Es ist eines der Themen, über das Wissenschaft und nun auch Gesellschaft schon seit Jahrzehnten diskutieren, forschen, streiten: Künstliche Intelligenz. Doch schon bei dem Begriff fängt es an. Sollte es nicht besser „entworfene Intelligenz“ heißen? Denn anders als Intelligenz beim Menschen ist ein „intelligentes“ Programm eines Computers absichtlich konstruiert und in einer bestimmten Form erstellt worden. Das ist einer der Vorschläge, der sich in einem ebenso stimulierenden wie kurzweiligen von John Brockman herausgegebenen Buch findet, das nun in Deutsch vorliegt: „Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?“
Künstliche Intelligenz (KI) war zunächst ein wissenschaftliches Forschungsfeld, das vor allem Computertechnologien untersuchen wollte, um Fähigkeiten des Menschen mit Software nachzuahmen: lernen, verstehen, handeln. Mehr als sechzig Jahre lang wird bereits daran geforscht. Der Literatur-Professor Thomas A. Bass schreibt in seinem Beitrag „Mehr Funk, mehr Soul, mehr Poesie und Kunst“:
Wir haben zahlreiche Probleme anzugehen und Lösungen zu finden. […] Wir brauchen mehr Künstler-Programmierer und künstlerisches Programmieren. Es ist Zeit, dass unsere Denkmaschinen aus einer Jugendzeit herauswachsen, die jetzt sechzig Jahre gedauert hat. (Thomas A. Bass, S. 552)

S.Fischer-Verlag.
Diese „Jugendzeit“ ist mit Sicherheit vorbei. Denn seit dem neuen Jahrtausend sind die früher meist nur akademischen Fragen für sehr viel mehr Menschen interessant geworden, schlicht weil sie mit KI im Alltag in Kontakt kommen. Sie helfen bei der Informationssuche, beim Navigieren und nun auch beim kreativen Kochen.
Am greifbarsten wird das in letzter Zeit durch das sogenannte Natural Language Processing (NLP), also die Verarbeitung der menschlichen Sprache durch Software. Natürlich „verstehen“ heutige Computer nicht das von Menschen Gesagte, also haben „nicht Derartiges wie eine Kompetenz auf Menschenniveau“ (Rodney Brooks, S. 152), aber sie können Gesprochenes sinnvoll verarbeiten, um beispielsweise Befehle auszuführen.
Brockman bietet mit dem Buch einen einmaligen und vielschichtigen Einblick in das Feld der KI, indem er als Herausgeber über einhundertachtzig Autoren zusammenholt, die alle nur denkbaren Seiten des Themas beleuchten. Er wirft die grundsätzliche Frage auf: Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten? Und die Autoren beantworten diese Frage auf sehr verschiedene Weise, jeweils in knappen Artikeln von nur zwei bis vier Seiten.
Einleitend fügte Brockman im Vorwort des Buches noch weitere Fragen hinzu:
Sollten wir nicht auch die Frage stellen, worüber Denkmaschinen nachdenken könnten? Werden sie Bürgerrechte wollen und erwarten? Werden sie Bewusstsein haben? Welche Art von Regierung würde eine KI für uns auswählen? Welche Art von Gesellschaft würden sie für sich selbst strukturieren wollen? Oder ist „ihre“ Gesellschaft „unsere“ Gesellschaft? Werden wir und die KIs einander in unsere jeweiligen Kreise der Empathie einschließen?
Schon diese kurze Fragenreihe macht klar, worum es Brockman in dem Buch geht: Es sind nicht nur die sich heute aufdrängenden Themen rund um entworfene Intelligenz, sondern auch weit in die Zukunft reichende.

Menschen als überholte und minderwertige Modelle?
John Brockman ist Literaturagent in den Vereinigten Staaten und vor allem als Veranstalter der Edge-Konferenzen bekannt. Er holt dort regelmäßig Wissenschaftler, Autoren und Künstler zusammen. Für die Wahl der Gäste und vor allem die Auswahl der Themen wird er als Visionär und Ideengeber geschätzt. Das nun mit viel Sorgfalt ins Deutsche übertragene Buch entstand nach einer der Edge-Konferenzen.

