Öffentlichkeit

„Wir haben kein Piraterie-Problem“

Mit dieser provokanten These stieg Tim Renner, Ex-Universal-Chef und Gründer von Motor FM, in die Diskussion über das „Urheberrecht in der digitalen Welt“ ein, die am Montag in der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand. Die grüne Europapolitikerin Helga Trüpel hatte zum „Kulturpolitischen Salon“ geladen.

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Das Podium, moderiert von Oliver Passek, wies schnell eine klare Frontenbildung auf. Den Praktikern Renner und Trüpel – in Musikbusiness und Politik – standen auf der anderen Seite die Juristen Gerd Hansen und Till Kreutzer entgegen, die eine Revolution des Urheberrechts forderten.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Kulturflatrate. Helga Trüpel zeigte sich entgegen der grünen Parteilinie nicht vollends überzeugt von dem Konzept. Es könne keine Kulturflatrate für alle Branchen geben, weil der Preis so hoch sein müsse, dass sich nie eine politische Akzeptanz dafür herstellen ließe. Eine Vorstellung, die Volker Grassmuck in seiner Erwiderung an die Musikindustrie widerlegt hat.

Einen echten Proponenten der Kulturflatrate gab es auf dem Podium nicht, obwohl Kreutzer es für einen richtigen, wenn auch nicht weit genug gehenden Schritt hält. Einig war man sich aber, dass die Unterhaltungsindustrie im allgemeinen und speziell die Musikindustrie massive Fehler gemacht hat. Das müsse die Politik nun ausbügeln, forderte ausgerechnet der Musik-Manager Renner.

„Wir haben kein Piraterie-Problem“, sagte er – sondern das Problem einer Unterhaltungsindustrie, deren Geschäftsfeld sich wandle. Musikpiraterie sei lediglich eine Folge davon, „ein Schrei nach legalen, attraktiven Angeboten“, wie Gerd Hansen es formulierte. Renner diagnostizierte „ein klassisches Marktversagen“, weil die Unterhaltungsindustrie keine Konkurrenz zu den illegalen Angeboten aufgebaut habe. „Faktisch ist jeder Torrent-Tracker iTunes & Co. überlegen“.

Die Lösung aus Sicht des Motor FM-Gründers: Freiwillige Kulturflatrates. Damit diese tatsächlich eingeführt werden, soll der Staat den Marktteilnehmern einen Kontrahierungszwang auferlegen. Genau so, wie auch Rundfunkanstalten und Labels sich einigen müssen, soll die Musikindustrie Verträge z.B. mit Providern abschließen, die dann ihren Kunden eine Flatrate anbieten können.

Till Kreutzer und Gerd Hansen geht das noch nicht zu weit. Die beiden Juristen forderten, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Das Urheberrecht sei immer noch auf die Idee vom „genialen Künstler“ gegründet – Thomas Weitin nannte es deshalb kürzlich „eine romantische Institution“ – die möglicherweise überholt sei. Profitieren würden von dem Recht heute die Verwerter. Das sei unter Umständen richtig – nur dürfe man dann nicht über die Urheber reden.

Hansen setzte sich deshalb für eine „offene Kultur“ ein. Eine Kultur, in der Urheber entlohnt werden, aber die Eingrenzungen für die Nutzung ihrer Werke nicht so hoch sind wie heute. So werde das Urheberrecht heute für kommerzielle wie nonkommerzielle Werke gleichermaßen gewährt. „One size fits all“ sei aber nicht mehr zeitgemäß, weil viele Kreative keine Verwertungsabsicht hätten. Eine Lösung wäre es, Urheberrechte erst einmal für nur fünf Jahre zu gewähren, die dann verlängert werden könnten.

Kreutzer ging sogar noch weiter. Alle bisherigen reformen des Urheberrechtes seien lediglich „minimale Veränderungen“ an einzelnen Stellen. So sei die Kulturflatrate keine Revolution. Vielmehr basiere sie „auf uralten Konzepten des Urheberrechtes“. Danach gebe es eine Regel und Ausnahmen davon – die Urheberrechts-Schranken. Genau das sei die Kulturflatrate.

Der Jurist sprach deshalb davon, dass Urheberrecht grundsätzlich zu verändern. Es solle nicht mehr nur Eigentumsrecht sein, sondern eine wissensvermittelnde Eigenschaft „mit in die Wiege“ gelegt bekommen. Er habe aber „keine Illusionen“, dass die von ihm und Hansen vorgeschlagenen Veränderungen „noch zu unseren Lebzeiten“ umgesetzt würden.

Dass es Veränderungen geben muss, war aber allen Beteiligten klar. Zwang allein helfe dabei nicht: „Man kann das Internet nicht durch Gesetze und Rechte in den Griff bekommen“, erklärte Kreutzer. Rechtliche Regeln müssten auch auf Akzeptanz treffen.

