„Warum protestieren, ich habe nichts zu verbergen“

Foto von Ekvidi.net

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Johannes Nau ist Diplompsychologe und hat sich innerhalb seiner Masterarbeit in Peace and Conflict Studies (International Double Degree) den Auswirkungen und Protesten gegen Online Massenüberwachung psychologisch genähert. Dies ist die Zusammenfassung, seine Masterarbeit ist unten verlinkt-

Kollektive Aktionen gegen und Chilling Effects von Internet Massenüberwachung.

Einleitung

Mit den Enthüllungen Edward Snowdens im Juni 2013 über die verdachtslose Massenüberwachung von Bürgerinnen weltweit durch einen Komplex westlicher Geheimdienste, rückten die Auswirkungen und Implikationen von Überwachung im Allgemein und Onlineüberwachung im Speziellen wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Das Thema wurde in politischen Debatten, Zeitungsartikeln, Büchern, Online Foren und Offline Konferenzen ausgiebig diskutiert, was notwendig ist, wenn man bedenkt, dass Überwachungstechniken und -technologien generell schneller adoptiert und aktiv genutzt werden, als die öffentliche Debatte folgen kann (Dinev et al. 2007).

Im Vergleich zu anderen Ländern wird diese Debatte in Deutschland breiter geführt (Holland 2014) und innerhalb der 18 Monate seit den Enthüllungen entstanden verschiedenste Protestbewegungen und -aktionen um gegen die Überwachung der Zivilgesellschaft und deren negativen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben zu demonstrieren. Die Reaktion der Gesellschaft auf die Eingriffe in die Privatsphäre eines jeden fielen jedoch relativ gering aus, verglichen beispielsweise mit den westdeutschen Protesten gegen den Zensus, der Ausbreitung von staatlicher Überwachung und Einschränkung von Bürgerrechten 1983/1987. Laut Studien sollten deutsche Bürger durch Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Kommunismus eigentlich empfindlicher für staatliche Überwachung und Privatsphäreeinschränkungen sein (Toner 2001), weswegen sich die Frage stellt warum Massenproteste gegen Internetüberwachung ausbleiben. Neben drei größeren Demonstrationen im Juli und September 2013 und August 2014 und unzählige kleinere Aktionen, zeigte die Öffentlichkeit wenig Widerstand. Dieser Mangel an Resistenz ist zum Einen auf nicht vorhandenes Interesse bzw. die Sicht, dass es wichtigere Probleme gibt (siehe u.a. ZDF Politbarometer 2014; Statista 2014), zum Anderen auf die Gewöhnung an das kommerzielle Abgreifen von Daten durch bspw. Google und Facebook zurückzuführen. Darüber hinaus ist die Identifikation einer Gruppe als Verantwortliche für Massenüberwachung äußerst schwierig. Bisherige Proteste konzentrierten sich vor allem auf ausländische Geheimdienste (v.a. auf die NSA), auf die deutsche Proteste keinerlei Wirkung haben oder auf Überwachung allgemein, welche als abstraktes Konstrukt nicht als „Gegner“ genügt. Teilweise wurde auch auf deutsche Geheimdienste und die deutsche Regierung fokussiert, jedoch machte dies bisher nur einen geringen Teil der Mobilisierung aus. Darüber hinaus muss das Ohnmachtsgefühl im Angesicht des Ausmaßes von weltweiter Überwachung und der Einfluss den vorherige Proteste auf die politische Agenda haben berücksichtigt werden.

Ein weiteres Problem der digitalen Überwachung ist deren Unsichtbarkeit. So ist die Echtzeitüberwachung des Internets im Vergleich zu geöffneten Briefen oder verdächtigen Nachbarn sehr unauffällig und auf Grund der technischen Komplexität und dem schwer vorstellbaren Ausmaß für die Normalbürgerin schwer zu fassen. Obwohl Überwachungstechniken seit Jahren zur Anwendung kommen, wurden sie weder sichtbar, noch hatten sie merkliche Effekte auf den normalen Internetnutzer, was die Bedrohung von Privatsphäreeinschränkungen weniger greifbar macht und möglicherweise einen negativen Effekt auf aktive Proteste hat.

