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Kommentar: Die Abkehr von freier und unabhängiger Software in München wäre falsch

Die Stadt München entscheidet am Mittwoch, ob sie den Einsatz freier Software rückgängig macht. Das würde nicht nur ein wichtiges Leuchtturmprojekt beenden, sondern die Effizienz der Verwaltung über Jahre reduzieren. Ein Gastkommentar.

Foto: CC0 1.0 Camilla Bundgaard

Dies ist ein Gastkommentar von Björn Schießle. Björn ist stellvertretender Koordinator des deutschen Teams der Free Software Foundation Europe.

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Bereits diesen Mittwoch soll die Entscheidung fallen: München will bis 2021 die Nutzung des GNU/Linux-Desktop-Clients „LiMux“ abbrechen und damit ein erfolgreiches Leuchtturmprojekt beenden. Doch der Reihe nach:

Im Jahr 2003 entschied München unter der damaligen Leitung von Oberbürgermeister Christian Ude, die Abhängigkeit von einem Softwareanbieter aufzubrechen. Stattdessen sollte auf herstellerunabhängige Lösungen, basierend auf freier Software und GNU/Linux, gesetzt werden. 2013 war die Migration abgeschlossen. Seitdem laufen 15.000 Arbeitsplätze mit GNU/Linux und der Bürolösung LibreOffice.

Bei der letzten Wahl 2014 trat Christian Ude nicht mehr an und neuer Oberbürgermeister wurde Dieter Reiter. Dieser war als Wirtschaftsreferent in die Entscheidung involviert, die dazu geführt hatte, dass Microsoft seine Deutschlandzentrale nach München verlegt. Seitdem werden immer wieder Gerüchte in die Welt gesetzt, welche die Mängel der LiMux-Lösung belegen sollen. So werden Verzögerungen bei der Bereitstellung des Diensthandys des Oberbürgermeisters und ein Ausfall der damals bereits in der Ablösung befindlichen Mail-Server mit Freier Software in Zusammenhang gebracht, obwohl beides nachweislich nichts mit LiMux zu tun hat.

Um die Situation der IT in der bayerischen Hauptstadt genauer zu untersuchen, wurde daraufhin das Unternehmen Accenture beauftragt, welches sich in München das Büro mit Microsoft teilt und gemeinsame Feiern veranstaltet. Trotz der Nähe zu Microsoft hat die Accenture-Studie ausdrücklich nicht empfohlen, die LiMux-Strategie zu beenden. Vielmehr standen die Probleme bei der Verwaltung im Vordergrund.

Halbherzig umgesetzte Zentralisierung als Problem

Die Studie zeigt, dass die Probleme aus einer nur halbherzig umgesetzten Zentralisierung der IT-Infrastruktur stammen. Etliche Referate wurden nicht angetastet und betreiben seit Jahren Blockadepolitik, was zu Problemen bei der Bereitstellung aktueller Software führt. Veraltete, unheitliche Software hat bei etlichen Nutzern zu großer Frustration geführt. Dies betrifft insbesondere den Windows-Client, der nun vollständig von Grund auf neu aufgebaut werden muss. Aber auch LiMux hatte mit diesen Problemen in der Verwaltungsstruktur zu kämpfen.

Das Ergebnis für die Nutzer war Frustration, auch bei den Mitarbeitern der städtischen IT-Betriebe. So hat die IT neben den administrativen Hürden auch mit personeller Unterbesetzung zu kämpfen. All dies hat auch Accenture festgestellt und vorgeschlagen, die administrative Struktur zu verbessern und punktuelle Updates bei LiMux möglichst schnell durchzuführen, damit die Mitarbeiter der Stadt bei ihrer Arbeit weniger Frustrationen ausgesetzt sind.

Neuer Oberbürgermeister holte Microsoft-Zentrale mit nach München

Warum Oberbürgermeister Dieter Reiter nun das Gegenteil der darin ausgesprochenen Empfehlungen unter striktem Fraktionszwang durch den Stadtrat peitschen will, weiß nur er. Wenn die Stadt sich einen externen Partner für die Verbesserungen wünscht, muss das trotzdem nicht zwingend Microsoft sein. Die notwendige Expertise kann auch bei zahlreichen regionalen IT-Dienstleistern gefunden werden, die zumindest bei freien Systemen die Möglichkeit haben, technische Verbesserungen herbeizuführen. Mit solch einer Entscheidung könnte dann unter Einsatz der bestehenden Systeme die örtliche IT-Wirtschaft gefördert werden – ohne dass hohe Kosten für eine Rückmigration zu unfreier Software anfallen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Stadträte die Situation unabhängig vom Oberbürgermeister bewerten und sich nicht auf eine „Hau-Ruck-Rückmigration“ einlassen. Die Bürger der Stadt München dürfen sich sonst auf ein paar Jahre mit deutlich reduzierter Verwaltungseffizienz einstellen, da auch viele gut eingespielte Verwaltungsprozesse zu den Opfern dieser Entscheidung gehören sollen. Wie in dem Zeitraum sinnvolle Anforderungsanalysen und Ausschreibungsverfahren durchgeführt werden sollen, steht ebenso in den Sternen wie die Frage der für die Landeshauptstadt München entstehenden Kosten.

