Überwachung

EADS kündigt an, nicht mehr in Drohnen zu investieren. Ein Lippenbekenntnis.

Der Chef des Rüstungskonzerns EADS ist eingeschnappt: Die Firma werde nicht mehr in Drohnen investieren, erklärte Thomas Enders am Rande der diesjährigen „Paris Air Show“ in Le Bourget/ Frankreich. Er reagierte damit auf die – in der Tat – kleinkarierte deutsche Debatte darüber, wann wer in welcher Abteilung des Verteidigungsministeriums als erstes über das Finanzdesaster der Spionagedrohne „Euro Hawk“ Bescheid wusste.

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Glaubwürdig ist das Statement von Enders nicht. Denn die EADS-Tochter Cassidian, die „Sicherheitslösungen und -systeme“ für „zivile und militärische Kunden“ herstellt, ist nicht nur im Konsortium für den „Euro Hawk“ maßgeblich beteiligt. Auch hinsichtlich der NATO-Drohnen, die für den sizilianischen Stützpunkt Sigonella beschafft werden sollen, ist EADS in die Auftragsabwicklung involviert und wie beim „Euo Hawk“ Teil einer eigens dafür gegründeten GmbH. Mit dem Ableger Astrium fertigt EADS zudem Raumfahrt-Technologie, die im Bereich der Satellitennavigation ebenfalls dem zunehmend automatisierten Einsatz von Drohnen zugute kommt.

EADS ist also durchaus ein „Schlüsselpartner“ für die deutsche und europäische Drohnen-Strategie. Die Firma ist überdies an zahlreichen Forschungen beteiligt und erhält dafür teilweise massive Zuwendungen. Neben dem „Euro Hawk“ gehörten hierzu in den letzten Jahren:

  • „Demonstration zum Thema UAV-Einsatz in Bayern“ (DEMUEBP). Das auch von Bayern geförderte Projekt endete im März und hatte drei „Kernzielsetzungen“: Die operationelle Einsatzfähigkeit von Drohnen für zivile Anwendungen voranbringen, ausgewählte Einzeltechnologien „in einen höheren Reifegrad“ überführen, die entwickelten Systeme in Flugversuch und Demonstration testen.
  • Studie „Agile UAV in vernetzter Umgebung“. Das Vorhaben entwickelte ein „fortschrittliches, autonom fliegendes unbemanntes Technologie-Demonstratorsystem mit erweiterten Fähigkeiten und mit netzwerkfähigem Datenlink“. Gemeint ist die Studie der Kampfdrohne „Barracuda“, die in Kanada probegeflogen und von der Bundesregierung mit über 70 Millionen Euro gefördert wurde. Simuliert wurde auch die „Verfolgung bewegter Ziele“.
  • „ESA–EDA demonstration of the use of satellites complementing UAS integrated in non-segregated airspace“. Das Projekt soll die Nutzung von Satelliten zur Navigation von Drohnen voranbringen.
  • Studie „UAV Mission Planning and Control“. Unter Führung von Schweden forschten europäische Rüstungskonzerne an einem System für autonome Entscheidungshilfen für Drohnen, darunter Kollisionsvermeidung oder die Interaktion mit anderen gefechtssystemen.
  • Studie „MID-air Collision Avoidance System“ (MIDCAS) der Europäischen Verteidigungsagentur. Ziel der wohl wichtigsten EU-Studie in diesem Bereich ist die Integration der Drohnen in den zivilen Luftraum. Es soll ein System entwickelt werden, das den Anforderungen der Flugsicherung genügt und Standards der bemannten Luftfahrt entspricht (das sogenannte „See & Avoid“).

Neben dieser kurzen Übersicht ist EADS bzw. Tochterfirmen an etlichen anderen EU-Projekten beteiligt. Kürzlich wurde am EADS Geschäftssitz zudem der „Bavarian International Campus Aerospace and Security“ eingerichtet. Das Zentrum bündelt laut Bayerns Wirtschaftsstaatssekretärin „die Kräfte von Wissenschaft und Industrie in gemeinsamen Forschungsvorhaben auf den Gebieten der Luft- und Raumfahrt sowie der Öffentlichen Sicherheit“.

Zu den weiteren deutschen Akteuren aus dem Bereich der Rüstungsindustrie bzw. militärischen Forschung gehören die Firmen Diehl BGT Defence GmbH & Co. KG, Ingenieurgesellschaft Dipl.Ing. Hartmut Euer mbH (EMT), Elektroniksystemund Logistik GmbH (ESG), Industrieanlagen Betriebsgesellschaft mbH (IABG) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das DLR ist der deutsche Knoten im internationalen Geflecht der Drohneforschung: Das Institut ist etwa an Probeflügen der israelischen „Heron“ durch den spanischen Grenzschutz beteiligt, von den Ergebnissen profitiert auch das deutsche Innenministerium.

Wahrscheinlich ist die Aussage des EADS-Konzernchefs hinsichtlich der Abkehr von der Entwicklung weiterer Drohnen also eher auf das Projekt „Talarion“ gemünzt. Die Aufklärungsdrohne der MALE-Klasse (mittlere Höhe, hohe Reichweite) sollte eine Alternative zu den US-amerikanischen „Predator“ bzw. „Reaper“ und der israelischen „Heron“ bereitstellen. Sie sollte ursprünglich von Deutschland, Frankreich und Spanien angemeldeten Bedarf erfüllen. Frankreich bestellt nun aber in den USA. Nach EADS-Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe müsse es deshalb neue Regierungsaufträge geben, fordert Enders.

Gestern stand das Thema übrigens auf der Agenda des Bundestages. Eigentlich hieß ja vom Verteidigungsminister, dass die Debatte zur Beschaffung von Kampfdrohnen auf nächstes Jahr verschoben wurde. Nun bekräftigte de Mazière, dass hinter den Kulissen sehr wohl daran gearbeitet wird:

Der militärische Bedarf ist auch im Falle bewaffneter unbemannter Luftfahrzeuge mittlerer Höhe vom Generalinspekteur klar formuliert. […] Derzeit werden verschiedene auf dem Markt verfügbare und einsatzerprobte Systeme untersucht. […] Eine Auswahlentscheidung kann Ende des Jahres gefällt werden, sodass sie dem neu gewählten Bundestag zur Bewilligung vorgelegt werden kann.

Im Klartext: Der Bedarf ist mittlerweile definiert. Im Sommer wird international ausgeschrieben, bis Ende des Jahres wird aus den eingehenden Angeboten der Hersteller die Kaufentscheidung getroffen. Erst dann wird der Bundestag dazu gefragt.

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