Netzwerkanalyse So isoliert sind Kanäle von Coronaleugner:innen auf YouTube

Kanäle von Coronaleugner:innen sind in YouTube-Deutschland offenbar Außenseiter. Das zeigt eine Datenanalyse des YouTubers Fynn Kröger vom Kanal Ultralativ. Ein klarer Beleg für Echokammern ist das jedoch nicht.

Ausschnitt der Netzwerkanalyse von Fynn Kröger.
Das „Verschwörungslcuster“: Ausschnitt aus der Netzwerkanalyse von Ultarlativ Ende 2020. – Alle Rechte vorbehalten Fynn Kröger/ Ultralativ

Auf YouTube gibt es eine Parallelwelt, diesen Schluss zieht zumindest der YouTuber Fynn Kröger vom Kanal Ultralativ nach einer Datenanalyse. In seinem aktuellen Video hat er sich angeschaut, wie YouTube-Kanäle in Deutschland miteinander vernetzt sind. Kröger veröffentlicht seit Jahren kritische Videoessays über YouTube und die digitale Öffentlichkeit.

Dafür hat Kröger eine Netzwerkanalyse erstellt. Das ist eine gängige wissenschaftliche Methode, um die wechselseitigen Beziehungen zwischen Akteur:innen in sozialen Netzwerken sichtbar zu machen. In diesem Fall wird jeder untersuchte YouTube-Kanal durch einen Kreis dargestellt. Die Verbindungslinien zeigen an, wie die Kanäle durch Abonnements miteinander verknüpft sind.

Das Ergebnis: Während die anderen Kanäle der Untersuchung eher eng miteinander verbunden sind, bilden Kanäle von Coronaleugner:innen ein eher isoliertes Knäuel. Kröger nennt es in seinem Video das „Verschwörungscluster“.

Netzwerkanalyse mit rund 7.500 YouTube-Kanälen

Eine Vorschau der Netzwerkanalyse zeigt die wichtigsten Cluster: in Lila das "Verschwörungscluster", in Grün sonstige deutschsprachige YouTube-Kanäle, in Rot englischsprachige.
Eine Vorschau der Netzwerkanalyse zeigt die wichtigsten Cluster: rechts unten in Lila das „Verschwörungscluster“, in Grün sonstige deutschsprachige YouTube-Kanäle, in Rot englischsprachige. - Alle Rechte vorbehalten Fynn Kröger/ Ultralativ

Insgesamt zwei Mal hat Kröger die Analyse durchgeführt, einmal Ende 2020, einmal im August 2021. Die Ergebnisse ähneln sich stark. Eine hochaufgelöste Grafik der Netzwerkanalyse von 2020 gibt es hier.

Startpunkt waren 15 händisch ausgewählte Kanäle aus der deutschen Coronaleugner:innenszene. Dazu zählte Kröger nicht nur Kanäle von Personen, die das Virus selbst leugnen, sondern auch die Gefahren, die von ihm ausgehen. Er folgt damit der Definition von Verschwörungserzählungen, die beispielsweise auch Katharina Nocun und Pia Lamberty in ihrem 2020 erschienenen Buch „Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ besprechen.

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Dann hat Kröger alle YouTube-Kanäle ermittelt, die diese 15 ausgewählten Kanäle abonniert haben oder auf sie in ihrem Profil verweisen. Diese Daten lassen sich mit der offenen Programmierschnittstelle (API) von YouTube abgreifen. In einem zweiten Durchgang wiederholte er diesen Prozess für alle Kanäle aus der ersten Runde. Nachträglich aussortiert wurden Kleinstkanäle mit weniger als 1.000 Videoaufrufen. Am Ende kam Kröger so auf rund 7.500 Kanäle.

Mit diesen Daten hat Kröger dann die Software Gephi gefüttert, eine Anwendung zum Erstellen von Netzwerkanalysen. Die grafische Darstellung folgt dabei einem Modell aus der Physik: Kanäle, die miteinander verbunden sind, ziehen sich an, nicht verbundene Kanäle stoßen sich ab. Auf diese Weise entstehen Knäuel. An manchen Stellen auf der Karte sind die dargestellten Kanäle dicht beisammen, so dass sich Cluster herausbilden. Kreise aus demselben Cluster haben dieselbe Farbe. Je größer ein Kreis, desto mehr Verbindungen hat der Kanal zu anderen.