Innerhalb meiner Masterarbeit im Studiengang Peace and Conflict Studies, habe ich das Protestverhalten gegen Internetmassenüberwachung in Deutschland sowie die psychologischen Effekte von Massenüberwachung untersucht. In einem ersten Teil werden sozialpsychologische Theorien zu Protesten auf die aktuelle Situation in Deutschland angewandt und zwei Hypothesen abgeleitet. Der zweite Teil beschäftigt sich mit sogenannten Chilling Effects, welche die Verhaltensänderung von überwachten Individuen und dessen Folgen für die Gesellschaft beschreibt. Dafür werden Studien pre- und post-Snowden herangezogen und zum ersten Mal in der Literatur korrelative Zusammenhänge von Identifikation als überwachte Person und dem Beunruhigtsein über diesen Zustand mit Chilling Effects beschrieben.

Sozialpsychologie von Protestverhalten

Um ein positives soziales Bild, also eine aus Gruppenmitgliedschaft und -bewertung zusammengesetzte Identität, von sich selbst zu bekommen, kategorisieren Individuen sich in verschiedenste soziale Gruppe (Turner et al. 1987) . Durch diese internalisierte Gruppenzugehörigkeit definiert sich das Individuum in seiner sozialen Umwelt, differenziert in Eigen- und Fremdgruppen und hebt die eigene Gruppe positiv gegenüber relevanten anderen Gruppen ab, um möglicher Bedrohung der sozialen Identität entgegenzuwirken (Haslam et al. 1996; Tajfel & Turner 1979). Positive bzw. negative stereotypische Attribute werden auf die Eigen- bzw. Fremdgruppe projiziert, wodurch mehr in „sie“ und „uns“ unterschieden wird und das soziale Selbstwertgefühl steigt (Haslam & Turner 1995; Turner et al. 1987). Innerhalb eines politischen Feldes werden Gruppen somit in „pro“ und „contra“, Verbündete oder Feinde kategorisiert (van Stekelenburg et al. 2010).

Bezüglich Überwachung wurde in Studien gezeigt, dass die Gruppenmitgliedschaft verantwortlich dafür ist wie Überwachung wahrgenommen und darauf reagiert wird. So wird die Rolle der Überwacherin normalerweise Fremdgruppenmitgliedern zugeschrieben (Simon & Oakes 2006). Levine (2000) unterstreicht dabei die Bedeutung der Gruppenmitgliedschaft und das Ausmaß an Identifikation mit dem Überwacher um individuelle Reaktionen vorhersagen zu können. Ist die Identifikation mit der Überwacherin groß, wird Überwachung als Sicherheitsmaßnahme statt als Privatsphäreneingriff gesehen.

Wenn sich Gruppenmitglieder kategorisieren, führt dies zu einer speziellen Form der Identität, der kollektiven Identität. Der Wechsel von dem „ich“ zum „wir“ basiert auf der individuellen Salienz der Gruppenmitgliedschaft, welche soziales Verhalten reguliert und abhängig von dem unmittelbaren sozialen Kontext und der Kategorisierung in verschiedenen Zusammenhängen ist (Simon & Klandermans 2001). In Bezug auf Proteste, wird kollektive Identität daran gemessen wie die Identifikation mit einer benachteiligten Gruppe bewertet wird und inwiefern sich mit einer sozialen Bewegung identifiziert wird (Simon et al. 1998). Höhere Identifikation mit einer Gruppe führt zu einer erhöhten Wahrnehmung von kollektiven Nachteilen (Mummendey et al. 1999), was gemeinsam mit der wahrgenommenen Unfairness und der Erkenntnis dass die Öffentlichkeit miteinbezogen werden muss zu einer speziellen Form der kollektiven Identität, der sogenannten Politisierung kollektiver Identität führt (Simon & Klandermans 2001). Durch politisierte kollektive Identität wird ein Kontext auf dem Gruppenlevel (z.B. durch geteilte Missstände) gegeben und unterstützt dadurch politisches Engagement im Interesse der Eigengruppe (Simon & Grabow 2010). Je höher die politisierte kollektive Identität mit einer sozialen Bewegung ist, desto eher sind Individuen dazu bereit an kollektiven Aktionen teilzunehmen (Simon et al. 1998), wenn das Problem als Gruppenproblem erkannt wird. Dabei wird durch die Social Identity Theory (Turner et al. 1987) eine reziproke Beziehung zwischen kollektiver Identität und der Teilnahme an einer sozialen Bewegung vorhergesagt: einerseits erhöht die Identifikation mit einer sozialen Bewegung die Bereitschaft an Protesten teilzunehmen, andererseits bestärkt dieser Intergruppenkonflikt und die Konfrontation zwischen Eigen- und Fremdgruppe die kollektive Identifikation.