An dieser Stelle erlaubte sich Helga Trüpel allerdings einen fundamentalen Patzer: Sie sprach sich für Aufklärung über das Urheberrecht und Hinweise an Urheberrechtsverletzer aus. Dahinter verbirgt sich ein Konzept namens „Two Strikes“: Warnhinweise an illegale Filesharer. Das war so nutzerfeindlich, dass in der nachfolgenden Diskussion eine Microsoft-Lobbyistin den Aussagen nur noch zustimmen konnte.

Der letzte Schritt von „Two Strikes“ zu „Three Strikes“ ist in Deutschland bisher nicht umsetzbar: Drosselung oder Sperrung der Internetanschlüsse. Two Strikes ist aber eindeutig ein Weg dorthin. Ergäbe die Evaluierung einer solchen Regelung, dass sie nicht wirksam ist, wären die nächsten Schritte bereits so gut wie beschlossen. Deshalb darf auch Two Strikes nicht sein.

Es darf verwundern, dass Helga Trüpel entgegen der Parteilinie der Unterhaltungsindustrie das Wort redet. Das ist auch in ihrem Thesenpapier zu „Digital rights fair trade“ der Fall. Auch dort wird die Kulturflatrate kritisiert und Filesharing als Gefahr für Künstler und Content-Industrie dargestellt.

Nikolaus Huss war ebenfalls vor Ort und hat für KoopTech über die Veranstaltung geschrieben. Er sieht das Ergebnis positiver:

Die Diskussion hat gezeigt, dass die einzelne Baustellen fachkundig bearbeitet werden.

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8 Kommentare
  1. Das Thema Kulturflatrate geht mir ordentlich auf die Nerven!

    Zum einen ist diese Flatrate, platt gesprochen, \Kommunismus\, der jegliche Chancen auf eine Lösung durch den Markt zunichte macht. Wartet’s doch mal ab, auf was für raffinierte Ideen zur Vermarktung man noch so kommen wird.

    Daneben verstehe ich nicht die Ansicht, Kultur muss zwangsläufig auch eine Kulturindustrie sein. Nur weil \vorübergehend\ physikalische Medien Monopole ermöglicht haben (z.B. CD Verkauf) und die darauf fußenden Geschäftsmodelle jetzt durch das Internet zunichte gemacht werden (Was war denn vor der Erfindung des Grammophons? Oh all die arbeitslosen Musiker!), besteht doch kein ewiger Anspruch mit Kunst Geld zu verdienen? Habt ihr schon einmal was von Malern gehört, die ein automatisches Gehalt einverlangen, nur weil sie Bilder malen? Nein, da muss auch der Markt via Auktionen zum Einkommen beitragen. Der Maler muss sich beweisen, muss gut sein, etc, um was zu verdienen.

    Wer bestimmt denn, wer von der Kulturflatrate profitiert? Am besten, wir gründen eine Kommission, so wie wir es in Deutschland ja eh am Besten können. Die kann dann in ewigen Gremien und Bonzenrunden darüber schwelgen, wer denn das Recht hat davon zu profitieren (Gedichteschreiber? Blogger? Flickruser? Nur Inländer? Auch Ausländer? Pornoregisseure? Alles Kunst/Kultur oder?). Und am Ende haben wir dann eine Mammutbehörde mit Sesselfurzern geschaffen, die über jene oder diese Wichtigkeit von Kultur bestimmen dürfen, ein weiteres Monopol eingerichtet, und schön blind mit der Schrotflinte auf ein Problem geschossen, nur weil wir in Deutschland ständig Angst vor Veränderungen haben. Arghh!

  2. Markt funktioniert in der Kunst nur begrenzt.

    Vincent van Gogh war zeitlebens bettelarm, obwohl sein Bruder Kunsthändler war. Vermutlich ist das Problem, wie man Kunst sinnvoll fördert, nicht einfach lösbar. Umso wichtiger finde ich Kunstförderung.

    Das derzeitige Urheberrecht fördert aber meist gar nicht die Urheber, sondern die Verwertungsindustrie. Und selbige soll doch bitte marktgerechte Angebote machen – oder auch gerne einfach eingehen, wenn sie keiner mehr braucht, weil der Markt sich ändert. Interessant, dass es ausgerechnet immer diejenigen sind, die angeblich für einen „freien Markt“ sind, die dann am lautesten nach staatlicher Sicherung ihrer Profite schreien, wenn der Marktdruck kommt.

    Eine Kulturflatrate finde ich schwierig – ich bin mal gespannt, wie sich das entwickelt.

    Viele Grüsse,
    VB.

