VerwaltungsdigitalisierungDigitalminister Wildberger wiederholt alte Fehler

Das Digitalministerium will Staat und Verwaltung digitalisieren. Doch Minister Wildberger wiederholt bekannte Fehler im Prestige-Projekt. Das zeigt ein Bericht des Bundesrechnungshofs, den wir veröffentlichen. Noch immer fehlen Standards und ein Projektmanagement-Tool.

  • Esther Menhard
  • Andre Meister
Karsten Wildberger vor einer blauen Leinwand, er guckt zur Seite
Digitalminister Karsten Wildberger will die Verwaltungsdigitalisierung umkrempeln. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung und Minister Karsten Wildberger rühmen sich für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Doch sie wiederholen bekannte Fehler.

Das zeigt ein aktueller Bericht des Bundesrechnungshofs. Zuerst berichtete Bild. Wir veröffentlichen das Dokument: Verwaltungsdigitalisierung – Umsetzung der Empfehlungen des Bundesrechnungshofes zur 21. Legislaturperiode.

Statt gemeinsamen Standards zu folgen, preschen einzelne mit Insellösungen vor, die nur in ihrem Ökosystem funktionieren. Es fehlt eine Gesamtstrategie. Es fehlt ein klares Zielbild. Und es fehlen Instrumente, einzelne Digitalisierungsmaßnahmen zu monitoren – also zu erfassen, was bisher passiert, was nachzubessern ist und was insgesamt besser laufen könnte.

Ministerium ringt mit Fallstricken

Ein Großprojekt von Minister Wildberger ist der Deutschland-Stack. Der Baukasten ist wesentlicher Teil der Modernisierungsagenda für Staat und Verwaltung. Er soll Bund, Ländern und Kommunen „Bausteine“ an die Hand geben, mit denen sie ihre Verwaltungsleistungen einheitlich digitalisieren können.

Mit dem Stack greift Wildberger Kritik und Empfehlungen auf, die Expert:innen etwa zum Onlinezugangsgesetz 2.0 äußerten. Er soll einheitliche Basiskomponenten bestimmen, die Verwaltungen von Bund, Ländern und Kommunen nachnutzen können, Standards setzen für anschlussfähige Lösungen und eine zentrale Stelle, die eine Gesamtstrategie im Blick hat.

Der Deutschland-Stack ist seit gut einem Jahr beschlossen. Schon jetzt ist für den Bundesrechnungshof (BRH) erkennbar, dass das Ministerium mit den großen Fallstricken ringt.

Standards dringend notwendig

Zu den Basiskomponenten zählen unter anderem Fit-Connect, das National Once Only Technical System und die EUDI-Wallet, so das Bund-Länder-Gremium IT-Planungsrat im Juni.

Diese Komponenten bestehen schon deutlich länger als der Deutschland-Stack. Ob sie mit dem Stack kompatibel sind, sei laut Rechnungshof fraglich. Das habe das BMDS nicht ausreichend geprüft. Unter Umständen müssen die zuständigen Stellen die Komponenten an den Stack anpassen. Es bestehe „das Risiko“, dass das bis zum offiziellen Start des Deutschland-Stacks Anfang 2028 nicht rechtzeitig gelingt.

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Insgesamt fordern die Prüfer:innen das BMDS dazu auf, bei den „Standards und Technologien für den Deutschland-Stack“ einen Zahn zuzulegen. Nach eigener Zielvorgabe will das BMDS sie erst Anfang 2028 umfassend bereitstellen.

Erst wenn wesentliche Standards und Technologien für den Deutschland-Stack feststehen, kann das BMDS abschließend bewerten, welche bestehenden Basisdienste konform zum Deutschland-Stack sind. Trotzdem beschloss der IT-Planungsrat, welche IT-Lösungen als Basisdienste für den Deutschland-Stack vorgesehen sind.

