Sachsens künftiger Ministerpräsident findet Menschen mit Piercing verdächtig (Update)

Piercings sind längst im Bundestag angekommen. Im Bild: Agniezka Brugger, Abgeordnete der Grünen. CC-BY-SA 3.0 Stefan Kaminski

Der designierte sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer fordert einen Ausbau der Videoüberwachung auf den Autobahnen in Grenzrichtung.


netzpolitik.org - ermöglicht durch Dich.

Laut „Bild“-Zeitung hat der CDU-Politiker auch klare Vorstellungen, nach welchen Verdachtsmustern mittels der Videoüberwachung Kriminalität erkannt werden soll: „Wenn ich da sehe, dass ein Gepiercter ein großes Auto fährt, dann ist das verdächtig und [man] kann ihn kontrollieren.“

Das Thema ist brisant, da es in mehreren Bundesländern Tests gibt, die Videoüberwachung mit Verhaltens-, Gesichts- und Mustererkennung erproben. Die Auswahl der als verdächtig eingestuften Muster kann zu Diskriminierungen führen. Während das Racial Profiling ein schon lange erforschtes Phänomen ist, macht Kretschmer mit dem „Jewellery Profiling“ ein neues Feld auf.

Update 1.11.2017:

Das Zitat von Michael Kretschmer ist so nicht gefallen, wurde von der „Bild“ verfälscht und von netzpolitik.org so übernommen. Wir haben allerdings bei der CDU Sachsen noch einmal nachgehakt und daraufhin ein Video der Rede zugeschickt bekommen. Demnach sagt Michael Kretschmer:

Wenn Sie auf der Autobahn nach Dresden fahren oder nach Berlin, dann steht da irgendwo an der Abfahrt ein Polizeifahrzeug mit einem Fernglas, guckt wie ist das Kennzeichen von dem Auto, guckt was ist das für eine Marke, der zweite Kollege gibt das durch ins Revier, der checkt das und fragt, ob das KfZ-Kennzeichen zu dem Auto passt, ob der Halter er sein könnte oder ob das irgendwie ein junger gepiercter Typ ist – und wenn die Dinge nicht miteinander zusammenpassen, dann wird der Kollege rausgewunken. Das dauert, das bindet Personalkraft, das ist absolut ineffizient. Wenn man dann sieht, dass es technische Lösungen gibt, die das vollkommen von alleine machen, innerhalb von Bruchteilen von Sekunden und wir es nur deshalb nicht machen, weil wir den rechtlichen Rahmen nicht haben, weil Leute sich hinter Datenschutz verstecken, das kann doch nicht sein.

Kretschmer fordert hier die – grundrechtlich höchst fragwürdige – Kombination aus Kennzeichenscanner mit automatischer Gesichtserkennung und nimmt den „jungen gepiercten Typ“ als Beispiel für eine Person, die nicht der richtige Halter sei. Das Vorurteil gegenüber Gepiercten wird durchaus transportiert, aber Kretschmer fordert keine generelle Kontrolle von Menschen mit Piercing, wie wir das auf Grundlage des Zitates in „Bild“ dargestellt hatten.

 

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
30 Kommentare
    1. Sobald direkter Kundenkontakt mit konservativen Auftraggebern erforderlich wird, bekommt der oder die MitarbeiterIn recht unmissverständlich mitgeteilt, dass Diversität, die man ablegen kann, doch bitte zu Hause bleiben soll.
      Tendenziell zeigen die Motivdomänen von übermäßigen schmückenden Körpermodifikationen aber in eine Richtung von Prävalenzen, die im Recruiting-Prozess halt überprüft werden muss, da man gerade in kontinuierlich belasteten Bereichen wie der HW und SW, weder Mitarbeiter mit selbstverletzenden Verhalten, Borderline-Problematiken oder Hang zu Depressionen gebrauchen kann.
      Die Alternative sind Diversity-Hires in befristete Verträge.

      1. Das ist genau das was Nationalismus und Inseldenken hervorruft. Selbstdarstellung wegen Auftragspotentia und mit klaren Worten Affen fürs Geld. Es ist nicht wichtig was man kann sondern wie man aussieht. Sicherlich gibt es Standards aber nur weil jemand ein piercing oder tattoo hat bedeutet es gar nichts. seit wann ist der Mensch 100% logisch. Es klingt toll was sie sagen aber das ist auch eine Art selbstverstümnelung. Die Gesellschaft ist wesentlich flacher als sie das mit logischen Schlüssen verknüpfen können.
        Ich als Informatiker warne Sie alle. Wenn wir nicht energisch unseren Datenschutz sogar ausweiten, eingeschlossen Handies, Windows, Google, Samsung apple!, dann verlieren wir uns und werden nur gelenkte Automaten. In manchen Situationen könnte das sogar gut sein aber keiner will das irgendjemand auf den Knopf drückt und unbewusst für den einzelnen beispielsweise die Regierung stellt.
        Vg
        Sail

  1. War das als Scherz gemeint? Falls nicht, finde ich die Polizei sollte vielleicht den Herrn Kretschmer mal bisschen näher unter die Lupe nehmen, nach solchen absurden und demokratiefeindlichen Äußerungen.

