Wissen

Open Knowledge Festival 2014 – „Um gegen Bedrohungen zu bestehen braucht man Eier in der Hose!“

Open knowledge, open tools, open society. Open access, open data, open education, open source. Open government, open culture, open surveillance. Im Zeichen des ‚Open‘ fand von Dienstag bis Donnerstag das Open Knowledge Festival 2014 in der Berliner Kulturbrauerei statt.

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Ein riesengroßes ‚Klassentreffen‘ für die Open Knowledge Community, drängten sich auf dem Gelände etwa 1000 Teilnehmer: Hacker, Aktivisten, Künstler, Journalisten – besonders bestach die Internationalität der Gäste, die von weit her angereist waren, um sich in Berlin über ihr Thema auszutauschen. An jeder Ecke traf man Vertreter aus Afrika, Südamerika, Nordamerika, Asien – ein recht guter Überblick über die vertretenen Länder ließ sich aus der Veranstaltung „Open Government Data upates from around the world“ gewinnen, mindestens 30 Updates gab es da in einer Stunde zu hören.

Das Festivalprogramm wurde durchzogen von drei Themensträngen: Wissen, Werkzeuge und Gesellschaft, an denen sich das vielfältige Programm orientierte. Dienstag startete das Festival zum Aufwärmen mit einem Open Knowledge Fair und einer Politaoke-Veranstaltung. Die Partner des OKFests Artists Without A Cause (AWAC) organisierten Letzteres: Die Greatest Hits amerikanischer, deutscher und israelischer Reden sollten von den Anwesenden neu interpretiert werden. So richtig los ging es dann allerdings Mittwochmorgen, mit den Keynotes von Patrick Alley (Global Witness) und Beatriz Busaniche (Wikimedia Argentinien).

Was ist eigentlich ‚Open Knowledge‘? So ziemlich alles, scheint es, orientiert man sich am Festivalprogramm. Jeder kann sich darin seinen eigenen Fixpunkt suchen und die persönlichen Anstrengungen – ob für eine bessere Welt oder kommerziellen Erfolg – darauf projizieren. Im Fall von Global Witness führte Patrick Alley eindrucksvoll die Macht von Informationen vor, um Korruption, Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Menschenrechtsverletzungen aufzudecken und zu bekämpfen. ‚Open Knowledge‘ heißt hier: Je mehr dieser Fakten bekannt wird, je mehr Transparenz und öffentliche Aufmerksamkeit erzwungen wird, umso eher lässt sich im Kampf um globale Gerechtigkeit etwas erreichen. Die Keynote von Alley trug als Titel „Breaking Bad“, und mit ausgezeichneten Präsentations-skills stellte er die Fragen, auf die jeder in einem Land mit Ressourcenausbeutung eine Antwort verdient: Wer beutet die Ressourcen aus? Wie viel Geld verdient er mit der Ausbeutung? Und wofür verwendet er dieses Geld? In vielen Krisenstaaten werden mit der Rohstoffausbeutung sowohl die Umwelt zerstört als auch Kriege finanziert. In Liberia wurde der Bürgerkrieg zum Beispiel durch Diamanten und Holz am Leben gehalten. Durch investigative Arbeit von Global Witness konnten die UN mit eindeutigen Beweisen dazu gebracht werden, die beiden liberianischen Exportgüter 2003 mit Sanktionen zu belegen. Wenige Zeit später floh Präsident Charles Taylor aus dem Land, er konnte sich den Krieg nicht mehr leisten. Die Arbeit von Global Witness ist nicht immer so erfolgreich, und nicht immer geradlinig – oft müssen sie auch mit rechtlichen Drohungen rechnen, wie nach der Veröffentlichung von kongolesischen Kreditkartenabrechnungen. In einem solchen Fall, so Alley, sollte man die Bedrohung begrüßen und veröffentlichen:

Obtaining infomation is not enough in itself. […] To counter threats, you need balls.

