Soziale Netzwerke Warum W Social mehr kalter Kaffee als heißer Scheiß ist

Mit W Social ist ein soziales Netzwerk gestartet, bei dem man sich nur nach Passkontrolle anmelden kann. Das ist keine gute Idee. Überhaupt spricht einiges dagegen, sich bei dem schwedischen Start-up einen Account zuzulegen. Ein Kommentar.

  • Markus Reuter
Großes W auf einem Turm
Viel Sendungsbewusstsein, wenig dahinter. (Symbolbild) – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Marsha Levina

Mit großem Brimborium startet heute das soziale Netzwerk W Social, das sich selbst seit Monaten großspurig als europäische Alternative zu Twitter darstellt. W Social will besser sein, weil man die Daten in Europa hostet. Außerdem muss man dort für einen Account über 18 Jahre alt sein und mit seinem Personalausweis nachweisen, dass man eine Person ist. So sollen Bots, Spam, Desinformation und Manipulation ausgeschlossen werden, das Versprechen des Anbieters.

Mal abgesehen davon, dass mit diesem Konzept Identifizierungspflichten und Alterskontrollen im Netz Vorschub geleistet wird, ist vollkommen unklar, warum wir ausgerechnet einem profitorientierten schwedischen Start-Up glauben sollen, es besser zu machen als die etablierten Twitter-Alternativen Mastodon, Bluesky oder auch Eurosky.

Geldgeber von W Social sind laut Medienberichten ein schwedisches Medieunternehmen, mit an Bord sind Leute von Spotify und Ericsson, die Geschäftsführerin war früher bei Ebay. W Social kündigt jetzt schon die Einführung für Werbung und Micropayments für Medienartikel hinter Bezahlschranke an.

Es gibt unkommerzielle Alternativen

Im Gegensatz dazu gibt es mit dem Fediverse, zu dem auch Mastodon gehört, seit Jahren unzählige unkommerzielle Alternativen und Projekte. Technisch ähnlicher zu W Social ist Eurosky, das Projekt der nicht-kommerziellen Modal-Stiftung aus den Niederlanden. Es hat vor einigen Tagen auch eine von Bluesky unabhängige App veröffentlicht.

Technisch baut W Social wie Bluesky und Eurosky auf dem AT-Protokoll auf. Das ist ein offenes, föderiertes Protokoll für soziale Anwendungen und Netzwerke. Es ermöglicht eine Interoperabilität zwischen verschiedenen Anwendungen sowie die Möglichkeit, Benutzerkonten umzuziehen.

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W Social profitiert davon, dass schon Millionen Nutzer:innen bei Bluesky dabei sind, mit denen die W‑Social-Nutzer:innen interagieren können. Das ist der große Vorteil föderierter Protokolle. Es ist also schon etwas los, wenn das Projekt startet. Im Gegensatz zu etablierten Gegenspielern Mastodon, Bluesky und Eurosky, die Open Source sind, setzt W Social aber auf geschlossenen Code. Auch das führt nicht gerade zu mehr Glaubwürdigkeit.

Vorschusslorbeeren von ganz oben

Was an dem ganzen Trubel aber wirklich verwundert: Die Europäische Kommission, Ursula von der Leyen, die Europäische Zentralbank und deren Präsidentin Christine Lagarde haben gerade ihren Bluesky-Account nicht irgendwann zu Eurosky umgezogen, sondern zu W Social. Das und vieles mehr hat die Aktivistin Elena Rossini herausgefunden.

Bei soviel Vorschusslorbeeren würde mich ja interessieren, welche Kontakte das schwedische Start-up hat spielen lassen, um die sonst in Sachen soziale Netzwerke eher schwerfällige EU-Kommission zu sich zu locken. Geht es der Kommission darum, Identifizierungspflichten zu stärken oder Anwendungsfälle für das EUDI-Wallet zu schaffen? Oder kennt man sich einfach gut und kommerziell ist der Kommission immer lieber als unkommerziell? Oder irgendwas mit digitaler Souveränität, weil das ja immer gut kommt? Es bleibt unklar.

Bekannt ist auf jeden Fall auch, dass W Social auch Rechtsradikalen, sofern sie denn ihren Pass vorzeigen, Raum geben will. Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel sei willkommen, ließ die CEO von W Social den Schweizer „Blick“ wissen. Und Blocklisten wie bei Bluesky werde es nicht geben. Na dann, wohl bekomms!

