Anhörung zu Open Educational Resources: Antworten auf 35 Fragen

Diesen Donnerstag findet auf Einladung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz eine ganztägige Anhörung zum Thema “Open Educational Resources” (OER) statt (vgl. „Open Education: Milliarden in den USA, Fragen in Deutschland„). Insgesamt wurden 25 Personen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Verlagsbranche eingeladen und bereits vorab um eine Stellungnahme zu rund 35 Fragen gebeten, die mit der Einladung versandt wurden (DOC).

Im folgenden meine Antworten auf die 35 Fragen, die, wie ich an den Antworten der anderen Teilnehmer der Anhörung sehen konnte, weder vollständig noch unumstritten sind.

1.     Ausgangslage

a) In welcher Form haben Sie derzeit mit dem Themenfeld „Open Educational Resources“ zu tun?

Ich habe derzeit in mehrfacher Hinsicht mit dem Themenfeld „Open Educational Resources“ zu tun:

b) Wie bewerten Sie die

  • Wirkungen des OER-Einsatzes bisher, die Potenziale,

Klar ist, dass OER bislang noch in den Kinderschuhen steckt, vor allem in Deutschland. In Ländern wie den USA, wo schon seit ca. 10 Jahren Gelder in die Erstellung und Zugänglichmachung von OER fließen, lassen sich jedoch bereits eine Reihe von Folgen beobachten:

  • Zugänglichmachung von Kursunterlagen gehört insbesondere an Spitzenuniversitäten wie MIT und Harvard mittlerweile zu guter universitärer Praxis, wird aber vermehrt zum Standard im US-Hochschulbereich.
  • Entstehung von Portalen zum Austausch von frei verfügbaren Lernunterlagen (z.B. www.oercommons.org)
  • Entstehung neuer Lehr- und Lernformen wie beispielsweise großzahlige, zertifizierte Online-Lernangebote („Massive Online Open Courses“, MOOC)
  • Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen auf Basis von OER (siehe auch weiter unten Antwort zu 5c)

Quantitative Analysen der Auswirkungen von OER liegen bislang kaum vor, allerdings beschäftigt sich derzeit das EU-finanzierte Forschungsprojekt OEREU mit diesbezüglichen Fragestellungen.

Für Deutschland lässt sich diese Frage bislang nur hinsichtlich der Potenziale beantworten. Kurz zusammengefasst sind die Potentiale groß, aber bislang komplett ungenutzt. Zu den mit OER verbundenen Potentialen zählt u.a.:

  • besserer Zugang zu digitalen Lernunterlagen für sämtliche Akteure, inklusive die Möglichkeit zum Selbststudium und neuen Lernformen wie großzahligen und zertifizierten Online-Lernangeboten (MOOC).
  • bessere digitale Nutzbarkeit von Lernunterlagen, weil die Klärung von Rechten durch die Verwendung von offenen Lizenzen (z.B. Creative Commons) radikal vereinfacht wird.
  • bessere Vergleichbarkeit digitaler Lernunterlagen für Lehrende, Lernende, Eltern und Politik.
  • Einfachere Kombinierbarkeit verschiedener Lernunterlagen und damit verbunden die Verbesserung der Lernerfahrung.
  • Verbesserung der Qualität von Lernunterlagen durch mehr Möglichkeiten zu Feedback und Remix verschiedener Lernunterlagen. Damit verbunden ist das Potential für vermehrte didaktische Innovation.
  • Mehr qualitätsorientierter Wettbewerb, vor allem im derzeit oligopolistischen Markt für Schulbücher.

Zusammengenommen folgt aus diesen einzelnen Punkten das Potential, mittel- bis langfristig den Bildungserfolg ganz allgemein zu verbessern.

  • die Risiken und

Ein Risiko besteht darin, dass politische EntscheidungsträgerInnen in OER weniger eine Chance für bessere Bildung als vielmehr eine Möglichkeit zu Kostensenkungen erblicken. Die eigentliche Stärke von Open Education liegt darin, dass sich kurzfristig Zugang und Kombinierbarkeit, mittel- bis langfristig aber Qualität von Lernunterlagen und damit Lernen verbessern. Diese Stärke kann aber nur dann eingelöst werden, wenn weiterhin ausreichend Mittel in Erstellung und Verbesserung von Lernunterlagen fließen.

