Wahlmanipulation und Falschmeldungen: Facebook rückt versprochene Forschungsdaten nicht raus

Um den Einfluss von Facebook auf Wahlen und Demokratien zu untersuchen, hatte das Unternehmen angekündigt, seine Datensätze für unabhängige Forscher:innen freizugeben. Bisher kam der Konzern diesem Versprechen aber nur in minimaler Form nach. Die Leitung des Forschungsprojektes ist mit ihrer Geduld nun am Ende.

Treasure, Schatzkiste
Die Büchse der Pandora: Welche Konsequenzen die Analyse der Forscher:innen für Facebooks Geschäfte haben könnte, bleibt abzuwarten. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Mohammed Alqarni

Wie wirken sich Soziale Netzwerke auf die Demokratie aus? Um mehr über Wahlmanipulation und die Verbreitung von Falschmeldungen zu erfahren, hatte Facebook im April 2018 angekündigt, seine Datensätze für unabhängige Wissenschaftler:innen zu öffnen. Deren Geduld hängt mittlerweile am seidenen Faden. Denn sie warten nach wie vor auf die von Facebook versprochenen Daten. Auch grenzt der Konzern seine ursprünglichen Zusagen immer weiter ein.

Bereits bewilligte Forschungsprojekte hängen dadurch seit Monaten in der Schwebe und können nur schwer bis gar nicht durchgeführt werden. Das kostet Nerven, Zeit und Geld. Die Dachorganisation Social Science One, die das bislang einzigartige Projekt koordiniert und die beteiligten Stiftungen, die es finanzieren, wollen sich das nicht länger gefallen lassen: Liefert Facebook bis Ende September nicht ab, drohen sie sich aus dem Projekt zurückzuziehen.

Angst vor Pandoras Büchse

Eine interne Quelle gab gegenüber Buzzfeed News an, dass die Forscher:innen besonders über die „sinkende Qualität und Tiefe der Datensätze“ frustriert seien. Facebook gebe den Teams keine Auskunft darüber, wann sie Zugang zu den Daten bekommen würden. Die Quelle vermutet, dass Facebook die Daten zurückhält, weil den Verantwortlichen vor den Ergebnissen graut. „Ich denke, sie fürchten, damit die Büchse der Pandora zu öffnen.“

Facebook pocht weiter darauf, dem Projekt sehr gewillt gegenüber zu stehen. Die Verzögerungen ergeben sich laut dem Konzern aus komplexen regulatorischen und datenschutzrechtlichen Vorgaben, die Facebook bei der Datenübergabe sicherstellen müsse. Auch wenn sich Social Science One und die Stiftungen aus dem Projekt zurückziehen würden, wolle Facebook die Datensätze weiter zur Verfügung stellen.

Facebooks Absicht ist selten altruistisch

Die Sorge der Stiftungen und Forscher:innen kommt nicht von ungefähr. In der Vergangenheit arbeitete Facebook bereits mit anderen externen Organisationen zusammen, um gegen die Verbreitung von Falschmeldungen vorzugehen. Dabei zeigte sich der Konzern wenig vertrauenswürdig.

2016 gab Facebook lautstark bekannt, mit externen Faktenchecker:innen zusammenarbeiten zu wollen. Die engagierten Journalist:innen berichteten gegenüber dem Guardian, dass die Zusammenarbeit nur zu minimalen Ergebnissen geführt hätte und Facebook aussagekräftige Erkenntnisse ihrer Arbeit nicht veröffentlichte und zu diskreditieren versuchte. „Sie benutzten uns nur für ihre Krisen-PR“, sagte die Journalistin Brooke Binkowski gegenüber dem Guardian.

Mit 6,6 Millionen Euro finanzierte Facebook Anfang des Jahres die Einrichtung eines Ethik-Institut an der Technischen Universität München. Der irische Forscher und Journalist John Naughton sprach im Guardian von einem „Ethik-Theater“: Tech-Konzerne würden mit ihrem Engagement in der Forschung nur vorgeben, ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst zu nehmen. Wirkliche Konsequenzen für ihre Geschäftspraktiken entstehen dadurch nicht.

Im Juli stellte Facebook eine weitere groß angekündigte Transparenz-Initiative vor: die Ad-Library ist eine Bibliothek, in der Nutzer:innen bis zu sieben Jahre lang einsehen können, wer welche Werbung auf Facebook schaltet und wie viel Geld dafür geflossen ist. Journalist:innen und Forscher:innen sollten damit einen tieferer Zugang zu den vollständigen Datensätzen bekommen. Schnell stellte sich heraus. Die Datenbank weist so viele Bugs und technische Beschränkungen auf, dass sie von Forscher:innen kaum genutzt werden kann.

US-Wahlen stehen vor der Tür

Ob der Druck der Stiftungen gegen die Agenda von Facebook ankommt, bleibt bis zur Deadline abzuwarten. Würden die Stiftungen, darunter der Democracy Fund, die William and Flora Hewlett Foundation, die John S. and James L. Knight Foundation und das Omidyar Network, ihre Drohung wahr machen, würde das eventuell zukünftige Kooperationspartner:innen abschrecken, mit Facebook zusammenzuarbeiten.

Sollte der Konzern die Datensätze weiterhin zurückhalten, will Social Science Research Council die Projektleitung einstellen. Die Zuschüsse sollen aber trotzdem in vollem Umfang an die Forscher:innen ausgezahlt werden.

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