Freie Software gibt Verwaltungen mehr Selbstbestimmung

Im Sinne der Bürgerinnen und Bürger muss freie Software weiterhin eine wichtige Rolle in der Verwaltung der Stadt München spielen. Die Stadt darf sich nicht wieder in die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter begeben, sondern muss die Kontrolle über die eigene Infrastruktur behalten. Dies gilt generell für die öffentliche Verwaltung, aber insbesondere für die Stadt München, die bereits einen großen Schritt in die richtige Richtung gegangen ist. Nun umzukehren wäre die falsche Entscheidung, denn freie Systeme, bei denen die städtische Verwaltung selbst bestimmt, was diese Systeme tun, sind eine Grundvoraussetzung für eine demokratische Gesellschaft in einer zunehmend technisierten Welt.

Unser Gastautor hat in seinem Blog eine Liste von kritischen Fragen zu der Entscheidungsfindung in München veröffentlicht.

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21 Kommentare
  1. Mhm … muss der Staat nicht generell den günstigsten Weg gehen?
    Augenscheinlich ja nicht, wenn flächendeckend Lizenzgebühren abgedrückt werden.
    Ist aus Tradition wohl so, aber ist das rechtens?

  2. Na ja, debian ist eine der ältesten, weitentwickelsten Distributionen, und da ist ’stable‘ auch nicht immer die aktuelleste Variante – manchmal auch um Jahre. Es geht darum eine Lösung zu bauen die verwendbar ist.

    Und tatsächlich sind Kommunen wie M einer der wenigen Orte, die so eine Entwicklung stemmen und lösen können. Wenn’s dort funktioniert, kann man die Lösung kleiner skalieren und an anderen Orten einsetzen.

    München investiert ja auch an anderen Orten (Energieversorgung, FTTH).

  3. Der Artikel heißt ja auch „Kommentar“, klar ist der von einer Position getrieben. Du bist allerdings auch nicht neutral oder mit besonderer Expertise versehen. LiMux basiert wohl auf Ubuntu. Sowas zu forken und mit eigenen Branding, Preinstalls und Update-Servern zu versehen ist nun wahrlich kein Großprojekt und für die Wartung von Tausenden Rechnern, Security etc. vielleicht sogar genau richtig.

    1. Es basiert auf Ubuntu. Kann man z. B. hier nachlesen:
      https://de.wikipedia.org/wiki/LiMux
      aus dem Wikipedia Artikel:
      Entwickler Stadt München
      Sprache(n) deutsch
      Aktuelle Version 5.0
      (November 2014)
      Abstammung GNU/Linux
      ↳ Debian GNU/Linux
      ↳ Ubuntu
      ↳ LiMux-Client[50]
      Kernel Monolithisch (Linux)
      Architekturen x86
      Lizenz Verschiedene Freie Software-Lizenzen

    2. Lieber Fin,
      Bitte halte dich mit deiner Wortwahl etwas zurück.
      Ich sage ja auch nicht das dein Windows oder Apple Rechner Kacke ist.
      Und es stimmt, Limux ist ein Ubuntu-System mit einem angepassten KDE-Desktop. Ubuntu ist eine der erfolgreichsten Linux-Distributionen und was Updates betrifft super. Besser als Microsoft welches seinen Patch-Day nur einmal im Monat hat.

      Womit du letztendlich arbeiten möchtest, musst du selbst entscheiden.
      Das kann Windows mit Word und allen Makroviren, Crypto-Trojaner und sonstigen Schädlingen sein oder ein Linux für die es diesen Müll eben nicht so verbreitet gibt.

      Ich für meinen Teil habe den Wechsel von Windows zu Linux Mint nicht bereut.
      In meinen Augen ist halt Windows 8 und Windows 8.1 einfach unbrauchbar gewesen und ein Windows 10 mit seinen integrierten Spy-Tools und integrierten Key-Locker reizt mich ehrlich gesagt nicht wirklich.