  • Herausforderungen,

die sich aus dem Einsatz von OER ergeben (können)?

Die größte Herausforderung besteht vorerst darin, überhaupt die Erstellung und den Einsatz von OER zu ermöglichen bzw. zu fördern. In Deutschland wird OER bislang von staatlicher Seite nur sehr spärlich überhaupt als Thema identifiziert. Konkret ergeben sich deshalb folgende Herausforderungen:

  • Bekanntheit und Wissensstand erhöhen: das Konzept von OER ebenso wie Methoden und Best Practice (Vgl. z.B. das OPAL Clearinghouse mit Best Practices im Bereich OER) im Umgang mit OER sind unter einschlägigen Zielgruppen (Lehrkräfte, Lernende etc.) noch relativ unbekannt.
  • Qualitätskontrolle und Standards: vor allem im Bereich dezentral erstellter OER gilt es, neue Formen der Qualitätskontrolle zu entwickeln (siehe unten, Antwort zu Frage 4b)
  • Nachhaltige Finanzierung: Mittelfristig erfordern OER eine Umstellung im Bereich der Bildungsfinanzierung, um Koordinations- und Zertifizierungsstellen für OER ebenso wie Erstellung und Überarbeitung von OER dauerhaft zu finanzieren.

Ganz allgemein folgt aus diesen Punkten, dass die Herausforderung darin besteht, weniger nur die Erstellung von Unterlagen („Resources“) in den Blick zu nehmen, sondern auf OER-Praktiken und Kompetenzen abzustellen.

c) Welche Bildungsbereiche (insb. Schule, Hochschule und Berufliche Bildung, auch nonformale und informelle Bildung) könnten profitieren, welche eher nicht?

Die bisherigen internationalen Erfahrungen zeigen, dass OER bislang vor allem im Hochschulbereich von wachsender Bedeutung ist und vergleichsweise einfach implementiert werden kann.

Ein zweiter Bereich, in dem sich OER stark wachsender Beliebtheit erfreut, ist der Bereich der nonformalen und informellen Bildung, vgl. z.B. die Khan Academy.

Der dritte Bereich, in dem in jüngster Zeit vermehrt Initiativen gestartet wurden, ist jener der Erwachsenen- und Weiterbildung, z.B. in Form der bereits erwähnten, zertifizierten und offenen Online-Kurse (MOOC).

In anderen Bereichen wie der Schule und der beruflichen Bildung ist zwar der potentielle Nutzen mindestens vergleichbar wenn nicht sogar noch größer, allerdings ist dieser Bereich traditionell stärker reguliert und gleichzeitig von größer organisationaler Dezentralität gekennzeichnet, weshalb hier größere Anstrengungen von Seiten der öffentlichen Träger erforderlich sind, um die Potentiale von OER zu realisieren.

2.     Technik
a) Welche technischen Anforderungen sind Ihrer Meinung nach Grundvoraussetzung für die Bereitstellung, Verwaltung, Weiterverarbeitung/-verwendung und Nutzung eines wachsenden OER-Bestandes?

Die Hauptherausforderungen für den erfolgreichen Einsatz von OER sind organisatorischer, finanzieller und rechtlicher Natur. Die technischen Anforderungen für OER sind verglichen damit gering und betreffen vor allem den Bereich der Vernetzung und Erfassung von OER-Beständen.

b) Welche dieser Voraussetzungen sehen Sie als bereits erfüllt an?

Zentral aus technischer Sicht ist, dass OER definitionsgemäß in offenen Formaten zugänglich gemacht werden müssen und demnach auch auf verschiedensten Endgeräten zum Einsatz kommen können. Diese Formate existieren, sie müssen nur genutzt werden.

c) In welchen Bereichen sehen Sie noch Klärungs- bzw. Forschungs- oder Entwicklungsbedarf?

