Generell

Zwischenstand Jugendmedienschutz-Staatsvertrag?

Präsentation „Technische Möglichkeiten im Jugendmedienschutz“

Falls sich in den letzten Wochen jemand gefragt hat, wie und wann es beim JMStV weitergeht: Die Länder wollen Ende des Jahres beraten, ob und wann ein weiterer Anlauf unternommen werden soll. Soweit zumindest die Aussage von StS Martin Stadelmaier (Staatskanzlei RLP) in einer Anhörung vor dem hessischen Landtag Anfang Mai:

Wir finanzieren uns fast vollständig aus Spenden von Leserinnen und Lesern. Unterstütze unsere Arbeit mit einer Spende oder einem Dauerauftrag.

Die Länder sind dabei, die Situation zu sondieren. Es ist völlig klar, dass jetzt zunächst einmal viele Gespräche notwendig sind. […] Wir haben uns in der Ländergemeinschaft vorgenommen, bis zum Jahresende diese Sondierungen abzuschließen und sie dann mit wissenschaftlicher Begleitung auszuwerten. Die Federführung hat das Land Nordrhein-Westfalen. Wir werden am Ende des Jahres gemeinsam beraten, ob und wie wir einen Anlauf zu einem neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag nehmen wollen. […] Die Länder sind nur gewillt, diese Frage anzugehen, wenn sich abzeichnet, dass unser Vorhaben in den 16 Landtagen mehrheitsfähig ist.

Tatsächlich gibt es zur Zeit beinahe jede Woche einen halbwegs offiziellen Termin, wo irgendwer, irgendwo mit irgendwem über den JMStV und seine Zukunft spricht. Sei es auf Einladung der Kommission für Jugendmedienschutz, selbstorganisiert wie beim JMStVCamp in Essen – oder, gleich nächste Woche wiederauf dem Medienforum.NRW.

Gestern machte der medienpolitische Wanderzirkus (Das soll nicht abwertend klingen. Tatsächlich trifft man aber regelmäßig auf die gleichen Leute) in Wiesbaden Halt. Die Grünen im hessischen Landtag hatten in eben diesen zur Veranstaltung „Moderner Kinder- und Jugendmedienschutz – Wie geht das?“ eingeladen.

Ich selber hatte das Vergnügen, in einem moderierten Workshop mit Friedemann Schindler (jugendschutz.net) und Otto Vollmers (juristischer Referent Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V.) über die „Technischen Möglichkeiten im Jugendmedienschutz“ (PDF) zu referieren (Übrigens direkt nach Christian „Mr. Topf“ Scholz, der sicher auch noch was zur Veranstaltungen schreiben wird, und parallel zu Alvar Freude).

Nun, was soll ich sagen? Besonders ergiebig fand ich die Debatte leider nicht, dafür war das Thema wohl zu komplex und die Zeit zu knapp. Letztendlich haben wir es geschafft, knapp eine Stunde weitgehend aneinander vorbeizureden. Bereits die Eingangsstatements bzw. Präsentationen (vor allem meine …) gerieten viel zu lang. Für die anschließende Debatte blieben gerade einmal 10 oder 15 Minuten. Wie auch immer: Falls sich jemand für die Folien interessiert, bitte, hier (PDF, 4,8MB):

Präsentation "Technische Möglichkeiten im Jugendmedienschutz"

Ich hatte 4 netzpolitische Kernprobleme, die ich unbedingt unterbringen wollte:

  • Bereits der JMStV von 2003 sah Sperrverfügungen/Internetsperren vor. Die entsprechende Passage findet sich auch im Entwurf von 2010. Man kann es sehen und nennen, wie man will: Jede Sperrverfügung ist ein Schritt Richtung Zensurinfrastruktur. Die technische Grundlage ist ohnehin identisch.
  • Ob Jugendschutzsoftware in der Grundeinstellung nicht gekennzeichnete Inhalte blockieren soll, wurde noch im Dezember 2010 kontrovers diskutiert. In einer Stellungnahme von Mai 2011 empfiehlt die KJM Anbietern von Jugendschutzprogrammen „in den Altersgruppen „12 bis unter 16 Jahre“ und „16 Jahre und älter“ Blacklist-Konzepte einzusetzen und nicht gekennzeichnete Inhalte standardmäßig frei zu schalten“. Parallel prüft die KJM, ob das Jugendschutzprogramm Eltern die Sperrung ungekennzeichneter Inhalte erlaubt.
  • Die Regulierungsansätze des JMStV-E orientieren sich an der Rundfunkwelt und werden dynamischen Webinhalten nicht gerecht. Das Konzept „Jugendschutzsoftware“ mag bei einem zentralen Familien-PC greifen, wird der Hardwarerealität Jugendlicher (Smartphone, eigene Rechner und Internetzugänge, Spielekonsolen (vgl. JIM-Studie)) aber nicht gerecht.
  • Die Kombination aus einheitlicher Kennzeichnung, modular einbindbaren Filterlisten und einer Filterung auf Routerebene führt – technische konsequent fortgeführt/weitergedacht – zum Modell „Jugendschutz als Service“ auf Provider-/Netzwerkebene. Bereits bei einer Filterung auf Routerebene wäre zu diskutieren, ob und unter welchen Umständen die Einbindung einer nicht mehr nutzerautonomen „BKA-Liste“ mit „absolut unzulässigen Inhalten“ geboten wäre. Siehe Folie 15ff.

Ob ich alle Punkte unterbringen konnte? Schwierig, gerade Nummer 4 ist ja schon hart an der Verschwörungsdystopie ,) Spaß gemacht hat es trotzdem. Ich bin ja ohnehin der Meinung, dass die Diskussionen abseits des Programms mitunter mehr bringen, als die eigentlichen Panels.

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16 Kommentare
  1. Ich war auch dort in Wiesbaden und muss – leider – zustimmen: Die Diskussion (ich war im Workshop mit Alvar Freude und Marc Liesching) war unergiebig. Erschrecken fand ich vor allem die Bereitschaft vieler Pädagogen (ich bin selbst Lehrerin und Mutter) Zensur, sobald sie unter dem Label „Jugendschutz“ läuft zu befürworten. Lieschings – eher, denke ich, nebenbei gemachter – Hinweis die ganze Repressionsgesetzgebung sei auf das „Schund-und-Schmutz-Gesetz“ noch aus dem Kaiserreich zurückzuführen, offenbart, worum es vielen tatsächlich geht: die Durchsetzung ihres Wertekanons (von dem sie fälschlicherweise annehmen, er sei Gemeingut aller „Wohlmeinenden“). Dass jene Veröffentlichungen, auf deren Löschung man sich einigen könnte: Gewaltverherrlichung, Rassismus, persönliche Beleidigung und ehrverletzende Falschmeldungen, Kinderpornographie ohnehin strafrechtlich verboten sind und die Täter – wie sich am Beispiel der vieldiskutierten Mobbing-Seite zeigt – ja auch, so sie von deutschem Boden aus agieren, durchaus gefasst und einer strafrechtlichen Verurteilung zugeführt werden können, will man nicht sehen. Der Jugendschutz bleibt ein Einfalltor für Zensurmaßnahmen und man muss an dieser Stelle sehr aufpassen, das wurde mir wieder klar.
    Tatsächlich gilt es Kinder und Jugendlichen Maßstäbe durch eigenes Handeln zu vermitteln und ihnen im Umgang mit den Techniken möglichst viel Wissen zu vermitteln, so dass sie selbst entscheiden lernen. Das können viele Erwachsene nicht und billigen es daher Jugendlichen erst recht nicht zu.

  2. @Jusupi: Ja, „Werte“ waren ein durchaus bestimmendes Thema, auch gleich schon zu Beginn bei Christian.

    Natürlich kann und muss man auch über Werte diskutieren.
    Was mich aber irritiert hat, war die größtenteils fehlende Abwägung bei ihrer Durchsetzung. Ich glaube, vielen Anwesenden war überhaupt nicht klar, welchen Impact die zum Teil geforderten Maßnahmen haben.

    Marcus Bocklet stellte als Moderator am Ende der Technikrunde (konsequent, aber leider vergeblich) die Frage, ob man denn nun „beissen“ wolle/solle (sie blieb unbeanwortet, ebenso wie meine Frage nach der ausbleibenden Sperrverfügung des mehrfach skandalisierten Portals „isharegossip“ unbeantwortet blieb ..).

