Avatar Autor:in

Kann Hetenfeindlichkeit enthaltenOrdentliches Verhalten in einer unordentlichen Welt

Eine Soldatin hat auf Tinder nach Sexualpartner:innen gesucht und wurde dafür mit einem Verweis diszipliniert. Der Vorwurf: Mangel an charakterlicher Integrität. Unser Kolumnist hat das zum Anlass genommen, um über Ordnung nachzudenken.

Symbolbild -
Symbolbild – all stripes are beautifull CC-BY-NC-SA 4.0 owieole

Heute zähle ich nicht auf, wann welche Gewalttaten gegen queere Menschen verübt wurden. Die Aufzählung aus dem vergangenen Monat einfach fortzuführen, wäre zwar spannend, aber so viel Platz bietet das Internet dann leider doch nicht. Heute erzähle ich stattdessen etwas über Erwartungen von Heten an queere Menschen. Über Ordnung, die Bundeswehr, das Bundesverwaltungsgericht.

Von queeren Menschen wird gemeinhin erwartet, dass sie sich ordentlich verhalten, wenn sie denn schon queer sein müssen. Stellen queere Menschen offen zur Schau, dass sie sich nicht innerhalb der heteronormativen Matrix bewegen, folgen schon mal laute Ermahnungen, die Bitte zu gehen oder auch ein Schlag ins Gesicht. Die Ordnung muss schließlich gewahrt werden.

Bei dem Wort Ordnung fällt mir immer wieder eine Stelle aus Günter Eichs Hörspiel-Zyklus Träume ein: „Ich schalte das Radio ein, ich will die genaue Zeit haben. Wo genaue Zeit ist, ist Ordnung. Wo Ordnung ist, gibt es keine Geheimnisse.“ Nach der Ausstrahlung im Jahr 1951 gab es Forderungen, Günter Eich einzusperren. Sein Hörspiel hatte die Ordnung der Bundesrepublik gestört und diese Ordnung musste wiederhergestellt werden. Immerhin wurde nicht die Hinrichtung von Eich gefordert.

Homosexuelle in Deutschland haben die Ordnung ebenfalls gestört. Es war „wider die Natur“, homosexuell zu sein und oft wurde nicht weniger als der Scheiterhaufen herangezogen, um die Ordnung wiederherzustellen. Der Scheiterhaufen wurde spätestens 1831 aufgegeben, dafür gab es 1871 reichsweit den Paragraphen 175, der von „widernatürlicher Unzucht“ sprach.

Über 50.000 Mal wurde der Paragraph in den verschiedenen Fassungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs angewandt und so die Ordnung wiederhergestellt. Selbst bei der Abschaffung des Paragraphen waren sich nicht alle einig darin, ob die auf seiner Grundlage erlassenen Urteile pauschal als das zu bezeichnen seien, was sie nun einmal sind: Unrechtsurteile.

Wir überwachen die Überwacher.

WE FIGHT FOR YOUR DIGITAL RIGHTS

Jetzt Spenden

Hauptsache nicht illegal

Heute, im Jahr 2022, dürfen queere Menschen nicht einfach wegen ihrer Existenz eingesperrt werden. Es gibt auch keine Geldstrafen oder sonstige Sanktionen gegen sie, nur weil sie queer sind und sich ausleben. Den Leuten ist egal, was sie im Schlafzimmer machen – Hauptsache ist, es ist nicht illegal und hat nichts mit Kindern zu tun. Das bekommen sie zur Erinnerung öfter mal gesagt.

Sagt man das übrigens Heten, sind diese davon meist sehr irritiert. Sie kämen nie auf den Gedanken, diesen Maßstab bei anderen Heten anzulegen. Heten sind nicht wider die Natur, sie sind Teil der Ordnung. Queere Menschen sind es nicht. Die Samenspende für lesbische Paare etwa wird immer wieder mit Verweis auf die natürliche Ordnung abgelehnt. Dass die gleichen Argumente nicht bei der Samenspende für cis hetero Paare aufkommen, kann ich mir nur mit Queerfeindlichkeit erklären.

