Überwachung

Wie funktioniert eigentlich „Stadionsicherheit“? Das Beispiel Siemens in Brasilien

Ausschnitt aus einer Präsentation des EU-Projekts “Integrated Mobile Security Kit”, das mobile Anlagen unter anderem zur Stadionsicherheit entwarf.
Ausschnitt aus einer Präsentation des EU-Projekts “Integrated Mobile Security Kit”, das mobile Anlagen unter anderem zur Stadionsicherheit entwarf.

Der deutsche Siemens-Konzern ist mit einem Milliardenauftrag an der Ausrichtung der FIFA 2014 in Brasilien beteiligt. Für die Fußballweltmeisterschaft der Männer hat Siemens laut einer Pressemitteilung Aufträge für Infrastrukturprojekte von rund einer Milliarde Euro erhalten. Nur „10 bis 20 Prozent der Investitionen“ flössen dabei in die Stadien: Vielmehr würden die meisten Gelder für städtische und landesweite Infrastruktur ausgegeben. Hierzu gehörten demnach Straßen, Verkehrsleitsysteme, Flughäfen, U-Bahn-Stationen, Hotels, Kraftwerke: Für den hohen Energiebedarf hat Siemens in Manaus ein eigenes Kraftwerk gebaut.


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Siemens ist aber auch mit der Ausrüstung von Stadien und ihrer Umgebung „mit moderner Sicherheits- und Gebäudetechnik“ befasst. Ein Vorzeigeprojekt ist das Mané Garrincha National Stadium in der Hauptstadt Brasilia, in dem sieben Spiele der Weltmeisterschaft stattfinden. Siemens installierte ein „CCTV-System“, das „modernste Kameratechnik“ nutzt und Besucher auf den Tribünen identifizieren kann.

Auf welche Weise die Kameras arbeiten, verlautbart die Pressemitteilung nicht. Erklärt wird dies jedoch auf der Webseite von Siemens, wo die „umfassenden Lösungen für Videoüberwachung, Personen- und Sachschutz sowie Gefahrenmanagement“ beworben werden. Demnach würde die „Operator Station im Kontrollraum“ jeden Winkel des Veranstaltungsorts überwachen können, Ausschreitungen und Überfüllung in den Gängen würden sofort erkannt. Die CCTV-Systeme stünden mit den automatischen Ticketkontrollen „in Verbindung“. Dadurch würde „bekannten Hooligans“ der Zugang verwehrt.

Nasenhaare in Großformat

Die Beschreibung legt nahe, dass in Brasilien Gesichtserkennungssysteme eingesetzt werden. Anscheinend ist dies bei internationalen Sportereignissen mittlerweile zum Standard geworden: So hatte der Spiegel zur Europameisterschaft 2012 in Polen berichtet, die Einsatzzentralen der Polizei erinnerten an einen Kontrollraum der NASA:

Etliche Monitore zeigen Überwachungsbilder und Messkurven, mit Joysticks und Tastaturen werden Kameras gesteuert, die jeden Fleck der 58.500 Zuschauer fassenden Warschauer Arena und ihres direkten Umfelds erfassen.

Derartige Lagezentren wurden in den Städten Breslau, Posen, Danzig und Warschau errichtet. Auch die Zahl der Kameras wurde beträchtlich erhöht. Ihre Auflösung sei nach Angaben der Verantwortlichen „so hoch, dass sie auf 220 Meter Entfernung Nasenhaare in einem Gesicht erkennbar machen können“. Die Plattform sei „das derzeit beste Überwachungssystem weltweit“, wird ein „Sicherheitsexperte“ zitiert. Kein Wunder: Die Eintrittskarte wird bei der Kontrolle einem Gesicht zugeordnet, das dann über die Videoüberwachung jederzeit in der Masse gesucht werden kann.