    Persönlich glaube ich ja, dass der JMStV-E nur wenige Ansätze zum „Beissen“ bietet, aber viele vorbereitet. Oder, wie es Otto Vollmers (FSM) ausdrückte: „Wir haben jetzt endlich einen Anfang“ (sinngemäß. Er meinte das übrigens positiv, was ich – nicht nur mit Blick auf die FSM ,) – nachvollziehen kann).

    Über eben diesen Anfang hätte man soweit durchaus diskutieren können (siehe meine 4 Punkte oben), weit interessanter ist aber doch, wohin die Reise geht (ich bin mir nicht einmal sicher, ob und wer dort alle Pläne hat).

    Letztendlich sollte man im Hinterkopf behalten, dass man das Internet zwar technisch weitgehend zunageln kann (Am Ende steht dann wohl eine Cryptodebatte und DPI oder ein FragFinn-zertifizierter Onlinedienst mit 25.000 Visits/Tag)*, nur nutzbar ist es dann halt nicht mehr. Wirtschaft, Gesellschaft, Verfassung und Freiheit noch aussen vor – wenn wir erstmal nur die technische Seite betrachten.

    Ein anderer Punkt, der mich nachgedenklich gemacht, war der immer mal wieder durchklingende Frust bei den anwesenden Pädagogen, die sich offenbar von Staat UND Eltern alleingelassen fühlen ,(

    *Die Angabe, dass FragFinn.de pro Tag nur 25.000 Visits haben soll, wie Friederike SIller (Geschäftsführerin FF) auf Rückfrage einräumte, hat mich tatsächlich überrascht. Natürlich kann man FF auch kritisieren, als Whitelist-Angebot(!) für die Altersgruppe bis 12 ist es aber zumindest mal ein Anfang.

    Bei lediglich 25k Visitis nach vier Jahren und Förderung durch …

    1&1 Internet, Arvato Bertelsmann, Bitkom, BVDW, Cybits AG, Dolphin Media Germany AG, eco, Egmont Ehapa Verlag,, FSM, GateSecure, GMX, Google, Microsoft, o2, SuperRTL, Symantec, Telekom, TESSLOFF Verlag .Vodafone, VPRT, Web.de …

    Siehe: fragFinn e.V. Mitgliedsunternehmen und Mitgliedsverbände

    … und die Bundesregierung muss man sich aber wohl leider auch fragen, was da falsch gelaufen ist. Sorry, ich würde gerne etwas anderes schreiben.

    1. […]Ein anderer Punkt, der mich nachgedenklich gemacht, war der immer mal wieder durchklingende Frust bei den anwesenden Pädagogen, die sich offenbar von Staat UND Eltern alleingelassen fühlen
      […]

      Darf man fragen in welcher Form sich diese Pädagogen von den Eltern alleingelassen fühlen und welchen Frust sie schieben?

      Ansonsten zu dem Jugendschutzkomplex:

      Was sagen die Jugendschützer zu dieser Argumentation?

      a) Bekanntlich können nur voll geschäftsfähige Personen Verträge mit einem ISP abschließen und daher sind diese Personen alle über 18 Jahre.

      b) Sowohl in den den Paragraphen §184 als auch dem §131 StgB finden sich die sog Elternprivilegien wonach der Erziehungsberechtigte sich nicht strafbar macht, wenn er seinem Kind den Zugang zu diesem Material ermöglicht. Wenn ich mich richtig erinnere wurde die Einschränkung „sofern er seine Erziehungspflichten nicht gröblich verletzt“ erst 2003 in der Nachfolge des Rachefeldzuges von Erfurt eingeführt.

      c) Folglich kann man annehmen, dass die Eltern die ihren Kindern das Internet zur Verfügung stellen ihre Elternprivilegien nutzen und daher der Jugendschutz und vor allem die Jugendschützer im Netz nichts verloren haben.

