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Bizarres Astroturfing: Abmahn-Freunde beschenken Bundestagsabgeordnete mit iPod-Nachbau

BIcpxOnCQAA-8qsUnter dem Motto „Don’t fuck with music“ hat eine „Initiative zum Schutz der Musik“ mit dem Absender einer „Community Promotion&Publishing e.K.“ anscheinend alle Bundestagsabgeordnete mit einem iPod-Nachbau und einem Brandbrief beschenkt. Die Initiatoren sind offensichtlich auf die Kommunikationsstrategie der Regierungskoalition reingefallen, dass mit dem letzte Woche in erster Lesung beschlossenen Gesetz gegen unseriöse Geschäftspraktiken die Abmahnindustrie erfolgreich eingedämmt wird. Unserer Meinung nach ist das aber nur Symbolpolitik und wird nicht wirklich etwas an der Abmahnflut verändern. Wie dem auch sei, die bizarre Initiative erklärt, dass mit diesem Gesetz der Diebstahl von Musik faktisch erlaubt sei. Warum auch immer?!


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Wir fragen uns immer noch, welche Message die Initiative damit den Bundestagsabgeordneten kommunizieren will: „Wir haben bald kein Geld mehr, deswegen müssen wir alles Restgeld in iPod-Nachbauten stecken“?! Es entbehrt nicht einer zusätzlichen Ironie und Doppelmoral, dass man dafür auf China-Nachbauten von iPods zurückgreift.

Wir haben von zahlreichen Abgeordneten gehört, die die iPod-Nachbauten wieder zurück schicken wollen. Unklar ist, ob das schon unter versuchte Abgeordnetenkorruption fallen könnte. Vielleicht nicht, weil man billige Nachbauten aus China genommen hat.

In dem von uns veröffentlichten Gutachten zur Abgeordnetenkorruption heißt es:

Die schwierige Bestimmung des strafbaren Bereichs ist unter sorgfältiger Abwägung aller Umstände des Einzelfalls vorzunehmen, wobei u.a. Höhe und Art der geldwerten Zuwendung, zeitlicher Zusammenhang zwischen Leistung und Gegenleistung sowie Mittel-Zweck-Relation als maßgebliche Kriterien heranzuziehen sind und die Verhaltensregeln für Mitglieder des Bundestages (Anlage 1 zur Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages) als Auslegungshilfe dienen können.

Zusätzliche Ironie der Geschichte: Die angegebenen Facebook-Seite existiert gar nicht. Da hatte man wohl nicht genug Freunde für.

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17 Kommentare
  1. Die haben jetzt ernsthaft Paten- und Markenschutzrecht verletztende Geräte verschickt, um „fürs“ Urheberrecht zu werben?

    *muhahaha*

    Besser gehts ja nicht :D :D

  2. Ein Brief ging wohl an unseren Bundespräsidenten. Der hat allerdings das Richtige gemacht und den Brief gleich in die Luft sprengen lassen!

  3. Ich hätte noch eine etwas paranoide Erklärung: So komisch wie die Aktion aufgebaut ist ging es vielleicht gar nicht um Urheberrechte, sondern darum, dass Abgeordnete das Ding an ihren Rechner anschliessen und vielleicht einen (chinesischen???) Trojaner installiert bekommen …

  4. Ob diese Art „Musiker“ die Story mit der Raubmordkopierenteignung durch das pöse Internet wohl auch beim regelmäßigen Besuch im Jobcenter erzählen?

  5. Ein iPod-Nachbau?! Was für ein geniales Eigentor dieser Lobbyisten!

    Könnt ihr da bitte dranbleiben, dass Apple auch sicher von diesem Mißbrauch ihrer Produkte erfährt und eventuell (falls nötig) eine Anzeige gegen diese „iPod-Raubkopierer“ gestellt wird.

    Wenn ich das richtig sehe, hat die Sache die Abgeordnete Petra Sitte von den Linken öffentlich gemacht. Kann man die vielleicht bitten, dass sie das gefälschte Produkt an die zuständigen Stellen übergibt? (CDU und FDP hätten diese Aktion natürlich wieder am liebsten vertuscht)

  6. Hab mal ein paar Namen eingegeben. Das sind nahezu alles Labelbetreiber, die selbst keine Musik machen. Die leben davon „ihre“ Künstler zu vermarkten und würden bei der Durchsetzung von Direktvertrieb nichts mehr verdienen.

    1. In der Ökologie gibt es ja den Begriff des „Kulturfolgers“. Der passt prima auch auf eine Reihe finsterer Zeitgenossen: von A wie Abmahnanwalt, über P wie Plattenboss, bis V wie Verwertungsgesellschaft. Wie immer: meine bescheidene Meinung.

  7. Ähnliche Geräte wie das abgebildete kann man direkt aus China bestellen zu Einzelgerätpreisen inklusive Versand um die zehn Euro. Die ganze Aktion mit Massenversand und Tausendergerätestückpreisen dürfte den Veranstalter jedenfalls keine zehntausend Euro gekostet haben. Abgeordnetenbestechung wird mit derartiger Hardware jedenfalls nicht konstruieren können.

    1. Und warum nicht, wo siehst du denn genau die Grenze? Der Bestechungsversuch kann schon allein damit erfüllt sein, dass der Beschenkte entweder der Ansicht ist, etwas besonderes erhalten zu haben bzw. dass er glaubt, dass es sich um etwas handelt, dass einen gewissen Wert besitzt.

      Um deutlich zu machen, dass es eben nicht um den tatsächlichen Wert, sondern um den gefühlten Wert bei einer Bestechung geht, hier ein leicht überzogenes Beispiel: Ein Unternehmer schenkt einem Politiker ein Säckchen Diamanten zusammen mit einem Brief, in dem er sein Anliegen schildet. Der Politiker stimmt in der darauffolgenden Abstimmung zugunsten des Anliegens des Unternehmers. Ein Jahr später, als er die Diamanten verkaufen will, bemerkt er, dass es sich um Fälschungen und nur um wertloses geschliffenes Glas handelt …. Laut deiner Logik, wäre das ja dann völlig legale Bestechung gewesen, da das Geschenk ja keinen tatsächlichen Wert besaß?

      Ein gutes Beispiel für den gefühlten Wert sind auch besonders begehrte Produkte, wie z.B. ausverkaufte Tickets für eine bestimmte Veranstaltung, die man dem Politiker besorgt. Da kann der tatsächliche Kauf-Wert auch relativ lächerlich im zweistelligen Bereich liegen, der gefühlte Wert für den Politiker aber so hoch sein, dass er sich davon leicht beeinflussen läßt.

  8. Inzwischen ist ja die Website online. Die will einen glauben lassen, es handle sich um eine private Initiative von einer paar Musikern.

    Bemerkenswert, dass diese Musiker genug Geld zu haben scheinen, an jeden Bundestagsabgeordneten einen MP3-Player zu schicken!

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