Clickbait

Wenn Facebook deine Seite drosselt – und du nicht weißt warum

Facebook drosselt jetzt.de wegen angeblichem Clickbait. Doch auf Nachfrage bekommt der Ableger der Süddeutschen Zeitung nur Standardantworten. Jetzt kommt raus, dass verschiedene Medien von solchen Maßnahmen betroffen sind.

Köderfisch aus Plastik
Bait ist ein Köder. Clickbait sind Überschriften, die zum Klicken ködern sollen. (Symbolbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Thomas Chen

Facebook drosselt die Facebook-Seite des jetzt-Magazins, angeblich wegen Clickbaiting. Doch Clickbaiting ist den beanstandeten Artikeln nicht wirklich nachzuweisen: Einer beschreibt Proteste gegen eine Fast-Food-Kette, der andere setzte sich kritisch mit dem neuen Facebook-Logo auseinander.

Eine Drosselung der Facebook-Seite hat zur Folge, dass die Seite zwar weiterhin bespielbar ist, jedoch kaum noch Leute im sozialen Netzwerk erreicht. Ursprünglich war die Idee der Clickbait-Drossel eine gute Idee, die Inhalte ausbremsen sollte, die mit sensationsheischenden Überschriften Klicks generieren sollen. Doch schon die Einführung warf zahlreiche Fragen auf, die jetzt wieder auftauchen.

In einem Beitrag zum Fall fragt jetzt.de :

Nach welchen Kriterien entscheidet Facebook, was es als Clickbait einstuft? Passiert das automatisch, oder sind dafür Menschen verantwortlich? Und warum schränkt Facebook ausgerechnet die Reichweite eines Beitrags ein, der sich kritisch mit Facebook auseinandersetzt?

Diese Meldung erhielt jetzt.de von Facebook.

Auf Nachfrage und Einspruch schickt Facebook jetzt.de eine Standardantwort, welche Inhalte aus einem Presse-Statement aus dem Jahr 2017 enthält. Zum konkreten Fall äußert sich Facebook nicht, dafür heißt es:

„Überprüfung abgeschlossen: Du hast wiederholt Clickbait gepostet“, schreibt das Unternehmen. Die Drosselung bleibt bestehen. „Du musst nichts weiter tun.“

Auch andere Medienmacher, etwa Daniel Drepper von Buzzfeed, erzählen davon, dass sie von Facebook gedrosselt wurden. Auch die Krautreporter erwischte die Facebook-Drossel:

Es ging um zwei Überschriften. Die erste: „Viele Kommunen haben ein Geldproblem – diese Bürgermeisterin hat es gelöst“ Und die zweite: „Noch nie war es so einfach, sich ein gutes Gewissen zu kaufen“

Dem Social Media Watchblog, bei dem auch Simon Hurz von der SZ mitwirkt, sind insgesamt sechs Redaktionen bekannt, denen Ähnliches widerfuhr. Gleich ist allen Redaktionen, dass sie nicht informiert werden, was an ihren Überschriften falsch war und was genau die Drossel auslöste. Für ein Unternehmen, das weltweit 2,5 Milliarden Nutzer:innen hat und über dessen Infrastruktur ein großer Teil der weltweiten Kommunikation läuft, ist das zu intransparent. Wie sollen Redaktionen wissen, wie sie es richtig machen?

Die Facebook-Klemme

Viele Medien stecken in der Klemme. Facebook-Seiten bringen trotz der sowieso künstlichen Verknappung in den Newsfeeds der Abonnenten immer noch viele Menschen auf die eigenen Seiten. Matthias Eberl schreibt in seinem Blog Rufposten.de, dass sich Medien wegen dieser und vieler anderer Dinge von Facebook trennen müssten.

Das ist richtig, aber nicht alle Medien können sich wie netzpolitik.org über einen riesigen Leser:innen-Stamm freuen, der die Seite per RSS abonniert hat oder als Startseiten-Besucher regelmäßig wieder kommt. Bei netzpolitik.org machen Seitenaufrufe, die über Facebook kommen, nur einen einstelligen Prozentwert aus. Eine Drosselung würde netzpolitik.org wenig Seitenaufrufe kosten.

Wer sonst als Medium bei Facebook ist, muss deswegen schauen, wie er seine Leser:innen auf andere Kanäle bringt: Newsletter, RSS, eigene Apps, Messenger, Telegram-Kanäle – das alles kann dazu dienen, sich von der Blackbox Facebook zu emanzipieren und nicht willkürlichen Entscheidungen wie denen im Fall jetzt.de ausgeliefert zu sein. Doch dieser Wechsel ist nicht einfach, wenn man nicht eine technisch-affine und Facebook-kritische Leserschaft hat.