      […]Die Angabe, dass FragFinn.de pro Tag nur 25.000 Visits haben soll, wie Friederike SIller (Geschäftsführerin FF) auf Rückfrage einräumte, hat mich tatsächlich überrascht.[…]

      und Du malst hier den Teufel an die Wand, den ich bei der ganzen JMStV-Diskussion schon immer sehe:
      Angenommen es gibt diese nutzerautonomen Filterprogramme, angenommen die Seiten stufen sich ein (wie in dem geplatzen Teil gefordert), angenommen ISPs bieten jugendschutz-gerechte Internetzugänge an usw. d.h. es besteht für Eltern wunderbar die Möglichkeit ihre Kids vor den sozial ethisch desorientierenden Einflüssen zu schützen…..nur die Eltern setzen dies nicht ein….
      Welcher Prozentsatz der Verweigerung wird von den Jugendschützern toleriert werden? Was wenn eine Studie ergibt, das nur 10, 20, 30 40% usw. der Eltern das Teil einsetzen, vielleicht sogar nach sozialer Herkunft auf gesplittet?

      Kommen dann neue Forderungen auf oder finden sich die Jugendschützer damit ab?

      bombjack

      1. @bombjack:

        Darf man fragen in welcher Form sich diese Pädagogen von den Eltern alleingelassen fühlen und welchen Frust sie schieben?

        Ich war leider nicht in den dedizierten Pädagogen-Workshops (die liefen z.T. parallel), aber es kamen mehrfach Stimmen aus dem Publikum, dass sich Eltern nicht oder nur wenig um den Medien- und Internetkonsum ihrer Kinder kümmern würden.

        Mitunter würde explizit gewünscht, dass der Staat, gerade im Internet, stärker eingreift (analog zum Straßenverkehr, wohl). Solche Forderungen – wohlgemerkt, seitens der Eltern, vorgebracht von Pädagogen – dürften viel mit Überforderung zu tun haben. Ich hoffe zumindest, dass Eltern ihre Verantwortung nicht aus Bequemlichkeit abgegeben.

        Wobei, ein Lehrer(?) meinte, er habe einige Eltern noch nie auf oder nur einmal auf einem Elternabend gesehen …

        Da werden die Handlungsräume der Politik dann schnell mal eng, immerhin hat Jugendmedienschutz Verfassungsrang. Es besteht also eine Handlungs- bzw. Fürsorgepflicht.

        Was sagen die Jugendschützer zu dieser Argumentation?

        Sorry, bombjack, du kennst die Debatte doch. Ich bin da ohnehin der falsche Ansprechpartner ,)

        c) Folglich kann man annehmen, dass die Eltern die ihren Kindern das Internet zur Verfügung stellen ihre Elternprivilegien nutzen und daher der Jugendschutz und vor allem die Jugendschützer im Netz nichts verloren haben.

        Nein, so einfach ist es leider nicht. Siehe auch http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=MVHTFB

        Welcher Prozentsatz der Verweigerung wird von den Jugendschützern toleriert werden? Was wenn eine Studie ergibt, das nur 10, 20, 30 40% usw. der Eltern das Teil einsetzen, vielleicht sogar nach sozialer Herkunft auf gesplittet?

        Kommen dann neue Forderungen auf oder finden sich die Jugendschützer damit ab?

        Das ist eine ziemlich hypothetische Frage, noch weit jenseits meiner kleiner Verschwörungsdystopie. Vielleicht geht sie sogar am Thema vorbei (siehe meinen Punkte a und b, unten).

  3. Bei den Websperren wird eine Infrastruktur gebaut, die selbst die feuchtesten Vorstellungen übertreffen kann. Es ist aber auch verdammt verlockend etwas zu bauen, womit der Jugendschutz messbar wird. Schließlich könnte man dann alle paar Monate die Meldung von „x-Millionen Seitenaufrufe auf haumichblau.de verhindert!“ rausposaunen und schon ist der Jugendschutz erfolgreich angewendet. Polizisten Argumentieren bei Alkoholkontrollen genau so ;)

    Mir ist in vielen Gesprächen aufgefallen, dass immer noch sehr viele das Internet mit dem TV verwechseln. Dort gibt es ja schließlich auch nichts wirklich schlimmes zu sehen. Das im Internet jeder sein eigenes Programm machen kann (und viele das auch tun!), geht nur schwer in ihre Köpfe.

    1. Bei den Websperren wird eine Infrastruktur gebaut, die selbst die feuchtesten Vorstellungen übertreffen kann.

      Nun, noch haben wir sie ja nicht. #Zensursulas Kelch ist noch einmal an uns vorbeigegangen. Und ja, das Zugangserschwerungsgesetz wäre ein Gamechanger bzw. Türöffner gewesen, Zweckbindung hin oder her (Sperrverfügungen via JMStV/GlüStV sind zwar abzulehnen, würden die Entwicklung aber nicht derart beeinflussen, wie es das ZugErschwG getan hätte. Aber: siehe unten).