Ganz allgemein gibt es noch Forschungs- und Entwicklungsbedarf im Bereich von Metadaten-Erfassung, Einbettung von Lizenzinformationen sowie Vernetzung verteilter Repositorien. Forschung findet hier im Bereich von Semantic-Web-Technologien statt. Das ist aber keine Voraussetzung für die Einführung von OER, sondern kann eher deren Effektivität und Potentiale in der Zukunft noch weiter steigern.

d) Bringen OER aus Ihrer Sicht besondere Probleme in Hinblick auf die technische Umsetzung des Datenschutzes mit sich?

Die Datenschutz-Implikationen von OER sind nicht größer als von sonstigen digitalen Lernunterlagen bzw. tendenziell sogar geringer. Da OER möglichst die Verwendung offener Formate und von Open Source Software vorschreibt, sind die Funktionalitäten transparenter als bei Closed-Source-Anwendungen, was die Nachvollziehbarkeit auch hinsichtlich datenschutzrelevanter Aspekte verbessert.

e) Wäre eine Distribution von Lehrvideos über Plattformen wie YouTube oder I-Tunes U sinnvoll?

Wichtig ist die Bereitstellung von Lernunterlagen in offenen Formaten und unter offenen Lizenzen. Ist das der Fall, ist die Verbreitung über Plattformen wie YouTube oder iTunes U ohnehin ebenfalls möglich. Umgekehrt ist das nicht notwendigerweise der Fall: Lehrvideos auf iTunes U sind nicht ohne weiteres auch auf anderen Plattformen verfügbar.

Zentrale Eigenschaft von OER ist also deren Plattformunabhängigkeit.

f) Halten Sie mobile Endgeräte (z.B. Tablet PC) mit permanentem (Internet-) Zugang zu den OER für eine notwendige Voraussetzung zur selbständigen, ortsunabhängigen Nutzung durch z.B. Schülerinnen und Schüler oder Studentinnen und Studenten?

Die Ausstattung von Schülerinnen und Schülern bzw. Studentinnen und Studenten mit mobilen Endgeräten ist sicherlich von Vorteil für die Einsetzbarkeit und Verbreitung von OER. Zentral ist aber auch in diesem Zusammenhang, dass OER definitionsgemäß in offenen, das heißt plattformunabhängig zugänglichen Formaten vorliegen.

Viele digitale Lernunterlagen lassen zumindest zeitweise auch ohne Internetzugang nutzen. Permanenter Internetzugang ist sicher keine Voraussetzung, aber gleichzeitig wegen der standardmäßigen WLAN-Fähigkeit mobiler Endgeräte sowie der Verbreitung von Smartphones (Tethering) ein Problem von abnehmender Relevanz.

3.     Recht
a) In wie weit sehen Sie die Musterlizenzen und Vorschläge der OECD (PDF) zum Umgang mit OER in Fragen des Urheberrechtes auf Deutschland übertragbar?

Das wichtigste bei der Lizenzwahl im Bereich OER sind zwei Punkte: Erstens sollte die Lizenz so offen wie möglich sein, um eine Rekombination von Inhalten zu erleichtern. Zweitens sollte auf Standardlizenzen oder damit kompatible Lizenzen (z.B. Creative Commons) zurückgegriffen werden.

Der Vorteil von Standardlizenzen wie Creative Commons ist, dass dafür auch an das deutsche Recht angepasste Lizenzversionen vorliegen und diese auch in Deutschland bereits hinsichtlich ihrer gerichtlichen Durchsetzbarkeit erprobt sind. Hinzu kommt, dass Creative-Commons-Lizenzen auf Besonderheiten des Europäischen Urheberrechts wie weitreichende Urheberpersönlichkeitsrechte Rücksicht nehmen.

Die Vorschläge der OECD sind deshalb durchaus auf die Situation in Deutschland übertragbar.

b) Bedürfte es darüber hinaus weiterer rechtlicher Vorkehrungen / Anpassungen?