Keine verlässliche Grundlage

Verbindliche Standards fehlen etwa beim Thema generative KI und IT-Sicherheit, bemängeln die Rechnungsprüfer. Gleichzeitig entwickelt das Digitalministerium etwa das KI-Projekt Spark und fördert Projekte zu agentischer KI über den Agentic AI Hub. Akteure wie Länder oder Unternehmen haben laut BRH damit keine „verlässliche Planungsgrundlage“.

Erschwerend komme hinzu, dass die Akteure nicht erkennen können, welche Standards sie verbindlich umsetzen müssen. Zwar sind alle „128 erarbeiteten Standards und Technologien“ auf der Website zum Deutschland-Stack aufgelistet. Aber es ist nicht ausgewiesen, welche davon der IT-Planungsrat beschlossen hat.

Niemand steht am Steuer

Die wackelige Kommunikation auf der Website passt ins Bild. Der Rechnungshof bemängelt grundsätzlich, dass das Ministerium das Steuer nicht in der Hand hat. So gebe es erst jetzt, ein Jahr nach dem Beschluss zum D‑Stack, eine Meilensteinplanung. Dabei habe das BMDS versäumt, „Risiken und Abhängigkeiten zwischen den Projekten des D‑Stacks“ zu ermitteln. Das könne wiederum zu Verzögerungen führen.

Das BMDS hat zudem versäumt, ein übergreifendes Berichtswesen aufzubauen. Damit fehlen ihm geeignete Informationen, um den Deutschland-Stack zu steuern.

Auch die zentrale Software zum Projektmanagement PMflex komme laut BRH viel zu spät. Damit will das Ministerium erfassen, welche Fortschritte die zuständigen Behörden bei der Modernisierungsagenda Bund machen. Laut Agenda sollte das Tool innerhalb von vier Monaten fertig sein. Aber wahrscheinlich werden die Ressorts erst ab 2027 damit arbeiten.

Für den „Überblick über den Stand der Vorhaben zur Verwaltungsdigitalisierung“ sei das Tool unumgänglich. Damit sollen die Ressorts unter anderem „Kennzahlen zur Wirkungsmessung“ festhalten und auch, ob die gewählten Maßnahmen effektiv sind.

Das könnte aber insgesamt schwierig werden. Laut Rechnungshof hat die Bundesregierung in der Modernisierungsagenda „nur vage und abstrakt formuliert“, welche Ziele sie in der Verwaltungsdigitalisierung erreichen will. Wie genau gemessen werden soll, welche Maßnahme erfolgreich ist, ist nicht über Kennzahlen oder Ähnliches festgelegt.

Der Bundesrechnungshof kritisierte bereits in seinem Bericht vor einem Jahr, dass etwa Zielbild und Monitoring fehlen.

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4 Kommentare zu „Digitalminister Wildberger wiederholt alte Fehler“


  1. Notorisch Rhetorisch

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    Hääh?! Das da kein (gewählter) das „Steuer“ in die Hand nehmen wollte ist zwar jetzt irgendwie nicht verwunderlich (weil ein IT-Spezi in der Politik den Status „Wolpertinger“ hätte) aber wenn das große Problem „Monitoring“ und Wirkungsmessung lautet, dann hätte ich einen Vorschlag: SNMP!

    Meines Erachtens kann man damit Prinzipiell alles Monitoren so lange jemand für „X“ ein MIB baute und die OIDs festgelegt wurden. Und das dürfte mit Zentralen und Dezentralen Organisationen auch kein Problem haben, mit unterschiedlichen OS sowieso nicht. Ist also egal ob da ein Verwaltungs-Linux, ein Win 11 oder etwas anderes läuft so lange es einen SNMP-Agenten dafür gibt den man erweitern kann (s.o.). Natürlich braucht es für die (Fach)anwendung dann eine Art Metrik-definition (Siehe MIB) wie z.b. xxx Dokumente gescannt, yyy weiter geleitet oder zzz Fälle erledigt/offen/abgewiesen. Fällt das auch unter Schnittstellen-Chaos? Ich nehme aber mal an das der Trend zur Webanwendung auch dort weiter geht und man z.b. Zugriffszahlen schlicht aus dem Verwendeten Webserver raus ziehen könnte. Dazu ein NMS mit Datenbank-backend und das Monitoring erzeugt schon mal valide Daten (Live und Historie) über die Nutzung von x,y,z u.s.w. Außer natürlich man will das Monitoring outsourcen und hätte Sicherheits-bedenken einem Unbekannten Externen diese Daten zu überlassen – statt MS o.a. den Komplett-zugriff (oder ggf. DoS darauf).