      Ich finde aber auch sonst, dass wir da ein klein wenig differenzieren sollte. Man sollte drei parallele Entwicklung im Auge behalten, die sich bedingen:

      a) konkrete Regulierungsabsichten

      Ich glaube durchaus, dass es Menschen gibt, die keine Infrastruktur errichten wollen (und bei enstsprechenden Vorwürfen beleidigt sind), Netzsperren in ihrem Fachbereich aber als letzten Ausweg sehen. Das kann man technisch, vielleicht auch juristisch, naiv finden, sollte man aber nicht aus dem Kopf verlieren.

      b) das Regulierungsinstrument Netzsperren als solches

      Stellen wir uns einen handelsüblichen Innen-/Sicherheitspolitiker vor: Wer Verantwortung hat, hat auch gerne Kontrolle bzw. Werkzeuge, um der Verantwortung gerecht zu werden. Netzsperren mögen da im Bereich der Internetregulierung durchaus als geeignetes Instrument erscheinen (Dort hat man es in der Regel mit Menschen aus dem Rundfunkbereich zu tun).

      Steht die Mission erst einmal fest („Muss. Wertekanon. Durchsetzen“), ist die Frage ja nicht mehr, ob man das Internet regulieren kann. Dann läuft die Argumentation anders herum und es wird mitunter versucht, die Realität den Vorgaben anzugepassen.

      Wie auch immer: Was fehlt, ist eine juristische (gesellschaftliche/ verfassungsrechtliche) Legitimation das Instrument anzuwenden. Das ist für Regulierer unbefriedigend, daher wird daran gearbeitet. Wer mag, kann hinter der Entwicklung noch einen Masterplan oder eine Ideologie sehen, muss es aber nicht.

      c) die technische Umsetzung

      Ist letztendlich nicht das Problem. Weil: Egal ob einzelne Sperrverfügungen oder eine ebenso umgehbar DNS-Sperrliste: Der Weg ist das Ziel, siehe Punkt b).

      DNS-Sperren sind/waren nicht das Mittel der Wahl, weil sie gut funktionieren, sondern weil sie juristisch argumentier- und vergleichsweise unaufwändig installierbar waren. Kleine Geschichtsstunde:

      Das Vorgehen der Bezirksregierung weckt die Befürchtung, unter dem Deckmantel des Kampfes gegen rechte Hetze werde ein Präzedenzfall für staatliche Eingriffe ins Internet inszeniert. Und Jürgen Büssow selbst mag da gar nicht widersprechen: „Wenn ich das Milchtrinken verbieten will, muss ich erst mal ein oder zwei Flaschen beschlagnahmen.“

      Ich glaube zwar, dass es nicht Büssow selber war (Aus der Erinnerung stammt es von seinem damaligen Vize Riesenbeck), aber obiges Zitat aus dem Jahr 2002 zeigt recht schön die Methodik.

      Daher ist die Frage „Netzsperren oder nicht?“ wohl schlicht grundsätzlicher Natur. Auch wenn ich grundsätzlich Verständnis für manche Regulierungsabsicht habe, sollten wir alles tun, um Netzsperren auf Zugangsebene zu ächten. Netzsperren sind nicht weniger als die Büchse der Pandora, der Preis ist einfach zu hoch.

      “x-Millionen Seitenaufrufe auf haumichblau.de verhindert!” rausposaunen und schon ist der Jugendschutz erfolgreich angewendet. Polizisten Argumentieren bei Alkoholkontrollen genau so ;)

      Natürlich. Weil es funktioniert und vermittelbar ist. Das ist das eigentliche – auch mediale – Problem. Bildungskonzepte, die erst nach Jahren eine wichtige, aber vielleicht nicht spektakuläre Wirkung entfalten, sind nichts für Schlagzeilen, die jeder politische oder von politischen Prozessen finanziell abhängige Akteur zum Überleben braucht.

      Das im Internet jeder sein eigenes Programm machen kann (und viele das auch tun!), geht nur schwer in ihre Köpfe.