Innerhalb der bisherigen sozialpsychologischen Forschung zu Protestverhalten wird immer von einer klaren Einteilung in Eigen- und Fremdgruppe ausgegangen, bei der eine Gruppe gegen eine andere Gruppe protestiert. Im Falle der Proteste gegen Internetüberwachung argumentiere ich, dass diese bisher eher klein ausgefallen sind, weil ein klarer Adressat der Proteste auf den Einfluss genommen werden kann fehlt. Proteste richten sich bisher zumeist gegen ausländische Geheimdienste oder Überwachung selbst, statt auf eine klar definierte Gruppe, die für die Implementierung von Überwachung verantwortlich ist. Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine erste Hypothese:

Je weniger ein Individuum einen klare Fremdgruppe wahrnimmt, welche als verantwortlich für Überwachung angesehen werden kann, desto weniger identifiziert sie sich mit der Gruppe von überwachten Personen und desto weniger ist er bereit gegen Internetüberwachung zu protestieren.

Zusätzlich zur Identifikation von Eigen- und Fremdgruppe gibt es andere psychologische Faktoren wie zum Beispiel die wahrgenommene Unfairness zur Vorhersage von Protestverhalten. Wird eine Diskrepanz zwischen dem was eine Gruppe hat und was sie glaubt zu verdienen festgestellt, entsteht sogenannte relative Deprivation (Runciman 1966; Gurr 1970), welche in Zusammenhang mit Protestverhalten steht, sofern eine saliente soziale Identität existiert, die Deprivation als kollektiv wahrgenommen wird und Alternativen zur aktuellen Eigengruppenstuktur besteht (Mummendey et al. 1999; van Zomeren et al. 2011).

Der Zweck von Überwachung ist wichtig bei der Frage ob Überwachung als illegal und Einschränkung der Privatsphäre oder als positiv wahrgenommen wird (z.B. Alge 2001; Friedman et al. 2006). Wird Internetüberwachung als benötigte Maßnahme zum Schutz vor Terrorismus angesehen, tendieren Internetnutzerinnen dazu diese Praktiken zu unterstützen (Dinev et al. 2007). Massenausspähen von Bürgern wird jedoch als ungerecht und illegitim angesehen, wenn normale Bürgerinnen in das Visier geraten und/oder Überwachung nicht dem klaren Ziel dient Menschen vor Bedrohung zu schützen. Edward Snowdens Enthüllungen über die verdachtslose Überwachung von Bürgern zeigen genau dies und sollte relative Deprivation und gruppenbasierten Ärger auslösen, was zu kollektiven Aktionen führen sollte (van Zomeren et al. 2004). Daraus ergibt sich eine zweite Hypothese:

Je mehr sich Individuen kollektiv fühlen, dass sie ungerechterweise überwacht werden, desto eher engagieren sie sich in Protesten.

Chilling Effects

Neben der Untersuchung des Protestverhaltens gegen Massenüberwachung in Deutschland, habe ich mich innerhalb meiner Masterarbeit mit psychologischen Aspekten von Überwachung mit speziellem Fokus auf Chilling Effects befasst und diese auf Internetüberwachung übertragen. Chilling Effects bezeichnen hierbei den Effekt, dass Individuen davon abgehalten werden bestimmte (legale oder illegale) Verhaltensweise auszuführen, da sie glauben von einer übergeordneten Instanz überwacht zu werden und Repressalien fürchten (Horn 2005). Verhalten wird so im Vorhinein verändert und unterdrückt um sich an Gesetze und extralegale Normen einer Überwacherin anzupassen. Dadurch wird regierungskonformes Verhalten begünstigt, während Verhalten entgegen der öffentlichen Meinung versteckt oder gar nicht erst ausgeführt wird, was durch die Unterdrückung von Meinungen, der Einschränkung von Bürgerrechten, individueller Autonomie und intellektueller Freiheit äußerst schädlich für die Demokratie ist. Freie Meinungs- und Ideenäußerung wird erschwert (Hollander 1975) und bestimmte soziale Gruppen werden diskriminiert, da sich die Verteilung von Chilling Effects nicht zufällig über das gesamte politische Spektrum erstreckt (Best & Krueger 2008), sondern ein Machtgefälle zwischen der Regierung als Umsetzer von Überwachungsmethoden und oppositionellen Parteien, Gruppen und Individuen als Opfer von Überwachung besteht.