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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27 Kommentare zu „Warum W Social mehr kalter Kaffee als heißer Scheiß ist“


  1. Anonym

    ,

    Die Daten werden in naher Zukunft geleaked werden, so wie mit jeder Plattform. Bloß nicht riskieren.


    1. Michael Laufenberg

      ,

      Aber WO soll man denn nun hingehen, wenn man weg möchte von Facebook, TikTok und Konsorten? Es wird nur gemeckert und gemault, aber nichts Brauchbares empfohlen. Oder gibt es keine Alternativen? Dann kann ich auch dort bleiben.


      1. Gianni Failla

        ,

        Ähm, es gibt das Fediverse, mit Plattformen von Microblogging bis Kurzvideos und PeerTube statt YouTube. W Social kann im Gegensatz dazu nichts, außer US BigTech (vergeblich) nacheifern, mit genau denselben falschen Anreizen. Stand heute sind keine 4k Accounts bei W.


  2. Anonym

    ,

    Die (hoffentlich) nächste Totgeburt Made by EU.

    Aber mal ganz im Ernst:
    Woher kommt dieses „die Daten bleiben in der EU, also ist das alles super toll und sicher“ eigentlich (gerade in der heutigen Zeit)?

    Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass es sich immer noch um dieselbe EU handelt die
    – mit fehleranfälliger Chatkontrolle nach wie vor sichere Kommunikation unmöglich machen will
    – permanent gegen Verschlüsselung und grundlegende digitale Sicherheiten wie Verschlüsselung zerstören will
    – ausufernde VDS und biometrische Überwachung will usw usf.

    Ob jetzt die USA die Daten an irgendwelche Geheimdienste dort weitergibt oder die EU-Leute an ihre Kumpel von Europol – wo ist da für uns als Privatmenschen letztendlich der Unterschied?

    Und was das Netzwerk selbst angeht: wie soll das hochladen eines Ausweises per se Desinformation verhindern? Kann es nicht. Das bedeutet im Klartext dass dort aller Voraussicht nach auch massenhaft Zensur und Inhaltskontrolle betrieben wird. Gerade Zensur haben wir heute schon mehr als genug.

    Und zudem: Warum muss man den Perso hochladen um zu beweisen, dass man Ü18 ist, wenn die EU vor kurzem erst ihre Alterskontroll-App doch für angeblich fertig erklärt hat?
    Ich gehe jetzt mal nicht davon aus, dass irgendwelche KI Bots ohne weiteres so einen Zero knowledge Proof erzeugen können wie diese App es soll.

    Also entweder traut die EU ihrer eigenen App nicht oder die echte Identität bleibt mit dem Account verknüpft und die Daten werden nicht gelöscht. Sprich man soll bei unliebsamen Äußerungen wissen, wen man verknackt.

    Insgesamt also wieder mal ein EU-Konstrukt von dem man jedem nur dringend abraten kann, es zu nutzen.


    1. Anonym

      ,

      > Insgesamt also wieder mal ein EU-Konstrukt von dem man jedem nur dringend abraten kann, es zu nutzen.

      Ist mir tausend mal lieber als von Trump & Konsorten überwacht zu werden.
      Auf die EU kann man wenigstes politisch Einfluss nehmen, und vor ordentlichen Gerichten klagen, wenn es sein muss.


      1. netzkatze

        ,

        „Auf die EU kann man wenigstes politisch Einfluss nehmen, und vor ordentlichen Gerichten klagen, wenn es sein muss.“

        .….joa alles klärchen…und die dann alles genauso umdrehen wie dat politisch jewollt is.…oder wie war dat mit dem europäischen Gerichtshof und der Sache mit der Datenspeicherung?

        Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet!

        Gruß aus Kölle!


        1. Marius

          ,

          Anderes Beispiel ist die Pflicht zu Fingerabdrücken im Perso. In den 2010ern schnell eingeführt, obwohl es das zuallererst in Spanien unter Franco gab. Erst ab Januar 2027 gibt es die Möglichkeit, dieses EU-unwürdige Gesetz hoffentlich endlich loszuwerden solange sich die Großkopferten in Brüssel und Straßburg nicht auf neue Regelungen einigen können.

          Die Mühlen der Justiz mahlen in einem vorgeblichen Rechtsstaat halt gerne mal zu lahmarschig.