      Sicher, bei der Gefahren- & Risikoanalye ist erstmal jeder ein potentielles Opfer. Man selber würde ja nie …

      Ansonsten: Es klingt schrecklich banal, aber: Dort sind dann schlimme Dinge zu sehen, weil es offenbar einen Markt/Bedürfnis jenseits einer – gerne auch gesellschaftlich konsensualen – Regulierung gibt, ja (Wenn Menschen Dinge lieber im dunklen Keller tun, dann allermeisten, weil sie soziale Ausgrenzung fürchten. Oft zu recht).

      Ich fand Christians These zunächst recht abenteuerlich, habe inzwischen aber nochmal nachgedacht: Wo ist das Problem – wenn Eltern bitte ihrer Verantwortung nachkommen?

      Ach, die wollen nicht so recht? Und nun? Wie weit muss der Staat gehen (auch um Kinder zu schützen, in Analogie zu einem Jugendamt, z.B.)?

      Ich glaube, viele Kritiker des JMStV würden interessierten Eltern tatsächlich helfen und auch sinnvoll helfen können. Alternativ das Netz zuzunageln ist jedenfalls keine Alternative.

      Randnotiz, für mich selber: Friedemann Schindler forderte im Technikpanel einmal mehr bessere Filter und schwärmte von Semantik- und Mustererkennung (Fleischerkennungsfilter …).

      Die Werbeversprechen in diesem Bereich sind wirklich beeindruckend Das waren sie auch schon vor 10 Jahren bei der Firma Cobion. Die Ergebnisse weniger.

      Ok, bei bekannten Bilder (Perkeo, et all) und Musik (Shazam, MusicID) mag es inzwischen auch funktionieren …

      ABER: Man erinnere mich, beim nächsten Mal nicht nur nach den frischen Früchtchen (banaler Semantikfehler* …) zu fragen (die Zeit war knapp), sondern warum es bisher nicht eimal Jugendschutzsoftware gibt, die die Grundanforderung der KJM erfüllt (In denen keine Mustererkennung oder Fleischerkennungsfilter gefordert werden).

      Im Gegenteil: Der Witz ist ja, dass die Anforderungen sogar noch eigens für den JMStV reduziert wurden, damit es dieses Jahr überhaupt abgenickte Software gegeben hätte. Und nun sollen Wunderfilter mit pattern recognition in Echtzeit die Lösung ein?

      *Probleme mit semantischen Filtern gibt es u.a. regelmäßig in der Kinder- und Jugendhilfe bzw. Drogenberatung, wo man es in der Sprache und mit den Begriffen der Zielgruppe versucht. Weil diese Form der Ansprache funktioniert. Entsprechende Angebote werden von Content-Filtern regelmäßig geblockt ,(

  4. Die Argumentation von Christian Scholz fandest du abenteuerlich? Er trifft m.M. den Nagel auf den Kopf. Und wie handhabt z.B. Frank Rieger das Problem bei sich zu Hause?

    Es wird hier schlicht eine Scheindebatte über ein Nicht-Problem geführt. Aber gerade der Jugendschutz ist halt ein Terrain, auf dem sich Politiker gerne profilieren wollen. Externe „Experten“ scheinbar auch. Es geht ja schließlich im die „gute Sache“. Visibility gibt es gratis dazu.

    Warum hat fragFINN nur so wenige Visits, wovon der Großteil meiner Einschätzung nach auch noch von neugierigen Eltern stammen wird? Gib dort z.B. mal „Bob der Baumeister“, „Pettersson und Findus“ oder „Lillifee“ ein und vergleiche das Ergebnis mit Google, Bing oder Yahoo. Von div. technischen Unzulänglichkeiten einmal abgesehen.

    Darüber hinaus ist das WWW doch nur ein verschwindend geringer Bruchteil dessen, was der bundesdeutsche Jugendliche heutzutage online konsumiert. Der tummelt sich i.d.R. in seiner Freizeit auf Facebook, SchülerVZ oder Youtube, hängt im ICQ, auf MSN oder Skype ab, spielt WoW, CS, CoD, BF oder ein anderes gerade angesagtes Spiel. Da erkläre mir doch bitte einmal wer fundiert und schlüssig, wie man das alles mit dem angedachten technischen Instrumentarium im Sinne des Jugendschutz in den Griff bekommen will? No way! Dafür braucht es organisatorische Lösungen.