Viele der Beiträge des Buches beschäftigen sich mit den zukünftigen Möglichkeiten von „intelligenten“ Programmen und damit, in welchen Bereichen Software und Roboter den Menschen überflügeln können. Daraus resultieren für viele der Autoren existentielle Fragen:
Natürlich können Maschinen viel besser rechnen und Zahlen zermahlen als wir. Und bald schon werden sie alle ihre Turing-Tests mit Leichtigkeit bestehen. Aber wen kümmert es? Lassen wir sie unsere Routinearbeiten verrichten. Lassen wir sie abhängen und chatten. Aber wenn Maschinen viel besser malen und komponieren können als wir – wenn ihre Geschichten mitreißender sind als unsere –, dann wird man nicht mehr leugnen können, dass wir selbst einfach nur Denk- und Kunstmaschinen sind, und obendrein noch überholte und minderwertige Modelle. (Jonathan Gottschall, S. 226)
Für den Leser bleibt angesichts der vielen Denkanstöße, Anregungen und Ideen in dem Buch nichts weiter übrig, als selbst ins Nachdenken zu geraten über unsere Zukunft mit den Denkmaschinen.
Ein Fundus kluger Geister
Es muss für Brockman ein ausgesprochen aufwendiges Unterfangen gewesen sein, das Buch zusammenzustellen. Denn nicht nur sind zahlreiche und angesehene Wissenschaftler aus vielen Ländern dabei, sondern auch Schriftsteller, Künstler oder Vertreter aus der Wirtschaft. Wer sich über alle 186 Beiträger des Buches informieren möchte, der kann gern einen Blick in folgende Liste werfen. Die Autoren sind:
Pamela McCorduck, George Church, James J. O’Donnell, Carlo Rovelli, Nick Bostrom, Daniel C. Dennett, Donald Hoffman, Roger Schank, Mark Pagel, Frank Wilczek, Robert Provine, Susan Blackmore, Haim Harari, Andy Clark, William Poundstone, Peter Norvig, Rodney Brooks, Jonathan Gottschall, Arnold Trehub, Giulio Boccaletti, Michael Shermer, Chris DiBona, Aubrey De Grey, Juan Enriquez, Satyajit Das, Quentin Hardy, Clifford Pickover, Nicholas Humphrey, Ross Anderson, Paul Saffo, Eric J. Topol, M.D., Dylan Evans, Roger Highfield, Gordon Kane, Melanie Swan, Richard Nisbett, Lee Smolin, Scott Atran, Stanislas Dehaene, Stephen Kosslyn, Emanuel Derman, Richard Thaler, Alison Gopnik, Ernst Pöppel, Luca De Biase, Maraget Levi, Terrence Sejnowski, Thomas Metzinger, D.A. Wallach, Leo Chalupa, Bruce Sterling, Kevin Kelly, Martin Seligman, Keith Devlin, S. Abbas Raza, Neil Gershenfeld, Daniel Everett, Douglas Coupland, Joshua Bongard, Ziyad Marar, Thomas Bass, Frank Tipler, Mario Livio, Marti Hearst, Randolph Nesse, Alex (Sandy) Pentland, Samuel Arbesman, Gerald Smallberg, John Mather, Ursula Martin, Kurt Gray, Gerd Gigerenzer, Kevin Slavin, Nicholas Carr, Timo Hannay, Kai Krause, Alun Anderson, Seth Lloyd, Mary Catherine Bateson, Steve Fuller, Virginia Heffernan, Barbara Strauch, Sean Carroll, Sheizaf Rafaeli, Edward Slingerland, Nicholas Christakis, Joichi Ito, David Christian, George Dyson, Paul Davies, Douglas Rushkoff, Tim O’Reilly, Irene Pepperberg, Helen Fisher, Stuart A. Kauffman, Stuart Russell, Tomaso Poggio, Robert Sapolsky, Maria Popova, Martin Rees, Lawrence M. Krauss, Jessica Tracy & Kristin Laurin, Roy Baumeister, Paul Dolan, Kate Jefferey, June Gruber & Raul Saucedo, Bruce Schneier, Rebecca MacKinnon, Antony Garrett Lisi, Thomas Dietterich, John Markoff, Matthew Lieberman, Dimitar Sasselov, Michael Vassar, Gregory Paul, Hans Ulrich Obrist, Andrian Kreye, Andrés Roemer, N.J. Enfield, Rolf Dobelli, Nina Jablonski, Marcelo Gleiser, Gary Klein, Tor Nørretranders, David Gelernter, Cesar Hidalgo, Gary Marcus, Sam Harris, Molly Crockett, Abigail Marsh, Alexander Wissner-Gross, Koo Jeong‑A, Sarah Demers, Richard Foreman, Julia Clarke, Georg Diez, Jaan Tallinn, Michael McCullough, Hans Halvorson, Kevin Hand, Christine Finn, Tom Griffiths, Dirk Helbing, Brian Knutson, John Tooby, Maximilian Schich, Athena Vouloumanos, Brian Christian, Timothy Taylor, Bruce Parker, Benjamin Bergen, Laurence Smith, Ian Bogost, W. Tecumseh Fitch, Michael Norton, Scott Draves, Gregory Benford, Chris Anderson, Matthew Ritchie, Raphael Bousso, Christopher Chabris, James Croak, Beatrice Golomb, Moshe Hoffman, John Naughton, Matt Ridley, Eduardo Salcedo-Albaran, Eldar Shafir, Maria Spiropulu, Noga Arikha, Rory Sutherland, Tania Lombrozo, Bart Kosko, Joscha Bach, Esther Dyson, Anthony Aguirre, Steve Omohundro, Murray Shanahan, Eliezer Yudkowsky, Steven Pinker, Max Tegmark, Jon Kleinberg & Senhil Mullainathan, Freeman Dyson, Brian Eno, W. Daniel Hillis, Demis Hassabis & Shane Legg & Mustafa Suleyman und Katinka Matson.