Foto 2
Strahlendes Wetter auf dem Gelände der Kulturbrauerei

Beatriz Busaniche ging das Thema ‚Open Knowledge‘ von einem ganz anderen Standpunkt an. Als Gründerin von Wikimedia Argentinien hat sie vor allem mit der Problematik der Immaterialgüterrechte und ‚Intellectual Property Rigths‘ zu tun. In ihrem Vortrag unterstrich sie die Bedeutung der Kenntnis der Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu formen: Alle Widrigkeiten und alle Bedenken, die derzeit die Debatte um Geistige Monopolrechte formen, waren bereits im 18. und 19. Jahrhundert präsent, als sowohl Argentinien als auch USA sehr zurückhaltend waren, was die Berner Übereinkunft von 1886 anging. Die Bestimmungen seien zu restriktiv. Jetzt würde sich noch immer mit Standards der Vergangenheit diesem Thema genähert, was mittlerweile – im digitalen Zeitalter – exponentiell veraltet ist. Behauptung,ohne striktes Immaterialgüterrecht gebe es keine Innovation, sei schlicht falsch – tatsächlich habe es in der Geschichte bedeutende Entwicklung nur ohne strenges IP-Recht gegeben. Busaniche zeichnet das Bild der tragischen Gegenwart, in der medizinische Patente viel zu lange vorhalten und der Schutz „Geistigen Eigentums“ Menschenleben fordert. In der im Vordergrund grelle Handelsabkommen subtil Vereinbarungen über Intellectual Property Rights enthalten. Für die Zukunft fordert sie: Die Advokaten gegen starke Geistige Monopolrechte sollen ihre eigene Agenda haben, untereinander starke Allianzen bilden und sich auf die Menschenrechte berufen – die man nun einmal nicht neu erfinden müsse, sie seinen schon da.

Don’t rewrite Human Rights – use them!

Nach einem anschließenden Kamingespräch mit Ory Okolloh von Omidyar Network, einem Goldenen Sponsor des OKFestivals, wurden die Teilnehmer in die überbordene Auswahl von Veranstaltungen entlassen. Die lassen sich aber noch besser in eigenen Posts unterbringen. Stay tuned.

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12 Kommentare
  1. Die FAZ benutzt „open“ ja gleich als Propaganda gegen Google. Ziemlich wiederlich.

    „„Open“ ist das neue Zauberwort für Internet-Zweckoptimisten.“
    „Dahinter kann sich eine Menge verbergen, meist sind es finanzielle Interessen.“
    „Derzeit in Mode ist „open“.“
    „Entsprechend der Veranstaltung sprach auch sie [Neelie Kroes] allein über Wünsche unter Ausblendung jeder Erfahrung mit der Wirklichkeit.“
    „Wie schon die Piraten waren auch die Openness-Aktivisten nur auf sich und die Zukunft bedacht.“

    Link spar ich mir. Könnt ihr ja googeln.

    1. Ja, den Artikel kennen wir auch. Spricht wichtige Aspekte an, versteift sich aber dann zwecks Überspitzung auf eine Sache. Die Allgegenwärtigkeit des Wörtchens ‚Open‘ veranlasst in gewisser Weise dazu, es losgelöst von den Zusammensetzungen zu betrachten und provokativ von eigener Bedeutung freizusprechen. Das greift dann natürlich zu kurz. Völlig falsch ist der Verweis auf kommerzielle Interessen aber auch nicht.

      1. “ Völlig falsch ist der Verweis auf kommerzielle Interessen aber auch nicht.“ Stimme zu. Allerdings kommen bei der FAZ zwei Sachen zusammen. Einerseits der Generalverdacht einer wirtschaftsliberalen Zeitung, alles was „kostenlos“ geteilt wird, sei entweder Kommunismus oder von versteckten finanziellen Interessen geleitet. Ausserdem die Verleger-Fehde gegen Google. Die FAZ ist zwar nicht Teil der VG Media, die Rhetorik entsprechenden Artikel aber recht eindeutig. Entsprechend liesst sich der Artikel eher als Meinungsmache.

  2. was soll dieses misogyne „zitat“ in der überschrift, das im artikel nicht mehr auftaucht? „eier in der hose“, gehts noch? habt ihr die letzten 50 jahre emanzipatorischer geschichte nicht mitbekommen oder ist netzpolitik für euch tatsächlich nur was für menschen mit hoden?

    1. Eigentlich haben sowohl Frauen als auch Männer „Eier“, je nachdem, ob sie eine tragen, auch innerhalb einer Hose. Wenn wir schon dabei sind, Aussprüche wörtlich zu nehmen…

      1. Naja, für Feministen sind „Eier“ wohl schwanzgesteuert, auch wenn es biologisch wahrscheinlich umgekehrt ist. Aus der Nummer kommt auch netzpolitik.org nicht raus ;-) Da den Titel eine Frau übersetzt hat, würde ich mir keine Gedanken machen, Anfängerfehler.

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