    Gerade bei der Indexierung von Computerspielen hat sich doch gezeigt, das Verbote eher kontraproduktiv sind. Aus diesen Erfahrungen hat man aber scheinbar kaum etwas gelernt. Wenn mein 14-jähriger Sohn meint, er müsse den ganzen Tag WoW spielen und sich davon argumentativ auch nicht abbringen lassen will, dann ziehe ich als Elternteil notfalls halt einfach den Stecker. Eine einfache Lösung für ein verhältnismäßig wenig komplexes Problem. Dem etwaigen damit verbundenen Konflikt mit seinem Kind muss man sich dann natürlich stellen. Davor kann einem keine noch so tolle Jugendschutzsoftware schützen. Derartige Konflikte, deren Auseinandersetzung und Bewältigung können auch ein wichtiger Bestandteil der elterlichen Erziehung sein. Dummerweise fehlt dafür aber den meisten Eltern schlicht die Zeit.

    Statt konzeptloser Ankündigungspolitik, sollten hier wohl besser die entsprechenden familienpolitischen Akzente gesetzt werden. Dummerweise pflegt Fr. Schröder ihr Ressort eher im Sinne einer PR-Agentur zur Selbstvermarktung zu führen, anstatt effektive Politik zu gestalten. Das dürfte sie von Kollegin von der Leyen übernommen haben.

    Fazit: man diskutiert hier vollkommen am eigentlichen Thema vorbei.

    1. @Otzelot:

      Die Argumentation von Christian Scholz fandest du abenteuerlich?

      Zunächst, ja. Christian ist Informatiker, kein Pädagoge oder anderweitig fachlich vorbelastet (Ich selber komme aus der Medienwissenschaft und habe auch ein paar Semester Pädagogik gehört). Sich als solcher auf eine Fachveranstaltung zu stellen und auf Basis von 2 – de facto auch inhaltlich/methodisch nicht so ganz passenden – Studien die These aufzustellen, es sei doch alles halb so wild (ich verkürze), erfordert schon eine gesunde Person Selbsbewusstsein, ja (Aber, tolle Show! ;)

      Es wird hier schlicht eine Scheindebatte über ein Nicht-Problem geführt.

      Du siehst Jugendmedienschutz als Nicht-Problem? Steile These.

      Warum hat fragFINN nur so wenige Visits

      Das ist eine ziemlich gute Frage. Als ich die Zahl gehört habe, war ich ernsthaft überrascht. Ob es an der Zahl der Treffer für „Bob der Baumeister“ (oder andere SuperRTL-Fornate) liegt, möchte ich aber bezweifeln (Hee, das ist gerade ein wenig wie „freie Software predigen und „Word“ saufen“, wenn mir dieser völlig unpassende Vergleich, der sich erst auf der zweiten Ebene erschließt oder vielleicht auch gar nicht, erlauben darf). Bei Whitelisten entscheidet die Qualität im Bezug auf die Zielgruppe, nicht die Quantität.

      Darüber hinaus ist das WWW doch nur ein verschwindend geringer Bruchteil dessen, was der bundesdeutsche Jugendliche heutzutage online konsumiert.

      Ja, das Problem ist aber auch den Verantwortlichen bekannt. Kleiner Haken: Kommunikation, unabhängig ob nun in sozialen Netzwerken, Spielen oder direkt, lässt sich deutlich schlechter regulieren als (statische) Webseiten (oder Rundfunk).

      Auf Seite der Jugendschützer/Regulierer geht es derzeit darum, im Netz überhaupt erstmal einen Fuß in die Tür zu bekommen. Also „Angebote zu machen“ (positive Darstellung) oder eben einzugreifen und „zu regulieren“ bzw. „zu beissen“.

      Da erkläre mir doch bitte einmal wer fundiert und schlüssig, wie man das alles mit dem angedachten technischen Instrumentarium im Sinne des Jugendschutz in den Griff bekommen will?

      So einfach ist das nicht mit der Weltformel, befürchte ich. Ich glaube aber durchaus, dass Whitelists oder positive Angebote in der Altersklasse bis 10/12 Jahre den Einstieg in das Netz und die Welt der Medien erleichtern können.

      Man mag ja Angebote wie „Meine Startseite“ (Bundesfamilienministerium), FragFinn oder die Blinde Kuh ja gerne doof finde. Ich sehe sie eher als Chance.