Mithilfe der Visualisierungssoftware lässt sich auch berechnen, wo die Grenzen zwischen Clustern verlaufen sollen – also ob mehrere Knäuel eher zu einem großen Cluster gehören oder zu mehreren kleinen. „Diese Methode ist besonders für soziale Netzwerke mit großer Knotenanzahl geeignet“, sagt Kröger.

Kein Nachweis einer Echokammer

Für Kröger zeigt die Datenanalyse: Menschen aus der verschwörungsideologischen Szene kämen nicht aus der Mitte der Gesellschaft, sondern seien Randfiguren. „Dieses Cluster ist das Paradebeispiel einer Echokammer, eines sozialen Raums, in dem die eigene Meinung nur gespiegelt, aber nicht herausgefordert wird“, sagt er in seinem Video. Zwar lasse die Analyse noch einige Fragen offen. Sie zeige jedoch, wie sehr konspirative Inhalte miteinander vernetzt seien – und wie wenig mit dem Rest.

Dem Datenwissenschaftler Josef Holnburger zufolge bestätigt Krögers Analyse, was auch Studien gezeigt haben: „Die verschwörungsideologische Szene sieht sich als eine Art Alternativpresse und verlinkt sich gerne gegenseitig im Sinne einer größeren Vernetzung gegen die vermeintlichen Verschwörer.“ Holnburger ist Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), das über Verschwörungsideologien und Desinformation aufklärt.

Dass die Netzwerkanalyse eine Echokammer belege, geht Holnburger als Schlussfolgerung jedoch zu weit. „Um das herauszufinden, müssten wir das Verhalten von Nutzer:innen betrachten, die diese verschwörungsideologischen Kanäle abonniert haben.“ Dafür bräuchte es andere Untersuchungen. Dass sich Menschen tatsächlich in Echokammern abschotten, sei bisher nicht eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen worden, wie Holnburger erklärt. Oft seien Menschen aus der verschwörungsideologischen Szene nicht nur in ihrer eigenen Bubble, sondern auch auf sogenannten Mainstream-Plattformen unterwegs, um dort ihre Verschwörungserzählungen zu verbreiten.

YouTube ist eine der relevantesten Plattformen der Szene

Querdenker:innen würden etwa immer wieder dazu auffordern, Videos auf YouTube hochzuladen, da die Plattform als weniger politisiert gelte als beispielsweise Telegram, wo sich ein Großteil der Verschwörerszene versammle. YouTube ist Holnburger zufolge immer noch eine der relevantesten Plattformen für die verschwörungsideologische Szene. Gefährlich werde es dann, wenn Verschwörungsideolog:innen auf YouTube Links teilen, die auf ihren Telegram-Kanal verweisen. Zahlreiche Recherchen haben bereits gezeigt, wie bestimmte Telegram-Kanäle und -Gruppen zur Radikalisierung beitragen.

Gegen Falschinformationen vor allem in Bezug auf die Corona-Pandemie hat die Google-Tochter bereits Maßnahmen ergriffen und Kanäle gelöscht, die mehrfach gegen die Richtlinien verstoßen haben. Unter anderem der Kanal des deutschen Verschwörungserzählers Ken Jebsen, „KenFM“, ist seit Januar dauerhaft gesperrt.

18 Ergänzungen

  1. Also ich bin etwas skeptisch ob die Ersteller der Karte sauber arbeiten.

    Habe zufällig dort den Kanal „Mythen Metzger“ gesehen (neben KEN FM auf ca. 2Uhr), welchen ich kenne und gerne schaue. Der hat mit Coronaleugnern oder Querdenkern absolut nichts zu tun !!

