Öffentlichkeit

Der Facebook-Followerschwund, die Crowd-Recherche und weiterhin keine Erklärung

Weiterhin bleibt vieles unklar im Fall des mysteriösen Followerschwunds beim Facebook-Profil des Türkei-Kritikers Kerem Schamberger. Datendownloads sind bis jetzt nicht möglich, obwohl unsere Crowd-Recherche zeigt, dass diese bei anderen Personen in der Regel in Minuten bis wenigen Stunden bereitgestellt werden. Den Followerschwund selbst kann Facebook bislang auch nicht erklären.

Eines der größten Probleme von Facebook ist Intransparenz. CC-BY-NC 2.0 WeissenbachPR / Montage: netzpolitik.org

Letzte Woche berichteten wir über einen Fall von mysteriösen Freundes- und Followerschwund bei Kerem Schamberger und anderen türkei-kritischen Facebook-Profilen und -Seiten. Um eine Erklärung für das Phänomen zu finden, benötigen wir Daten, aus denen hervorgeht, welche Accounts entfreundet werden oder wer sein Profil entfolgt hat bzw. entfolgt wurde.

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Einen Hinweis auf solche Bewegungen zumindest bei den Facebook-Freunden kann Facebooks Daten-Report liefern, der eine Liste der aktuellen Freunde beinhaltet. Durch Downloads dieser Daten alle paar Tage wollten wir so zusammen mit dem Betroffenen herausfinden, welche Accounts Facebook entfreundet, ob es da Muster gibt und wie viele Fake-Accounts oder gelöschte Accounts dabei sind. Über so einen Datensatz können wir uns der Frage nähern, was wirklich beim mysteriösen Freundes- und Followerschwund dahintersteckt.

Doch Schamberger bekam nach eigener Aussage weder die E-Mail, dass die Daten nun bereitgestellt seien, noch konnte er die Daten direkt auf Facebook herunterladen. Fünf Tage nach dem ersten Versuch beantragte er sie erneut. Dann habe er noch einmal acht Tage auf die Bereitstellung seiner Daten gewartet und keine bekommen. Auch seine erneute (gut dokumentierte) Anfrage am vergangenen Montag habe nach mehr als 24 Stunden Wartezeit zu keiner Bereitstellung der Daten geführt, sagt Schamberger.

Crowd-Recherche: Daten im Schnitt in 14 Minuten herunterladbar

Durch eine Crowd-Recherche haben wir einen Einblick darin bekommen, wie lange der Download der privaten Daten bei Facebook in etwa dauert. Mehr als einhundert Leserinnen und Leser haben mitgemacht und der Redaktion Screenshots, Zahlen und Zeiten zugesendet – hinzu kommen Tests, die wir in der Redaktion selbst durchgeführt haben.

Folgendes konnten wir mit Hilfe der Crowd-Recherche herausfinden:

Je mehr Freunde und Abonnenten, desto länger dauert es in der Regel, bis Facebook die Daten bereitstellt. Wir haben die Anzahl von Postings und Interaktionen nicht erfasst, gehen aber davon aus, dass diese auch einen Einfluss auf die Dauer haben. Ebenso könnte die Tatsache, ob ein Account das erste Mal die Daten herunterlädt, die Dauer bis zur Bereitstellung beeinflussen. Auch dies haben wir nicht erfasst.

  • Die kürzeste Bereitstellung dauerte eine Minute. Hierbei waren Accounts mit 0 Freunden genauso dabei wie solche mit 755 Freunden.
  • Die längste Bereitstellungszeit dauerte 216 Minuten bei 655 Freunden und 111 Abonnenten. Der Account fiel in unserer Untersuchung aus der Reihe.
  • Beim größten untersuchten Account mit 1.272 Freunden und 42.234 Abonnenten – also deutlich mehr als Schamberger – dauerte die Bereitstellung 76 Minuten. Bei einem weiteren mittelgroßen Account mit 3.677 Freunden und 1.807 Abonnenten dauerte die Bereitstellung 14 Minuten.
  • Bei 44 der 106 untersuchten Accounts dauerte die Bereitstellung weniger als fünf Minuten.
  • Bei weiteren 45 Accounts dauerte sie weniger als 15 Minuten.
  • Durchschnittlich hatten die Beteiligten 414 Freunde. Die Bereitstellung der Daten dauerte im Schnitt 14 Minuten.

