Ein Bildband des ehemaligen BND-Hauptsitzes in Pullach? Eigentlich kann ein solches Vorhaben nur scheitern, denkt man vielleicht. Und dafür gibt es plausible Gründe: Zum einen ist kaum vorstellbar, dass der BND sich überhaupt auf sein Gelände schauen lassen will und zum anderen könnte man davon ausgehen, dass die wenigen Dinge, die dann vielleicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen, todsterbenslangweilig sein würden. Doch eines kann man bereits jetzt verraten: Keine der Befürchtungen trifft zu, wenn man sich das Buch „Nachts schlafen die Spione“ anschaut, für das der Fotograf Martin Schlüter in 14 Nächsten über 16 Monate hinweg Bilder auf dem sonst so streng abgeriegelten BND-Areal in Pullach machen durfte – und zwar im Auftrag des BND höchstselbst.
Beschränkungen gab es natürlich dennoch, so mussten aus Geheimhaltungsgründen sensible Daten, die sich auf herumliegenden Dokumenten befinden konnten, penibel verdeckt werden. Es durften keinerlei Menschen erkenn- oder anderweitig identifizierbar sein. Doch Schlüter zog aus diesem Problem einen Nutzen und schuf indirekte Portraits, die – so kommt es einem beim Ansehen der Bilder vor – weitaus mehr preisgeben als eine direkte Abbildung der Person es gekonnt hätte. Der MDR-Sendung titel thesen temperamente sagte er:
Die Menschen finden nicht statt. Die Spuren, die sie hinterlassen finden aber statt.
Die Vermeidung von menschlicher Präsenz bedingte auch Schlüters Arbeitszeit und den Titel des Bandes: Nur nachts nach Dienstschluss der Geheimdienstler fertigte er die Aufnahmen an, dann wenn die Spione schliefen. Und gerade die dadurch entstehende, an eine Modellbauwelt erinnernde Atmosphäre hebt den Charakter der „eigentümlich durchgeknallten“ Behörde erfrischend humoristisch hervor. Auf der einen Seite stehen deutsche Nüchternheit und Gründlichkeit, die im Dienstplan der Wachhunde, der leb- und lieblosen Einrichtung der „Präsidentenvilla“ und Partyräumen penibel aufgeräumten Schulungs- und Partyräumen eines Schulungsortes deutlich hervorspringen. Dementgegen bekommt man Mitarbeiterbüros zu sehen, deren Wände vollständig mit Elvis-Postern tapeziert sind oder die von der Begeisterung des Mitarbeiters für Karneval und Bayern München sprechen.
Die Szenerie auf den Fotos wirkt an vielen Stellen eingefroren und katapultiert den Leser je nach Ort des (Nicht-)Geschehens zurück in verschiedene vergangene Jahrzehnte seit der Erbauung 1936. Damals wurde die heutige BND-Dienststelle „Reichssiedlung Rudolf Heß“ als Unterbringungsort für die Parteispitze der NSDAP geplant. Aus dieser Zeit stammen die noch immer vorhandenen Skulpturen im Garten der heutigen BND-Präsidentenvilla, in der seinerzeit Hitlers Privatsekretär Martin Bormann wohnen sollte. Es ist eine unbehagliche Erinnerung an die Geschichte des Areals, ebenso wie die mehreren gleichförmigen Häuser, die später als Wohnraum für CIA-Mitarbeiter im BND-Vorgänger „Organisation Gehlen“ errichtet wurden.
Weiter vorwärte in die 70er Jahre versetzen schmucklose Plattenbauten und antiquierte Sporträume. Das Bewusstsein, sich in der Gegenwart zu befinden, verschaffen erst die belebteren Areale des Komplexes, mit Werkstätten, in denen man Auto-Magazine vorfindet und chaotischen Chemielaboren, in denen sich sogar noch ein liegengebliebenes Salamibrötchen entdecken lässt, das aufgrund des noch guten Gesamtzustands auf kürzlich stattgefundene menschliche Präsenz hindeutet.
Was man sich an all diesen Stellen beim Durchblättern immer wieder fragt: Wer sind diese Menschen, die sich dafür entschieden haben, in einer derartigen Umgebung arbeiten zu wollen? Die sich teilweise, nach Berichten des Fotografen, gegenseitig mit ihren Deck- und Tarnnamen ansprechen und mit niemandem aus der Außenwelt über ihre wirkliche Arbeit reden dürfen? Diese Einschätzung muss jeder für sich selbst finden und Schlüter lässt in seinen Bildern Raum für eigene Interpretationen ohne eine Wertung zu sehr vorauszunehmen.
Beinahe futuristisch drängt sich schließlich ganz am Ende des Buches ein neues, in weiß erstrahlende IT-Zentrum ins Bild und schließt das Lesevergnügen mit einem starken Bruch. Der holt den Leser zurück in die Realität und macht ihm notwendigerweise bewusst, dass der BND kein altmodisches Geschichtsüberbleibsel und eine weitere verstaubte deutsche Behörde ist, sondern heute wie nie über massive Überwachungskapazitäten verfügt. Nicht nur in Pullach, das mittlerweile aufgrund des Umzugs in die neue BND-Zentrale in Berlin noch leerer als zur Zeit der Fotos ist. Sondern an über 100 Standorten in Deutschland und im Ausland, von denen man jetzt an sechs (sic!) im Rahmen einer Transparenzoffensive Schilder mit der Aufschrift „Bundesnachrichtendienst“ anbringen will. Doch dieses bisschen Transparenz, das sich selbst spottet, reicht nicht aus. Schlüters Buch, auch wenn es selbst ein Teil dieser offiziellen Initiative ist, zeigt uns deutlich, dass da vieles verborgen sein muss, das wir uns gar nicht vorstellen. Und wir müssen, nachdem sich die amüsant humoristische Befremdung des Anschauens und Staunens gelegt hat, darüber nachdenken, wie wir echte Einblicke in diesen Geheimdienstapparat bekommen können, nicht nur die Häppchen, die uns als Versuch der Ruhigstellung von der Behörde vorgeworfen werden.
Schlüter schafft es zusammen mit Klaus Honnef und Niklas Maak, die kommentierende Texte beigetragen haben, Neugierde zu befriedigen und tieferes Interesse zu wecken. Und gibt uns dafür ein Buch an die Hand, das man vielleicht sogar denen zum Geburtstag schenken kann, die bisher keinen Bezug zu dem Thema hatten – ganz ohne gleich als paranoider Verschwörungstheoretiker dazustehen.
„Nachts schlafen die Spion“ ist im Sieveking Verlag erschienen und kann für 59,90 € erworben werden.