    Da geht es um Mystery..Gruselzeug usw. und hat weder was mit Corona oder Verschwörungen zu tun! Das ist lediglich Unterhaltung ^^

    Würde mich nicht wundern wenn da noch mehr Patzer sind. Evtl. könnt ihr die Ersteller mal befragen wie die dazu kommen. Das kann für einen youtuber schon rufschädigend sein, in einen Topf mit den Schwurblern geworfen zu werden.

    lg

    1. Dass in einigen Fällen auch nicht-konspirative Kanäle in dem dazugehörigen Cluster gelandet sind, liegt laut Fynn Kröger daran, dass „sie hauptsächlich von konspirativen Mitgliedern des Netzwerks abonniert waren und damit durch den Algorithmus in die Nähe dieses Clusters gerutscht sind.“ Er thematisiert dieses Phänomen auch in seinem YouTube-Video.

    2. Es sind keine Patzer, denn die Netzstruktur attributiert nicht „Coronaleugner/VTler“, sondern „Verbindung zu Coronaleugner/VTler“. Dabei sei angemerkt, dass YT-Channel sich nicht aussuchen können, wer sie abonniert. Übrigens: „AtillaHildmannTV“ steht dichter im grünen Mainstream-Bereich als „DW Deutsch“.

  2. Hallo,

    ist bei diesen Analysen in Betracht gezogen worden, dass auch eine sicher nicht unerhebliche Anzahl an Usern (generisches Maskulinum) die Kanäle regelmäßig nutzt und weiter empfliehlt, aber nicht abonniert?

    Gruß Igor

    1. Nein, dafür bräuchte es andere Untersuchungen. In dieser Analyse geht es nur um die Abonnements und Empfehlungen, die die YouTube-Kanäle selbst gemacht haben.

    2. User, User, User…

      nicht außer Acht gelassen werden sollte vielleicht, dass Youtube (eingeloggt) unter den anonymen Interaktions- und Informationsmöglichkeiten so ziemlich mit als letztes, kurz vor Facebook (eingeloggt) steht, während man hier vielleicht nicht von einem extrapolierbaren Guckmodell ausgehen kann? Könnte also sein, dass ähnlich der rechten Szene, einige sich exponieren, die anderen aber im anonymen konsummieren. Dann sind die Zahlen halbwegs witzlos, wenn man auch zugegeben so ohne weiteres nicht auf andere Weise an Daten herankommen kann.

      1. Wobei der Netzwerkeffekt bzgl. wer was zitiert schon auch interessant ist. Letzlich ist das dann zunächst eine nüchterne Aussage, die nicht den Anspruch hat, alles zu beschreiben und zu erklären.

  3. An sich nichts Neues. Erinnert sich hier jemand, wie die aufgezählten Medienquellen ihren ersten „Erfolg“ hatten?

    CN: Sensible Inhalte (Deutsche Anonymous Facebookseite)

    Damals mit dem Germanwings Absturz fing alles an.
    Die damalige deutsche Anonymous Seite, hatte einen heftigen Nutzeranstieg, als der GA-Absturz gewesen ist.
    Dort wurden die absurdesten Verschwörungstheorien verbeitet von „Giftige Gase im Cockpit, Germanwings will es vertuschen“ bishin zu haltlose Behauptungen das ein Flugzeugunger unter den Vorsussetzungen nicht zerschellen kann. Immer wieder wurde auf Quellen verwiesen wie Compact, KenFM usw. und befeuert wurde das alles leider dadurch, das auch „seriöse“ Medien auf den Zug aufgesprungen sind und Verschwörungstheorien nicht vehement widersprochen haben, sondern Klickzahlen für Medien wie Spiegel & Co. wichtiger waren als diese Masse an Verschwörungstheorien zu verhindern.

    Das hat für große Diskussion in den Kommentaren verschiedener Medienseiten | Anoymous-Seite auf Facebook gesorgt. Viele Menschen die relativ schnell versucht haben aufzuklären bishin zu Kritik auf den Medienseiten, wie verantwortungslos die mit sensiblen Themen umgehen.

    Zum Glück war für viele relativ schnell klar, das jemand die Seite „Anoynmous“ gekapert/aufgekauft hat, welche mit den Werten des Kollektivs nichts zutun haben und sich eingebildet haben, das es nicht aufliegt.

