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Branchenverband: Breitbandziel der Bundesregierung reines Wunschdenken

50 MBit/s für alle deutschen Haushalte hat die Bundesregierung bis 2018 versprochen. Der Branchenverband Breko bezweifelt in seiner aktuellen Marktanalyse, dass sich dieses Ziel rechtzeitig erreichen lässt.

Von einer flächendeckenden Breitbandversorgung wird Deutschland wohl noch lange träumen. CC BY-NC-ND 2.0, via flickr/Elena Kalis

Die Bundesregierung wird ihr Breitbandziel von „50 MBit/s für alle“ bis 2018 verfehlen, lautet eines der Ergebnisse der aktuellen Marktanalyse des Bundesverbandes Breitbandkommunikation (Breko). Bestenfalls 85 Prozent aller Haushalte werden in zwei Jahren 50 MBit/s oder eine höhere Bandbreite zur Verfügung haben, schätzt der Verband und verweist auf die derzeitigen Rahmenbedingungen, die sich durch die jüngste Vectoring-Entscheidung der Bundesnetzagentur sogar noch verschlimmert haben.

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„Die Vectoring-II-Technologie, die nach den Vorgaben Brüssels erst nach Einführung entsprechender Vorleistungsprodukte und grundsätzlich nur vom Ex-Monopolisten in den zu weiten Teilen bereits gut versorgten Nahbereichen eingesetzt werden darf, wird den Ausbau unterm Strich verzögern, anstatt ihn im Wettbewerb zu beschleunigen“, erklärte Nico Grove, Mitglied des Breko-Beirats bei der Vorstellung der Breitbandstudie 2016 (PDF).

Glasfaserausbau statt Überbau vorhandener Infrastruktur gefordert

Quelle: Breko Breitbandstudie 2016
Quelle: Breko Breitbandstudie 2016

Schon in den vergangenen Jahren habe ein Überbau bereits bestehender Breitband-Infrastruktur stattgefunden, laut Breko vor allem durch die Deutsche Telekom. Allein im letzten Jahr wären mehr als 70 Prozent aller Investitionen nicht in unterversorgte, also vor allem ländliche Gebiete geflossen, sondern am Ausbauziel der Bundesregierung vorbei in Gebiete, die jetzt schon mit mindestens 30 MBit/s angeschlossen sind. Grove befürchtet nun einen „regulatorisch angeordneten“ und weiter intensivierten Überbau der vielfach gut versorgten Nahbereiche von Hauptverteilern der Deutschen Telekom.

Die Politik sei gefordert, von ihrem Bandbreitenziel abzurücken und auf ein „zukunftsweisendes Infrastrukturziel“ umzuschwenken, also auf den Ausbau von Glasfasernetzen bis ins Haus oder die Wohnung (FTTB/FTTH). Dieser Schwenk muss sich laut Breko auch im Regulierungsregime der Bundesnetzagentur widerspiegeln. Zudem müsse der „strategische Überbau hochleistungsfähiger Infrastruktur“ verhindert und stattdessen auf Kooperation und Open Access gesetzt werden – wenn sich also mehrere Netzbetreiber die gleiche Infrastruktur teilen und ihre Dienste darüber anbieten, ohne sich dabei in die Quere zu kommen.

Datenvolumen weiter steigend

Einige weitere Eckpunkte der Studie, die auf Daten von rund 90 Prozent aller Breko-Mitglieder beruht, die wiederum einen Großteil aller deutschen Festnetzwettbewerber der Deutschen Telekom stellen:

  • Aktuell liegt die Standard-Downstream-Bandbreite zwischen 10 und 30 MBit/s, bis 2025 soll sie sich im Bereich von 400 MBit/s im Down- und 200 MBit/s im Upstream bewegen.
  • 11,5 Milliarden GByte an Datenvolumen wurden im Jahr 2015 über das Festnetz übertragen, 2014 waren es noch 9,5 Milliarden GByte. Prognosen zufolge wird sich das Volumen von 2016 bis 2020 fast vervierfachen und dann mindestens 55 Milliarden GByte betragen.
  • Mehr als 80 Prozent der mobilen Datennutzung habe in WLANs stattgefunden (die natürlich auf eine gute Anbindung angewiesen sind).
  • Einzig in Hamburg, Bremen und Berlin können über 90 Prozent aller Haushalte auf Bandbreiten von 50 MBit/s oder mehr zurückgreifen. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind es etwa 50 Prozent oder weniger. Der Bundesdurchschnitt liegt bei mageren 70 Prozent.

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5 Kommentare
  1. Hi Tomas,

    In einem kleinem Gallischen Dorf in Österreich, regiert Landes-Erwin der Erste seit mehreren Jahrzehnten und hat sich von der Breitbandpolitik des Bundes losgesagt und kocht sein eigenes Süppchen mit FTTH in jedem noch so kleinem Dorf. Quasi einen Zaubertrank mit OpenAccess, Infrastruktur in Gemeinde-Hand.
    O-Ton BundesFinanzminister Schelling: „Nicht angedacht, dass wir dieses Modell zwingend österreichweit ausrollen“ Aber das soll uns Niederösterreichern egal sein was die anderen machen, hauptsache wir haben endlich mehr als 2Mbit/s im Downstream per aDSL.