Rechtliche Anpassungen zur Förderung von OER sind weniger im Bereich des Urheberrechts als vielmehr im Bereich der Regulierung hinsichtlich Erstellung und Finanzierung von Lernunterlagen (Zuwendungsrecht), insbesondere im Schulbuchbereich, erforderlich.

c) In wieweit ist das deutsche (europäische, Länder-) Zuwendungsrecht für eine Integration von OER anpassungsfähig?

Einer Anpassung des Zuwendungsrechts zur Berücksichtigung oder Förderung von OER ist erforderlich und sinnvoll.

d) Bringen OER aus Ihrer Sicht besondere juristische Probleme im Hinblick auf den Datenschutz mit sich?

Wie bereits oben angeführt drohen durch OER keine Datenschutzprobleme, die über herkömmliche digitale Lernunterlagen hinausgehen bzw. ist die Transparenz auf Grund der offeneren Formate und Schnittstellen tendenziell eher höher, die Nachvollziehbarkeit von datenschutzrelevanten Funktionalitäten besser gegeben.

e) Welche rechtlichen Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um auch die Veränderung und Neuveröffentlichung von OER-Material zu ermöglichen und in wieweit ist dafür eine internationale Grundlage realisierbar?

Prinzipiell ist die Veränderung und Neuveröffentlichung von OER-Material bereits durch die Verwendung offener Lizenzstandards wie Creative Commons rechtlich möglich und benötigt keine weiteren rechtlichen Anpassungen.

Praktisch sind einer Veränderung und Neuveröffentlichung aber insofern enge Grenzen gesetzt, wenn die Unterlagen nicht gleichzeitig in offenen und editierbaren Formaten vorliegen. Offenheit bedeutet eben nicht nur Verwendung offener Urheberrechtslizenzen sondern auch offener Formate und Schnittstellen.

Diesbezügliche Vorschriften müssten vor allem im Rahmen des Vergabe- und Zuwendungsrechts bzw. konkreter Ausschreibungsbedingungen Niederschlag finden.

f) Welche Position nimmt OER Ihrer Einschätzung nach zu den modular aufgebauten Lizenzverträgen Creative Commons ein?

Allgemein hat sich die Verwendung von Creative-Commons-Lizenzen als Best-Practice im Bereich von OER etabliert. Bei der Wahl konkreter Lizenzmodule geht der Trend inzwischen klar in Richtung offenere Lizenzen, also CC-BY oder CC-BY-SA, die auch mit Inhalten der Wikipedia und deren Schwesterprojekten (z.B. Wikibooks) kompatibel und damit kombinierbar sind.

Vor allem die Verwendung des Lizenzmoduls, das kommerzielle Nutzung ausschließt („NonCommercial“ bzw. NC), wird in der Debatte um OER vermehrt kritisch diskutiert, weil sie Kombinierbarkeit und damit einen zentralen Vorteil von OER erschwert (vgl. zu diesem Themenbereich eine kürzlich von Creative Commons Deutschland, Wikimedia Deutschland e.V. und irights.info herausgegebene Broschüre: „Freies Wissen Dank Creative-Commons-Lizenzen“ (PDF)).

Gegen die Verwendung des NC-Moduls spricht nicht zuletzt, dass dieses vor allem für jene Einsatzbereiche gedacht ist, in denen die Möglichkeit selektiv-marktlicher Verwertung von Inhalten vorbehalten bleiben soll. Im Bereich öffentlich finanzierter Bildungsunterlagen ist die Verwendung dieses Lizenzmoduls aber größtenteils eher kontraproduktiv, weil kreative Nutzungsweisen erschwert werden ohne dadurch substantielle Erlösquellen zu erschließen.

g) Wäre eine Kooperation oder ein Nebeneinander verschiedenster Lizenzmodelle wie Public License oder GNU und GPL sinnvoll?

Die GNU GPL ist eine reine Software-Lizenz und sollte vor allem in diesem Bereich verwendet werden. Im Übrigen kann bei besonderen Anforderungen eine Doppellizenzierung von Vorteil sein, wenn damit der Pool an rekombinierbaren Lernunterlagen erhöht wird. Prinzipiell ist aber die Verwendung einer offenen Creative-Commons-Lizenz (insb. CC-BY) ausreichend.