Weiterhin keine befriedigende Antwort von Facebook

Wir haben Facebook mit den Ergebnissen unserer Crowd-Recherche konfrontiert und nachgefragt, warum Kerem Schamberger seine Daten nicht erhalte. Facebook gibt gegenüber netzpolitik.org an, dass der Daten-Report gesendet worden sei und es keine Fehlermeldung gebe. Damit spielt der Konzern den Ball zu Schamberger zurück, der wiederum uns gegenüber angibt, dass er seine Mails und auch den Spam-Ordner seiner Mailadresse wiederholt durchgesehen habe. Das habe er Facebook auch schon vor mehreren Tagen mitgeteilt.

Während des Gesprächs bestreitet Facebook zwar den Followerschwund nicht, kann aber weiterhin keine (technische) Erklärung liefern. Die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen. Das Gespräch endet aber mit dem Versprechen, uns schon morgen über den weiteren Fortgang der Untersuchungen informieren zu wollen.

Wir sind gespannt.

Wir freuen uns an dieser Stelle auch über Hinweise von Mitarbeitern von Facebook und Menschen, die Einblick in die Prozesse dort haben. Bitte schreiben Sie uns über die üblichen Kanäle und achten Sie auf eine sichere Kommunikation.

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7 Kommentare
  1. Mich wundert gar nichts mehr! Mein kleines fb-Beispiel: Das facebook-Aktivitätenprotokoll und meine Frage über verschwundene Eintrage an facebook (2 x an Support und 1 x ins Forum):

    „… .Ich wollte in meinem Aktivitätenprotokoll einen gestern von mir geposteten Kommentar zu einem Beitrag auf einer fb-Seite nachlesen, fand ihn aber nicht mehr, obwohl er gestern noch im Aktivitätenprotokoll zu finden war. Wenn ich das Prinzip des Aktivitätenprotokolls richtig verstehe, sollen so doch meine Handlungen für mich nachvollziehbar sein. Ist da was defekt beim Aktivitätenprotokoll? Beste Grüße J.B.“

    Inhaltliche Antworten dazu? Fehlanzeige!

    Nur „…nehmen wir gern zur Verbesserung … auf“-Geseiere als automatische(?) Supportantwort.

    Wenn also der facebook-Gegenüber Dich aus den (Seiten-)Kommentaren löscht, ist das auch bei Dir selber im Aktivitätenprotokoll als auch in der Historie weg.

    Du bist also nicht mal mehr in der Lage, im Zweifel deine eigenen Postings zu rekonstruieren, wenn es mal (vor Gericht etc.) darauf ankäme. Auch in den runterladbaren facebook-Daten fehlt dann diese eigene Aktivität, als ob sie nie stattgefunden hätte!

    Also besser bei wichtigen Postings zur eigenen Beweissicherung regelmäßig Screenshots machen, denn weg ist weg!

    Zum Thema „unerklärlicher Verlust von Facebook-‚Freunden‘ „:
    Es scheint erklärtes Ziel von facebook zu sein, keine Transparenz zu schaffen. Es zählt offenbar, möglichst gescheidig und ohne Widerstände Geld zu machen.

    Protester? Pffft. Die sollen sich woanders vernetzen, machen nur Arbeit und bedeuten Kosten.

    1. „Protester? Pffft. Die sollen sich woanders vernetzen, machen nur Arbeit und bedeuten Kosten.“

      Eben dies … FB hat auch nie was anderes behauptet.
      Jetzt muss nur noch bei den „Protestern“ der Groschen fallen. ^^

  2. Facebook? War das nicht ein Produkt vpn Peter Thiel dem Großen, der Super-Influencer mit dem libertären Sexappeal? Ich kenne mich mit dem Quatsch nicht so gut aus, aber ist es nicht naheliegend, Fake-Accounts mit dem politischen Feind anbandeln zu lassen damit man immer gut über seine Aktivitäten, Kontakte und Gedanken informiert ist? So muss man obendrein auch keine Unsummen für die Information ausgeben sondern bekommt sie als „ganz normaler Nutzer“ auf’s Fake-Profil gepostet.

  3. mich wundert bei Facebook nichts mehr. Ich hatte auch völlig seltsamen Umgang erfahren müssen, wurde ohne (grundlose)Warnung gesperrt, Anfragen blieben unbeantwortet. Bis heute wurde ich gesperrt. Ich denke bei Facebook sitzen in dem Fall Schamberger Schläfer, die jeden Kontakt verhindern.

  4. Als hättet IHR nicht mitbekommen, dass Facebook – wohl auf Druck aus der Türkei (ja die haben auch Maas mäßige Zensurgesetze) – seit Wochen massiv Türkei kritische Accounts sperrt/löscht…

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