Neben dem politischen Ausmaß sind Chilling Effects psychologisch gesehen sehr interessant, da diese unabhängig davon entstehen, ob ein Individuum tatsächlich überwacht wird oder nicht. Im Vergleich zu analoger Überwachung ist es als Opfer von Onlineüberwachung sehr viel schwieriger herauszufinden ob man tatsächlich überwacht wird. Während geöffnete Briefe, ein Knacken im Telefon oder Überwachungskameras gut sichtbar sind, ist das Abgefangen Emails oder das Abhören von Chats nur schwer zu identifizieren. Opfer von Internetüberwachung können sich deshalb niemals sicher sein, ob sie tatsächlich überwacht werden und schränken so dauerhaft ihr Verhalten ein. Dies ist das Schlüsselelement von Foucaults disziplinarischem Panoptikum, welches auf der Idee eines kreisrund angelegten, alles überwachenden Gefängnisses von Jeremy Bentham basiert (Foucault 1995; Bentham 1791). Das Internet ist inhärent gleich diesem Panoptikum, da Geheimdienste, Internet Service Provider und Firmen wie Google das Internetverhalten den Nutzer beobachten können ohne das diese etwas davon mitbekommen (Brignall 2002). Das Internet wird dadurch zu einem Post-Panoptikum, bei dem die angenommene Allgegenwärtigkeit von Überwachung zu Selbstkontrolle und -zensur führt (Kahmann 2013; Bauman 2000). Das Machtverhältnis zwischen Bürgerinnen und dem Staat gerät in ein Ungleichgewicht, bei dem der Bürger aus Mangel an Transparenz immer weniger über ihre Regierung wissen, während diese durch omnipräsente Überwachung Wissen über ihre Bürgerinnen ansammelt und ihre Intentionen im Verborgenen lassen.

Die einfachste Möglichkeit die Aufmerksamkeit von Regierungen und Geheimdiensten zu umgehen ist es Gehorsam und Konformität zu zeigen. „Ich habe nichts zu verbergen“ bekommt dabei eine oft wiederholte Aussage von regierungstreuen Menschen. Dies beinhaltet allerdings Einschränkungen für einen offenen und demokratischen Staat, weil Devianz Privatsphäre braucht und es für eine Demokratie essenziell ist, dass Bürger sich frei von Überwachung durch Regierungen fühlen und sich selbst nicht zensieren (Greenwald 2014).

Diese Auswirkungen von Chilling Effects wurden schon in etlichen Studien vor den Enthüllungen von Snowden untersucht. So wurden neben positiven Effekten von Überwachung (bspw. der Anstieg von Produktivität am Arbeitsplatz, z.B. Landsberger 1958) zahlreiche Beispiele negativer Effekte gefunden (z.B. Meinungsänderungen und Selbstzensur, White & Zimbardo 1975 oder Verhaltensänderungen und Gewöhnung an Überwachung, Oulasvirta et al. 2012). Nach den Enthüllungen wurden vor allem deskriptive Studien zu verhaltensverändernden Effekten von Onlineüberwachung veröffentlicht. Marthews & Tucker (2014) zeigen anhand von verringerten Suchanfragen für persönliche Themen wie Abtreibung substanzielle Chilling Effects und die US-amerikanische Autorenorganisation PEN American Center (2013) berichtet. dass 28% ihrer Mitglieder ihre Aktivitäten in sozialen Medien beschneiden. Diese Einschränkungen wurden für norwegische Bürgerinnen (NDPA 2014) und NGOs in den USA bestätigt (Electronic Frontier Foundation 2013). Im Mai 2014 wurden diese Ergebnisse auch für deutsche Bürger validiert (DIVSI 2014). Diese Studien zeigen, dass Menschen sich bewusst darüber sind, dass sie potenzielle Opfer von Überwachung sind und viele von ihnen absichtlich und bewusst ihr Verhalten ändern. Wie viele Menschen sich unbewusst den Normen anpassen, sich selbst zensieren kann nur erahnt werden.

Um Chilling Effekte, normatives Verhalten und Konformität psychologisch zu verstehen wird das Social Identity Model of Deindividuation Effects (SIDE) herangezogen (Reicher et al. 1995), welches Deindividuation als eine Art Depersonalisierung definiert. Durch die Kategorisierung in Gruppen, verhalten sich deren Mitglieder entsprechend von Gruppennormen anstatt individueller Gesetzmäßigkeiten, was oftmals eine Verhaltensveränderung beinhaltet. Auf Grund der individuellen Identifikation durch Gruppenmitgliedschaft und Vergleiche mit anderen Gruppen werden Gruppennormen definiert und Konformität innerhalb der Gruppe erhöht. Nicht-normatives individuelles Verhalten das sich gegen die Gruppennorm richtet wird durch Deindividuation unterdrückt, welche u.a. durch die Anonymität Einzelner in einer Gruppe unterstützt wird. Levine (2000) zeigt diesen Effekt für Offlineüberwachung und beschreibt, dass das individuelle Bewusstsein und die Sorge über Überwachung eine Voraussetzung für die Vorhersage von Verhalten ist. Diese Annahme kann auf Onlineüberwachung übertragen werden, woraus sich eine dritte Hypothese ableiten lässt:

Je mehr Individuen sich darüber bewusst und besorgt sind, dass sie überwacht werden, desto eher unterlassen sie es über kontroverse Themen online zu sprechen/schreiben (also Chilling Effects zu zeigen).

