Überwachung

BND-Zentrale: Blick in die Waben des Überwachungsstaates

Der Bundesnachrichtendienst hat ein letztes Mal dazu eingeladen, seine Zentrale zu besichtigen. Doch die Betrachtenden waren eingeschüchtert. Eine kleine Presseschau.

Wo der V-Mann die Selektoren lesen darf: BND-Neubau in Berlin. Bild: Georg Kroemer. LIzenz: Creative Commons BY-NC-ND 2.0.

Der BND hatte natürlich nicht die Courage, dieses Blog zur letzten Besichtigungstour vor der vollkommenen Abschottung seiner Zentrale einzuladen. Und so können wir nur aus zweiter Hand erfahren, dass die 1.600 hungrigen Geheimdienstmäuler in drei halbstündigen Schichten in der Kantine des Hauses abgespeist werden und die anderen 2.400 Mitarbeiter in den Restaurants der näheren Umgebung. Der Geheimdienstkomplex, bei dessen Architektur jedem einigermaßen aufgeweckten Demokraten schon beim Blick von außen Angst und bange wird, überwältigt dann auch die wenigen geladenen Gäste, die das Bauwerk ein letztes Mal von innen sehen dürfen.

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Laura Weissmüller schreibt in der Printausgabe Süddeutschen Zeitung:

Ein Monster von Symmetrie und Strenge, schier endlos in seiner Gleichförmigkeit – 14.000 exakt 1,25 Meter breite Fenster fügen sich hier aneinander – und so schwer, dass man sich wundert, dass der märkische Sandboden, in den man gerade hohe Kiefern pflanzt, nicht schon längst nachgegeben hat.

Weiter heißt es in dem sehr schön zu lesenden Verriss:

Was macht das mit einem Menschen, wenn er in so einem Gebäude arbeitet? Spätestens im 30 Meter hohen Atrium schrumpft jeder zu einem winzigen Rechteck. In dieser aseptischen Ruhmeshalle fügt sich jede Linie, jede Lampe, jede Fliese, jedes Oberlicht ins Raster.

Andreas Kilb von der FAZ sieht im Vaubanschen Festungsbau ein Vorbild der Geheimdienstzentrale. Ihm stößt dann auch die Gigantomanie auf:

Die beiden flughallenhohen Atrien hingegen, die die Büroflügel im Norden und Süden des Komplexes verklammern, wirken wie Turnsäle für King Kong.

In Kontrast dazu dann die Arbeitsplätze der Mitarbeiter:

Viel weniger monströs, eher wie Waben eines Überwachungsbienenstaats, wirken dagegen die zighundert BND-Büros mit ihren zwei, drei oder vier schmalen Fensterachsen, in denen sich die Angestellten mit je zwei Computern – davon einer nur für das interne Datennetzwerk – und ihren Achtzig-Zentimeter-Schreibtischen einrichten müssen.

Laura Weissmüller fasst das ganze Elend dann treffend zusammen:

Es ist die Architektur, die hier Angst macht. Im Herzen einer Demokratie hat sie nichts verloren.

Assoziationen mit totalitärer Architektur hat der BND-Architekt Kleihues wohl keine. Wiessmüller zitiert ein Interview mit dem Architekten in der Welt von 2006:

Ich habe diese Bauaufgabe nie unter diesem historischen Gesichtspunkt betrachtet.

Das merkt man.

Update:
Die Titanic hat auch was zur neuen BND-Zentrale.

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24 Kommentare
  1. Gute alte Nazi Baukunst oder aus der guten alten Zeit des SED Staates entsprungen. Die Jungs von der anderen Seite der Mauer haben ja gute Jobs bei ihrem neuen Dienstherrn gefunden und bringen ihre Erfahrungen ein. Wir sind näher an einer Diktatur, als es sich manche Vorstellen können.

    1. Na dann haben wir wenigstens die Möglichkeit, uns Demokratie, Freiheit, Grundrechte zu erkämpfen, als sie geschenkt bekommen zu müssen, dann passt man auch besser auf.

