DiskriminierungÄltere zahlen bei Tinder mehr

Die beliebte Dating-App erlaubt es, gegen Bezahlung mehr Likes zu verteilen. Doch nicht alle Kund:innen sind bei Tinder Plus gleich – wer über 30 Jahre alt ist, muss mitunter mehr zahlen, fand nun eine Studie heraus.

Tinder
Wer öfter matchen will, muss blechen: Tinder Plus und Tinder Gold bieten zahlenden Nutzer:innen unbegrenzte Likes. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Yogas Design

Tinder diskriminiert seine zahlende Kundschaft auf Grundlage ihres Alters. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Mozilla und Consumers International, die heute erscheint. Konkret geht es um Tinder Plus und Tinder Gold. Gegen eine Gebühr dürfen Nutzer:innen dieser Dienste unbegrenzt Likes verteilen und Swipes zurücknehmen. Doch wer über 30 Jahre alt ist, zahlt in einigen Ländern deutlich mehr. Teurer käme das Abo laut der Studie auch manchen Nutzer:innen, die nach gleichgeschlechtlichen Matches suchen.

Tinder ist Teil des globalen Konzerns Match Group, der auch die Datingdienste OkCupid, Hinge und PlentyOfFish betreibt. Weltweit hat allein Tinder 75 Millionen Nutzer:innen und sechs Millionen an zahlender Kundschaft. Gegenüber dieser verwendet die App eine nicht wirklich transparente Preisgestaltung – wer sich für Tinders Bezahlangebote registriert, muss zahlreiche persönliche Fragen über sich ergehen lassen. Erst dann verrät die App, wie viel die Zusatzleistung kostet. Nirgendwo werden User:innen darüber aufgeklärt, dass die Preise von ihren Antworten abhängen.

Die Preisdifferenzierung zwischen verschiedenen Kund:innen ist an sich nicht ungewöhnlich. Ein klassisches Beispiel dafür sind eigene Tarife für Jugendliche und Senior:innen, wie sie manche Kinos, Theater oder Reisegesellschaften anbieten. Doch das Tinder seine Preise nach nicht nachvollziehbaren Kriterien an Merkmale wie Alter und sexuelle Orientierung anpasst, sorgt seit Jahren für Kritik. Die australische Verbraucher:innengruppe Choice warf Tinder etwa 2020 rechtswidrige Diskriminierung vor.

Unter-Dreißigjährige zahlen deutlich weniger

Für die Studie meldeten sich 96 Mystery Shopper in sechs Ländern der Welt bei der Dating-App an: Neuseeland, die USA, die Niederlande, Südkorea, Indien und Brasilien. Die Teilnehmenden teilten sich dabei ausgewogen in Männer und Frauen, Hetero- und Homosexuelle und verschiedene Altersgruppen sowie in 70 Prozent Stadt- und 30 Prozent Landbewohner:innen. Die Studienautor:innen verweisen darauf, dass die Ergebnisse wegen der kleinen Anzahl an Teilnehmenden statistisch nicht signifikant sind, aber relevant für weitere, größere Untersuchungen seien.

Die Testpersonen bekamen von Tinder sehr unterschiedliche Preise vorgesetzt. Nutzer:innen in den Niederlanden sollten laut der Studie zwischen vier und 25 Euro für die gleichen Dienste zahlen. Wer zwischen 18 und 29 Jahren alt ist, bekam Tinders Bezahldienste in allen sechs untersuchten Staaten deutlich günstiger angeboten – in den Niederlanden machte der Unterschied durchschnittlich rund neun Euro aus. In den USA und den Niederlanden sollten Frauen im Schnitt mehr als Männer zahlen, anderswo fiel der Preisunterschied nach Geschlechtern umgekehrt aus.

Laut der Studie traten teils auch Preisunterschiede nach sexueller Orientierung zutage. Wer in den Niederlanden nach gleichgeschlechtlichen Matches suchte, sollte im Schnitt rund zehn Prozent mehr zahlen als jemand, der sich als heterosexuell identifiziert. Es sei jedoch „eine größere Stichprobe erforderlich, um die Signifikanz eines etwaigen Zusammenhangs zu ermitteln“, heißt es von den Studienautor:innen. (Queere und transsexuelle Profile waren nicht Teil der Studie.)