  3. Ich bin immer vehement der These der Internetausdrucker entgegengetreten, im WWW herrsche eine Kostenlosmentalität.
    Aber mir ist gerade selbst was komisches passiert. Ich habe vor geraumer Zeit in der ‚Zeit\ mal einige Beiträge/Kommentare veröffentlicht, und heute finde ich zufällig einen meiner Beiträge in einem Forum, allerdings von einem anderen Autor.
    Da fragt man sich dann doch, was soll das. Selbstverständlich geht’s in diesem Fall nicht ums Geld, es geht ums Prinzip, ich möchte zitiert und nicht kopiert werden.
    Kurz, ich finde die Freiheit im Netz wird von mindestens drei Seiten bedroht.
    Erstens von der Industrie, zweitens vom Staat und drittens aber auch sehrwohl von den Leuten, die sich partout nicht an die Regeln halten, weil sie denken, es gebe keine, falls sie überhaupt denken.
    Klar, Plagiate gab’s schon immer, wirds auch immer geben, und das angeführte Bsp. ist ja nun wirklich nicht der Rede wert, aber wie gerade die aktuelle Diskussion um ‚Axolotl Roadkill‘ zeigt, scheinen nicht nur einigen Wenigen die Maßstäbe verloren zu gehen.
    Nicht umsonst lautet der zweite Satz der ‚Free Software Definition‘:
    \Free Software is a matter of liberty, no price. To understand the concept, you should think of free as in free speech, not as in free beer.\.
    Leider habe ich zunehmend den Eindruck,daß die Freibiermentalität tatsächlich immer mehr um sich greift.
    Sicher ist ein vernünftiges Bezahlmodell für kommerzielle Inhalte ohne das Recht auf die Privatkopie einzuschränken notwendig, aber ebenso wichtig wäre ein anderer Umgang mit den Ergebnissen der Arbeit der Entwickler/Autoren, die diese frei der Community zugänglich machen und erst dadurch das WWW ermöglichen und zu dem phantastischen Medium machen, das es ist.
    Im Gegensatz zu Fefe, den ich ansonsten sehr schätze, bin ich nicht der Meinung, daß man das Konzept des geistigen Eigentums über Bord werfen sollte.
    Ich glaube das ist alles etwas wirr, aber was solls – nicht mein Tag heute.

  4. > Es könne keine Kulturflatrate für alle Branchen geben, weil der Preis so hoch sein müsse, …. Eine Vorstellung, die Volker Grassmuck in seiner Erwiderung an die Musikindustrie widerlegt hat.

    Volker Grassmuck hat das nicht widerlegt, er hat nur seine Meinung dazu geschrieben, die man nun teilen kann oder nicht.

    Ich will mir jedenfalls keine komplette Flatrate für Pornos, Lindenstraße und Opern aufzwängen lassen.

  5. Christian schrieb: „Zum einen ist diese Flatrate, platt gesprochen, \Kommunismus\, der jegliche Chancen auf eine Lösung durch den Markt zunichte macht.“ Das sind die Parolen der FDP; es ist bezeichnend für die Wählerschaft der Grünen, dass sie jetzt in einem grünen Forum auch allgemein Akzeptanz finden. Ich wundere mich schon, woher diese Marktgläubigkeit kommt.

    Ich möchte jetzt eine aus dieser Sicht ketzerische Frage stellen: Was ist so schlimm am Kommunismus? Die Wirtschaftskrise hat doch eindeutig gezeigt, dass der Kapitalismus am Ende ist. Es ist absehbar, dass im Kapitalismus in Zukunft nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung einen existenzsichernden Arbeitsplatz hat. Der Rest soll nach Westerwelle und Co. nur noch notdürftig am Leben erhalten werden, mehr aber auch nicht.

    Angesichts dieser Entwicklung ist eine Suche nach anderen Produktionsmodellen dringend erforderlich. Ich hätte nichts dagegen, wenn einen Kulturflatrate auch Ausstrahlung auf andere Wirtschaftsbereiche hätte und sich in der Bevölkerung die Auffassung durchsetzen würde, dass eine Knappheit nicht nur im Bereich der digitalen Kulturgüter künstlich aufrechterhalten wird (wo es offensichtlich ist), sondern auch in vielen anderen Bereichen.

  6. Es gibt auch in der Musikproduktion Aspekte von Leistung. Z.B. bei Opern, im Klassikbetrieb und so. Aber generell hat Kunst mit dem klassischen Leistungsbegriff nichts am Hut. Gute Einfälle kann man nicht planen. Das ist bei Architekten, Lehrern, Ärzten usw. anders, da spielt Leistungs eine viel größere Rolle. Es geht also eher darum, dass Künstler auf die eine oder andere Art ein Auskommen finden – Ausdifferenzierung nach Popularität wird wahrscheinlich trotzdem erhalten bleiben.

    Interessant wäre, wenn das „the winner takes it all“-Modell (Top 20 oder was) an Bedeutung verlöre und sich Musikproduktion und -Konsumption, wie jetzt schon bei last.fm, viel stärker verbreitern würde. Aber was für Vergütungsmodelle kann es da geben?

  7. wenn kulturflatrate kommunismus sein soll, dann ist die GEMA ihr zentralkommitee. wem die kommunismusangst nicht in den 90ern laengst verloren gegangen ist, der ist wahrscheinlich auch im internet noch nicht richtig angekommen, oder gehoert sicherlich einer vom springer-konzern ferngesteuerten trollarmee an.

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