4.     Bildungspolitische Potentiale
a) In wieweit sehen Sie in den Kosten für digitale Lern-Materialien derzeit eine relevante Hürde auf dem Weg zu sozial ausgeglichener Bildungspartizipation in Deutschland? Erwarten Sie positive Effekte für eine quantitativ bessere Lernbeteiligung unter der Bedingung weit verbreiteter OER?

Wie sich in den USA bereits am Phänomen offener, zertifizierter Online-Kurse (MOOC, z.B. unter www.saylor.org) oder Online-Vorlesungsreihen wie der Khan Academy zeigt, sind im Bereich von OER völlig neue Lernformen am entstehen, deren Zugänglichkeit nicht sozial exklusiv ist.

Was digitale Lerninhalte ganz allgemein betrifft, so ist ein zentrales Problem derzeit, dass diese in der Regel nur zusätzlich zu klassischen Lerninhalten – verbunden mit zusätzlichen Kosten – angeboten werden.

Trotz dieser Potentiale ist OER aber auch kein Wundermittel gegen ein sozial selektives Bildungssystem, dessen Wurzeln vor allem jenseits der Kosten für Lernunterlagen liegen.

b) OER sollen den Zugang zu qualitativ hochwertigen Lernmaterialien eröffnen. Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten zur qualitativen Bewertung von OER-Ressourcen (z.B. z.B. peer review, Lernende)? Wie bewerten Sie die damit verbundenen Aussichten auf ein verlässliches Qualitätsniveau bzw. auf Kontrolle vor falschen bzw. manipulativen Lernressourcen unter OER-Bedingungen?

Hier gilt es zwei Dinge zu unterscheiden:

  1. Veröffentlichung von klassischen Lernunterlagen unter freien Lizenzen: in diesen Fällen gibt es etablierte Verfahren zur Qualitätssicherung (z.B. Zulassung von Schulbüchern durch Kultusministerien), die auch für OER weiterhin Anwendung finden sollten.
  2. Neue Formen der Aggregation dezentral von Lehrkräften erstellter oder weiterentwickelter Lernunterlagen unter freien Lizenzen: Bis zu einem gewissen Grad ist es schon heute so, dass Lehrende untereinander Lernunterlagen (z.B. Arbeitsblätter) austauschen. Durch die Verwendung freier Lizenzen wird nur die Aggregation und Aufbereitung derartiger Inhalte erleichtert. Inwieweit es sich lohnt, hier in Peer-Review und Zertifizierungsprozesse zu investieren, sollte im Rahmen von Pilotprojekten genauer untersucht werden.

Prinzipiell gilt aber, dass bei OER die Notwendigkeit von Qualitätssicherung durch Verlage, Kultusministerien und Lehrende selbst gleich bleibt.

Von Interesse in diesem Bereich sind die Ergebnisse des EU-Forschungsprojekts OPAL, das sich mit der Frage von Qualitätssicherung im OER-Bereich auseinandergesetzt hat.

c) Wie kann die Kompetenz der Lehrkräfte zur Qualitätssicherung von OER bei der Nutzung durch z. B. Schülerinnen und Schüler eingebunden werden?

Idealerweise gibt es Schulungsangebote für Lehrkräfte, bei der über vorhandene OER-Angebote und deren Nutzungsbedingungen aufgeklärt wird, so dass diese ihren Schülerinnen und Schülern diesbezüglich Empfehlungen geben können.

Abgesehen davon ändert sich allein durch OER das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern nicht grundlegend.

d) Welche Veränderungen für den Lehrbetrieb an Hochschulen bzw. Schulen würden Sie bei einer stärkeren Nutzung von OER erwarten?

