden, weitere Stühle […]

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