Was vom Tage übrig blieb

Algorithmenstaat, Beteiligungssysteme und Männerprobleme

Ein UN-Experte warnt vor „menschenrechtsfreie Zonen“ durch Softwareeinsatz in Sozialsystemen, die SPD nutzt ein umstrittenes Tool für ihre Mitgliederbefragung und Politikwissenschaftlerinnen erklären toxische Maskulinität. Die besten Reste des Tages.

Fersehturm
Pünktlich zum Feierabend reißt der Himmel auf! Wenigstens eine gute Nachricht.

‘Digital welfare state’: Big Tech allowed to target and surveil the poor, UN warns (The Guardian)
Automatisierte Systeme in der Verwaltung des Sozialstaates könnten bald zu eine „menschenrechtsfreien Zone“ führen, warnt Philip Alston. Der UN-Sonderberichterstatter stellt am Freitag seinen 20-seitigen Bericht zum „Digitaler Wohlfahrtsstaat“ vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York vor. Alston betont, Algorithmen und maschinelles Lernen böten die Möglichkeit zu drastischen Verbesserungen für die Lebenschancen benachteiligter Gruppen, doch der Einsatz von automatisierten Systemen zur Kostenersparnis und Effizienzsteigerung könne die Vorteile rasch ins Gegenteil verkehren. Eine deutschsprachige Analyse des Berichts bietet AlgorithmWatch auf seiner Seite.

Chaos Computer Club warnt vor Online-Voting der SPD (Spiegel Online)
Sie lernen einfach nicht: Die SPD setzt für ihre Mitgliederbeteiligung ausgerechnet auf Software der umstrittenen spanischen Firma Scytl, die zuletzt in der Schweiz in der Kritik standen. Beim Einsatz während der Europawahl im Mai gab es in Spanien laut Bericht von „Republik“ sogar Systemausfälle. Der Ex-Pirat und Ex-Sozialdemokrat Christopher Lauer rät der SPD nun, völlig auf elektronische Systeme zu verzichten und stattdessen eine Briefwahl durchzuführen. Die SPD hält sich ob der Kritik erstmal bedeckt. Schließlich könne ja bei keinem Wahlgang „100-prozentige Sicherheit“ garantiert werden, sagte eine SPD-Quelle, die sich nicht namentlich zitieren lassen wollte, dem Spiegel. Na dann.

Rechter Terror: Sind Männer das Problem? (ze.tt)
Toronto, Christchurch, Halle: Die Täter hinter den Anschlägen sind stets junge Männer, durchtränkt von einem toxischen ideologischen Mix aus Antisemitismus, Rassismus und Frauenhass. Zett hat die Politikwissenschaftlerinnen Judith Götz und Eike Sanders gefragt, wie patriarchale Strukturen und bestimmte toxische Vorstellungen von Männlichkeit mit dem rechtsextremen Terror zusammenhängen, der uns jetzt als „neuer Typus“ verkauft wird. Eine andere Perspektive auf den Anschlag von Halle, der der Puzzle vollständiger macht.

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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