„Mein Kopf gehört mir!“: Kampagnen„journalismus“ vom Feinsten

Gabor Steingart ist der Chefredakteur des Düsseldorfer Wirtschaftsversteher-Kümmerblättchens „Handelsblatt“, ein chronisch klammer Titel der Dieter von Holtzbrinck gehört, einem der beiden Holtzbrinck-Verlage (der Teil, der nicht viel online macht). Sein Blatt macht heute auf mit: „Mein Kopf gehört mir! 100 Schriftsteller, Sänger, Künstler, Werber, Softwareentwickler und Unternehmer“ wollen ihren Kopf also nicht loswerden. Ach, denkt sich der geneigte Leser. Wirklich? Ein tiefer Griff in die Klischeekiste, mit Guillotinen-Revolutionsrhetorik (wer fordert hier wessen Kopf?) und einem schamlosen Griff zur §218-Debatte um Abtreibung („Mein Bauch gehört mir“). Aber Steingart, ehemals Spiegel-Büroleiter in Berlin, galt noch nie als irgendwie sonderlich zimperlich.

Also alles keine Aufregung wert? Und überhaupt: warum setzt man als Gegenpart zu den Künstlern auf die Piratenpartei? Deren derzeit als Beschlüsse existierende Urheberrechtsideen sind allenfalls partiell revolutionär. Leider ist der Hintergrund ernster: hier wird nicht Journalismus betrieben, hier wird eine politische Kampagne gefahren. Natürlich ist es eine große Leistung des Handelsblatts, nur einseitig Personen um Teilnahme gefragt zu haben. Aber bei all den putzigen Zitaten (Künstler Markus Lüpertz: „Es ist kein Wunder, dass man versucht mit diesen lieblosen Maschinen die Indiskretion zu legalisieren“, Bundesinnenminister Friedrich: „Dass Sie im Kaufhaus auch nicht alles mitnehmen können, sondern bezahlen müssen, ist keine Einschränkung der Freiheit. Warum sollte im Internet etwas anderes gelten?“) fällt eines auf: die meisten der Zitierten haben offensichtlich weder eine Ahnung vom Programm der Piratenpartei noch allzu viel gemein. Es geht nämlich den meisten zitierten Kreativen – nicht zitierten Geschäftsführern – nicht primär um das Urheberpersönlichkeitsrecht, sondern banal um die Brötchen. Und um diese haben sie Angst – obwohl sie schon heute oftmals eben bei diesen beschissen werden. Warum man sich freiwillig so fröhlich in einen Topf rühren lässt, ist rätselhaft.

Nun hat das Handelsblatt nicht ohne Grund „Aktion“ und nicht „Journalismus“ über diese 100 Kopfeigentümer geschrieben. „The Empire strikes back“, und das Handelsblatt-Herumblödeln ist nur der Anfang davon, wie wir aus für gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen erfahren haben. Es ist wohl eine breitere Medienkampagne in Vorbereitung. Das wird (k)ein Spaß – auf geht’s in die nächste Runde im Kampf gegen Holzköpfe, Kasperle und vor allem: Unwissen und Angst-Konservatismus. Niemand fordert jemandes Kopf. Außer vielleicht den von Gabor Steingart für die Kampagne, die er in einer angeblich seriösen Zeitung führt.

67 Kommentare
  1. Anonymer Gast 5. Apr 2012 @ 14:55
      • Anonymer Gast 5. Apr 2012 @ 15:23
    • Wähler 2013 6. Apr 2012 @ 12:31
    • l'art pour l'art 6. Apr 2012 @ 12:09
      • l'art pour l'art 6. Apr 2012 @ 12:22
    • Torsten S. 6. Apr 2012 @ 0:58
    • Gedankenverbrecher 5. Apr 2012 @ 21:58
      • l'art pour l'art 6. Apr 2012 @ 14:50
  2. dot tilde dot 6. Apr 2012 @ 0:07
  3. l'art pour l'art 6. Apr 2012 @ 11:47
      • Jungautor 7. Apr 2012 @ 0:19
  4. Karl Kraus 7. Apr 2012 @ 1:52
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