      Wenn es Eltern gibt, die das mit den Bienchen, Blümchen & dem Internet erklären auch ohne Hilfe didaktisch halbwegs schwindelfrei hinbekommen: Auch gut. Um die geht’s im Moment aber nicht.

      Wenn mein 14-jähriger Sohn meint, er müsse den ganzen Tag WoW spielen und sich davon argumentativ auch nicht abbringen lassen will, dann ziehe ich als Elternteil notfalls halt einfach den Stecker.

      Dann gehörst du bereits nicht mehr zur Zielgruppe der „Angebote“. Gerade, wenn du dich dem anschließenden Konflikt stellst.

      Davor kann einem keine noch so tolle Jugendschutzsoftware schützen.

      Bei Jugendschutzsoftware ist es im Grunde wie bei „Antiviren-Software“ und „Personal bzw. hostbasierten Firewalls“. Ein medien- bzw. technikkompetenter Nutzer benötigt sie nicht, bei allen anderen und grundsätzlich sind sie aber geeignet, zumindest den gröbsten Mist abzuräumen (wie ein Spamfilter, z.B.). Nur verlassen sollte man sich darauf bitte nicht.

      Gerade bei der Indexierung von Computerspielen hat sich doch gezeigt, das Verbote eher kontraproduktiv sind.

      Könnte man argumentieren, ist aber eine leicht andere Baustelle. Andererseits hat das ja auch ein Filterbefürworter wie Friedemann Schindler eingestanden: Wenn ein Jugendlicher unbedingt an die Inhalte will, schafft er das auch.

      Letztendlich glaube ich aber, dass sich da gar nicht so viel zu meiner Jugend verändert hat: Natürlich hatten wir auch die „verbotenen Spiele“. Auf der anderen Seite bedeuten Indizierungen und die damit verbundenen Einschränkungen beim Vertrieb für Kinder und Jugendliche aber zumindest eine gewisse Einschränkung (leider oft auch für Erwachsene). Siehe auch http://vdvc.de/?page_id=192

      Derartige Konflikte, deren Auseinandersetzung und Bewältigung können auch ein wichtiger Bestandteil der elterlichen Erziehung sein. Dummerweise fehlt dafür aber den meisten Eltern schlicht die Zeit.

      Genau. Wie gesagt, ich sehe Jugendschutzsoftware eher als unterstützende (nicht substituierende) Angebote. Insbesondere für Kinder bis 10/12 und im Zusammenspiel mit verantwortungsbewussten Eltern. Spätestens bei 14/16-Jährigen wird es wohl witzlos.

      Mein Problem ist nun, siehe oben, dass selbst eine harmlose modulare Filtersoftware mittelfristig den Weg für nicht mehr nutzerautonome Filter auf Netzwerk(zugangs)ebene bereitet. Da müssen wir aufpassen.

      Dummerweise pflegt Fr. Schröder ihr Ressort eher im Sinne einer PR-Agentur zur Selbstvermarktung zu führen, anstatt effektive Politik zu gestalten.

      Ich hoffe, weitgehend unverdächtig zu sein, hier PR für Frau Schröder zu machen, aber: Einiges läuft bereits deutlich besser als unter Zensursula (andere Sachen nicht, ich weiß). Ansonsten: Politik, dicke Bretter …

      Fazit: man diskutiert hier vollkommen am eigentlichen Thema vorbei.

      Nein, immer noch nicht. Das Schutzbedürfnis ist da. Daran kommen wir auch nicht vorbei. Das ist nicht nur ein staatliches Problem, sondern auch eine gesellschaftliche Verpflichtung. Wir dürfen nur nich das „Kind mit dem Bade ausschütten“, wie Erziehungsberechtige damals noch sagten …

  5. Sandra hat völlig Recht, die Eltern sind gefragt, dafür zu sorgen, das ihre Kinder sich nicht die Pornoseiten bei „Hamstercom“ anschauen.
    Aber die sind ja zu beschäftigt, die Kröten für die angesagte Breitbandglotze und die Kredite für ihren neuen Wagen abzuzahlen..
    Der Jugendmedienschutz ist doch nur ein weiteres Instrument um einen Vorwand zu er/finden uns nach belieben kontrollieren zu können.

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