Diese Liste von in Deutschland gesperrten Domains ist eigentlich geheim. Auf den Seiten werden mutmaßlich strukturelle Urheberrechtsverletzungen begangen. Die CUII, das privatwirtschaftliche Bündnis aus Telekommunikationskonzernen und Rechteinhabern, das die Sperrungen verhängt, will wohl nicht, dass Menschen die Seiten an ihren Sperren vorbei ansteuern und hält die Liste unter Verschluss.
Eigentlich. Denn tatsächlich hat der Internetanbieter 1&1 Versatel die Liste unter der URL rpz01do.versatel-west.de mindestens 10 Monate lang öffentlich zugänglich ins Internet gestellt. Wer die Adresse kannte, konnte darauf nachverfolgen, welche Seiten gerade gesperrt sind. Die Liste wurde regelmäßig aktualisiert. Lina, eine 17-Jährige Schülerin, hat die Quelle genutzt, um selbst eine Liste der durch die CUII gesperrten Domains öffentlich zu machen – gut auffindbar auf ihrer Seite cuiiliste.de.
Mittels der Liste konnte Lina der CUII mehrfach Fehlverhalten nachweisen. So wirkten beispielsweise zahlreiche Netzsperren länger als erlaubt. Zum Teil wurden sogar Seiten gesperrt, die zum Zeitpunkt der Sperre gar nicht mehr verfügbar waren. Am 31. März 2025 hat 1&1 Versatel den Zugriff auf die Seite blockiert. Nun kann Lina ihre Liste der gesperrten Domains nicht mehr automatisch aktualisieren. „Leider kann ich jetzt nicht mehr 100-prozentig sicher sein, dass die Liste vollständig ist“, sagt sie.
Drei weitere Sperrlisten waren ebenfalls einsehbar
Die Website, die 1&1 Versatel versehentlich öffentlich gemacht hatte, enthielt nicht nur die Liste der von der CUII zur Sperrung empfohlenen Seiten. Darauf waren noch weitere Sperrlisten zu finden, etwa eine Liste aller Domains, die aufgrund von EU-Sanktionen gesperrt sind und eine weitere mit Seiten, deren Sperre von der Kommission für Jugendmedienschutz verhängt wurde. Außerdem fand sich dort auch eine Liste von Domains, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sperren lässt – zur Abwehr „konkreter erheblicher Gefahren“, so das zugrundeliegende Gesetz. Darauf stehen zum Beispiel Server, die Schadprogramme verteilen.
1&1 Versatel schrieb auf netzpolitik.org-Anfrage, dass Maßnahmen in der Prozesskette und der Mitarbeitersensibilisierung ergriffen wurden, „um solche Fehler künftig zu vermeiden.“
Lina geht davon aus, dass die 1&1 Versatel-Website mit den Listen als Grundlage der automatischen Sperrung der genannten Seiten wirkt. Sie sagt, wenn die Datei geändert wurde, wurden zum gleichen Zeitpunkt auch die entsprechenden Seiten ge- oder entsperrt. Lina selbst stieß am 20. Juli 2024 zufällig auf die Seite, nachdem sie eine Sicherheitslücke gefunden und gemeldet hatte. Doch auf securitytrails.com fand sie einen Beleg, dass die Seite schon seit mindestens dem 25. Mai 2024 öffentlich zugänglich im Netz stand.
Update, 10.4.2025, 14.40 Uhr: In der Urfassung des Textes wurde behauptet, dass 1&1 die Liste ins Netz gestellt habe. Tatsächlich war es aber die Schwesterfirma 1&1 Versatel.
Update, 17.7.2025, 8.28 Uhr: Wir haben den Namen und die Pronomen von Lina im Artikel aktualisiert.
