Open Access Diskussion in Kassel: No way back

Im Rahmen der Internationalen Open Access Week 2015 veranstaltete die Universität Kassel am vergangenen Donnerstag eine Diskussion zum Thema Open Access: Wissenschaftliches Publizieren im Wandel.


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Eröffnet wurde diese von Dr. Ralf Schimmer von der Max Planck Digital Library (MPDL) in München. Er sagte, wissenschaftliches Publizieren befinde sich gerade am Scheideweg – wenn jetzt wirksame Initiativen gestartet werden, könne Open Access deutlich gesteigert werden. Die Hauptherausforderung liege darin, das Subskriptionswesen zu senken, bestenfalls auf 10%. Schimmer wies auf ein Policy White Paper der MPDL (PDF) hin und betonte, dass bereits genügend Geld im System sei, und für Open Access keine zusätzlichen Mittel erforderlich seien. Eher sei mit Einsparungen zu rechnen. Derzeit hänge das Geld an drei großen Verlagen: Elsevier, Springer und Wiley. Etwa zwei Drittel der Kosten von Universitätsbibliotheken fallen nur auf diese drei Verlage. Für die 12. Berliner Open Access Konferenz im Dezember diesen Jahres kündigte Schimmer Pläne für eine internationale Koalititon an mit dem Ziel, einen Common Action Plan zu entwickeln und so eine weltweite Transformation einzuleiten. Hier (PDF) finden sich seine Folien.

In der nachfolgenden Diskussion sprachen Dr. Tobias Pohlmann von der Universitätsbibliothek Kassel und Open-Access-Beauftragter, Prof. Dr. Jan Hemming vom Institut für Musik, der CIO der Universität Kassel Prof. Dr. Alexander Roßnagel, Prof. Dr. Christiane Koch vom Institut für Physik und Ralf Schimmer vor allem über die Umsetzbarkeit einer Transformation des wissenschaftlichen Publizierens. Moderiert von Margo Bargheer von der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, wurde festgestellt, dass verschiedene Fachbereiche sehr unterschiedlich Open Access-affin sind.

Christiane Koch etwa stellte heraus, dass in der Physik, ähnlich wie in der Medizin, Open Access Publikationen weit verbreitet und akzeptiert sind. Und während sich alle Diskutierenden darin einig waren, dass zükunftig kein Weg an Open Access vorbeiführen wird, wurde doch auf Problematiken hingewiesen, die zuvor geklärt werden müssen. Jan Hemming etwa fragte, welche Motivation Wissenschaftler_innen hätten, Open Access zu veröffentlichen, wenn doch die Frage nach dem Renommee zentral ist – dies sei die Währung, in der Wissenschaftler_innen denken. Dennoch forderte Tobias Pohlmann, dass der Wandel aus der Wissenschaft selbst kommen muss. Forscher_innen dürften eben nicht so sehr auf die Verlage achten, schließlich komme die Qualität der Publikationen aus der Wissenschaft, nicht von den Verlagen; diese hätten eigentlich keinen Anteil daran und nichts rechtfertige die hohen Gewinnmargen, etwa von Elsevier. Nach Alexander Roßnagel liegt das Renommee in der Knappheit, und dies solle Online ebenso umgesetzt werden, um die Motivation für Wissenschaftler_innen zu erhalten.

Schimmer betonte, dass Zeitschriften nur noch erforderlich sind, um Zahlungsströme zu generieren. Der vielfach kritisierte Journal Impact Factor sei in der Praxis wichtig, aber eigentlich nicht ernstzunehmen – und Peer Review sei bei Open Access ebenso möglich. Zudem berichtete Schimmer von einem Treffen mit hochrangingen Elsevier Vertreter_innen im Sommer, bei dem ihm klar geworden sei, dass der Verlag sich bereits intensiv darauf vorbereit, Open Access Inhalte zur Verfügung zu stellen. Hier werde immens investiert, ebenso bei anderen Verlagen. Die jetzigen Vorteile werden genutzt, doch werde es zukünftig im strategischen Interesse der Verlage liegen, den Wandel zu mehr Open Access mit zu beschleunigen: momentan jedoch können sie noch „komfortabel auf der Bremse stehen“.

Wichtig sei, eine weltweite Koalition zu schmieden, um einen Subskriptionsstopp zu erreichen. Nach Roßnagel ist vor allem die Vorbereitung auf diesen „Tag X“ wichtig, denn der Wissenschaftsbetrieb müsse dann ungehindert weiterlaufen können. So verbleibt die recht harmonische Diskussion mit der Aussicht, dass Open Access die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens ist und der „Tag X“ vor allem davon abhängt, ob es gelingt eine weltweite Allianz zu schmieden die genügend Druck auf etablierte Verlage aufbaut.

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2 Kommentare
  1. Open access bedeutet nicht kostenlos! Auch die Produktion und Organisation von Open access-Zeitschriften kostet Geld, das von irgendjemandem bezahlt werden muß. Die Debatte um das Subskriptionssystem führt in die Irre, denn natürlich braucht man kein Geld mehr in die Hand zu nehmen, um Zeitschriftenartikel zu lesen. In der Regel jedoch werden die Produktionskosten auf die Autoren verlagert. Für die großen Verlage ändert sich daher nichts; denen ist es egal, woher das Geld kommt, um u.a. enorme Gewinnmargen zu generieren.
    Open access heißt auch in der Regel, online publizieren. Das heißt, die Kosten für die Veröffentlichung über einen Server sind im Vergleich zu den bisherigen Druckkosten vernachlässigbar. Die Begutachtung wird in der Regel in allen Disziplinen von den peers kostenfrei durchgeführt. Open access-Zeitschriften, die großen Wert auf Qualität haben, investieren daher in ein Redaktionsteam, das kompetent eine Vorauswahl der eingereichten Artikel unternimmt und die Autoren beim Publikationsprozess unterstützen. Das kostet Geld. Aber weitem nicht die Summen, die die großen Verlage zur Zeit verlangen.
    Der Goldene Weg ist daher meiner Meinung derjenige, bei der wissenschaftliche Institutionen Veröffentlichungen in Open access-Zeitschriften kostenfrei ermöglichen und dabei „ihre“ jeweilige Disziplin direkt unterstützen.

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