Demokratie

Burggraben, Mauern, Zäune: Der Bundestag schottet sich ab

Sicherheitswahn ohne Sinn und Verstand: Vor dem Bundestag soll ein tiefer Graben gezogen werden. Er wird Politik und Bevölkerung noch weiter entfremden. Ein Kommentar.

Es entsteht unweigerlich der Eindruck, dass der Graben sich auch gegen Proteste der Bürger:innen richtet. Hier eine Protestaktion gegen das Sterben im Mittelmeer. Alle Rechte vorbehalten Nick Jaussi / Zentrum für politische Schönheit

Nach jedem Anschlag heißt es, dass wir unser Leben nicht ändern werden. Dass die Terroristen gewinnen würden, wenn wir etwas ändern. Und jedes Mal ändert sich irgendwo etwas. Unser Leben wird anders. Nun also: ein Burggraben vor dem Bundestag.

2,5 Meter tief und 10 Meter breit soll der Ha-Ha werden. Mit Lachen hat das nichts zu tun, so heißt die Schutzkonstruktion wirklich. Die Planer beteuern, dass man den Graben gar nicht sehen würde, dass er die Sicht sogar verschönere. Doch um Sichtachsen und Ästhetik geht es hier nicht.

Denn der Graben und seine leidlich versteckte 2,5 Meter hohe Mauer senden ein fatales Signal: Das Parlament igelt sich ein. Die Politiker schotten sich ab. Die da oben haben Angst. Und zwar auch vor Bürger:innen, die mit diesem Graben ferngehalten werden.

Sieg der Angstgesellschaft

In Zeiten, in denen die Volksparteien an Vertrauen verlieren und Politikerverdrossenheit zum Rechtsruck führt, ist das Wasser auf den Mühlen all jener, die keine Gelegenheit auslassen, den Bundestag zu verunglimpfen und zu diffamieren.

Überhaupt überschattet das Thema Sicherheit mittlerweile alles. Selbst das Besucherzentrum soll eine eigene Schutz- und Sicherheitszone von sage und schreibe 50 Metern bekommen.

Dieser Graben ist ein Sieg der Angstgesellschaft, eine Kapitulation vor Terroristen und das Gegenteil von Bürgernähe.

17 Ergänzungen
    1. Ganz einfach. Weil das zu einfach wäre und es definitiv so aussehen würde als ob man sich verstecken wollte. Ein Graben ist Defätistischer. Man sieht ihn nicht, erst wenn man näher dran ist aber… man weiß das er da ist. Eigentlich wie mit der Überwachung. Jeder sollte wissen das es sie gibt, aber jeder glaubt ihn beträfe das nicht.

      Allerdings scheint mir dieser Artikel aus Absurdistan zu sein. Der 1. April ist doch schon lange vorbei. Haben die das echt Echt vor? Ohweiha. Wählt sie ab bevor sie noch mehr Schaden anrichten!

  1. Ich habe mal vor Jahren (eher Jahrzehnten) den neuen Plenarsaal in Bonn mit einer Führung besucht. Besonders und nachhaltig beeindruckt hat mich, dass Abgeordnete und Besucher den gleichen Haupteingang genutzt haben, erst im Foyer trennten sich die Wege. Bei Wikipedia steht zu dem Gebäude (dort auch ein halbwegs geeignetes Foto vom Foyer):
    https://de.wikipedia.org/wiki/Bundeshaus_(Bonn)#Plenarsaal,_Foyer_und_Rheinlobby
    > Das Gebäude sollte dem Geiste der Bundesrepublik folgend Transparenz, Bürgernähe und
    > Bescheidenheit ausdrücken: Alle Bereiche des Glas- und Stahlgebäudes sind einsehbar, es gibt
    > keine einzige durchgehende Wand.

    1. So etwas ähnliches hat man uns auch vom Reichstag vor ca. 14 Jahren erzählt. Glas, Transparenz etc. da konnte man auch noch auf der Mauer vor dem Bundestag sitzen. Jetzt ist ja schon alles eingezäunt. Schade!

