Netze

Breitbandausbau: Mit Brückentechnologien in die Gigabit-Gesellschaft – irgendwann

Für Bandbreiten im Gigabit-Bereich sei derzeit kaum ein Markt vorhanden, erklärte der SPD-Staatssekretär Matthias Machnig auf dem Symposium Breitbandpolitik. Die Branche widersprach und forderte eine langfristige Ausbaustrategie statt Übergangslösungen.

Alle wollen Glasfaser – nur die Regierungsparteien verteidigen Brückentechnologien wie Vectoring.

Als einziger Regierungsvertreter traute sich gestern der SPD-Politiker und Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) Matthias Machnig beim „Symposium Breitbandpolitik“ auf die Bühne – und fand sich in der undankbaren, aber erwartbaren Lage wieder, die missglückte Breitbandpolitik der Bundesregierung verteidigen zu müssen. Seitenhiebe auf das eigentlich zuständige Bundesverkehrsministerium (BMVI) verkniff er sich, die waren aber gar nicht notwendig, um scharfe Kritik seiner Mitdiskutanten auf dem Podium und aus dem Publikum zu provozieren. Dazu reichten schon seine eigenen Aussagen.

Wir finanzieren uns fast vollständig aus Spenden von Leserinnen und Lesern. Unterstütze unsere Arbeit mit einer Spende oder einem Dauerauftrag.

Es sei eine „Lebenslüge“, flächendeckend, also auch bis zum letzten Bauernhof, Glasfaseranschlüsse verlegen zu wollen, so Machnig. Stattdessen müsse man den von ihm geforderten Technologiemix intelligent gestalten, der aus Glasfaser, Mobilfunk der nächsten Generation (5G), Kabelanschlüssen und eben auch aus „Brückentechnologien wie Vectoring“ bestehe. Dass solche Ansichten auf einer Gigabit- und somit Glasfaserveranstaltung nicht gut ankommen, verwunderte nicht. Wenig hilfreich war auch die Behauptung, dass Bandbreiten im Gigabit-Bereich im Massenmarkt nicht nachgefragt würden.

„Wer bremst, der gewinnt einfach nicht“, entgegnete Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland. 50 Prozent der Anschlüsse, die der Kabelbetreiber verkaufe, würden bereits heute Bandbreiten von 200 oder 400 MBit/s liefern. Die Nachfrage sei also klar gegeben, sodass man in zwölf bis achtzehn Monaten Gigabit-Anschlüsse ausrollen werde, untermauerte Ametsreiter sein Argument (Machnig schüttelte den Kopf). Deutschland müsse eine zukunftssichere Infrastruktur aufbauen, was zwangsläufig auf Glasfaser hinauslaufen würde. Das alte Kupferkabel hätte ausgedient: „Es wäre doch nicht redlich, den Bürgern Deutschlands eine Technologie anzubieten, die nicht in die Zukunft führt“, sagte Ametsreiter.

Vectoring verhindert Glasfaser-Ausbau

Wie eine dunkle Wolke hing die Vectoring-Entscheidung der Bundesnetzagentur über der Veranstaltung, die der Telekom Deutschland gegen eine Investitions- und Ausbauzusage ein beinahe exklusives Vectoring-Ausbaurecht im Nahbereich von etwa 8.000 Hauptverteilern (HVt) einräumt. Die auf Kupfer basierende Vectoring-Technik erlaubt auf kurzen Strecken zwar Bandbreiten von bis zu 100 MBit/s, Wettbewerber verlieren allerdings den direkten Zugriff auf die Teilnehmeranschlussleitung (TAL), also die „letzte Meile“ genannte Strecke zwischen der Telefondose des Kunden und dem HVt. Seit über einem Jahr laufen die Konkurrenten der Telekom Sturm gegen den Antrag, der zu einer „Re-Monopolisierung des Netzes“ führen und zugleich den Ausbau von Glasfaser unwirtschaftlich machen würde.

„Diese Brückentechnologien, die jetzt eingesetzt werden, verhindern den weiteren Ausbau von Glasfaser“, betonte Bernd Thielk, Geschäftsführer der vorrangig in Hamburg tätigen willy.tel GmbH. Die in Deutschland weit verbreitete Geiz-ist-geil-Mentalität mache es schwierig, Angebote jenseits der 30-Euro-Marke auf dem Markt zu platzieren. Und wenn ein Anbieter wie die Telekom ein Gebiet mit billigem VDSL2-Vectoring versorge, könne ein kostenintensiver FTTH-Ausbau (Glasfaser bis in die Wohnung, Fiber to the home) nicht refinanziert werden und falle damit flach, so Thielk.

Einmal Vectoring, immer Vectoring

Zu welchen Ergebnissen diese Entwicklung führen würde, skizzierte Karsten Schmidt, Geschäftsführer der Hannoverschen htp GmbH. Entscheidet sich beispielsweise ein Dorf für Vectoring, dann würden sich alle zurücklehnen und erklären, die Welt sei gerettet, das Dorf X sei endlich fertig. „Und dann passiert dort 20 Jahre nichts“, prophezeite Schmidt. „Und das Problem ist, in diesen Netzen, die auf abgeschriebener Kupfer-Infrastruktur [basieren], die der Steuerzahler seinerzeit bezahlt hat, wird günstig produziert und saugünstig angeboten. Das entzieht dem Markt Erlöse, Erträge und damit investierbares Kapital“, sagte Schmidt.

