Wissen

Open Access: Alle wollen es, wenige tun etwas dafür, und es braucht viel Zeit.

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Im Rahmen der von SPARC organisierten Open Access Week wurde gestern Abend in der Universitätsbibliothek der HU über „Open Science – Chancen und Herausforderungen der digitalen Wissenschaft“ diskutiert. Das Ergebnis: Eigentlich sprechen sich alle für öffentlich zugängliches Wissen aus, jedoch tun nur sehr wenige selbst etwas dafür (obwohl sie könnten), und es braucht eine Menge Zeit.

Martin Grötschel, unter anderem Mathematik-Professor an der TU Berlin, führte in den Themenabend ein. Sein Traum sei es, öffentlich finanziertes Wissen „sofort, jederzeit, überall und kostenlos“ für die Allgemeinheit zugänglich zu machen, sodass Nutzung und Nachnutzung möglich sei. Dem stehe allerdings noch einiges im Weg, und zwar nicht nur der oligopolistische Verleger-Markt. Selbst erzeugte Probleme von Wissenschaftlern, Lesern, Herausgebern, Bibliothekaren und anderen führten zu einer Zersplitterung: Fehlende Infrastrukturen, Unwillen und Missverständnisse seien das Ergebnis.

Dass es auch anders geht, haben Forscher weltweit Anfang diesen Jahres gezeigt – The Cost of Knowledge ist eine Boykott-Erklärung an den Wissenschaftsverlag Elsevier (dessen Vize-Präsidentin gestern auch auf dem Podium saß). Dem Verlag wird vorgeworfen:

1.They charge exorbitantly high prices for subscriptions to individual journals.

2. In the light of these high prices, the only realistic option for many libraries is to agree to buy very large „bundles“, which will include many journals that those libraries do not actually want. Elsevier thus makes huge profits by exploiting the fact that some of their journals are essential.

3. They support measures such as SOPA, PIPA and the Research Works Act, that aim to restrict the free exchange of information.

Fast 13000 Wissenschaftler haben diese Kritik unterzeichnet. Elsevier antwortete mit einem Offenen Brief, in dem ausgedrückt wurde, wie wichtig diese Kritik sei und wie ernst man sie nehme, einige Punkte wurden relativiert.

Auf dem Podium ging die Diskussion darum weiter, welche Rolle Verlage beim Umstieg auf Open Science spielen können und sollen. Umstritten war die Forderung, Open Access verbindlich vorzuschreiben. Anne Lipp von der Deutschen Forschungsgemeinschaft argumentierte, das verstoße gegen Artikel 5 des Grundgesetzes: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Dem widersprach vor allem Christoph Bruch von der Helmholtz-Gemeinschaft und wies auf Maßnahmen der Europäischen Kommission hin, die Open Access verankern sollen.

Jeanette Hofman, die unter anderem Mitglied der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft ist, wies auf problematische Fragen hin, die es zu klären gilt: Wie soll ein Umstieg zu mehr Open Access durchgesetzt werden? Wie verhält es sich mit dem Urheberrecht? Wer zahlt den Zugang zu freiem Wissen?

Auch Ortwin Dally vom Deutschen Archäologischen Institut wies auf Ungeklärtes hin: Wie sollen Archäologen ihre Daten öffentlich zugänglich machen und gleichzeitig verhindern, dass dadurch Raubgräber angezogen werden? Wie soll die Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Land gestaltet werden, in dem Ausgrabungen stattfinden?

Andreas Degwitz, Direktor der Universitätsbibliothek der HU, stellte die Frage nach der Archivierung: Was soll archiviert werden? Blogposts? Tweets? In welcher Form? Wer kümmert sich darum, wer zahlt das?

Kurz vor Ende der Diskussion merkte jemand an, es werde nur von „Artikeln“ gesprochen: Es ist noch immer der Publikationsdruck, der Wissenschaftler zu etablierten Verlagen treibt, der sie immer wieder „Artikel“ schreiben lässt und kaum Raum für neue Formate bietet. Und es sind vor allem die Akademiker selbst, wie Moderator Peter Schirmbacher betonte, die es in der Hand haben zu wählen, wo sie publizieren und ob sie neue Formate testen. Angelika Lex von Elsevier sagte offen, dass der Verlag genau das tun werden, was der Markt von ihm verlangt. Der Markt, dass sind Wissenschaftler, Bibliothekare, Gutachter, Leser – und die müssen etwas ändern wollen.

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8 Kommentare
  1. Jedem wissenschaftlichen Autoren steht ja eigentlich frei unter welcher Lizenz er sein Artikel veröffentlicht. Verlagswesen und CC schließen sich ja nicht grundsätzlich aus.
    Der „transkript“ Verlag macht es ja vor, die Inhalte von „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“ sind unter CC BY-SA veröffentlicht und als PDF downloadbar und trotzdem kannste das als gebundenes Buch trotzdem kaufen.

    1. So einfach ist es leider nicht. Es kommt auf das Fach an, aber viele Autoren sind darauf angewiesen, dass ihre Veröffentlichungen in den entsprechenden, anerkannten Fachzeitschriften erscheinen. Davon hängt dann möglicherweise die weitere Karriere ab.
      Und an deren Regeln müssen sie sich dann auch halten, ob sie ihnen gefallen oder nicht. Es kommt nicht so selten vor, dass Wissenschaftler ihre Artikel gerne selbst auf ihre Webseiten stellen würden, genau das aber nicht dürfen.

  2. So lobenswert und fortschrittlich solche Ideen sind, sie sind nicht vor den destruktiven Einflüssen von Staat, Lobbyisten, Monopolisten und anderen destruktiven/systembedingten Einflüssen gefeit und auf kurz oder lang zum scheitern verurteilt.

  3. Ist das ein Missverständnis oder hat der Mann das tatsächlich so gesagt?: „Wie sollen Archäologen ihre Daten öffentlich zugänglich machen und gleichzeitig verhindern, dass dadurch Raubgräber angezogen werden?“

      1. was ist das denn für ein Schein Argument? Es ist doch völlig egal, wo der Artikel publiziert wird, Kriminelle kommen doch auch an die Informationen, wenn sie auf überteuerten Baumleichen daher kommen.

      2. Kriminelle Banden sind ein Problem, dumme Hobbyforscher ein viel Größeres. Ich veröffentliche solche Informationen nie im Netz. Keine Fotos, keine Geodaten, keine näheren Beschreibungen.

        Und es funktioniert und darauf kommt es an.

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