  2. Solche angeblichen Sicherheitsmaßnahmen sind lediglich ein Gradmesser für verfehlte Politik und fehlende Volksnähe.
    Je schlechter die Politik, desto größer das (vermeintliche) Sicherheitsbedürfnis der Politik und desto massiver eben solche Abschottungsmaßnahmen vor dem Volk.

    Was für Blüten das treibt, zeigt sich am Beispiel des US-Generalkosulates in Hamburg, ‚Am ‚Alsterufer 27/28‘. Über die Jahre wurde hier der Sicherheitsradius schrittweise vergrüßert. Mittlerweile bis auf die gegenübeliegende Straßenseite und den dort befindlichen Rad-/Fußgängerweg.
    Nicht mehr lang und das Konsulat bekommt eine Sperrzone direkt in der angrenzenden Alster.
    Ein Graben fällt hier wohl bloß wegen der nahen Alster und dem damit verbundenen Grundwasserspiegel aus ?!?

    Erinnerungsprotokoll:
    – Erst wurden in HH Zäune auf dem Konsulatsgelände gezogen. Mit der Zeit wurden diese erhöht, verstärkt und um Kameras und Stacheldraht erweitert.
    – Dann eine 24/7 besetzte Container-Polizeiwache vor dem Gelände stationiert.,
    – die um Straßensperren (Slalomfahrt) auschließlich vor dem Konsulats-Gebäude ergänzt wurden.
    – Die Durchfacht ist mittlerweile komplett gesperrt und der Zaun steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite, sodass der dort verlaufenden Fußweg einen 4×90°-Bogen drum herum macht, (Gut – gehen wir halt aussen drum herum).

  3. Die Kritik am Graben und der Mauer ist angebracht, die Begründung „Dieser Graben ist ein Sieg der Angstgesellschaft, eine Kapitulation vor Terroristen“ halte ich aber für wohlfeil. Dann müsste der Autor auch die Sicherheitskontrollen am Flughafen schlimm finden. Tut er aber wahrscheinlich aus Interesse am eigenen Wohl nicht.

    1. Am Flughafen spielt sich reines Sicherheitstheater ab. Der Autor ist sich dessen sicherlich bewusst. Um die Sicherheit geht es da nicht, alles was man für einen Anschlag braucht ist eine Warnweste und etwas Dreistheit – dann geht man außen herum direkt zum Flugzeug. Ich finde die Formulierung durchaus angebracht.

  4. Die eigentliche Frage ist ja, warum sich unsere Bundesregierung nur einen Graben des Typs „Ha-Ha“ leisten kann.
    Andere reiten da vor und können mit einem „Ho-Ho“ aufwarten, welches nicht nur tiefer ist, sondern darüber hinaus noch die zusätzliche Möglichkeit einer Bewohnung durch Bären gewährleistet.
    Was doch für „BÄRlin“ ganz schön und standesgemäß wäre.
    Aber hier wurde mal wieder am falschen ende gesparrt, man kann nur froh sein, dass das es nicht nur ein „Hi-Hi“ geworden ist.

    1. Aufgrund der Tierschutzbestimmungen, kann dort nur ein Alligator gehalten werden, im Innenraum. Man müsste das Gesamtsystem also simulieren, z.B. indem ein Roboter aus dem Graben zieht, was hineinfällt, und dann zu dem Alligator hinverbringt. Man könnte auch eine Glaswand einbauen, wegen der Transparenz.

  5. Ich dachte bisher, dass es sich bei den Grabengerüchten um Satire handele. Ich hoffe dies innerlich immer noch, doch sollte diese Aktion der realität entsprechen, so denke ich, dass die damiteinhergehende Abschottung nicht nur Ausdruck eienr Angstgesellschaft, sondern auch Symptom einer Politik ist, die nicht mehr bürger- sondern politikerorientiert ist.