Methoden

1137 Teilnehmerinnen nahmen an der Onlineumfrage teil, wovon 50.4% Männer und 49.1% Frauen waren. Das Durchschnittsalter war mit 28,5 Jahren recht jung und hochgebildet (48.4% mit Abitur, 45.5% mit Universitätsabschluss). Der durchschnittliche Internetkonsum lag bei 5 Stunden pro Tag. Der genaue Aufbau der Studie, die verwendeten statistischen Methoden, eine detaillierte Analyse der Daten und eine statistische Aufschlüsselung der Ergebnisse sind in der angehängten Masterarbeit zu finden.

Ergebnisse und Interpretation

Die Ergebnisse der Berechnungen zeigen, dass Protestverhalten nicht direkt von der Definition der Fremdgruppe vorhergesagt wird, sondern durch die Identifikation mit einer Eigengruppe. Außerdem wird eine signifikante Korrelation zwischen kollektivem Unrechtsbewusstsein, Protestverhalten und Eigengruppenidentifikation aufgezeigt. Darüber hinaus besteht ein Zusammenhang zwischen der Sorge über Überwachung und der Identifikation als überwachte Person und Chilling Effects.

Die Ergebnisse der Masterarbeit bestätigen Studien früherer sozialpsychologischer Protest- und Gruppenforschung und haben praktische Implikationen für zukünftige Proteste gegen Massenüberwachung und Geheimdienste. Proteste sollten sich den Ergebnissen zufolge nicht auf ausländische Geheimdienste oder Regierungen konzentrieren, sondern anstatt dessen direkte Verbindungen von Geheimdienstpraktiken mit aktuellen und vergangenen deutschen Regierungen aufzeigen, da nur auf diese direkter Einfluss ausgeübt werden kann. So sollte zum Beispiel die Beteiligung des BND an dem Überwachungsskandal stärker in den Fokus gerückt werden, nicht nur um eine Debatte über die Praktiken deutscher Geheimdienste anzustoßen und zu vertiefen, sondern auch um eine klare Fremdgruppe zu identifizieren gegen die sich Proteste richten können. Darüber hinaus muss die Identifikation mit der Eigengruppe von überwachten Personen gestärkt werden, was z.B. durch Kampagnen für ein gemeinsames Bewusstsein von Überwachung und dem Aufzeigen der Möglichkeit, dass jeder potenzielles Opfer sein könnte, realisiert werden kann.

Mit der kontinuierlichen Durchführung von Massenüberwachung durch Geheimdienste, werden Chilling Effects weiter bestehen, weil sich Menschen niemals sicher sein können, ob sie tatsächlich überwacht werden und dementsprechend ihr Verhalten ändern. Nur eine Abschaffung aller Geheimdienste würde Chilling Effects komplett eindämmen, so dass Bürger ihre Meinung offen und frei äußern können ohne Angst vor Repressalien durch Regierungen haben zu müssen. Eine weltweite Abschaffung aller Geheimdienste scheint unrealistisch, jedoch gibt es bereits Stellungnahmen, die sich dem Thema auf innenpolitischer Ebene nähern (z.B. Reuter & Stognienko 2014; Humanistische Union 2013). Eine weitere Möglichkeit um Chilling Effects zumindest einzugrenzen lässt sich aus den Ergebnissen dieser Studie ableiten: bei maximaler Transparenz von Geheimdiensten könnte die Sorge vor Überwachung reduziert werden, was wiederum Chilling Effects mindern würden. Diese legitime Forderung widerspricht jedoch dem immanenten Zweck von Geheimdiensten Informationen geheim zu halten, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen.

Die vollständige Masterarbeit inklusive Literaturangaben kann man hier einsehen (PDF).

Dieser Artikel wurde in geschlechtergerechter Sprache geschrieben und verwendet das generische Femininum und das generische Maskulinum abwechselnd.

13 Kommentare
  1. Niemandswasser 19. Dez 2014 @ 17:41
      • Spenderniere 21. Dez 2014 @ 17:12
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