Die dadurch erlangten Bilder können mit entsprechender auch rückwärts gerichtet ausgewertet werden. So kann nachvollzogen werden, wer sich mit wem getroffen hat oder welche Eingänge benutzt wurden. Auch nach bestimmten Merkmalen kann gesucht werden, etwa die Farbe oder der Typ der Kleidung. Wie weit derartige Soft- und Hardware entwickelt ist, hatten Behörden 2010 in Dubai eindrucksvoll dokumentiert: Nach der Erschießung des Palästinensers Mahmoud al Mabhouh hatte die Polizei nach wenigen Tagen eine riesige Menge von Videomaterial derart aufbereitet, dass der Weg der vermutlichen Mörder vom fraglichen Hotel bis zur Einreise am Flughafen zurück verfolgt werden konnte. Verarbeitet wurde auch Material aus dem öffentlichen Raum.

400 CCTV-Kameras, 150 Drehkreuze, 6.000 Kontrollpunkte

Vermutlich half damals ein System aus Deutschland: 2006 hatte Siemens ein „Police Command and Control Centre“ installiert, das die Firma als eines der „weltweit fortgeschrittensten“ bewarb. Mehr als 1.000 Video- und Thermokameras können im Raum von der Größe eines Theaters gesteuert und ausgewertet werden. Journalisten zeigten sich beeindruckt über Auflösung und Zoomfunktion der Kameras. Polizeifahrzeuge, auch Fahrräder, sind mit GPS-Trackern ausgerüstet. Die Positionsdaten werden mit Karten und Lagebildern auf einem 12 Meter großen Bildschirm georeferenziert abgebildet. Eingebunden werden auch Informationen aus der aus Satellitenüberwachung. Ähnliche Lagezentren hat Siemens unter anderem in China, Aserbaidschan und Litauen installiert.

Inwiefern auch in Brasilia Eintrittskarten einem Gesicht zugeordnet sind, Personen mühelos identifiziert werden können und Nasenhaare in Großformat übertragen werden, wird nicht berichtet. Allerdings schreibt der Konzern, ein automatisches „Access Control-System“ kontrolliere die Gültigkeit der Tickets sowie Ausweise „autorisierter Personen und Mitarbeiter“. Dieses Zugangskontrollsystem speist sich aus einer Datenbank mit den unterschiedlichen Ticketsystemen. Die gesamte Plattform basiert auf „über 400 CCTV-Kameras, 150 Drehkreuzen für die Zugangskontrolle, 6.000 Kontrollpunkten“. Die Drehkreuzleser erkennen verschiedene Barcodes, aber auch Smartcards und andere Systeme.

Hinzu kämen Siemens Feueralarm- und Brandschutzsysteme, die nicht nur der Rettung dienen: Sie seien darauf ausgerichtet, das Abbrennen von Feuerwerkskörpern zu erkennen und diese von regulären Feueralrmen zu unterscheiden.

Weil die Veranstalter mit „Sabotage und Ausschreitungen“ rechnen, hat Siemens auch hierfür entsprechende Lösungen geliefert. Da „Zäune, Tore und verschlossene Türen“ nicht ausreichten, installierte Siemens ein „Intrusion Detection-System“ mit verteilten „Alarmsensoren“. Um welche es sich dabei handelt, bleibt unklar. Details lassen sich aber aus anderen, entsprechenden Vorhaben entnehmen.

„System of systems“

Unter Beteiligung deutscher und italienischer Rüstungsfirmen sowie weiterer Militärzulieferer hatte ein EU-Forschungsprojekt mehr Sicherheit gegen „Hooliganismus“ bei Fußballspielen und G8-Gipfeln versprochen. Unter Leitung der schwedischen Rüstungsschmiede Saab bastelten europäische Rüstungsgiganten bis vor einem Jahr an einer umfangreichen Plattform, um die Sicherheitsarchitektur von polizeilichen Großlagen aufzumöbeln. Als Projektziel dieses „Integrated Mobile Security Kit“ (IMSK) galt, der Unvorhersagbarkeit von Risiken mit technischer Hilfe zu begegnen. Verschiedene Technologien sollten hierfür in einem Verbund zusammengeschlossen und mobil bereitgestellt werden. Auch die verbesserte digitale Kommunikation der Sicherheitsbehörden wurde beforscht. Damit stellt das IMSK ein sogenanntes „System of Systems“ dar, wie es von Polizei und Militärs angesichts immer mehr digitaler Information zunehmend nachgefragt wird