    2. „…von der anderen Seite der Mauer…“
      Also ich kenne und „belebe“ beide Seiten. Damit bin ich seit geraumer Zeit auch wirklich nicht in einer Minderheit.
      Was ist in deiner Welt die „andere Seite“ und was macht diese als solche in diesem Falle aus?
      Deinem letzten Satz stimme ich voll Sorge zu.

        1. Den Architekten ist wohl zumindest eine ostische Prägung eher nicht vorwerfbar.
          Bunkerarchitektur ist allerdings und nach meinem Wissen nicht an Himmelsrichtungen festzumachen oder selbigen vorbehalten.

          1. Ich meinte auch eher den Überwachungswahn / Zwang, nicht das Gebäude. Die Ost-Kollegen hatten den West-Kollegen schon einiges voraus. Was man einmal gelernt hat, ist gelernt. Alles und jeden Überwachng wird in der BRD auch zum Zwang. Nur so am Rande, hatte dazu eine Diskussion mit einem Kollegen zum Thema „Überwachung“. Antwort, sollen sie doch, ich habe nix zu verbergen. Darauf habe ich ihm geantwortet, ob er dann seine Haustür offen stehen läßt. Daraufhin wurde er etwas ungehalten und meine, ob er sich jetzt einen Alu-Hut bauen soll. Die Gehirnwäsche greift schon und viele machen sich über das Ausmaß der Überwachung keine Gedanken. Eine Luxus DDR wird oder wurde schon erschaffen!!! Zwei sind ja schon am Ruder in Berlin, die aus der Zeit einige Erfahrung mitbringen. Das ist Mutti und der Pfarrer.

          2. Ich versuche es nochmal: Ich bin der Meinung, daß es diese Sorte Mensch überall gibt. Das ist kein Privileg einer DDR oder Koreas.
            Der Grund, weshalb ich so darauf bestehe, ist nie eine Reinwaschung der Ossis! Es geht mir darum zu zeigen, daß solches „Personal“, diese Sorte Mensch immer und überall vorhanden ist und nur die Frage besteht, ob diese auch gebraucht werden.
            Um es mal ganz deutlich zu machen: Ich mache keinen Unterschied zwischen Opa aufm Wachturm eines KZ und dem Helden, der irgendwo im Bunker sitzt, Drohnen steuert und Menschen abknallt. Ebenso werfe ich alle Geheimdienstler in einen Topf. Aus irgendeinem Blickwinkel sind es immer Helden und aus dem nächsten Mörder oder anderer Verbrechen Schuldige.
            Ohne dieses „Personal“ wäre der größte oder auch kleinste Diktator oder auch demokratisch gewählte Verbrecher gar nicht in der Lage, ein solcher zu sein.

          3. Das stimmt und stimme dir voll und ganz zu. Ohne die Willigen die die Dreckarbeit machen, würde kein System funktionieren. Und dabei ist es egal ob Ost oder West. Deswegen bin ich auch davon überzeugt, dass unsere Polizei bei einem Schießbefehl auch auf Demonstranten schießen würde.
            Einige sind so geil darauf, dass sie ihr Gehirn nach dem Anlegen der Uniform abschalten. Genauso in den Überwachungsbehörden. Da wird nicht mehr zwischen richtig und falsch entschieden. Man hat ja den Paragraphen des Befehlsnotstandes und lebt in seine Welt. Jeder ist verdächtig. Die Unschuldsvermutung mag es noch vor Gericht geben, aber nicht in diesen Behörden wie BND, Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaft, auch Richter sind von dem Virus befallen. Sonst gäbe es nicht tausende Hausdurchsuchungen, selbst bei fadenscheinigen Begründungen der Polizei oder Staatsanwaltschaft. Dann hat man sich eben geirrt und hofft auf Beifang, damit es wieder legal war.