Wenn queere Menschen sich ordentlich verhalten, passiert ihnen nichts. Ordentlich heißt in der Regel, dass sie sich so verhalten sollen wie Heten. Anastasia Biefang hat sich nicht ordentlich genug verhalten. Die Soldatin ist trans, mit einer Frau verheiratet, lebt mit dieser in einer sexuell offenen Beziehung und sie hat erst einmal keine Präferenz beim Geschlecht ihrer Sexualpartner:innen.

Anastasia hat Tinder benutzt, um sexuelle Kontakte anzubahnen. Jemand sah das Profil auf Tinder und hatte nichts Besseres zu tun, als sich darüber zu beschweren. Anastasia bekam einen Verweis für ihre Tinder-Aktivitäten, gegen den sie rechtlich vorging. Der ganze Vorgang landete schließlich beim Bundesverwaltungsgericht, der in der Sache gegen Anastasia entschied. Das Urteil, das direkt den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entsprungen scheint, wurde jetzt veröffentlicht.

Wir machen's nicht für Klicks

WE FIGHT FOR YOUR DIGITAL RIGHTS

Jetzt Spenden

Zu viel Queerness in der Matrix

Laut Gericht ist der „Werbetext […] geeignet, den falschen Eindruck zu erwecken, sie führe ein wahlloses Sexualleben oder strebe dies an“, heißt es dort zu Anastasia. Was die Frage aufwirft: Was ist denn ein wahlloses Sexualleben? Haben sie Angst, die langgediente Offizierin wird deswegen Opfer eines Romeo-Agenten? Oder, was ich für wahrscheinlicher halte, wird hier vor allem Anastasias Existenz verurteilt?

Ich habe in meinem Leben viele Dating-Profile gesehen – sowohl von Heten als auch von queeren Soldaten. Soldaten, die einen Uniformfetisch hatten und diese Uniform ist zufällig schwarz und hat Totenköpfe. Soldaten mit Phantasien in ihren Profilen, bei denen ich mich angewidert abgewendet habe. Ich habe Tätowierungen auf diesen Profilen gesehen, bei denen ich mich gefragt habe, wieso Menschen mit diesen Tätowierungen noch Soldat sind. Die Dienstgrade reichten dabei bis zum Offizier. Einige stellten sich für Gangbangs zur Verfügung, andere wollten an welchen teilnehmen.

Was ist der Unterschied zu Anastasia, die auf einer Plattform nach Sexualpartner:innen gesucht hat? Ich glaube, der Unterschied liegt darin, dass Anastasia die Ordnung zu sehr gestört hat. Wenn männliche Soldaten solche Profile unterhalten und sich jemand beschwert, wird der Soldat zur Seite genommen und gebeten, dafür zu sorgen, dass es nicht so auffällt. Wenn eine queere Soldatin das tut, dann ist die Ordnung aber so stark gestört – das muss sanktioniert werden. Anastasia tut, was Millionen andere Menschen in Deutschland auch tun. Sie tut etwas völlig Normales.

Die heterosexuelle Matrix verträgt es nicht, wenn sie durch zu viel Queerness gestört wird. Da hilft es dann auch nicht mehr, das Radio einzuschalten. Da müssen schon Sanktionen her.

Wir überwachen die Überwacher

WE FIGHT FOR YOUR DIGITAL RIGHTS

Wir kämpfen jeden Tag für digitale Grund- und Freiheitsrechte. Durch deine Spende sind wir dabei unabhängig und nicht auf Werbung, Tracking, Paywall oder Clickbaiting angewiesen. Vielen Dank für Deine Unterstützung!

Mehr erfahren

Jetzt Spenden

6 Ergänzungen

  1. Der Artikel entstellt, insbesondere mit seinem Resumé im letzten Absatz dann doch aber die Fakten.

    Der letzte Absatz arbeitet heraus, dass Heten bei Seite genommen würden mit dem Effekt, dass diese ihr Verhalten anpassen; die „Ordnung“ also nicht weiter „stören“. (Wortwahl des Autors) Der gewünschte Effekt wird nur angedeutet aber ist doch gut erkennbar.