      2. Anonym

        ,

        Du willst also bei keinem US-Amerikanischen Netzwerk sein, das dem Cloud Act unterliegt. Und plädierst deshalb für das in der EU ansässige W. Ignorierst du das im Artikel genannte Mastodon absichtlich? Das kann aufgrund seiner Dezentralität überall gehostet werden und unterliegt nicht dem Cloud Act. W sollte man aus vielen Gründen tunlichst meiden, nicht zuletzt, weil sie Risikokapital angenommen haben und ihre enshittification schon vor ihrem launch angekündigt haben.


    2. Anonym

      ,

      > Warum muss man den Perso hochladen um zu beweisen, dass man Ü18 ist, wenn die EU vor kurzem erst ihre Alterskontroll-App doch für angeblich fertig erklärt hat?

      Bitte den Satz noch mal genau lesen:
      „Außerdem muss man dort für einen Account über 18 Jahre alt sein und mit seinem Personalausweis nachweisen, dass man eine Person ist.“


      1. Anonym

        ,

        Ich habe den Satz durchaus ganz genau gelesen.
        Und ich bleibe dabei dass

        a) ich Zweifel habe dass ein Bot so ohne weiteres so einen Zero Knowledge Proof erstellen kann wie es diese Alterskontroll-App können soll

        b) es für mich keinen Sinn macht wenn die EU diese App hier groß anpreist als Möglichkeit das Alter anonym nachzuweisen, dann aber ausgerechnet in ihrem eigenen social Media Dings die App nicht nutzt und den Ausweis verlangt

        c) ich mich dementsprechend dann frage, warum die App für andere Social Media Kanäle genutzt werden soll.
        Wenn das hochladen eines Ausweises die einzige Möglichkeit wäre zwischen Mensch und Bot zu unterscheiden, welchen Sinn hat dann die App?


  3. Bernd

    ,

    Ursula von der Leyen als Testimonial ist eine Drohung, keine Werbung.


  4. L.Wolf

    ,

    Ich finde das Projekt sehr spannend und zukunftsweisend, wünsche mir da ein wirkmächtiges Medium außerhalb bestehender Dominanz. Hatte mir schon eine Spende überlegt. Der Artikel lässt mich eher zweifelnd zurück, weil er überhaupt nichts, gar nichts, nix wirklich erklärt – viel Nebelbomben und irgendwelche Annahmen, sehr schlecht recherchiert, keine klaren Nachweise und Hinweise, Journalismus: durchgefallen! Es ist nur eine eingeschränkte singuläre Meinung, die bitte auch als solche gekennzeichnet werden sollte und eben keinen Anspruch auf eine fachliche Expertise erfüllt!


    1. Christoph Schmees pc-fluesterer.info

      ,

      Welchen Artikel hast du gelesen? Das kann nicht derselbe sein, den ich gelesen habe.
      Oder dein Verriss hat andere Motive. Welche könnten das wohl sein? Hm, mal überlegen …


    2. Anonym

      ,

      Hast du den verlinkten Artikel von Elena Rossini gelesen?


    3. Gianni Failla

      ,

      Na dann spende doch blindlings dem erstbesten shady BigTech, Hauptsache „europäisch“ :D


  5. Christoph Schmees pc-fluesterer.info

    ,

    Klassischer Fall von „zu kurz gesprungen“. Nicht nur das: Völlig überflüssig. Bereits BSky ist keine tragfähige Alternative zu Twi‑X, aus mehreren Gründen. Ein BSky-Klon macht die Sache nicht besser. Und dann „kommerziell“: Wovon wollen die leben? Wenn von Werbung, dann bedeutet das wieder Datensammlung, wie bei allen anderen kommerziellen antisozialen Plattformen. Vielleicht wird das aber auch von „interessierten Kreisen“ finanziert, damit wir uns an die Totalüberwachung (im Schönsprech „Alterskontrolle“ genannt) gewöhnen. Und dann Spotify im Boot, was mit miesesten Methoden Geld macht:
    https://www.ardmediathek.de/serie/dirty-little-secrets-geheimnisse-der-musikindustrie/staffel‑1/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdFNlcmllcy85N2Q4ZmY0YS0yNDczLTRjYmItOTZhYi02Y2Q2NzQzY2NhMWE/1
    und ein Datensammler ist:
    https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2025–10/spotify-wrapped-persoenliche-daten-digitale-selbstbestimmung-datenschutz/komplettansicht
    Und vor allem: Die einzige echte Alternative, das Fediverse, gibt es schon lange. Keine Datensammlung, keine undurchsichtigen manipulierenden Algorithmen. An „meine“ Mastodon-Instanz und an „meine“ PeerTube-Instanz spende ich regelmäßig, und das gerne. Das ist eine saubere Sache.


  6. Pascal

    ,

    Fragwürdiges Demokratieverständnis von W Social als auch von Netzpolitik.
    Aber scheint der Zeitgeist zu sein. Einmal Wohlfühloase mit allem, und Freiheit nur für die richtigen – oder so.


    1. Markus Reuter

      ,

      Das geht nicht um Wohlfühloasen, sondern um funktionierenden Diskurs. Rechtstradikale wie Weidel zerstören die Kommunikation, sie haben keinerlei Interesse an demokratischem Austausch. Selbst wenn ich solche Leute auf der Plattform tolerieren wollen würde, müsste ich sie nicht ausdrücklich „willkommen“ heißen.


      1. Anonym

        ,

        Das selbe Sagt natürlich auch die Gegenseite. Vielleicht ist es an der Zeit damit aufzuhören, für die Zensur des jeweils anderen sorgen zu wollen und die eigenen Vorstellungen einfach fair auf dem Markt der Ideen zu beweisen. Leute von Platformen zu entfernen entfacht mehr Feuer als es letztendlich löscht.


        1. Anonym

          ,

          rechtsextremismus ist keine idee, und es gibt auch keinen markt dafür.

          zudem: deplatforming works. bei milo yiannopoulos, alex jones, auch bei martin sellner. „fair“ ist zudem nur ein füllwort der turbodemokraten. „fairer rechtsextremismus wär ok? mit fair trade siegel jo?

          derailst übrigens, falls du es nicht selbst merkst. markus schränkt selbst ein, was er meinte (man muss sie nicht willkommen heißen) und du weitest maßlos aus (zensur, weh weh).


          1. Anonym

            ,

            „rechtsextremismus ist keine idee, und es gibt auch keinen markt dafür.“

            Doch, es ist eben eine Idee, so wie auch Faschismus, Feudalismus, Demokratie oder Menschenrechte eine Idee sind. Und natuerlich gibt es einen Markt dafuer, das Internet ist woertlich voll davon.


        2. Gipfelstürmer

          ,

          Wenn die Gegenseite aus politischen Extremisten besteht, die auf die Demokratie und Freiheitsrechte pfeifen, dann sind ihre „Meinungen“ nicht relevant. Sollten die an die Macht kommen, sind Deine und meine Freiheitsrechte schneller weg als Du „Zensur“ sagen kannst. Nichts für ungut. Mich beschleicht das dumpfe Gefühl, dass dieses Volk aus den 12 Jahren ab 1933 überhaupt nichts gelernt hat.


          1. Anonym

            ,

            Die AfD wird an ihrem eigenen Hartz-IV-Moment scheitern, bei dem Geringverdienern anhand ihrer Sozialbezüge unter einer AfD-Regierung auffällt, dass die Schlumpfgermanen noch nie auf ihrer Seite waren.


          2. Anonym

            ,

            Zum einen muss die AfD dafuer an der Macht sein und das dann auch tun.

            Zum anderen wird die AfD bei weitem nicht nur von Geringverdienern gewaehlt, und sollte die AfD auf anderen Themen „erfolgreich“ erscheinen, sind selbst die uU zu Nachteilen bereit.

            Die AfD hat zZt nur sehr wenig regierungsfaehiges Personal und duerfte als Exekutive unfaehig sein. Aber zB Trump oder auch CDU/SPD fuehrt vor, dass das kein Hinderungsgrund sein muss, wenn die Waehler eine moegliche Alternative fuer aehnlich unfaehig halten.


  7. Anonym

    ,

    Vancouver <3
    (euer Bild)


  8. lennart

    ,

    hey markus, danke für den kommentar!

    habt ihr ne idee, warum wsocial in schweden registriert wurde – abseits der zusammenhänge mit spotify und ericsson? leuchtet mir nicht ganz ein, da man als investor auch in „günstigere“ länder gehen könnte, auch europäische.


    1. Anonym

      ,

      War Schweden pro Chatkontrolle? Also vielleicht eine Ausgründung? Dazu hat Schweden keine Verfassung, und die Skandinavier sind „schneller“ dabei, „neue“ Technologien anzunehmen.

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