    Microsoft scheidet aus dem Grund m.E. ebenso aus wie Non-DE Cloud-Lösungen. In dem Bereich finde ich sollte alles ONSite bleiben. Also sucht euch ein Linux für die Verwaltung, setzt da ein Pflichtenheft drauf was es ermöglichen soll und was für „Module“ drauf sollen. Braucht vermutlich einen IT-Affinen „Steuermann/Frau“.

    Pech! Auch das damit dann keine Leistungs/Durchsatz-Messung der Verwaltung möglich wird. :-/


    1. Anonym

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      TL:DR: ich habe keine blasse Ahnung von Verwaltung, aber es muss total einfach sein.


  2. Andreas

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    Blindflug unter Wildberger: Wie das BMDS alte Digitalisierungsfehler getreu fortsetzt

    Digitalminister Karsten Wildberger ist mit dem Versprechen angetreten, das verkrustete Silodenken der deutschen Verwaltungsdigitalisierung aufzubrechen. Doch der jüngste Bericht des Bundesrechnungshofs belegt nüchtern das Gegenteil: Das BMDS wiederholt stur die handwerklichen Fehler seiner Vorgänger. Ein Jahr nach dem Beschluss zum Prestigeprojekt „Deutschland-Stack“ existieren weder eine fundierte Risikoanalyse für Wechselwirkungen zwischen den Teilprojekten noch verbindliche, klar kommunizierte Standards. Dass ausgerechnet das zentrale Projektmanagement-Tool PMflex, das Transparenz und Messbarkeit garantieren sollte, wohl erst ab 2027 rollen wird, entlarvt die Ambitionen der Bundesregierung als zahnlosen Papiertiger. Ohne übergreifendes Berichtswesen und ohne konkrete Kennzahlen (KPIs) steuert Wildbergers Haus im sprichwörtlichen Blindflug. Wer Reformen ankündigt, aber weder ein verbindliches Zielbild definiert noch die eigenen Steuerungsinstrumente fristgerecht liefert, betreibt keine Staatsmodernisierung, sondern teures Verwaltungstheater. Es reicht nicht, Digitalisierung neu zu etikettieren, wenn am Ende wieder niemand am Steuer sitzt und fundamentale Prüfberichte Jahr für Jahr dieselben strukturellen Versäumnisse anprangern müssen.


  3. Christoph Schmees pc-fluesterer.info

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    Was auch gerne vergessen wird: Verkorkste analoge Verwaltungsvorgänge werden nicht einfach dadurch besser, dass man sie digitalisiert. Eine digitale Verwaltung muss auch von der Ablauforganisation her neu gedacht werden.

    Eine weitere gerne unterschlagene „conditio sine qua non“ digitaler Verwaltung ist eine einheitliche von der Bevölkerung breit akzeptierte Personenkennziffer PKZ, egal wie man sie nennt (Bund-ID etc.). Weshalb hat in Dänemark und Estland die Bevölkerung die PKZ akzeptiert, bei uns bisher kaum? Der Grund ist, dass beide Länder ihre Verwaltung auf FOSS und sicheren Systemen aufbauen.

    Hierzulande hingegen arbeiten überwiegend noch proprietäre Geräte und Systeme. Deshalb sind meine Daten, auch die PKZ, nicht sicher. Einbrüche mit Datenlecks sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Also die richtige Reihenfolge wäre:
    1. FOSS auf allen Ebenen vom Netzwerkgerät bis zum Backoffice.
    2. PKZ einführen.
    3. Digitale Verwaltungsdienste anbieten.

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