          4. Das Schaufenster mit den Inhalten „Gutes Leben in völliger Freiheit“, wird nicht mehr benötigt … ebensowenig wie die soziale Marktwirtschaft!
            Der Raubtierkapitalismus zeigt dem Bürger die Zähne … es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er von den nervenden Gefährdern (Gerichtsurteile wie VDS, BKA-Gesetz) genug hat und recht gesetzwidrig um sich beißen wird, wie Minister De Maizieré schon androhte!

          5. Ja, alles schön in der Familientradition bei den De Maizieré.
            Haben treu unter Hitler gedient um dann nahtlos auch im SED Staat eine Spitzenposition inne zu haben.
            Unser De Maizieré hat da noch nichts vorzuweisen und arbeitet noch daran, damit er in der Ahnenreihe einen Platz im Schloß erhält. Treu dem Motto, erst der Führer oder die Führung und dann die Familie.

  2. Jede/-r hat da andere Vorstellungen bzgl. Architektur. Mir macht, jetzt nur einmal von oben (OpenStreetMap) betrachtet, der Grundriß des Gebäudes Freude: klare Symmetrien (Länge und Breite im Verhältnis 2:1) und eine offene Mitte (BND zeigt Herz). Nur leider ist das Gebäude nach hinten hinaus offen (Garten mit Terasse), also mehr so der Hufeiseneffekt. Da fällt das Glück hinaus bzw. in dem Fall wohl eher die Informationen – gute Chancen für Whistleblower? Doch wie gesagt, die Psychologie der Architektur ist Ansichtssache.

    Ein Ärgernis ist auf jeden Fall das Besucherzentrum. „Die Dämonen sitzen in den Ecken“ (des Grundstücks). Aber das ist jetzt schon höhere Philosophie der Gestaltung und Plazierung von Gebäuden auf einem Grundstück. Wer kann sich heute noch großzügige Freiflächen leisten, ein freistehendes Gebäude, mit viel Sonnenlicht von Osten (aufgehende Sonne).

    1. Ich bin da vor geraumer Zeit mit meinen Eltern, die aus der Provinz zu Besuch waren, vorbeigefahren. Als ich sagte, dass dies die neue BND-Zentrale sei, waren sie zutiefst in ihrem Glauben an die Demokratie erschüttert. Dieses Gebäude zementiert die Macht des Geheimdienstes, es schüchtert ein und macht betroffen. Ich fand diesen Eltern-Effekt die bezeichnendste Kritik an dieser Architektur.

      1. Evtl. ein Stiller Protest des Architekten?
        So der Machart „Des Kaisers neue Kleider“?

        … evtl. hat der Architekt auch einen Knopf eingebaut, um die beiden Irrenanstalten hermetisch zu verriegeln?
        Ich gebe zu … Wunschdenken!
        … aber sehr verlockend!

        1. Da kannst du aber einen drauf lassen, dass es diesen Knopf gibt, zwar andersrum gedacht, was aber nicht gegen eine Optimierung spricht.

      1. … die heilige Dreifaltigkeit aus Bundesrat, Berliner Abgeordnetenhaus und Finanzministerium, die sich den gleichen Garten teilen. Ist bestimmt nur Zufall, daß es dann in Bayern schon mal heißt, die Fördergelder für das Projekt kommen aus Berlin und deshalb muß der Auftrag auch von einer Berliner Baufirma erledigt werden, mit erschreckendem Ergebnis.

  3. 2.400 Mitarbeiter in den Restaurants der näheren Umgebung.

    Das war in Pullach schon immer auch ein Problem. Der Mensch als solcher ist ein Gewohnheitstier und lässt sich durch Nahrungsaufnahme konditionieren. Rund um Pullach gibt es ein Restaurant-Gürtel, nicht zu nah und nicht zu weit entfernt von der Zentrale. Gute Gespräche sind gelegentlich nicht ganz auszuschließen.

    1. Schon in den Filmen der berüchtigten Olsenbande wurde bemerkt: „Das verwundbarste Stück einer jeden Organisation, eines jeden Betriebes ist die Mittagspause.“

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