  2. Vielen Dank, meine lieben Sachsen. Sachlage geklärt. Rentnerparadies „Klein-Florida“, alles schön billig machen. adrettes Dienstpersonal aus Osteuropa, Maschendrahtzaun drumrum und gut ist.
    Wenn die sich nicht gleichzeitig auch noch dauernd beschweren würden, als Bürger zweiter Klasse zu gelten.

  3. Männer in dunklen Anzügen und weißen Hemden werden oft als Steuerhinterzieher auffällig. Das könnte man bei der anstehenden Videoüberwachung berücksichtigen.

  4. „Wenn ich da sehe, dass ein Gepiercter ein großes Auto fährt, dann ist das verdächtig und [man] kann ihn kontrollieren.“ Das ist vollkommen logisch. Auch, wenn man Nicht-Sachse ist. Nur Berliner können sowas nicht verstehen.

  5. Menschenen die häufig Parlamente frequentieren sind gabz offensichtlich automatisch verdächtig die Verfassung zu brechen. Wir sollten Ortung über die inzwischen leicht zuweisbaren Mobikfunkdaten mit der Video-Überwachung verbinden.

  6. Hm, und Brustpiercing? Muss man(n) und frau demnächst „oben ohne“ fahren?
    Genitalpiercing …, nee, das will ich mir jetzt nicht vorstellen.
    Was ist ein großes Auto, gibt’s da schon entsprechende Listen?
    Und hat schon jemand über den Bus- und Bahnverkehr nachgedacht?
    Ach ja, Kameras wie am Berlinet Südkreuz.
    Fußgänger sind auch problematisch.

  7. Machen wir uns nichts vor. Solche Leute sitzen überall in den Landesregierungen und in hohen Positionen in Ämtern und Behörden. Wir lassen sie häufig Jahrzehnte lang gewähren, während wir andererseits Menschen lynchen, die angeblich vor über 30 Jahren im besoffenen Zustand einen Jugendlichen auf ein Bett geworfen haben sollen.
    Die „kriminologische Erfahrung“ ist letzten Endes auch nichts weiter als eine Schablone über Menschen zu legen, die man in eine Schublade gestopft hat.

    Schlimm hingegen, dass solche Menschen an Prozessen beteiligt sind, die am Ende zu neuen Gesetzen führen. Viele Gesetze der letzten Jahren entstammen Einzelschicksalen oder „aus dem Bauch heraus“, aus einem Gefühl. Vor allem die letzten Modifikationen im Sexualstrafrecht, die Thomas Fischer mehrfach wunderbar kommentierte, dennoch leider unerhört blieb. Und so tragen wir alle den Schaden, der daraus entsteht.
    Freuen wir uns auf die kommenden 4 Jahre mit noch mehr Überwachung, noch mehr Kontrolle, noch mehr Datenspeicherung und weiteren Gesetzen, welche die Bürgerrechte einschränken. Die nächste Runde wurde bereits eingeläutet: https://heise.de/-3876177
    Und mal sehen, ob #metoo auch noch das ein oder andere Gesetzchen abwirft.

    Beim gemeinen Hartzi hat man die Erfahrung, was dieser alles über sich erdulden lässt, ohne dabei von der Öffentlichkeit wahrgenommen oder gehört zu werden, während er/sie als Betroffener unter der Kontroll- und Überwachungswut erstickt. Zeit, das auf alle auszuweiten…

    Liebe Damen, liebe Herren, ich bitte darum, künftig eine Armlänge Abstand zu mir zu halten. Ich bin ein Mann und möchte mich nicht irgendwann beschuldigen lassen. Obwohl, ich trage kein Piercing. Welch ein Glück.

  8. Interessanterweise sind Ohrpiercings, gerne mit Schmucksteinen oder Perlen, beim weiblichen Teil der gehobenen Buergerschaft seit Jahrzehnten ueblich.

    Aber natuerlich faehrt in konservativen Kreisen nicht die Dame, sondern der Herrenreiter.

  9. Ist doch immer wieder interessant… Die Bild Zeitung ist böse und unglaubwürdig… bis sie mal irgendwas erfindet dass einem selber gut in den Kram passt, dann wird es ungeprüft weiterverbreitet.