Diese Frage lässt sich nicht für alle Disziplinen und Fächer gleichermaßen beantworten. In manchen Fächern, in denen klassische Vorlesungen einen großen Teil des Lehrangebots ausmachen (z.B. Rechtswissenschaften), ist bereits heute ein Trend hin zu stärkerer Inanspruchnahme von Fern- und Online-Lehrangeboten feststellbar. Im Hochschulbereich wird es also, unabhängig von OER, zu einer Ausdifferenzierung in online konsumierbare Vorlesungsangebote und interaktive, erfahrungsorientierte Lernangebote vor Ort kommen. Diesbezüglich wird sich die Arbeitsteilung innerhalb der universitären Lehre ändern. Ein verstärkter Einsatz von OER würde aber dazu führen, dass zumindest die Vorlesungsangebote auch zum Selbststudium verfügbar sowie besser untereinander vergleichbar wären.

Im Schulbereich würden OER den Lehrenden eine größere Freiheit bei der Auswahl von Lernunterlagen einräumen, die diese einfacher untereinander kombinieren und online für digitale Lesegeräte zugänglich machen könnten.

e) Welche Veränderungen kann der Einsatz von OER in der beruflichen Bildung erwirken, in denen Inhalte wie Lernmaterialien das Alleinstellungsmerkmal (Know How) eines Unternehmen bedeuten kann?

Alleinstellungsmerkmale von Unternehmen ist in den seltensten Fällen Know-how, das in Form von OER kodifizierbar und damit zugänglich machbar ist. Im Gegenteil, bei OER handelt es sich zum allergrößten Teil um nicht wettbewerbsdifferenzierendes Wissen. Eine bessere Verfügbarkeit dieses nicht wettbewerbsdifferenzierenden Wissens in deutscher Sprache in Form von OER könnte deshalb, insbesondere im internationalen Vergleich, die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen stärken, weil diese ihre Anstrengungen auf die Vermittlung von wettbewerbsdifferenzierendem Wissen fokussieren könnten.

5.     Ökonomie

a) Welche Auswirkungen einer OER-Verbreitung ggf. durch staatliche Unterstützung sehen Sie für die einzelnen Bildungsbereiche sowie auf den Markt der Lernmaterialien und  dessen Teilnehmer?
b) Wie bewerten Sie die Potentiale eines verstärkten Einsatzes von OER für die Budgets der öffentlichen Hand?

Kurzfristig sind mit einem verstärkten Engagement im Bereich von OER Mehrinvestitionen für den Aufbau von Infrastruktur und Kompetenzen erforderlich. Mittelfristig könnte ein verstärkter Wettbewerb aber leicht kostendämpfende Folgen haben.

c) Welche nachhaltigen Geschäftsmodelle sind für die derzeitigen oder für potenzielle neue Produzenten von Lehr-Lernmaterialien unter den Bedingungen von OER möglich? Sind Ihnen dafür bereits reale Beispiele bekannt?

Der größte Anbieter von OER-Textbüchern ist war bis vor kurzem das US-Unternehmen „Flatworld Knowledge“, das an Printausgaben sowie Dienstleistungen rund um seine Lehrbücher verdient.

AcademicPub wiederum lässt Lehrbücher von Professorinnen und Professoren auf Basis frei von verfügbaren OER und eigenen Lernunterlagen zusammenstellen.

Umstrittener ist das Geschäftsmodell von „Boundless“, das die Inhalte vorhandener, nicht-freier Lehrbücher mit OER-Materialen quasi nachbildet und kostengünstigere On-Demand-Printausgaben anbietet.

d) Wie sollte sich die Weiterentwicklung von OER-Material zu existierenden OER-Datenbanken wie http://www.oercommons.org/ und http://www.merlot.org/merlot/index.htm verhalten?

Wesentliche Aufgabe von staatlichen OER-Initiativen ist die Aufbereitung Inhalten auf Basis allgemeiner und offener Metadatenstandards, sodass die Inhalte auch in bestehenden OER-Portalen eingestellt bzw. gefunden werden können.

Darüber hinaus spricht viel für die Etablierung eines öffentlichen deutschsprachigen OER-Portals, das als Wegweiser zu deutschsprachigen Inhalten dient.