Welche Merkmale womöglich welche Preisunterschiede verursachen, lässt sich wegen der undurchsichtigen Preispolitik Tinders nicht genau bestimmen. In den deutschsprachigen Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt es dazu lediglich, die „Preisgestaltung hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Wir bieten häufig Sondertarife an, die je nach Region, Abonnement, Bundlegröße etc. variieren.“

Tinder räumt Preisunterschiede nach Alter ein

„Personalisierte Preisgestaltung ist nicht per se schädlich, wenn sie fair, verantwortungsvoll und transparent erfolgt“, sagt Ashley Boyd von der Mozilla-Stiftung. „Aber unsere Untersuchung zeigt, dass der Algorithmus von Tinder unfair, unverantwortlich und undurchsichtig ist.“ Intransparente Systeme wie das von Tinder seien auf dem Markt weit verbreitet. „Wir brauchen einen umfassenden Ansatz zur Reformierung dieser Systeme, von einem stärkeren Verbraucherschutz bis hin zu mehr Transparenz für Gesellschaft und Regierungen“, betont Boyd.

Tinder selbst weist die Studienergebnisse entschieden zurück. „Der Bericht von Consumers International ist höchst fehlerhaft und enthält völlig falsche und empörende Behauptungen“, schrieb eine Firmensprecherin auf Anfrage. „Tinder hat niemals die sexuelle Orientierung, die Geschlechtsidentität oder andere demografische Merkmale in seine Preisgestaltung einbezogen. Jegliche Berichterstattung oder Unterstellung, dass wir dies tun, ist offenkundig falsch und empörend.“

Zugleich räumte die Firma ein, zumindest bislang Preisunterschiede nach Alter getroffen zu haben. „Wie in den Ergebnissen der Match Group für Q4 2021 erläutert, haben wir uns entschieden, unsere altersabhängige Preispolitik aufzugeben, die unseren jüngeren Mitgliedern im Alter von 18 bis 28 Jahren ein günstigeres Abonnement bot“, schrieb die Sprecherin. „Wir haben die altersabhängige Preisgestaltung in den USA, Großbritannien, Brasilien und Australien bereits abgeschafft und werden diesen Prozess bis zum Ende des zweiten Quartals 2022 für die übrigen Märkte weltweit abschließen.“

Korrektur vom 8. Februar 2022: Die Angaben zu Preisunterschieden nach sexueller Orientierung wurden nachträglich angepasst, um deutlich zu machen, dass die diesbezüglichen Ergebnisse nicht statistisch signifikant sind. Auch im Untertitel wurden entsprechende Angaben korrigiert.

Mehr Zeit für kritische Berichterstattung

Ihr kennt es: Zum Jahresende stehen wir traditionell vor einer sehr großen Finanzierungslücke und auch wenn die Planung und Umsetzung unseres Spendenendspurts viel Spaß macht, bindet es doch sehr viele Ressourcen; Ressourcen, die an anderer Stelle für unsere wichtige Arbeit fehlen. Um Euch also weniger mit Spendenaufrufen auf die Nerven zu gehen und mehr Recherchen und Hintergründe bieten zu können, brauchen wir Eure regelmäßige Unterstützung.

Jährlich eine Stunde netzpolitik.org finanzieren

Das Jahr hat 8.760 Stunden. Das sind 8.760 Stunden freier Zugang zu kritischer Berichterstattung und wichtigen Fragestellungen rund um Internet, Gesellschaft und Politik bei netzpolitik.org.

Werde Teil unserer Unterstützungs-Community und finanziere jährlich eine von 8.760 Stunden netzpolitik.org oder eben fünf Minuten im Monat.

Jetzt spenden


Jetzt spenden

4 Ergänzungen

    1. Wer hat Lust GNU-Tinder für CLI zu programmieren? Profilbilder werden dann ad hoc in ASCII Art umgewandelt, navigiert wird vim-like

  1. Ich hatte mal aus Spaß und weil ich zwei Sim-Karten hatte zwei Tinder-Profile angelegt. Eins in der App auf dem Telefon mit einer O2-Nummer, und eins im Browser mit einer Prepaid-Lidl-Connect-Nummer. Beide Profile hatten das gleiche Alter und waren auch sonst recht identisch.

    Bei der O2-Nummer in der App hätte der Premium-Tarif 30€ für einen Monat gekostet, bei Prepaid-Account im Browser waren es 8€.

    Tjo.

  2. Schöne personalisierte Welt. Vielleicht doch noch mal an der Vertragsfreiheit rütteln? Wegen „nicht blind vorwärtsgehen“ und so…

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge! Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.