In Großbritannien gibt es jetzt eine App, mit der die Identifizierung von Verdächtigen per Crowdsourcing erfolgen soll. Dazu hat die Londoner Polizei tausende Bilder von Überwachungskameras ins Netz gestellt. Auch deutsche Polizisten fordern eine solche Denunziatien-App.
Das Crowdsourcing von Überwachungbildern hat im Vereinigten Königreich traurige Tradition. Schon lange werden Bilder von Überwachungskameras ins Internet gestreamt.
Die zwei Jahre alte Firma Facewatch treibt das jetzt noch eine Stufe weiter. Auf einer Plattform kann jeder die Bilder von Überwachungskameras einschicken, die dann von der Öffentlichkeit im Internet betrachtet und bewertet werden. Die eingehenden Berichte gehen direkt an die Polizeibehörden. Von der Londoner Metropolitan Police hat Facewatch kürzlich tausende Überwachungskamera-Bilder erhalten, die bei den Unruhen nach der Erschießung Mark Duggans durch einen Polizisten aufgenommen wurden.
Um das Anschwärzen noch zu vereinfachen gibt es neben der Webseite jetzt auch ganz modern Apps für mobile Endgeräte. Statt Twitter zu lesen oder Angry Birds zu spielen, kann man jetzt an der Bushaltestelle auch Leute anprangern. Gesponsort hat das der BlackBerry-Hersteller Research in Motion, der schon damals seine eigenen Kunden ausliefern wollte.
Das ist aus vielen Gründen äußerst bedenklich. Auf der Startseite von Facewatch id stehen auch gleich mehrere: Gesucht werden nicht nur Straftäter oder Verdächtige, sondern auch Zeugen und anderwertig „interessante“ Menschen. Man solle doch bitte nicht auf die Idee kommen, dass die gezeigten Personen sich einer Straftat verdächtig machen. Überhaupt übernimmt man keinerlei Verantwortung und schiebt diese komplett auf die Polizei. In der Pressemitteilung und Berichterstattung klingt das nicht so zurückhaltend: Dort geht es um Straftäter und Kriminelle, von Zeugen ist keine Rede.
Gerechtfertigt wird die Aktion einfach als moderne Weiterentwicklung von Fahndungsplakaten. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar erteilt diesem Vergleich eine Absage: „Schließlich kann niemand ausschließen, dass diese Bilder an anderer Stelle im Netz wiederauftauchen.“ Wie man öffentliche Daten im Internet automatisiert crawlen und zweckentfremdet nutzen kann, hat erst gestern We know what you’re doing gezeigt.
Und wie immer: wenn das System erst einmal eingeführt ist, wird es bald auch für andere Zwecke genutzt. Elke Steven vom Komitee für Grundrechte und Demokratie befürchtet einen Einsatz auf politischen Demonstrationen: „Das wäre katastrophal für die Demokratie.“
Die deutschen Polizeibehörden blicken jedoch neidisch auf die Insel. Bernhard Witthaut, Chef der Gewerkschaft der Polizei:
Auch in Deutschland sollte der Polizei ein solches Instrument zur Verfügung stehen.
Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft:
„Die Polizei kann mehr als Fahndungsplakate aufhängen“. Wenn es jetzt moderne Möglichkeiten gibt, dann müsse man die auch nutzen.