Wenn es schon zu staatlicher Förderung komme, dann dürften die Mittel nicht in „Nicht-Gigabit-fähige Netze versenkt werden“, verlangte die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer. Sonst bleibe Deutschland in dieser Hinsicht weiterhin ein Entwicklungsland. Auch die Re-Monopolisierung im Rahmen von Vectoring hemme die Entwicklung, so die ehemalige hessische Kultusministerin. Dem schloss sich Tabea Rößner an, Sprecherin für Digitale Infrastruktur der grünen Bundestagsfraktion. Lauten Applaus holte sie sich für die grüne Forderung ab, die Telekom-Anteile des Bundes zu veräußern und den Erlös in Glasfaser beziehungsweise in eine Glasfaser-Holding zu stecken, um so einen nachhaltigen Ausbau zu erreichen.

Deshalb sei es notwendig, von Bandbreitenzielen wie den im Koalitionsvertrag verankerten „50 MBit/s bis 2018 für alle“ abzurücken und sich stattdessen ein Infrastruktur-Ziel zu setzen, sagte Patrick Helmes vom Bundesverband Glasfaser. Und da mit Glasfaser keine andere Technik mithalten könne, müsse man auch die bislang „heilige Kuh der Technologieneutralität“ schlachten, so Helmes.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
7 Kommentare
  1. Wichtigster Satz:
    „Die in Deutschland weit verbreitete Geiz-ist-geil-Mentalität mache es schwierig, Angebote jenseits der 30-Euro-Marke auf dem Markt zu platzieren. “
    Es muss für alle teurer werden, damit genug Geld da ist für alle Glasfaser nach Hause zu legen.

    1. Genau da ist das Problem. Viel wollen Glasfaserkabel haben. Aber vielen ist es auch egal. Die Zahlen laufen alle auf 1000€ pro Bundesbürger hinaus. Das sind halt auch mal schnell 2000€ pro Anschluss. Wer soll das bezahlen? Mit 29€/Monat für eine „Alles-Flat“ wird das nichts werden.

      1. Internet via WLan, in jeder Straße, Industriegebiet, Stadt, Land … egal!
        Seitdem es Gigabit WLan Router gibt, ist es möglich überall Gigabit Internet auch ohne Glasfaser anzubieten!
        Wie?
        Nun, ich hatte doch schon die Überwachung via Straßenlaternen, die mittels Power-LAN verbunden sind, postuliert …
        Ein Schritt vorher, wäre die Verknüpfung Straßenlaternen via Powerline ( https://www.ixquick.de/ Suchstring: Powerline host:teltarif.de ) an das Internet …
        Zur Verfügung gestellt wird das Internet via Gigabit WLAN Router ( https://www.ixquick.de/ Suchstring: Gigabit WLAN Router host:heise.de ), die in einigen Straßenlaternen integriert wären …
        Klar wäre hier ein Gleichzeitigkeitsfaktor zu berechnen, aber dieses Problem haben die Kabelanbieter auch!
        Wie das Internet zu den Laternen kommt?
        Nun, die Energieanbieter haben Freileitungen über Grund, über diese Wege können auch Glasfaserleitungen gespannt werden!
        Von Trafohäuschen zu Trafohäuschen via Glasfaser … dann weiter via Powerline zu den Straßenlaternen und von den Straßenlaternen via Gigabit WLAN in die Haushalte!

        Na?
        Wie findet Ihr meine VT?

        1. Keine Werbung … nur Tatsachen an Beispielen …

          Vodafonis bietet schon ab 19,99 an … die Aldis 5GB/30 Tage Internetflat (via E-Plus) für 14,99 …
          Klar ist das Mobilangebot mit 5GB nicht gerade üppig!
          … aber man kann die Karte tauschen oder Highspeed „Nachbuchen“
          Dann gibt es von den Aldis auch noch eine Tagesflat für 1,99, 1GB Volumen … mal 30 Tage sind 30 GB für 59,70 Klinker … und das völlig Mobil, Orts unabhängig!
          … Ist zwar nur HSDPA ( https://de.m.wikipedia.org/wiki/High_Speed_Downlink_Packet_Access ) aber mit dem Speed kann man auch Leben, wenn man häufig Unterwegs ist, ferner gibt es auch bei Bürcher Ging freies WLAN … da setzt man sich hin und tut Schnorren!
          Festnetz?
          Es gibt da flexible VoIP Anbieter, einen Client ( z.B. CSipSimple, Zoiper) aufs Telefon und schon ist man auch im Ausland für das Arbeitsamt erreichbar!
          … Blöd nur, wenn sie vor der Tür stehen und um Einlass bitten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.