Google schränkt politische Diskussionen am Arbeitsplatz ein

In tausenden Mailinglisten und internen Foren tauschen sich Google-Mitarbeiter:innen über die aktuelle Firmenpolitik und Geschäftspraktiken aus. Damit soll jetzt Schluss sein: Google will weniger politische Diskussionen auf den eigenen Plattformen.

Google, Walkout
Für die Art und Weise, wie Google mit Vorwürfen sexueller Belästigung umging, gab es Kritik. 20.000 Google Mitarbeiter:innen schlossen sich den Protesten an. Alle Rechte vorbehalten Google Walkout for Real Change

Klare Ansage für Menschen, die bei Google arbeiten: Macht die Arbeit, für die ihr eingestellt wurdet, anstatt weiter über politische Dinge zu diskutieren. Laut neuen Unternehmenskultur-Richtlinien sollen Googles Mitarbeiter:innen nicht mehr über politische Themen und tagesaktuelle Nachrichten streiten. Dazu gibt es eine deutliche Warnung an mögliche Whistleblower:innen.

Keine politischen Diskussionen während der Arbeitszeit

„Während der Informations- und Ideenaustausch mit Kollegen wichtig ist, um eine Gemeinschaft aufzubauen, sind hitzige Diskussionen über Politik oder die neuesten Nachrichten dagegen störend“, heißt es in den Richtlinien. Die Hauptverantwortung der Angestellten sei es, die Arbeit zu tun, für die sie eingestellt wurden.

Mitarbeiter:innen stehe es weiterhin frei, „Bedenken zu äußern und Aktivitäten des Unternehmens respektvoll infrage zu stellen“. Interne Informationen weiterzugeben, ist aber untersagt. Verstoßen Mitarbeitende gegen eine der Regeln, kann es Konsequenzen geben: von der Löschung von Diskussionsforen bis hin zu Disziplinarmaßnahmen.

Die neuen Richtlinien verbieten es außerdem, Arbeitskolleg:innen, Geschäftspartner:innen oder öffentliche Personen zu „beleidigen, erniedrigen oder zu demütigen“. Gegenüber recode gab eine Sprecherin von Google an, dass die Regelung Politiker:innen wie Donald Trump einschließe.

In internen Foren und Mailinglisten formte sich Protest

Laut der Google-Sprecherin Jenn Kaiser reagiere Google „auf zunehmende Unhöflichkeit“, die sich im letzten Jahr auf den internen Plattformen herausgebildet habe. Dazu könnte auch der Fall James Damore zählen. Der Softwareentwickler war wegen eines Pamphletes gegen die Diversitätspolitik des Unternehmens gefeuert worden.

Google hatte bislang mit seiner offenen Unternehmenskultur geworben, die seine Mitarbeiter:innen dazu ermunterte, über kontroverse Themen zu diskutieren, sich über neue Produkte und politische Themen auszutauschen. Daraus hatten sich tausende belebte Foren und Mailinglisten innerhalb des Unternehmens entwickelt.

In der Vergangenheit hatten sich Google-Mitarbeiter:innen über solche Mailinglisten und Foren organisiert und Erfahrungsberichte veröffentlicht. Umstrittene Projekte wie die Mitarbeit an Kampfdrohnen des Pentagons (Project Maven) und der Entwicklung einer Suchmaschine für China (Project Dragonfly) wurden durch den Protest der Mitarbeiter:innen publik und daraufhin eingestellt.

Walkouts und virale Erfahrungsberichte

Im November 2018 streikten 20.000 Mitarbeiter:innen auf der ganzen Welt, um auf den problematischen Umgang Googles mit sexuellen Belästigungsvorwürfen aufmerksam zu machen. Weiter beklagten mehrere Googler, dass sie aufgrund ihrer politischen Gesinnung, ihres Engagements für die Walkouts oder aufgrund ihrer Herkunft im Arbeitsalltag abgestraft würden.

Diesen Monat hatte eine Google-Mitarbeiterin ihrer Verzweiflung über die diskriminierende Behandlung während ihrer Schwangerschaft Luft gemacht. In einer sechsseitigen Mail an alle Kolleg:innen dokumentierte sie ausführlich, wie ihre Vorgesetzten sie systematisch schikanierten. „Ich werde darüber nicht schweigen“, schreibt Chelsey Glasson. Auf der Spendenplattform GoFundMe sammelt sie nun Geld, um gegen den Konzern zu klagen.

Kritische Stimmen sollten wertgeschätzt werden

Werden kritische Diskussionen unterdrückt, könnte das dazu führen, dass mehr und mehr talentierte Tech-Mitarbeiter:innen die Firma verlassen.

„Junge Tech-Absolvent:innen suchen einen Sinn in ihrer Arbeit“, sagt Sarah Drinkwater, ehemalige Leiterin von Googles Start-Up-Hub in London, gegenüber der Financial Times. Ihnen seien die gesellschaftlichen Konsequenzen ihrer Arbeit ein Anliegen, so Drinkwater. „Positive Meinungsverschiedenheiten“ sollten von den Konzernen deswegen ermutigt statt verboten werden. Laut dem Bericht der Financial Times sind Tech-Riesen wie Google und Facebook für junge Absolvent:innen immer weniger attraktiv.

Es bleibt abzuwarten, ob Google auf „respektvoll geäußerte Bedenken“ genauso schnell reagiert wie auf medienwirksame Proteste. Beschwerden über Belästigungs- und Diskriminierungserfahrungen ernst zu nehmen, wäre ein Anfang.

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