  10. Tja, wenn Springer mal die Wahrheit in die Richtung dreht, die einem passt… Immerhin mit Dementi allerdings zu einem Zeitpunkt im dem sich in den Kommentaren das Sachsenbashing überschlagen hat. Zur Ehrenrettung des Autors: Bin bestimmt oft genug selbst solchen Verdehungen auf den Leim gegangen und man liest ja „über den Tellerrand“ – nur zitieren aus solchen Quellen ist auch mit Angabe letzterer schwierig.
    Grüße aus Württemberg von einem dessen Familie aus aller Herren (Bundes-)Ländern stammt.

  11. Netzpolitik versteht sich als ‚journalistisches Angebot‘ und nutzt dann als einzige Quelle für eine Empörungsgeschichte ausgerechnet das größte Schmierblatt des ganzen Landes? Oh weia…

    1. Ja, ich hatte die „Bild“ als einzige Quelle. Das wird in Zukunft ohne zweite Quelle oder eigenes Rückfragen nicht mehr passieren, auch wenn es sich nur um einen „Linkschleuder“-Artikel handelt.

  12. Schwieriges Thema.
    Vorurteile bestärken geht schon mal gar nicht.
    Es gibt den Sachverhalt des Diebstahls von Fahrzeugen der „gehobenen Klasse“. Welcher Ansatz bleibt da, wenn nicht der, zu prüfen ob Fahrer und Fahrzeug auf Sicht passen.
    Auf der anderen Seite wird die Effizienz bzw. verbundene Aufwand dieser analogen Prozedur bemängelt und die Automatisierung dieses Verfahrens gewünscht.
    Was wiederum unter den Aspekten des Massenüberwachung ebenso nicht geht.
    Eine Zwickmühle infolge äußerer Merkmale von missverstandenem Wohlstand und dekadenten Ausdrucksweisen, welche ungelöst bleibt. Bis auf die Hardliner und deren Argumentationsketten pro Überwachung (organisierte Kriminalität, Schleuer bis Terror).

  13. Dieser Vergleich ist unfassbar. Hätte der Minister stattdessen den orientalisch aussehenden Moslem als Beispiel genommen, gäbe es keinen Aufschrei. ;)

  14. „Groß“?
    Der meint wohl teuer!
    Der Herr scheint „Statussymptome“ zu haben.
    Er will beneidet werden…
    Für ihn dürfte es auch ehrverletzend sein, wenn ein nicht vermögender Mensch behauptet dass er kein Interesse an einem „großen“ Auto hat.
    Er wird ihm unterstellen dass nur aus Selbstschutz zu behaupten…
    Wenn aber ein Mark ZUckerberg in normaler Kleidung zu Börsengangs-Gesprächen erscheint, kann man den nicht unterstellen er können es sich nicht leisten (im teuren Anzug zu kommen, „etwas darzustellen“ etc.).
    Weshalb diese Anzugäffchen wohl auch erbost in den Medien, den Zeitungen darüber wetterten.
    Die fühlten sich in der Ehre verletzt, weil Zuckerberg ihnen als einer von ihnen (Vermögen) gezeigt hat, dass es ihm nicht bedeutet, was die andere für wichtig halten, worauf sie ihr Ego aufbauen…

    Unabhängig davon, Ich kann zumindest nachvollziehen, dass bestimmte selbst gewählte Merkmale wie eben Piercings, Tattoos, Haare in mehr als einer Farbe und besonders unnatürlichen Farben (Pink…) etc. ganz klar ein klarer Hinweis auf „einfache“, „schlichte“ Menschen, Unterschicht bis Präkariat ist…
    Auch als armer Deutscher, Hartz4-Empfänger kann man „atypisch“ aussehen.
    Klar, es gibt das Beispiel Arno Dübel, aber eben auch Ralph Boes (Wir sind Boes googlen).

    Wir sollten nicht vergessen, wir sind in Deutschland.
    In Europa ist wohl nur Albanien schlechter was die Bildungschancen angeht…

    Ich glaube es warn neulich um 15% die sagen sie hätten wirklich Spaß an der Arbeit… Der Rest würde kündigen, wenn sie zu ein paar Mio kämen…
    Eltern, die nicht ALLES dafür tun dass ihre Kinder beste Abschlüsse erhalten, und sich ein Studiengebiet wählen, das sie wirklich interessiert, die sind einfach asozial.
    Egal wie „nett“ sie wirken, egal wie gut sie sonst zu den Kindern sind.
    Sie versauen das Leben, die Zukunft ihrer Kinder…
    Dazu bitte Amy Chua und „die mutter des erfolgs googlen“.

    P.S.:
    Ich fahre 2t mit 174PS und zuletzt €4,86/100km (und da war das Ziel nicht mal nahe der AB wie der Start)…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.