      Du kannst, wenn du möchtest Linux ausprobieren. Entweder über einen USB-STick, Virtuelle Maschine oder als zweit Installation am PC.
      Schau über deinen Tellerrand – es lohnt sich.

  4. Das wäre nicht nur falsch, das ist falsch! Warum? Weil es eine rein politische Entscheidung ist, weil wieder einmal alle Haushaltsregeln mißachtet werden, Budgetfragen wurden in keinster Form erörtert. Also: wir wollen wechseln – egal was es kostet….
    Mir ist zwar auch unklar, warum die ein eigenes Linux sprich Limux benötigen… es gibt durchaus einige von der Stange: fedora, suse, pclinuxos, arch…. aber auch hier werden gerne viele Leute beschäftigt – was sich unter Windows 10 auch nicht ändern wird.
    Warum deutsche Behörden (einschließlich Bundestag ) alle Sicherheitsbedenken bzgl. Windows in den Wind schlagen können entzieht sich meiner Kenntnis.

  5. Also es wird Kubuntu 12.04 LTS verwendet. und diese wird noch offiziell gewartet.
    Außerdem wurden 269 Packete gepatched oder sind backports. Was einigermaßen Übersichtlich ist.
    LibreOffice 4.1 wird verwendet, mit 300 Patches. Im Vortrag klingt es so als hätte diese die Statt München selber gefixt und Upstream bereit gestellt.

    Das mit 1000 Mitarbeitern als Service für 24 000 Pc Station. Ich finde das schon eine beeindruckende Leistung.

    Ich frage mich wo die Idee einer „eigene Distribution im Eigenbau“ mit dem Veralteten stand herkommt. Für mich klingt alles normal IT konservativ. Das Problem ist halt das jeder Fehler der zuhause noch verschmerzbar ist, im Betrieb nicht tolerabel ist. Und die IT sagt selbst das die IT Zynklen einfach sehr langsam sind. Und ich kenne das aus anderen Betrieben (auch mit Windows) nicht anders.
    In sofern bin ich etwas verwundert über die Aussagen.

    Beste Grüße
    Peter

    Quellen angaben:
    Vortrags PPD:
    https://annex.debconf.org//debconf-share/debconf15/slides/341-linux-in-the-city-of-munich-aka-limux.pdf
    Vortrag zum Theman auf Debian Conf:
    http://gensho.acc.umu.se/pub/debianmeetings/2015/debconf15/Linux_in_the_City_of_Munich_AKA_LiMux.webm

  6. LiMux in allen Ehren, das war ein hehres Vorhaben. Die Crux ist aber m.E., dass viele Fachanwendungen schlicht und einfach nicht für Linux verfügbar sind. Was sich natürlich auch nicht ändern wird, wenn nicht mehr Verwaltungen auf FOSS setzen, Henne und Ei halt.

    Auf der anderen Seite muss man auch klar sagen: Microsoft ist nicht umsonst der De-facto-Standard in den Büros weltweit. Und: Die Firma hat sich in den letzten Jahren enorm geöffnet und macht selbst aktiv bei vielen Open-Source-Projekten mit.

    Fazit: Limux hatte seine Berechtigung und hat einiges bewegt. Jetzt wird sich jeder bei der Stadt München freuen, der wieder mit Microsoft Office arbeiten darf.

    1. Doch, Microsoft ist umsonst der De-facto-Standard. Wenn die sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt hätten, würde ja keiner was sagen, es sieht halt nur so aus, als ob sie die Konkurrenz gar nicht erst zum Zuge kommen lassen.

  7. Münchner, macht euch in Zeiten von Trump, Spionage und Zöllen nicht noch mehr abhängig von Software aus dem Land, das eure Autos bald nicht mehr kaufen wird …

    Ihr solltet nicht immer über Euer Limux-Projekt diskutieren und es in Frage stellen, sondern weitere Mitstreiter ins Boot holen, um die Kosten auf mehrere Schultern zu verteilen. Die IT in Berlin z.B. ist völlig im Eimer, da werden Hunderte von Millionen investiert werden müssen. Geld, das man direkt im land behalten könnte.