    Damit fing alles an….

  4. „In diesem Fenster soll ein YouTube-Video wiedergegeben werden. Hierbei fließen personenbezogene Daten von Dir an YouTube. Wir verhindern mit dem WordPress-Plugin „Embed Privacy“ einen Datenabfluss an YouTube solange, bis ein aktiver Klick auf diesen Hinweis erfolgt. Technisch gesehen wird das Video von YouTube erst nach dem Klick eingebunden. YouTube betrachtet Deinen Klick als Einwilligung, dass das Unternehmen auf dem von Dir verwendeten Endgerät Cookies setzt und andere Tracking-Technologien anwendet, die auch einer Analyse des Nutzungsverhaltens zu Marktforschungs- und Marketing-Zwecken dienen.“

    Na hübsch, ohne Java-Script bei euch passiert da nichts. Den Link könnt ihr doch auch direkt setzen, ohne das Video einzubinden.

    1. Kurz nach der Einführung der Skripte lobte ich NP.org für den besseren Datenschutz bei eingebetteten Inhalten, merkte jedoch an, dass ein zusätzlicher Link fehlt um anderweitig mit dem Inhalt interagieren zu können. Schade, dass die Kritik nicht angenommen wurde.

      Als (etwas umständlicher) Workaround für YouTube-Videos im Firefox-Browser:
      – Irgendwo auf der Seite rechtsklicken und „Untersuchen (Q)“ auswählen.
      – Es öffnen sich Entwicklerwerkzeuge. 1x auf das Pfeilsymbol ganz oben links vom Werkzeugfenster klicken. Danach auf das Video mit Datenschutzhinweis im Artikel klicken.
      – Nun wird man im Quelltext des Entwicklerwerkzeugs an die Stelle gescrollt, die mit dem Videoelement zu tun hat. Wenige Zeilen weiter steht in grau […]. Zeile öffnen und das aufploppende ebenfalls.
      – Hier steht nun der wichtige Linkteil im Text.

      var _oembed_31255e8b308af956fa7460f0954ff2ae = ‚{\“embed\“:\“<iframe title="Ich habe ganz YouTube Deutschland ausgewertet und analysiert" width="760" height="428" src="https:\\/\\/www.youtube-nocookie.com\\/embed\\/jXb-zSPjhPI?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen><\\/iframe>\“}‘;

      Davon wird nur der Teil zwischen \\/embed\\/ und dem nächsten Fragezeichen benötigt, also die wirre Zeichenfolge jXb-zSPjhPI. Das ist der „Videocode“, den man nur hinter der üblichen Adresse https://www.youtube.com/watch?v= einfügen muss (also vollständig https://www.youtube.com/watch?v=jXb-zSPjhPI).

      Eine Linksetzung seitens NP.org wäre Nutzerfreundlicher, aber ich hoffe das der Workaround dem Einen oder Anderen bis dahin hilft.

    1. In der Video-Beschreibung auf YT steht doch, was Sache ist: „Wie sieht YouTube Deutschland eigentlich aus? Wer ist mit wem vernetzt? Und welche Lager bilden sich dabei? Vor über 14 Monaten habe ich angefangen, diese Frage zu beantworten…“

  5. Also auf dieser Liste sind mir einige Namen aufgefallen, die absolut keine corona leugner sind. Die sind kritisch gegenüber der corona Maßnahmen und der dazugehörigen Politik. Was ein großer Unterschied ist!

  6. Nur weil ich ein YouTube vid anschaue, abonniere (und gegebenenfalls woanders „weiterempfehle“), bin ich ja niemand, dessen Meinung auch mir dem verbreiteten Inhalten übereinstimmt. Mehr noch, vielleicht bin gerade ich es absolut nicht und ich möchte nur wissen, welcher Dummfug dort mal wieder getrascht wird. Vielleicht um es zu widerlegen, vielleicht darüber zu lachen…oder irgendwas anderes……wäre zumindest eine Erklärung, warum User in die Nähe der theoretischen Verschwörer geraten.

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