    Zum Beispiel die kleine Marktgemeinde Kautzen mit all seinen Dörfern, an der Tschechischen Grenze hat 1.154 Einwohner. Kautzen selbst hat 624 Einwohner.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kautzen

    Bestellung Glasfaserbasisanschluss in Kautzen: http://www.kautzen.com/MEDIA/Thayaland_Glasfaser.pdf
    http://noe.orf.at/news/stories/2766830/
    Internet Privat 50/50 Mbit/s 29,90 €
    Internet Privat 300/300 Mbit/s 69,90 €
    Inbetriebnahme Kautzen vom 28. Februar 2016: http://www.noen.at/waidhofen/glasfaser-laeuft-in-kautzen/11.399.221#

    Man hat einen virtuellen Selbstbehalt von 600 € wenn man den Anschluss bestellt.
    Sollte man den Vertrag kündigen, muss man den Selbstbehalt bezahlen. Jedes Jahr der Laufzeit verringert sich der Selbstbehalt um 100€. Nach 6 Jahren ist somit der Selbstbehalt/Erstellungsgebühr abbezahlt.

    Die Gemeinden sind angehalten bei Tiefbauarbeiten (Straße, Kanal, etc… ) gleich DarkFiber Leerverrohrung mit einzulegen.

    Betreiberfirma Infrastruktur:
    http://www.open-net.at/blog/zukunftsraum-thayaland-noedetails/

    Beginn 2014
    http://derstandard.at/2000008141522/Breitband-Niederoesterreich-startet-2015-fuenf-Pilotprojekte
    Pröll präsentierte im Finanzministerium den niederösterreichischen Vorschlag, bei dem es eine „klare Trennung“ zwischen der Errichtungsgesellschaft für die Infrastruktur und dem Betreiber geben soll.

    Anscheinend wird dies von der eigentlichen Infrastrukturgesellschaft https://noegig.at/ schon auf die weiteren NÖ-Landesgesllschaften ausgeweitet:
    http://www.noeregional.at/?kat=19&op=3&Angebot%20&%20Schwerpunkte.&Breitband

    Die Niederösterreischische Breitbandstrategie hat sich in den letzten Jahren direkt aus der Bundesstrategie abgeleitet und sich auf „Förderung“ von A1 beschränkt. Ohne nennenswerten Ausbau oder Fortschritt.
    http://www.noe.gv.at/Verkehr-Technik/Telekommunikation.html

    Alle Handbücher und Grafiken mit CC-by-nc-nd/4.0/ lizenziert.
    https://noegig.at/downloads/

    Warum der lange Post:

    Um als „Vorzeigeprojekt“ für OpenAccess gelten zu können.
    Um der Bundespolitik in Sachen Breitbandausbau in Österreich ein Gegenmodell argumentieren zu können.
    http://derstandard.at/2000034761449/Breitband-Milliarde-102-Foerderprojekte-eingereicht
    http://www.bmvit.gv.at/bmvit/telekommunikation/breitbandstrategie/downloads/breitbandinfofolder.pdf
    Um der Landespolitik den Spiegel vorhalten zu können. Etwa das Burgenland, welches demonstrativ die Breitbandstrategie mit den Mobilfunkern verkündet.
    http://derstandard.at/2000009699845/100-MBitsBurgenland-bekommt-flaechendeckes-Breitband-bis-2019

    FTTH oder besser FTTK (Fiber to the Kaff) ist möglich:
    In Dörfern wie Triglas, mit 39 Einwohnern kann man jetzt FTTH bis in den eigenen Keller legen lassen. Triglas ist in etwa eine Ortschaft mit 4 Höfen, 3 Häusern und 9 Misthaufen.

    Lieber Tomas, ich würde mich freuen könnte das Niederösterreichische Modell ( https://noegig.at/modell/ ), bei aller Antipathie gegen den Landes-Erwin und seiner Partei, etwas positive Öffentlichkeit und möglicherweise auch Lob erfahren.
    Hoffe mit dem Österreich bezug von dir klappt das auch.

    lg cave

    1. Lieber cave,

      vielen Dank für den detaillierten Kommentar. Ähnliche Erfolgsgeschichten gibt es auch in Deutschland, etwa in einzelnen Kommunen in Nordrhein-Westfalen. Freut mich sehr zu hören, dass sich NÖ unter Pröll (!!!) am EU-Leitfaden orientiert und offenbar etwas weitergeht (ich muss mir mal in Ruhe die Details ansehen).

      Das Problem in Deutschland ist halt, dass die Regulierungs- und (Bundes)Förderpolitik mal explizit, mal implizit auf ein möglichst rasches „Upgrade“ bereits vorhandener Kupfer-Infrastruktur abzielt und es so zum Überbau kommt, anstatt echte Breitbandnetze zu legen. Hat eine Kommune bzw. ein Bundesland genug Geld, dann scheinen eher mit NoeGig vergleichbare Betreibermodelle zum Zug zu kommen.

      Nochmals danke für die Hinweise, ich werde sie bei Gelegenheit aufnehmen.

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