 

6.     Sonstiges
a) Wie schätzen Sie den Bedarf und die Nachfrage für OER in Deutschland ein?

Der Bedarf an OER ist bereits heute, ohne nennenswertes Angebot, vorhanden, wie das OER-Barcamp und zahlreiche Blogs von Lehrkräften zum Thema zeigen. Es ist aber zu erwarten, dass der Bedarf mit dem Angebot an qualitativ hochwertigen OER-Angeboten massiv steigt, weil sich diese eben flexibler austauschen, kombinieren und vergleichen lassen als herkömmliche Lernunterlagen.

b) Welche Optionen bzw. Handlungsbedarf sehen Sie ggf. für eine Förderung von OER durch die öffentliche Hand in Deutschland?

Zur Förderung von OER durch die öffentliche Hand bietet sich ein kombiniertes Vorgehen in folgenden drei Bereichen an:

  • Machbarkeitsstudien auf Landesebene: Um die notwendigen rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für OER in allen Details zu erschließen gilt es in Form von Machbarkeitsstudien für jedes Bundesland zu untersuchen, welche Maßnahmen unter den gegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen möglich sind und wie bestehende gesetzlichen Hürden (z.B. im Zuwendungsbereich) für OER abgebaut werden können.
  • Pilotprojekte an ausgewählten Universitäten und Fächern: Parallel zu den Studien auf Landesebene könnten Pilotprojekte an ausgewählten Bildungseinrichtungen bzw. in ausgewählten Fächern durchgeführt werden. Die Vergabe dafür vorgesehener Mittel könnte in Form eines Wettbewerbs durchgeführt werden, was bei ausreichender Dotierung auch gleichzeitig zu einer größeren Bekanntheit des OER-Konzepts in Deutschland führen würde.
  • OER-Initiative auf Bundesebene: Nach Vorbild der Exzellenzinitiative im Forschungsbereich könnte auf diese Weise Anschubfinanzierung für Universitäten und Bildungsträger vergeben und so OER-Vorzeigeprojekte in Deutschland etabliert werden.

c) Welche Potenziale sehen Sie in einem abgestimmten multinationalen Vorgehen auf OECD- bzw. UNESCO-Ebene für die OER-Initiative und ihre (positiven) Effekte?

Es ist auf jeden Fall von Vorteil, auf möglichst einheitliche und möglichst offene, d.h. miteinander kompatible, Lizenzierung abzustellen. Diesbezügliche Initiativen sind jedenfalls zu begrüßen.

Die „2012 Paris Declaration“ zu OER der UNESCO ist jedenfalls eine gute Grundlage für ein koordiniertes Vorgehen in diesem Bereich.

d) In welcher Form und wo sollte der Zugang zu OER realisiert werden?

Diese Frage lässt sich so nicht beantworten. Jedenfalls wünschenswert wäre allerdings eine zentrale OER-Stelle auf Bundesebene, die als Kompetenzzentrum Beratung für Bildungsträger sowie mit einem Portal als Wegweiser zu verschiedenen OER-Repositorien dienen kann.

Wichtig ist aber, dass die offene Lizenz von OER – sofern sie nicht unter einer NonCommercial-Lizenz stehen – es auch Dritten ermöglicht, Aufbereitung von OER als Dienstleistung anzubieten. Mit einem größeren OER-Angebot werden derartige Dienstleistungen an Bedeutung gewinnen. Voraussetzung dafür ist es aber, zuerst einmal ein ausreichend großes OER-Angebot zu schaffen.

e) Welche Anforderungen müssten an einen zentralen Zugang zu OER für ganz unterschiedliche Adressaten gestellt werden?

Wichtig wäre, eine abgestufte Gliederung nach Bereichen (Hochschule, Schule, Berufliche Bildung, etc.) und Disziplinen/Fächern.

Innerhalb der Fächer können die Anforderungen dann stark variieren, weshalb auf dieser Ebene dann mit Verbänden der jeweiligen Disziplinen die genaue Ausgestaltung der jeweiligen Portale geplant und realisiert werden sollte.

f) In wieweit könnte ein (übergreifendes) Netzwerk geschaffen werden, um Universitäten, Lehrerbildungseinrichtungen und Lehrkräfte bei der Erstellung von OER zu unterstützen?