    Nehmen wir einmal an Politiker, die im Bundestag sitzen seien Vertreter des Volkes, was nun nicht allzu weit hergeholt wäre, so müsste man davon ausgehen, dass jede Aktion des Bundestages Interessen des Volkes widerspiegelt. Nun frage ich mich wer eine Abschottung des Reichstages gefordert hat. Waren es die Arbeiter? Waren es die Akademiker? Waren es die Sozialarbeiter, oder waren es die 709 Politiker, die Aktuell im Bundestag sitzen? Wenn letzteres der Fall sein sollte hieße das, dass diese Entscheidung von 0,0008564% der Bevölkerung gefordert wurde und auch nur für jene dienlich ist. Ist das Demokratie?

  6. Der Bau des letzten Bonner Bundestages ist entstanden obwohl die Bedrohung der RAF für den Staat und seine Organe nicht beendet waren. Dieses Gebäude besteht aus Glas und Stahl und verkörpert wie kein zweites den Geist der „Bonner Republik“.
    Wikipedia schreibt dazu: „Das Gebäude sollte dem Geiste der Bundesrepublik folgend Transparenz, Bürgernähe und Bescheidenheit ausdrücken: Alle Bereiche des Glas- und Stahlgebäudes sind einsehbar, es gibt keine einzige durchgehende Wand.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bundeshaus_(Bonn))

    Das ist es was ich vermisse. Transparenz, Bürgernähe, Bescheidenheit – und jetzt auch noch „Burggräben und -mauern“ herzlich willkommen im Mittelalter

  7. Es kann nur besser werden.

    Ich war schon gelegentlich im Bereich Reichstag / Bundestagsgebäude, Kanzleramt. Diese Baracken des Besucherzentrums sind nicht gerade hübsch. Auch sonst sieht es rund ums Kanzleramt auch nicht gerade super aus. Die Schweizer Botschaft ist nicht gerade eine Augenweide. Eigentlich kann es nur schöner werden durch einen Graben.

    Es ist halt eine Angstgesellschaft. Im Sommer 2000 war ich mit ein paar Freunden in Berlin. Abends spontan zum Reichstag. An der Schlange angestellt, kurze Kontrolle und dann durfte man rauf auf die Kuppel. Am nächsten Tag konnte man sich auch spontan zu ner Führung anmelden, die direkt begonnen hat. Heutzutage muss man sich wochenlang vorher anmelden. Wird durchleuchtet. Und wenn man nach der Führung seinen grünen Besucherausweis nicht sofort an der Pforte abgibt, werden die Aufpasser schön nervös.

  8. Ist das wirklich wahr? Ein Graben vorm Bundestag? Plakativer kann es nicht sein!
    Das Volk getrennt von der Regierung … nicht durch Mauer, diesmal durch einen Graben …
    Da ich unter dem Foto gesehen habe, dass es es vom „Zentrum für politische Schönheit“ ist, halte ich das Ganze für einen Scherz- und glaube weiterhin an das Gute und Wahre und Schöne. Hoffentlich ist das nur ein Scherz!!!

  9. Was bringt ein Graben, wenn mann seitlich an das Gebäude ranfahren kann? Wer sich so etwas ausdenkt sollte sich mal überlegen wieviel gutes man, mit angeblich 150 Millionen € Kosten für den Graben, anfangen könnte. Ich glaube unsere Politiker sind nicht für uns Bürger sondern nur noch für sich da.

  10. Tja, wer andere Länder ausbeutet (Epas), das eigene Volk auspresst, zumindest diejenigen die nicht zu den „Besserverdienenden“ (obersten 10%) gehören, Waffen in alle Welt – einschließlich Spannungsgebiet liefert, trotz anderslautender Gestzeslage, Milizen in Lybien mitfinanziert, Flüchtlinge ertrinken lässt, Retter kriminalisiert, Kampfeinsätze unterstützt, Länder wie Griechenland in die Schuldknechtschaft zwingt, Steueroasen aufrechterhält, die Finazwirtschaft nicht reguliert, Transparenz verhindert, von den Banken keine Rückzahlungen nach der Finanzkrise fordert, den Klimawandel zugunsten der Energiekonzerne anheizt, keine Kritik an Amerikas Kriegen übt, gegen Russland hetzt, die Militarisierung fördert, der hat irgendwann Angst, dass irgendwas von dem Mist auf ihn zurückfallen könnte.
    Komisch aber auch.

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