Personalisierte Werbung finden die meisten Deutschen in Ordnung, nicht aber das Sammeln und Auswerten persönlicher Daten. Dass das eine vom anderen abhängt, ist vielen offensichtlich unklar – das ist eines der Ergebnisse der repräsentativen Studie „Künstliche Intelligenz online“ (PDF), die am heutigen Dienstag veröffentlicht wurde.
Wie stehen Menschen in Deutschland dazu, dass ihre Nutzungsdaten analysiert werden, um Websites an ihre Vorlieben anzupassen, zum Beispiel Suchergebnisse? Zu dieser Frage, so die Prämisse des Forschungsteams, gebe es bislang noch keine belastbaren Erhebungen – die aber notwendig seien, um Oberflächen im Internet so zu gestalten, dass Nutzer:innen selbst über ihre Privatsphäre bestimmen können.
Deshalb haben die vier Studienautor:innen vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und der Universität Bristol 1065 Deutsche zwischen 18 und 65 zu ihren Einstellungen zum Einsatz von Daten, Algorithmen und Personalisierung im Internet befragt. Eine der Erkenntnisse: Lediglich personalisierte politische Werbung lehnen die Befragten überwiegend ab (61 Prozent), kommerzielle zugeschnitte Werbung finden sie überwiegend in Ordnung (77 Prozent).
Die meisten verstehen nicht, was mit ihren Daten passiert
86 Prozent der Studienteilnehmenden wissen demzufolge „mehr oder weniger“, was der Begriff „Künstliche Intelligenz“ meint, aber nur knapp 60 Prozent können mit dem Wort „Computeralgorithmus“ etwas anfangen. Es überrascht also nicht, dass viele der Befragten offenbar auch keinen Zusammenhang herstellen können zwischen dem Sammeln von Daten und der Personalisierung von Werbung.
Der Grund dafür, dass die meisten Menschen diese Verknüpfung nicht hinbekommen, liegt in der intransparenten Gestaltung der Nutzungsoberflächen, sagt Studien-Co-Autor Philipp Lorenz-Spreen gegenüber netzpolitik.org. Um informierte Entscheidungen für den Umgang mit den eigenen Daten treffen zu können, müssten Nutzer:innen erst einmal verstehen, dass und wozu Machine Learning eingesetzt wird und was das mit der eigenen Privatsphäre zu tun hat.
Das sei den meisten Nutzenden nicht klar, weil die Gestalter:innen vieler Oberflächen – in der Studie „Environments“ genannt – keinen Wert darauf legten, dies transparent zu machen, kritisiert Lorenz-Spreen weiter. „Man muss sagen können: Diese Trade-Offs beim Schutz meiner Daten möchte ich machen, diese nicht. Dazu ist eine klare Kommunikation, was hier gegen was aufgewogen wird, nötig.“
Ein Signal an die Politik
Ein großer Teil der Menschen in Deutschland sorgt sich um den Schutz ihrer persönlichen Daten, 82 Prozent nämlich. Zudem stimmen 70 Prozent der Aussage zu, dass die Nutzung von persönlichen Daten für Personalisierung nicht akzeptabel ist. Aber nur wenige – gut ein Drittel – nutzen zumindest ein Privatsphäre-Tool wie einen Adblocker. Diese Diskrepanz, erklären die Studienautor:innen die Ergebnisse, komme durch intransparentes Design zustande. Ihr entgegenwirken könnte etwa unkompliziertere Privatsphäre-Einstellungen.
Lorenz-Spreen warnt davor, Endverbraucher:innen allein die Verantwortung für den Schutz ihrer Daten zu geben: „Was wir brauchen, sind informative, transparente Environments – und das müssen die Unternehmen, die sie gestalten, in die Hand nehmen.“
Eine weitere Erkenntnis der Studie: Die Haltung zum Datenschutz hat nichts damit zu, welcher politischen Richtung sich eine befragte Person zuordnet. Pessimistisch interpretiert kann das heißen, dass noch keine der großen Parteien das Thema belegt und es in der Folge wenig diskutiert wird. Optimistischer kann man daraus aber auch schlussfolgern, dass das Thema die Gesellschaft über alle Lager hinweg verbindet, anstatt zu polarisieren – eine gute Grundlage für eine konstruktive Debatte.
Deshalb hoffen Lorenz-Spreen und sein Team, mit den Ergebnissen der Studie ein politisches Signal zu senden. „Deutsche finden ihre Daten schützenswert. Das wird an unseren Ergebnissen sehr deutlich und diese Haltung der Bürger:innen sollte in eine öffentlichen Debatte überführt werden. Künftig brauchen wir dann Regulationen, die es jeder Einzelnen ermöglicht, den Umgang mit ihren Daten online selbst einzustellen.“