Wie bereits erwähnt ist die Einrichtung einer zentralen OER-Kompetenzstelle ein erster wichtiger Schritt, die sich in der Folge dem Kompetenzaufbau hinsichtlich OER innerhalb der jeweiligen Lehrerbildungseinrichtungen und Fachverbände widmen könnte.

Literaturempfehlungen

Folgende Literatur zum Thema Open Education Ressources könnte von Interesse sein bzw. bildet sie die Basis meiner Ausführungen.

Atkins, D.E./Brown, J.S./Hammond, A.L. (2007): A Review of the Open Educational Resources (OER) Movement: Achievements, Challenges, and New Opportunities. Report to The William and Flora Hewlett Foundation. Online: http://cohesion.rice.edu/Conferences/Hewlett/emplibrary/A%20Review%20of%20the%20Open%20Educational%20Resources%20(OER)%20Movement_BlogLink.pdf [14.03.2012]

Brandenberg, V. (2006): Rechtliche und wirtschaftliche Aspekte des Verlegens von Schulbüchern – mit einer Fallstudie zum bayerischen Zulassungsverfahren. In: Alles Buch: Studien der Erlanger Buchwissenschaft XVIII, Online: http://www.alles-buch.uni-erlangen.de/Brandenberg.pdf [14.03.2012]

Bretschneider, M./Muuß-Merholz, J./Schaumburg, F. (2012): Open Educational Resources (OER) für Schulen in Deutschland: Whitepaper zu Grundlagen, Akteuren und Entwicklungsstand im März 2012, Online: http://goo.gl/14Ikv [03.10.2012]

Dobusch, L. (2012): White Paper: Digitale Lehrmittelfreiheit: Mehr als digitale Schulbücher. Online: http://lehrmittelfreiheit.d-64.org/wp-content/uploads/2012/05/White-Paper-DigitaleLehrmittelfreiheit-D64.pdf [03.10.2012]

EFQUEL/OPAL (Eds./2011): Mainstreaming Open Educational Practice: Recommendations for Practice. Online: http://cdn.efquel.org/wp-content/uploads/2012/03/Policy_Support_OEP.pdf?a6409c [05.10.2012]

Hofmann, B./Kampl. R. (2011): Gemeinsam Lehren und Lernen: Open Educational Resources in Universitäten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. In: Dobusch, L./Forsterleitner, C./Hiesmair, M. (Hrsg.): Freiheit vor Ort: Handbuch kommunale Netzpolitik. München: Open Source Press, S. 77-105, Online: http://www.freienetze.at/pdfs/Hofmann-Kampl(2011)Gemeinsam-Lehren-und-Lernen_FvO.pdf [14.03.2012]

Iiyoshi, T./Kumar, M.S.V. (Eds./ 2008): Opening Up Education: The Collective Advancement of Education through Open Technology, Open Content, and Open Knowledge, pp. 232. Cambridge, MA: MIT Press.

Jacobi, R./van der Woert, N. (2012): Trend Report: Open Educational Resources. Online: http://www.surf.nl/en/publicaties/Documents/trendrapport%20OER%202012_10042012%20(ENGELS%20LR).pdf

Pfeffer, T. (2007): Interview: „Die Veröffentlichung von Lehrmaterialien muss selbstverständlich werden“, in: Dobusch, L./Forsterleitner, C. (Hrsg.): Freie Netze. Freies Wissen. Wien: Echomedia, S. 90-96, Online: http://www.freienetze.at/pdfs/fnfw-kapitel3.pdf [14.03.2012]

Stacey, P. (2010): Foundation Funded OER Vs. Tax Payer Funded OER – A Tale Of Two Mandates. Online: http://edtechfrontier.com/2010/10/26/foundation-funded-oer-vs-tax-payer-funded-oer-a-tale-of-two-mandates/ [03.10.2012]

Wiley, D. (2010): Research on OER Sustainability and Impact, Online: http://opencontent.org/blog/archives/1596 [03.10.2012]

 

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