Zum illustren Kreis der Projektbeteiligten gehörten zahlreiche Institutionen aus dem militärischen, polizeilichen und privaten Sektor. Schweden schickte neben der Verteidigungsagentur auch die Polizei ins Rennen, während für Frankreich das Innenministerium und die Atomsicherheitsbehörde teilnahm. Auch die griechische Polizei war an Bord. Die beteiligten Polizeien werden als „Endnutzer“ geführt. Hierzu gehört auch die sogenannte „ATLAS-Gruppe“, ein Zusammenschluss europäischer Spezialeinheiten zur Terrorismusbekämpfung. Aus Deutschland war der Militärzulieferer Diehl BGT Defence am IMSK beteiligt. Am Firmensitz in Überlingen fanden Treffen statt, um von Diehl hergestellte optoelektronische Sensoren zu integrieren. Diehl war mitverantwortlich für das technische Management des Projektes.

Weitere Expertise steuerte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) bei. Das DLR ist spezialisiert auf die Auswertung von Bildern aus dem All, die zunehmend auch Polizeibehörden nutzbar gemacht werden. Hierfür kooperiert das Institut mit der italienischen Finmeccanica-Tochter Telespazio, die ebenfalls bei IMSK mitarbeitete und technische Analysen lieferte. Im IMSK war das DLR mit der Untersuchung der Einsatzmöglichkeiten von Terahertz-Scannern befasst. Derartige Systeme werden als „Körperscanner“ auch für eine „Effizienzsteigerung“ von Personenkontrollen an Flughäfen beforscht.

„Sensorverbund“ zum Aufspüren alkoholisierter Atemluft

Vor zwei Jahren hatte das DLR beim Spiel der Champions League in München einen sogenannten „Sensorverbund“, wie er auch beim IMSK beforscht wurde, getestet. Dabei ging es vor allem um Aufklärung aus der Luft: Zusammen mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) kamen zwei hochauflösende optische Satellitensysteme, ein Motorsegelflugzeug, eine fliegende Kamera und bodengestützte Sensoren zum Einsatz. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Bereits die im Internet verfügbaren Bilder verdeutlichen die Möglichkeiten der Lageerkundung von oben. Dann genau darum ging es: „Unser Ziel war es Erfahrungen zu sammeln, wie wir die unterschiedlichen Sensor- und Lageerfassungssysteme am besten kombinieren können“, erklärte Stefan Voigt vom DLR in Oberpfaffenhofen. Besonders begeistert waren die Sicherheitsstrategen vom eingesetzten ferngesteuerten Oktokopter, einer Mikrodrohne mit acht Rotoren. Das Gerät filmte aus einer Höhe von bis zu 80 Metern. Doch auch GPS-Daten von Taxifahrern wurden eingebunden. Deren Geschwindigkeit soll Rückschlüsse auf die Verkehrslage ermöglichen.

Auch Institute der Fraunhofer-Gesellschaft gehörten zu den Partnern des IMSK. Aufgabenbereiche sind etwa „Informationslogistik und -zusammenführung“ sowie das Aufspüren von Kommunikationsgeräten. Das Institut arbeitet auch in verschiedenen deutschen Forschungsprojekten an der Nutzung der sogenannten „Mustererkennung“, mit der audio-visuelle Daten automatisiert ausgewertet werden können. Die Technik wird in mehreren US-Städten in Straßenlaternen verbaut, um verdächtige Umgebungsgeräusche oder Schüsse zu detektieren. Ein anderes Fraunhofer-Institut forscht daran, im Verbund mit Laserscannern und Kameras Sprengstoff und Radioaktivität zu erkennen.

