Überwachung

Studie: Online-Überwachung bringt abweichende Meinungen zum Schweigen

CC BY-ND 2.0 by Craig Sunter

Wenn Internetnutzer_innen davon ausgehen, dass ihr Online-Verhalten staatlicher Überwachung unterliegt, sinkt bei vielen die Bereitschaft, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen. Zu diesem Ergebnis kommt eine US-amerikanische Studie, die Anfang März im Journalism and Mass Communication Quarterly veröffentlicht wurde. Die Studie „Under Surveillance: Examining Facebook’s Spiral of Silence Effects in the Wake of NSA Internet Monitoring“ (pdf) wurde von Elizabeth Stoycheff durchgeführt, die am Fachbereich Kommunikation an der Wayne State University (Michigan) lehrt. Sie hat untersucht, wie sich die Wahrnehmung staatlicher Überwachung auf das Verhältnis zwischen der Einschätzung des Meinungsklimas und der Bereitschaft zur Meinungsäußerung auswirkt.


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Laut einer früheren Studie sind sich 87 Prozent der US-Amerikaner_innen bewusst darüber, dass ihr Online-Verhalten staatlicher Überwachung unterliegt. Einer Studie des Pew Research Center zufolge waren 2014 86 Prozent der Befragten bereit, offline über Snowdens PRISM-Leak zu sprechen – aber nur die Hälfte würde etwas dazu bei Facebook oder Twitter posten. Dieser Widerwille zeigte sich am stärksten bei denjenigen Befragten, deren Social-Media-Umfeld eine andere Meinung als sie selbst vertrat. Diese als Schweigespirale bekannte Theorie wollte die neue Studie um das Thema staatliche Überwachung ergänzen.

225 Personen machten dafür zuerst Angaben über ihre Mediennutzung und politischen Einstellungen. Die Hälfte der Befragten erhielt anschließend eine Nachricht darüber, dass ihr Online-Verhalten staatlich überwacht wird. Allen Teilnehmer_innen wurde dann ein fiktionaler Facebook-Post über US-Luftangriffe gegen ISIS im Irak vorgelegt; dieser enthielt eine Überschrift, ein Bild und einen Vorspann, jedoch keine normative Bewertung der Angriffe. Nachfolgend wurden sie über ihre Bereitschaft befragt, sich öffentlich zu dem Thema zu äußern, sowie darüber, wie andere US-Amerikaner_innen das Thema wohl bewerten und für wie gerechtfertigt sie selbst Online-Überwachung halten.

Es stellte sich heraus: Je größer die Befragten die Diskrepanz zwischen ihrer eigenen und der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung bewerteten, desto unwahrscheinlicher äußerten sie sich selbst. Personen, die davon ausgehen, überwacht zu werden und dies als gerechtfertigt empfinden, äußern sich eher online, wenn sie ihre Meinung als Mehrheitsmeinung wahrnehmen, und bleiben eher still, wenn dies nicht der Fall ist. Personen, die davon ausgehen, überwacht zu werden und dies als ungerechtfertigt empfinden, sind sowohl in positivem wie negativem Meinungsklima eher abgeneigt, ihre Meinung kundzutun.

Those who firmly believe that the government’s monitoring programs are unacceptable decide whether to share their views entirely independently of both perceived surveillance and the opinion climate. In other words, this group of individuals was not affected by the surveillance prime.[…]

When individuals perceive surveillance and believe it to be justified, they may be more likely to conform their opinions, by speaking out when they feel they are in the majority, and remaining silent when they are not.

Dieses Ergebnis lege nahe, dass nicht nur die Bewertung des Meinungsklimas, sondern auch die „Angst vor Ausgrenzung gegenüber Behörden und dem Staat“ chilling effects für den öffentlichen Diskurs bedeutet. Dies treffe zumeist diejenigen, die nicht die Mehrheitsmeinung vertreten, so Elizabeth Stoycheff:

What this research shows is that in the presence of surveillance, our country’s most vulnerable voices are unwilling to express their beliefs online. […] This finding is problematic because it may enable a domineering, majority opinion to take control of online deliberative spaces, thus negating deliberation.

Angesichts steigender Komplexität von Überwachung und ihren Verflechtungen mit der Privatwirtschaft sei allerdings weitere Forschung nötig, um zu verstehen, wie Überwachungsmaßnahmen das Online-Verhalten der Nutzer_innen beeinflussen.

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23 Kommentare
  1. „Wenn Internetnutzer_innen davon ausgehen, dass ihr Online-Verhalten staatlicher Überwachung unterliegt, sinkt bei vielen die Bereitschaft, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen.“ Äh, ja, das ist ja auch der Sinn.

