Heute präsentierte die Anti-Piraterie-Organisation BASCAP der Internationalen Handelskammer eine bei Tera Consultants beauftragte Studie über den Beitrag der Creative Industries zu BIP und Beschäftigung in der EU (PDF der Studie / PDF der Executive Summary, ES). Die Studie vergleicht die Entwicklung der Kreativwirtschaft zu den Zeitpunkten 2008 (also vor der Wirtschaftskrise) und 2011. Und die Ergebnisse der Studie haben es in sich.
Ganz allgemein lässt sich ein Rückgang der Wirtschaftsleistung im von den Studienautoren definierten Kernbereich der Creative Industries beobachten:
The overall tendency has been the destruction of jobs within most sub-groups, particularly for the traditional core activities, for which job destruction has been particularly significant. (S. 4 ES)
Zwar wird kurz erwähnt, dass dieser Rückgang wohl mehrere Ursachen haben müsse. Das hindert die Studienautoren aber nicht daran, eine statistisch kreative Schätzung der wirtschaftlichen Schäden durch Piraterie vorzunehmen. Zu diesem Zweck wird die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung der Kreativwirtschaft mit einer fiktiven („counterfactual“) wirtschaftlichen Entwicklung verglichen, wenn diese sich (a) wie die Gesamtwirtschaft oder (b) wie der Dienstleistungssektor entwickelt hätte. Die dahinterstehende These im Wortlaut:
However, in order to measure the impact piracy has had on value added and job destruction, it is necessary to estimate how economic contribution and employment would have evolved in the creative industries, absent all piracy (“counterfactual” scenario). (S. 6, ES)
Im Ergebnis führt diese Vorgehensweise zu eindrucksvollen Zahlen: Alleine in den fünf größten EU-Ländern Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und UK sei zwischen 2008 und 2011 durch Piraterie Wertschöpfung zwischen 27,1 und 39,7 Milliarden Euro vernichtet („value added desctruction“) worden. Hinzu kämen errechnete Arbeitsplatzverluste zwischen 64.089 und 955.125 Jobs in diesen Ländern. (In der Studie finden sich sogar noch höhere Zahlen, indem ähnlich kalkulierte Verluste vor 2008 hinzuaddiert werden). Im Fazit der Executive Summary ist deshalb auch von „offensichtlich negativen Effekten von Piraterie“ (S. 7, ES) die Rede.
Ein Blick in die Langfassung der Studie verrät dann auch die Ursache für diese schreckliche Entwicklung: raubkopierte Häuser, vor allem in Spanien. Klingt verrückt? Anders lassen sich die Ergebnisse beim besten Willen nicht mit Piraterie in Verbindung bringen. Besonders aufschlussreich ist folgende Abbildung (S. 22):
Die drei Bereiche mit den mit Abstand größten Wertschöpfungsverlusten zwischen 2008 und 2011 sind (1) architekturbezogene Aktivitäten, (2) (Bau-)Technik und diesbezügliche Beratungsleistungen sowie (3) leitungsbezogene Telekommunikation. Keiner dieser Bereiche ist auch nur am Rande von Piraterie betroffen. Ursache für den Rückgang sind vielmehr die geplatzte Immobilienblase in Spanien sowie Strukturwandel in der Telekommunkationsindustrie. Die einzigen zwei Bereiche mit substantiellen Zuwächsen trotz Wirtschaftskrise sind hingegen (1) Fernsehen und Rundfunk sowie (2) Film, Video und Fernsehproduktion – also jene Bereiche, wo sich noch am ehesten Verluste wegen Piraterie vermuten ließen.
Angesichts dieser Daten die vergleichsweise schwache Entwicklung der ausgewählten und als „Core Creative Industries“ bezeichneten Sektoren mit Piraterie zu erklären ist nicht einmal mehr Propaganda, sondern einfach nur noch peinlich.
