Seit der Veröffentlichung der „Panama Papers“, die von mehreren Dutzend Journalisten aus verschiedenen Ländern bearbeitet wurden, ist eine „Lügenpresse! Lügenpresse!“-Diskussion – auch bei uns in den Kommentaren – darüber entbrannt, wie tendenziös und auch russlandfeindlich die Berichterstattung sei und wie wenig der Fokus auf westlichen Staaten liege. Insbesondere der Geldwäsche-Ring im Umkreis von Wladimir Putin, über den breit berichtet wurde, war Stein des Anstoßes. Dass sich in Island eine Regierungskrise und eine hitzige Diskussion um den Rücktritt von Ministerpräsident Sigmundur Gunnlaugsson entfaltet, ist jedoch auch eine Folge der Veröffentlichungen.
Worüber reden wir denn hier? Es geht um einen internationalen Schwarzmarkt einer schattigen Finanzbranche, durch den allein die Entwicklungsländer in nur einem Jahrzehnt geschätzte 7,8 Billionen Dollar ($ 7.8 trillion) verloren haben sollen. Ohne Zweifel ist dieser Verschiebebahnhof ein lange bekanntes internationales Problem, unabhängig davon, aus welchen der vielen betroffenen Staaten die Finanzakrobaten kommen. Und ohne Zweifel wissen wir durch die Arbeit der Journalisten-Teams nun mehr über die Praktiken und das Ausmaß des Problems.

„This is a world in which people covertly shove back and forth assets worth millions. Here is where they park company shares, a world in which they buy yachts and airplanes“, schreibt Wolfgang Krach für die Süddeutsche Zeitung. Dass sich über die Jachten und Privatjets und das möglichst unauffällige Verschieben der Millionen nunmal kaum ein normal arbeitender Mensch täglich den Kopf zerbricht, braucht man eigentlich nicht zu betonen. Den Vogel schoss dennoch heute Dorothea Siems in der „Welt“ ab, die unter dem Titel „Die Hatz auf die Reichen ist anstößig und illiberal“ nun einen medialen „Generalverdacht gegen alle Reichen“ beklagte.
Informationsquellen
Wer sich gern selbst ein Bild macht, statt vorschnell zu urteilen oder anderen nach dem Mund zu reden, für den haben wir hier einige Informationen zusammengestellt.
Das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) hat eine inhaltsreiche Liste, die auch nach Ländern durchsuchbar ist, sowie Übersichtsgraphiken zusammengestellt. Die beteiligten Geldhäuser sind ebenfalls recherchierbar: Mehr als fünfhundert Banken weltweit haben über fünfzehntausend Briefkastenfirmen erschaffen. Allein die HSBC gründete mit ihren Partnern über zweitausend solcher Tarnentitäten, die UBS oder die Société Générale folgen auf den Plätzen. In mehr als einhundert Staaten, ebenfalls über die ganze Welt verteilt, gab es Partner. Hier führen Hongkong, Großbritannien und die Schweiz die Liste mit den meisten Partnerfirmen an. Die Süddeutsche Zeitung hat ebenfalls Informationen aufbereitet und in einem eigenen Portal zusammengestellt.

In der englischen Wikipedia – in der deutschen Wikipedia wird stattdessen löschdiskutiert – ist eine wachsende Liste der einzelnen Personen entstanden, die namentlich bisher in den „Panama Papers“ Erwähnung finden. Derzeit sind ehemalige oder amtierende Politiker aus über fünfzig Staaten in der Auflistung in der Kategorie Amtsträger/Politik zu finden. Dass in den „Panama Papers“ auch US-Amerikaner zu finden sind, sollte niemanden überraschen.
Außerdem hat die BBC eine praktische Nachrichten-Übersichtsseite, auf der man den halben Tag verbringen kann, und zusätzlich eine Sektion mit oft gestellten Fragen und Antworten.
Versucht man, den Leak und die Bedeutung der „Panama Papers“ zu bewerten, wird man sich nach Lektüre der Informationsseiten wohl weniger über die Art der Berichterstattung als über den Fakt Gedanken machen müssen, wer eigentlich die Verantwortung dafür trägt, dass das seit Jahrzehnten bekannte Problem in einem solchen Ausmaß besteht:
The extent of money laundering and tax evasion demonstrated by the Panama papers is alarming for the entire world.
Das sollte eigentlich eine Lehre aus den Snowden-Leaks sein: Es geht doch nicht um den Überbringer der schlechten Nachrichten.