    Dabei ist der Tenor des Artikel jedoch die ganze Zeit, dass queere Soldaten und Soldatinnen benachteiligt werden, aufgrund einer Sonderbehandlung. Nö, passiert nicht, jeden falls nicht vom beabsichtigten Ergebnis her. In beiden Fällen ist das nämlich die Ordnung nicht weiter zu stören.

    Ob der Verweis angemessen gewesen ist, kann ich nicht beurteilen. Bekommen Heten in solchen Fällen auch Verweise oder werden sie wirklich nur inoffiziell Beiseite genommen? Ich weiß es nicht, aber vermute mal, dass es in beiden Kategorien beide Vorkommnisse gibt. Die Annahme, dass jeder einzelne Vorgesetze ein queerfeindliches Arschloch ist, ist wenig glaubhaft.

    Was jedoch Fakt ist, ist dass die Soldatin ihr Verhalten nicht anpassen wollte, obwohl es von Heten auch verlangt werden würde.

    Insofern, ja, der Artikel hat Hetenfeindlichkeit enthalten, aber den Queers genutzt, hat er dabei auch nicht.

  2. Geehrter Autor, der Beitrag gibt meines Erachtens nicht wieder, was das Gericht tatsächlich verhandelt und beschlossen hat. Das Urteil des BVerwG stellt klar, dass das Urteil des Truppendienstgerichts in der Sache richtig ist, weil die Soldatin eine höhere Stellung innehat und für 1000 Soldat:innen zuständig ist. Bei einer „normalen“ queeren Soldatin mit demselben Anzeigezexte auf Tinder hätte das BVerwG dies wohl nicht so gesehem (ich bin kein Jurist, aber so verstehe ich das Urteil) In diesem Zusammenhang stellt das Urteil nämlich auch klar, dass das Truppendienstgericht unzulässige Begründungen geliefert und unzulässige Schlüsse gezogen hat. Beispielsweise darf das Verhalten nicht als Rufschaden für die Bundeswehr herangezogen werden. Außerdem wurde klargestellt, dass die Soldatin sehr wohl Tinder nutzen darf und selbst das Sexualleben mit wechselnden Partnern und Partnerinnen egal ist. In ihrer Rolle darf sie das nur nicht zur Schau stellen, weil sie eben für 1000 Personen zuständig ist und ihre Integrität im Falle von Maßnahmen gegen Sexismus und Sexualisierung leiden würde. Di2 eigentliche Frage wäre also, werden queere Menschen in Spitzenpositionen mit anderen Maßtäben gemessen als nicht-queere Menschen?

    Aber ja, die Frage ist, wieso das Truppendienstgericht hier viel zu weit gegangen ist. Und das ist auch berechtigte Kritik. Dieser Kommentar vermischt dies jedoch alles und stempelt das Urteil des BVerwG als queerfeindlich ab. Dabei hat das Gericht viele der Fehler des Truppendienstgerichts genannt. Ich finde, dass dies klargestellt werden sollte.

  3. Nun, ich weiß nicht, wie alt der Autor ist, aber an dieser Stelle habe ich gestutzt: „Bei dem Wort Ordnung fällt mir immer wieder eine Stelle aus Günter Eichs Hörspiel-Zyklus Träume ein: ‚Ich schalte das Radio ein, ich will die genaue Zeit haben. Wo genaue Zeit ist, ist Ordnung. Wo Ordnung ist, gibt es keine Geheimnisse.‘ Nach der Ausstrahlung im Jahr 1951 gab es Forderungen, Günter Eich einzusperren. Sein Hörspiel hatte die Ordnung der Bundesrepublik gestört und diese Ordnung musste wiederhergestellt werden. Immerhin wurde nicht die Hinrichtung von Eich gefordert.“ – WIE hatte Eich die Ordnung gestört? Wieso also sollte er hingerichtet werden?

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge! Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.