Überwachung

Snowden-Dokumente bestätigen Echelon-Programm: Rückschau auf 40 Jahre Aufdeckungsarbeit

Die neue GCHQ-Zentrale in Cheltenham, Gloucestershire. CC BY-SA 2.0, via flickr/UK Ministry of Defence

Hausdurchsuchungen, abgehörte Telefone, angedrohte Gefängnisstrafen – auf solche Folgen muss man sich offenbar einstellen, wenn man geheime Informationen und geleakte Dokumente veröffentlicht. Der britische Journalist Duncan Campbell kann davon ein Lied singen, seit er 1976 einen Artikel über den Geheimdienst Government Communications Headquarters (GCHQ) publizierte. Zusammen mit dem US-Journalisten Mark Hosenball legte er erstmals offen, wie der britische Dienst, in enger Kooperation mit der US-amerikanischen National Security Agency (NSA), schon damals weltweit Kommunikation mitgeschnitten und ausgewertet hat.


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Das sollte nicht der einzige Coup des studierten Physikers bleiben. Gut zehn Jahre später gelang es ihm mit Hilfe der ehemaligen Lockheed-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Margaret Newsham, das Überwachungsprogramm Echelon zu enthüllen. Im Auftrag der NSA half sie dabei mit, ein System zu betreiben, das systematisch und automatisiert internationale Satellitenkommunikation nach Schlüsselwörtern durchsuchte.

Obwohl es Campbell gelang, elektronische Massenüberwachung nachzuweisen, hielt sich der Aufschrei zunächst in Grenzen. Erst um die Jahrtausendwende gelangte das weiterhin streng geheime Projekt wieder an eine breitere Öffentlichkeit, als eine Untersuchung des EU-Parlaments ein wenig Licht in die Sache brachte. Konsequenzen blieben allerdings aus, weil kurz vor dem Ende der Prüfung die Anschläge vom 11. September 2001 die politische Großwetterlage dramatisch umkrempelten.

Bestätigung durch Snowden-Dokumente

Im Zuge der Snowden-Enthüllungen klopfte Campbell beim The-Intercept-Journalisten Ryan Gallagher mit der Bitte an, in den Dokumenten nach weiteren Echelon-Puzzlestücken zu suchen. Tatsächlich wurde Gallagher fündig und entdeckte Belege für das in den 1960er-Jahren gestartete Programm. 2011 hieß es in einem Newsletter der NSA-Station Yakima:

In 1966, NSA established the FROSTING program, an umbrella program for the collection and processing of all communications emanating from communication satellites. FROSTING’s two sub-programs were TRANSIENT, for all efforts against Soviet satellite targets, and ECHELON, for the collection and processing of INTELSAT communications.

Einem GCHQ-Report aus dem Jahr 2010 lässt sich entnehmen, dass die NSA das System nach wie vor massiv finanziell unterstützte. Und ein weiteres Memo zeigt, mit welcher Verachtung die NSA jeglichen Aufklärungsversuchen begegnete: Als EU-Vertreter im Frühjahr 2001 bei der US-Regierung vorstellig wurden und Aufklärung verlangten – schließlich verschob sich der Fokus von Echelon nach dem Zusammenbruch des Kommunismus auf Wirtschaftsspionage, die sich unter anderem gegen europäische Ziele richtete –, gelang es der „Corporate NSA“ im Zusammenspiel mit Mitgliedern des US-Kongresses, die Delegation erfolgreich abzuwimmeln, sodass sie unverrichteter Dinge wieder abziehen musste.

Besser lauschen mit Zircon

Die lesenswerte Rückschau auf gut vierzig Jahre Aufdeckungsarbeit liest sich stellenweise wie ein Agenten-Thriller, der mit persönlichen Anekdoten gespickt ist. Diese hinterlassen oft einen amüsanten Eindruck, zumindest im Nachhinein: Immerhin landete Campbell einmal im Gefängnis, musste mehrere Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen, sah fertig produzierte Fernsehbeiträge vor seinen Augen verschwinden, weil sie der Regierung zu brisant erschienen, und musste nach seiner Festnahme 1977 eine Zeit lang befürchten, für dreißig Jahre hinter Gittern zu landen. Dass sein Telefon für über zehn Jahre angezapft wurde, fällt da kaum noch ins Gewicht.

Aufsehenerregend war etwa auch seine Enthüllung des Zircon-Programms 1987. GCHQ wollte sich von seinem US-Partner NSA unabhängiger machen und einen eigenen Spionage-Satelliten ins All schießen, der Signale aus Europa, Asien und Afrika hätte abfangen sollen. Um das 700 Millionen US-Dollar teure Projekt geheim zu halten, umging der Geheimdienst kurzerhand sämtliche legislative Kontrollinstanzen. Die Ausstrahlung der sechsteiligen BBC-Sendung konnte zwar im letzten Moment verhindert werden, die Veröffentlichung im „New Statesman“ jedoch nicht. Seine Arbeit konnte der Satellit niemals aufnehmen, das Projekt wurde von der Regierung gestoppt: aus Kostengründen.

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3 Kommentare
  1. Es ist wahr, dass man mit Hilfe der technischen Moeglichkeiten auch in sehr frueher Vergangenheit begonnen hat Informationen auszuwerten.
    Da nun heute jeder einen solchen kleinen Androiden in seiner Hosentasche traegt, ist doch jetzt eher die Frage, was ist das essenzielle Ziel.
    Haben Sie schon eine XPrivacy auf Ihrem Smartphone. Haben Sie schon Ihre Frontkamera beklebt.
    Wenn wir wuessten was das Ziel der Datenermittlung und Profilerstellung, der Verknuepfung von Kontakten als Endziel hat, wuerden wir vielleicht ueber Anschlaege, wie z.B. den 11. September anders denken.
    Dass Politiker aus hoechsten Raengen vor nichts zurueck schrecken, beweisst uns immer wieder die permanente Unterstuetzung des Unternehmen Monsanto trotz erwiesener negativer Forschungsergebnisse mit verheerender Auswirkung auf Mensch und Natur wird dieses Machtinstrument von der Regierung unterstuetzt und gedeckt. Es sind eindeutige globale wirtschaftliche Machtinteressen unter dem Deckmantel biologische Technologie. Es zieht sich wie eine Guertelrose um den gesamten Erdball. Ob es die Macht ueber Daten oder Lebensmittel und Wasser ist, die hier im Vordergrund steht???

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