Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) veranstaltet seit einigen Tagen eine neue Aktion, die unter dem Namen „Scholl2017“ firmiert und an den Widerstand der Geschwister Scholl erinnern soll. Im Rahmen dieser Aktion hatte das ZPS einen Flugblattwettbewerb ausgerichtet und angekündigt, dass Schülerinnen und Schüler in Diktaturen Flugblätter verteilen würden.
Den Auftakt direkt am symbolträchtigen Istanbuler Gezi-Park machte am Freitag morgen – nicht wie in der Pressemitteilung des ZPS behauptet eine Person, die Flugblätter verteilte – sondern eine geschickte technische Installation im Fenster eines Hotels. Dort hatten die Aktionskünstler einen über einen Cloud-Dienst ferngesteuerten Drucker angebracht, der über Minuten hinweg Flugblätter aus dem Fenster herausdruckte. Die Flugblätter segelten dann auf die Straße am Gezi-Park – bis Personen in das Zimmer eindrangen und den Drucker ausschalteten.
Flugblätter mit der Aufschrift „Tod dem Diktator“ schwebten aus Hotelzimmer herab
Zwei Kameras filmten die Aktion. Eine war oberhalb des Drucker platziert und blickte auf die Straße, die andere auf den Drucker selbst. Videos, die netzpolitik.org ansehen konnte, bestätigen dies. Zwei der Videos (4 MB, MP4 oder als Einbindung bei Twitter) veröffentlicht netzpolitik.org exklusiv, eines davon zeigt auch, wie Personen den Drucker stoppen (Video bei Twitter).
Polizei ermittelt: Ferngesteuerter Drucker wirft „Tod dem Diktator!“-Flugblätter gegen Erdoğan am Gezi-Park ab https://t.co/0CgVLvZOlJ pic.twitter.com/e1nuvFi9Ss
— Markus Reuter (@markusreuter_) 2. Juli 2017
Auch der Ort des Geschehens und die Straßenszenerie lässt sich überprüfen: Die Aktion fand tatsächlich am Gezi-Park statt, der im Jahr 2013 Ausgangspunkt für landesweite Proteste in der Türkei gewesen war.
Auf dem Flugblatt selbst wird zum Widerstand gegen den autokratischen türkischen Präsidenten Erdoğan aufgerufen. Es endet mit dem Aufruf „Tod dem Diktator!“ Zusätzlich ist auf dem Flugblatt vermerkt, es sei vom Freistaat Bayern und der Bundesregierung finanziert. Das ist offensichtlich eine Provokation der Aktionskünstler, um für Verwirrung und politische Spannungen zu sorgen. Die Taktik verfängt: Türkische Nutzer machen in sozialen Medien die Bundesregierung für die Aktion verantwortlich.
Türkische Polizei ermittelt
Wie türkische Medien berichten, hat die Polizei eine groß angelegte Untersuchung des Falles gestartet und fahndet nach einer Person, die von den türkischen Medien auch namentlich genannt wird. Die Medienberichte aus der Türkei und die gezeigten Bilder bestätigen auch den vom ZPS gegenüber netzpolitik.org geschilderten Aufbau der Flugblatt-Aktion mit dem ferngesteuerten Drucker und den beiden Kameras.
Dieses Video soll die Spurensicherung am Hotel zeigen:
Nach Auskunft eines Sprechers des ZPS war es die gefährlichste Aktion der Künstlervereinigung. In der Türkei sind tausende Personen und Regimegegner in Haft. Man habe deswegen besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Erst als die Person, die die Installation aufgebaut habe, außer Landes gewesen sei, habe der Drucker im Hotel angefangen, die Flugblätter zu drucken.
Update:
Mittlerweile hat das ZPS die Videos auch auf seinem Youtube-Kanal eingestellt:
