Für 250 Millionen EuroBund schafft neue Abhängigkeiten von IT-Konzernen

Für eine dreistellige Millionensumme sollen SAP und Telekom eine „KI-Cloud“ für die öffentliche Verwaltung bauen. Digitalminister Karsten Wildberger nennt das souverän. Unabhängig wird Deutschlands Verwaltung damit nicht, warnen Opposition und Fachleute.

  • Esther Menhard
Karsten Wildberger auf der Bühne der re:publica 2026
Karsten Wildberger freut sich auf die KI-Cloud für die Verwaltung. (Symbolbild) – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Für 250 Millionen Euro sollen deutsche Konzerne IT-Infrastruktur für die öffentliche Verwaltung aufbauen. Im Mittelpunkt steht eine „KI-Cloud“. Das sind Server, auf denen KI-Software laufen soll.

Damit setzt Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) seinen KI-freundlichen Kurs fort. Zuletzt hatte er den Agentic AI Hub gestartet. Sogenannte KI-Agenten sollen Beamt*innen zum Beispiel dabei helfen, Dokumente auf Vollständigkeit zu prüfen. Im Gegensatz zu Sprachmodellen wie ChatGPT geben KI-Agenten nicht nur Antworten, sondern erfüllen Aufgaben mit digitalen Werkzeugen.

Die neue „KI-Cloud“ soll nun „zur zentralen Schaltstelle für die öffentliche Verwaltung werden“, erklärt das Digitalministerium. Zunächst soll die KI-Plattform KIPITZ dorthin umziehen. Die Cloud sei das „Rückgrat einer souveränen, digitalen und KI-fähigen Verwaltung“, sagt der Digitalminister. Die dafür veranschlagten 250 Millionen Euro will sein Ministerium an zwei Konsortien verteilen: 70 Prozent erhalten die Telekom-Tochter T‑Systems und SAP; weitere 30 Prozent ein Konsortium um den Wiesbadener IT-Dienstleister SVA.

Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, sei der Auftrag „bewusst zweigeteilt“ worden, um die Abhängigkeit von nur einem Anbieter zu umgehen. Wildberger sprach von einer „Infrastruktur, die wir selbst kontrollieren“. Telekom-Chef Tim Höttges sagte: „Zusammen sorgen wir dafür, dass Deutschland und Europa die digitale Zukunft selbst in der Hand haben.“ Das soll unter anderem mit SAPs „Business AI Platform“ geschehen. SAP-Chef Christian Klein zeigte sich zufrieden, dass seine KI-Cloud „Teil des Deutschland-Stacks“ werden soll.

Bund zahlt hunderte Millionen für Lizenzen

SAP profitiert bereits in großem Stil von Steuergeldern: Allein im Haushaltsjahr 2025 überwies der Bund an das deutsche Softwareunternehmen 110 Millionen Euro für Lizenzen und weitere 71 Millionen Euro für Produkte und Dienstleistungen. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Schriftliche Frage von Sonja Lemke von der Linksfraktion, die netzpolitik.org vorliegt.

Zum Vergleich: Im selben Jahr hat der Bund 481 Millionen Euro für Microsoft-Lizenzen ausgegeben. Die Kosten sind im Vergleich zu den beiden Vorjahren stetig gestiegen: 2023 waren es noch rund 274 Millionen Euro, ein Jahr später bereits rund 348 Millionen.

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Nicht nur Lizenzen großer US-Unternehmen sind „ein wahnsinniger Kostenfaktor“, kommentiert die Abgeordnete gegenüber netzpolitik.org.

Warnung vor Lock-in-Effekt

Die Projekte aus dem Digitalministerium zeigen: Künftig könnte vermehrt Geld an deutsche oder europäische Konzerne fließen. Das entspricht dem Tenor aus dem Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität im November: „buy european“, kauft in Europa ein. Kritik daran gibt es von der Opposition und von Fachleuten. Sie warnen vor neuen Abhängigkeiten durch andere Konzerne.

So kritisiert Linken-Abgeordnete Lemke: US-Konzerne hätten kein Patent darauf, Kunden von sich abhängig zu machen. Sie warnt vor dem Lock-in-Effekt – also davor, dass die Verwaltung von einem einmal gewählten Anbieter nicht mehr loskommt. Dieser Effekt richtet sich nicht danach, wo ein Unternehmen sitzt, sondern danach, wie das IT-Produkt gestaltet ist. „Wer einmal SAP nutzt, kann die eigenen Daten nicht mehr einfach zu einem anderen Anbieter umziehen“, warnt Lemke.

Deshalb fordert sie ein Umdenken: „Digitalisierung muss endlich heißen, eigene Infrastrukturen aufzubauen.“ Dafür brauche es eigene Rechenzentren sowie eigene Betriebssysteme und Software, über die die öffentliche Hand selbst verfügen kann. Die Verwaltung brauche mehr IT-Kompetenz, um weniger von externen Beraterfirmen abhängig zu sein.

Ähnlich argumentiert die Free Software Foundation Europe. Mit Blick auf die Debatte um digitale Souveränität in Deutschland pocht der gemeinnützige Verein auf das Credo „Public Money, Public Code“.

Dahinter steht der Gedanke: Wenn Bürger*innen mit ihren Steuern eine Software zahlen, dann sollte sie allen gehören und öffentlich einsehbar sein. „Nur so lässt sich die strukturelle Abhängigkeit öffentlicher Verwaltungen von proprietärer Software und ihren Herstellern beenden und technologische Souveränität erreichen.“

Über die Autor:innen

  • Esther Menhard

    Esther Menhard ist freie Autorin bei netzpolitik.org. Sie recherchiert zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und nimmt dazu gerne Hinweise entgegen. Von Haus aus Philosophin, interessiert sie sich für Datenethik, die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Digitalität, AdTech, Open Access und Open Source.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Bluesky

    Foto: Darja Preuss


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18 Kommentare zu „Bund schafft neue Abhängigkeiten von IT-Konzernen“


  1. Anonym

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    „70 Prozent erhalten die Telekom-Tochter T‑Systems und SAP 70 Prozent“

    ich glaube da waren 2 gedanken gleichzeitig am werk beim schreiben


    1. Esther Menhard

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      danke, Fehler ist gefixt


  2. Wenn ich T‑Systems und SAp lese, denke ich sofort, daß 50% der Kosten nicht in Technik, sondern in Overhead fließen werden. Leider bleiben die Bedingungen wohl im Dunkeln. Wenn es sich um OSS handelt und entsprechende Skripte fürs Deployment dazugehören, dann ist die Souveränität gewährleistet. So wie ich T‑systems und SAP kenne, haben die daran aber kein Interesse, sondern wollen ein Lock-In so daß auch künftig die Millionen fließen.


    1. Ich arbeite regelmäßig mit SAP Dienstleistern / Kunden zusammen. SAP ist einer der schlechtesten Partner, wenn es um Souveränität geht, wenn man sich alleine die erzwungene, aktuell noch laufende Abkündigung der IDOC-Schnittstelle ansieht. Kunden, die versuchen diese alte Schnittstelle selbst weiter am Leben zu halten, weil eine komplette Migration zu teuer wäre, werden sogar von SAP abgestraft. Ich hoffe nur, dass bei diesem Projekt ein tatsächlich souveräner Rahmen geschaffen wurde und man das nicht naiv den Konzernen überlässt.


    2. 50% ist vollkommen illusorisch. Die Digitalisierungsberatungsindustrie um den öffentlichen Dienst herum wird die 250 Millionen gut geübt in Konzeptpapiere und Projektmanagementtemplates gießen. In einer der Firmen findet sich aber bestimmt dann irgendwo ein Werkstudent, der ein fertiges Modell auch mal lokal aufsetzt (statt nur ein Interface für die üblichen bekannten Instanzen anzubieten) und dann mit Python und MCP ein paar Anwendungsfälle vibecoded, für die wir uns dann feiern lassen können.


  3. Moritz

    ,

    Agentic AI Hub: Ich hatte mir die Vorstellung online angeschaut. Meine Fragen zu BSI Grundschutz und EU AI ACT wurden nur ausweichend beantwortet. „Sie haben dieses bei der Konzeption bedacht“ war die Aussage. Wenn ich das so sehe, haben die kein BSI Grunschutz Zertifikat. Und was die alles machen wollen, geht in die HRAIS nach EU ACT. Und auch das haben die mal nicht eben aus dem Arm geschüttelt. Da gibt es harte Vorgaben. Auch wenn es da Aufschub gibt. Ich denke, nach dem was ich gehört habe, ist das im besten Fall ein PoC. Und solange die nicht zeigen das es sicher ist: FINGER WEG.

    (BTW: chinesische Modelle laufen zu lassen, ohne diese zu loggen ist von Haus aus problematisch. Die neigen dazu Fakten mit Absicht falsch zu beantworten. Siehe das Masssaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.)


    1. Jan K

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      Wie kann ein Auftrag solcher Größenordnung ohne öffentliche Ausschreibung vergeben werden?

      Weiterhin frage ich mich wieviel Sinn macht eine weitere RZ-Infrastruktur, nachdem bereits Konzerne wie Microsoft und Google nach definierten Vorgaben deutscher Ministerien lokale souveräne Clouds aufsetzen bzw. anbieten, und es weitere Angebote wie StackIT oder Ionos gibt? Das ist nicht wirtschaftlich und auch nicht sinnvoll. Es kostet den deutschen Steuerzahler viel Geld.

      Das sollte mal jemand prüfen bzw. anfechten.


  4. Katja

    ,

    SAP arbeitet seit 2008 mit AWS in der Cloud zusammen. Das kann man bei SAP und bei AWS nachlesen. Eine SAP-Cloud unterläge damit genauso dem CLOUD-Act wie die direkte Speicherung der Daten deutscher Behörden bei AWS. Warum wurde das im Artikel nicht thematisiert?


    1. Esther Menhard

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      Danke für die Ergänzung. Der Artikel hat einen anderen Schwerpunkt: Das Digitalministerium preist eine proprietäre Lösung als „souverän“ an, weil sie als europäisch gilt, und blendet den Vendor Lock-in aus.


      1. Anonym

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        Im Weltbild der CDU ist der Souverän nunmal „die Wirtschaft“ und nicht das Volk, von daher durchaus konsequent…


  5. Linus T.

    ,

    Der digitale Offenbarungseid: Wie der Bund Milliarden in die Abhängigkeit investiert

    Die digitale Souveränität Deutschlands verkommt zur reinen Farce. Jüngstes Mahnmal dieses Scheiterns: Ein halbe-Milliarde-Euro-Deal für Microsoft-Lizenzen, orchestriert von der Zentralstelle für IT-Beschaffung. Statt in Frankfurt die Weichen für zukunftsfähige Open-Source-Alternativen zu stellen, zementieren die Verantwortlichen eine gefährliche technologische Abhängigkeit. Mit Steuergeldern wird eine sicherheitstechnische Monokultur finanziert, die durch intransparente Telemetriedatenflüsse den europäischen Datenschutz konterkariert. Bei globalen Software-Schwachstellen wird so die gesamte Bundesverwaltung gleichzeitig verwundbar. Diese kurzsichtige Bequemlichkeit ist kein wirtschaftlicher Erfolg, sondern eine Kapitulation vor einem US-Monopolisten, die das Vertrauen in die digitale Integrität unserer Behörden nachhaltig beschädigt.

    Doch damit nicht genug: Im Nachzug sollen nun weitere 250 Millionen Euro in eine „KI Cloud Offensive“ mit SAP und der Telekom fließen. Wer glaubt, damit werde endlich digitale Souveränität hergestellt, irrt gewaltig. Diese Alibi-Offensive kaschiert nur das fundamentale Versagen einer Digitalpolitik, die auch unter Akteuren wie Karsten Wildberger – der als Telekom-Chef für die rein profitorientierte, statt gemeinwohlorientierte digitale Infrastruktur steht – konsequent in die falsche Richtung läuft. Statt echter Unabhängigkeit durch offene Standards wird hier das nächste geschlossene Ökosystem mit Steuergeldern subventioniert.

    Das Ergebnis ist eine Bankrotterklärung: Milliarden fließen in proprietäre Strukturen, während die heimische Open-Source-Gemeinschaft systematisch ausgehungert wird. Deutschland kauft sich teuer in die digitale Unmündigkeit ein.


  6. Andreas

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    Wer digital nicht souverän ist, verliert über kurz oder lang auch seine politische Souveränität.


    1. Anonym

      ,

      Die ist für CDU & SPD aber ohnehin nicht relevant, denn man arbeitet für „die Wirtschaft“, deren Machtzentren längst transnational sind. Und staatliche Souveränität gegenüber „der Wirtschaft“ wäre das schlimmste, was denen passieren könnte.


      1. Norbert

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        Ich finde die ständige Anfeindung der „Wirtschaft“ unerträglich, ohne diese wäre der Wohlstand der gerne umverteilt wird nicht vorhanden.

        Natürlich kann ich SAP und Telekom ersetzen durch andere vergleichbare Konzerne aber offene Technologie mit der öffentlichen Verwaltung und Administration als eigenständige Betreiber ist geradezu lächerlich ich können sich ja noch nicht Mal selber ökonomisch verwalten.


        1. Anonym

          ,

          „Die Wirtschaft“ ist in diesem Kontext ein Synonym für „die Oligarchen“, nicht für Wirtschaftsbetriebe an sich. Das wird auch klar, wenn man sich die Entwicklung deutscher Wirtschaftsbetriebe, gerade auch im hier so wichtigen Mittelstand, Infrastruktur und Technologie, so ansieht: die leiden in grossen Teilen unter dieser Politik.

          Deutschland macht seit 30 Jahren eben keine Wirtschaftspolitik mehr, die Lobbyisten der „Wirtschaft“ sind primär reiner Egoismus der größten.


  7. Wenn Argumente als Anfeindung wahrgenommen werden

    ,

    > Ich finde die ständige Anfeindung der „Wirtschaft“ unerträglich, ohne diese wäre der Wohlstand der gerne umverteilt wird nicht vorhanden.

    ROFL, der Wohlstand wird bekanntlich von unten nach oben umverteilt. Guckst Du mal die Entwicklung des Gini-Koeffizienten der letzten Jahre, falls dein Glaubenssystem „Wirtschaft“ es Dir erlaubt.


    1. Anonym

      ,

      „der Wohlstand wird bekanntlich von unten nach oben umverteilt.“

      Der Wohlstand muss vor Allem erstmal real erarbeitet werden. Leider ist Finanzwirtschaft ohne Wohlstandserzeugung seit der großen Deregulierung wesentlich profitabler als Realwirtschaft, und damit akkumulieren die Reichen immer schneller einen immer größeren Anteil am gesellschaftlichen Gesamtvermögen bei gleichzeitig erodierender Infrastruktur. Wesentlich daran beteiligt in Europa: New Labour und die SPD.


      1. Anonym

        ,

        Das Dumme ist nur, dass die „linken“ den Wohlstand bedingungslos an alle verteilen wollen, aber keinerlei Vorstellung von seiner Erzeugung oder Erhaltung haben.

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