Um die gesamte Bandbreite technischer Sensoren beizusteuern, wurde die deutsche Bruker Daltonik in das IMSK-Projekt aufgenommen. Die Firma ist auf die Detektion gefährlicher Stoffe spezialisiert und fertigt hierfür mobile Massenspektrometer. Dabei geht es vorrangig um sogenannte CBRN-Stoffe („Chemical, biological, radiological, nuclear“), die zur Herstellung von Spreng- oder Brandsätzen genutzt werden können und wie Drogen in kleinsten Spuren nachweisbar sind. Doch auch aus anderen Stoffen bestehende „Gaswolken“ können aufgespürt werden. Bruker wirbt damit, dass auch der Alkoholgehalt in der Luft gemessen werden kann. Ausweislich der Produktbeschreibung kam das System bereits in Stuttgart zum Einsatz. Dadurch wollen Sicherheitsbehörden etwa alkoholisierte Fans aufspüren, um etwaigen Regelverstößen zuvorzukommen. Laut der Firma wurden Sensoren, die hierzu jedenfalls technisch in der Lage sind, bereits bei einer Fußballweltmeisterschaft eingesetzt.

Mehrjähriger Auftragstop wegen Korruption

In deutsch- oder englischsprachigen Veröffentlichungen ist wenig darüber zu entnehmen, inwiefern derartige Technologien auch in Brasilien verbaut wurden. Allerdings kann angenommen werden, dass dies bereits zum Standard geworden ist und von Organisationen wie dem „International Centre for Sport Security“ (ICSS) auch in Brasilien eingeführt wird (das in Katar ansässige ICSS wird übrigens von einem ehemaligen deutschen Polizisten angeführt). Welche Ausmaße das angenommen hat, wurde vor der Olympiade in London 2012 eindrucksvoll in einem Artikel der Wirtschaftswoche zusammengetragen.

Schon 2006 hatte Siemens für „immer mehr Hightech im Hintergrund“ geworben, um Ereignisse wie eine Fußball-WM oder Olympische Spiele abzusichern. Der Konzern erwartete damals, dass der Anteil für die Elektronik bei Investitionen in Stadionneubauten in den nächsten Jahren deutlich steigen wird.

In Brasilien hatte Siemens nach eigenem Bekunden jahrzehntelang eine Schlüsselrolle bei der Modernisierung des Landes gespielt. Damit könnte nun Schluss sein: Wegen Korruption darf Siemens für fünf Jahre keine Staatsaufträge mehr erhalten. Ein Untersuchungsausschuss soll die Vorwürfe gegen Siemens nun überprüfen.

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4 Kommentare
  1. Danke für die Korrektur – und überhaupt für einen interessanten und detailreichen Artikel. Es ist erschreckend, wie Sportveranstaltungen schon seit Jahren zum Schlaraffenland für Experimente mit Überwachungstechnologie werden. Dies zusammen mit dem Entzug von Grundrechten bis hin zum Verbot, T-Shirts mit den falschen Produktlogos zu tragen, sollte eigentlich Grund genug sein, sich z.B. gegen eine erneute Olympiabewerbung in Berlin auszusprechen.

  2. Da Ihr den Staatsterrorismus durch „Israel“ kurz anreißt. Hier mal ein weitere Informationen.

    „Israel“ hat gefälschten deutschen Pass verwendet.
    Merkel lieferte kostenfrei (ergo Steuerzahlergeld) U-Boote an „Israel“.
    Merkel trifft Vertreter von „Israel“, obwohl diese Terroroperationen in der EU durchführten.

    https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Mahmoud_al-Mabhouh&oldid=611535193
    https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Dolphin-class_submarine&oldid=613603783
    https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mordechai_Vanunu&oldid=129415479

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