  2. Der rechte Hetzermob auf Facebook und in den anderen Kommentarspaten mancher Medien lässt sich dadurch wohl nich abhalten. Ja ich weiß anderes Thema, sollte man aber gemeinsam denken, denn staatliche Behörden werden wohl auch dieses Thema als Rechtfertigung für Überwachung nehmen.
    Es ist doch so, dass eigentlich zivilgesellschaftliche Kontrolle sozial adäquates Verhalten erzwingt. Im Internet funktioniert das nicht also macht es der tiefe Staat. So eine mögliche Argumentation für Überwachung.

    1. ich denke, der rechte hetzmob lässt sich nicht abhalten, weil er sich in der mehrheit wähnt (filter-bubble…) – insofern konsistent mit der studie.

  3. Ähnlich: Wenn die Medien mittlerweile jeden Tag die Gleichung (Medienkritik =) Lügenpresse(kritik) = Nazi raushauen, dann traut sich fast keiner (Ich spreche von Nicht-Rechtsextremen) mehr, die Medien(propaganda) zu kritisieren, weil er sonst in Naziverdacht gerät.

    1. Alle die gegen die Regierungsmeinung sind und wiedersprechen sind Nazis? Na und…
      Wer ist denn nun wirklich Nazi? Eigentlich der wer sich dieser alten Mittel bedient. Und nun schön nachdenken wenn ihr das noch könnt!

  4. Das ist doch den Politikern gerade recht. Dann kann man wieder ungestört von Meinungen und Widersprache seine eigenen Meinungen unters Volk streuen.

  5. Ich bin ja jetzt total überrascht. Ein Glück, daß es amerikanische Studien gibt. Da wär ja sonst keiner drauf gekommen. So fähige Leute sollten sofort eine umfangreiche Studie betreiben, in welcher Himmelsrichtung morgen höchstwahrscheinlich die Sonne aufgeht und ob es zieht, wenn man sich den Finger aus dem Ar….

    1. Klara
      Das bemerkenswerte ist ja auch dass so kluge und fundamentale Erkenntnisse niemals von russischen Wissenschaftlern kommen. Dazu sind NUR Amis fähig!

    2. Das ist aber die Art Studie, bei der es nicht darum geht herauszufinden, aus welcher Richtung die Sonne aufgeht.
      Das ist die Art Studie um denen, die felsenfest behaupten, dass die Sonne im Norden aufgeht, zu sagen wie dumm sie sind.

    3. DDR 2.0

      Auf der anderen Seite: wenn man im Netz die „falsche“ Meinung hat, dann wird dort auch aus allen Rohren geschossen oder direkt eine Petition gestartet, da nicht sein kann, was nicht sein darf.

      So gesehen passt das sogar irgendwie, beängstigender Weise.

  6. Joa, das gab es schon mal, in Echt!
    … ist 25 Jahre her und wird aus nostalgischen Gründen wieder eingeführt!
    … Früher war nicht alles schlecht, oder?

  7. Mensch_Innen_Hamster_Innen_Katzen_Kater_Innen … muss man nur auf den Namen schauen wer da wieder in seiner Filterbubble gendert und wen man einfach in Zukunft liest. Eine amerikanische Studie hat ergeben das 1 von 1 befragt_innen gendern geil finden.

    1. Gendern ist ja eigentlich gar nicht so verkehrt, aber man müsste nur mal eine Form finden, die den Lesefluss nicht so stört, wie die ganze Bandbreite der Sonderzeichen ;)

  8. Ebenso bringen inszenierte „Shitstorms“ ,allerlei Netzgedöns und das bewusste Verseuchen der Digitalen Persönlichkeit anderer , andere zum schweigen. Und nicht wenige der selbsternannten Freiheits Kämpfer für ein zensurfreies Netz drohen in allerbester SA Schule nicht nur damit anderen deren Digitale Indentität zu versuchen, sondern tun dies auch als bewusste disziplinierungs Aktion. Das sind zweifelsfrei Methoden des Faschismus. Auch aus der Erfahrung der NS Zeit heraus haben die Väter des Grundgesetztes den Persönlichkeitsschutz ganz nach oben gestellt. Vielleicht hilft es mal, darüber nachzudenken, warum die das so wollten.

    1. Ein wichtiger und interessanter Punkt.

      Ein gutes Beispiel hat auch Thilo Jung im Interview mit der Umweltministerin Hendricks geliefert, wo es darum ging Silverböller zu verbieten, aufgrund der extrem hohen Feinstaubbelastung.
      Zitat: „Ja, das [der Verbot] wäre logisch, aber ich würde ich das vorschlagen, das gäbe Shitstorms“

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