  8. Die Verschwörungstheorien über die Standortwahl von Microsoft ohen Beweise sind nicht nachvollziehbar und hören sich aus dem Mund eines Lobbyisten an, als wenn Trump reden würde :-)
    Nun in Städten ohne Microsoft Hauptsitz laufen Linux-Projekte nicht rund:
    – in Berlin ist man im Auswärtigen Amt nach den Grünen wieder aus Linux ausgestiegen
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Auswaertiges-Amt-hat-sich-weitgehend-von-Linux-verabschiedet-2595478.html

    – in Berlin führte im Bundestag die fehlende Performance des LDAP-Servers dazu, dass man nach dem Umzug des Bundestages teuer Kernel-Hacker aus den USA ein fliegen musst (fehlende Lizenzkosten werden häufig mit Total Cost of Ownership verwechselt)
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Linux-Migration-im-Bundestag-Kommando-zurueck-beim-Anmeldedienst-108292.html

    – In Hannover ist man mit Linux ohne Microsoft-Hauptniederlassung auch nicht so richtig glücklich und die Polizei möchte aus dem Linux-only-Ding wieder raus. Alleine bei der Einführung von INPOL-neu mussten mehrere hunderttausende DM/€ ausgegeben werden, um ein Gateway zu bauen, weil Linux nicht kompatibel war (was zugegebenermaßen auch gemein war, dass die Entwickler unbedingt Internet-Explorer 6.0 mit Oracle-Plugin brauchten (nachdem die ersten 150 Mio DM weggeworfen wurden, weil das Lynx-Interface für die 9750-Siemens-BS2000-Terminals nicht reichte, um den nicht funktionierenden Java-Code auf den PCS auszugleichen :-) )
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Neustart-fuer-Polizei-Informationssystem-Inpol-Neu-82901.html
    https://de.wikipedia.org/wiki/Nivadis

    Bei diesen Problemen ist natürlich eine Verschwörungstheorie um Ansiedlungen hilfreich zum Trumpschen Ablenken :-)

    Nun gibt es auch andere Millionenstädte in Deutschland ohne Microsoft-Hauptniederlassung und Partys bei Accenture/Microsoft im Haus. Hamburg zum Beispiel. Die haben vor 10 Jahren beschlossen, den IT-Betrieb zu zentralisieren bei dataport: ESARI/30k hieß das Projekt (30.000 PCs). Das Projekt läuft, die Mitarbeiter arbeiten mit ihren PCs und es gibt keine hitzigen Diskussion und Verschwörungstheorien wie in München. Allerdings arbeiten die mit Microsoftprodukten. Aber die haben auch kein Oktoberfest. Nur die Reeperbahn.
    http://www.fit-oev.de/fileadmin/dokumente/AK_Publikationen/fitoev/20080611/06-Thuenemann.pdf

    Bleibt zum Schluss nur die Vermutung, dass der Aloysius, der Münchener im Himmel, immer noch im Hofbräuhaus sitzt und so eben die bayerische Landesregierung immer noch auf die göttlichen Ratschläge wartet. Halleluja! sog i.

  9. Der Einsatz von Linux anstatt MS in der Verwaltung muss dingend durchgesetzt werden ! Nur dadurch ist hinreichend gewährleistet, dass die Verwaltung weiterhin mit einer Effizienz die gegen 0 geht agiert ! Nur dadurch enstehen Arbeitsplätze für sonst unterbeschäftigte IT Nerds.. Nur so werden 1000 von Stunden an abstrus uneffektiven Verwaltungsmurks weiterhin aufrecht erhalten können. Nur so kann der Bürger weiterhin darauf bauen, dass er für jeden Murks persönlich auf den Amt vorstellig werden muss. Nur mit Linux kann der Frust der Verwaltungsmitarbeiterin weiterhin hoch genug gehalten werden, damit diese hinreichend schlecht gelaunt agieren können. Linux ist Teil der Vorsorgepflicht des Staates für sinnfreien Aktivismus.

  10. „LiMux am Ende? Gespräch von Autor Peter Welchering mit der Münchner Stadträtin Anne Hübner“
    http://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen/computermagazin/podcast-zusatz-b5-das-computermagazin-limux-interview-19022017_x-100.html
    Im BR hat Welchering die Münchener Stadträtin Anne Hübner interviewt. Die Dame macht hinsichtlich von IT einen kompetenten Eindruck. Sie hat betont, dass Accenture nicht den Ausstieg von Linux nicht im Gutachten empfohlen hat, sondern dass der Stadtrat ein einziges Client-OS wollte, um die Administration einfach und effizienter zu machen.
    Meines Wissens nach geht das in Hamburg mit 30.000 Windows-Clients wesentlich schmerzärmer als in dem Münchener Chaos.
    Wenn man die Dame aber ernst nimmt, dann sind das Predigen von Linux-Lobbyisten hier, die Hatespeech und Fakenews gegen den Münchener Bürgermeister (Korruptionsvorwurf ohne den Hauch eines Beweises) ein harter Angriff gegen die Demokratie in Deutschland. Der Trumpismus wächst offenbar auch hier.

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