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5 Ergänzungen
  1. > Auch die Krautreporter erwischte die Facebook-Drossel:
    >> Es ging um zwei Überschriften. Die erste: „Viele Kommunen haben ein
    >> Geldproblem – diese Bürgermeisterin hat es gelöst“ Und die zweite: „Noch
    >> nie war es so einfach, sich ein gutes Gewissen zu kaufen“
    Beide Überschriften sind IMHO ziemlich offensichtlich Click-Bait – ähnlich wie ein Cliffhanger im Film enthalten sie eine wesentliche Information vor, die man problemlos hätte unterbringen können.

    > Viele Medien stecken in der Klemme. Facebook-Seiten bringen trotz der sowieso
    > künstlichen Verknappung in den Newsfeeds der Abonnenten immer noch viele
    > Menschen auf die eigenen Seiten.
    Und wer hat sie in diese Klemme manövriert? Ich fühle mich hier sehr an die Diskussion über die „Kostenlos-Kultur im Internet“ erinnert: Ohne Not nutzen also Redaktionen eine private Plattform zu Werbezwecken. Durch die Gewöhnung (und Naivität) der Nutzer gewinnt diese Plattform an Bedeutung und spätestens jetzt wäre ein kalter Entzug nötig, wird aber nicht gemacht. Also bleibt man abhängig.

    > Das ist richtig, aber nicht alle Medien können sich wie netzpolitik.org über
    > einen riesigen Lesern-Stamm freuen, der die Seite per RSS abonniert hat
    Ich habe jetzt mal spaßenshalber bei jetzt.de geschaut. Da gibt es die üblichen asozialen Hetzwerke – alle großen sind dabei. Aber ich finde keinen RSS-Feed. Nichtmal einen brauchbaren Newsticker gibt es.

  2. Die Großen medien könnten ja mal damit anfangen mehr über Alternativen zu Facebook und Google zu berichten und die Verwendung eben dieser den Lesern zu empfehlen. Irgendwie habe ich da das Gefühl das die Verlage da manchmal wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen und deswegen kaum wissen wie Sie damit umgehen sollen.

    z.B. fände ich es toll wenn mal eine große Zeitung Artikel zu Telegramm als Facebook Alternative bringt, oder Yacy als Google Alternative usw. Das könnte schon helfen viele Nutzer zum Wechsel zu bewegen und dürfte somit dann auch langfristig den Verlagen helfen wieder mehr Reichweite zu erhalten.

  3. Da deckt sich meine Meinung mit der von Henry.

    Anscheinend wissen manche Leute nicht, wann etwas Clickbait ist und wann nicht, anders kann ich mir die „Empörung“ nicht erklären. Und es nervt mich, dass die konventionellen Redaktionen auf den Zug aufspringen und Ihre Arkitel eben genau so vormulieren und alltägliche Dinge zur Sensation aufblasen.
    Analysieren wir doch mal den Titel: „Noch nie war es so einfach, sich ein gutes Gewissen zu kaufen“. WAS SOLL MIR DAS SAGEN? Man kann kein Gewissen kaufen. Und wenn doch, woher will die Redaktion wissen, dass es NIE einfacher war? Es ist eine persönliche Empfindung! Der Titel ist einfach nichtsaussagend, unlogisch und soll den Leser neugierig machen = Clickbait.

  4. Schön langsam glaube ich, dass gewisse Medien wie SZ , FAZ usw
    ….mehr Daten analysieren bzw gleichviel treiben wie die Grossen.
    Wohl wenig gelernt aus den Snowden Leaks !?
    Die NSA als Böse hinstellen aber dann das gleiche machen.
    Angeblich dient ja das Verbesserung der eigenen Services….
    Mh ….da schätze ich mal ist der Datenverkauf nicht erwähnt..
    Vermutlich wissen die nichtmal was im Hintergrund alles weggeht…

    wer bei jetzt.de und deren Partnersucheportal surft der hat Google und Freunde gleich informiert. Wie seriös das ist ! Der Datenschutz…….oh je oh jeh…
    https://zeitzuzweit.sueddeutsche.de/
    Mach mit da kommst bestimmt an einen Angelstellen /in
    der das macht wie es viele Börsen machten!

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