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Transparency und Open Data in der medizinischen Entwicklungshilfe

CC-BY Linus Neumann
CC-BY-NC-ND Linus Neumann

Wenn ich einen Euro spende, wie viel kommt davon dann eigentlich bei den Notleidenden an? Und wie viel geht für den Maserati des Geschäftsführers der Organisation drauf, für die das hübsche Mädel arbeitet, das mir die Spende abgequatscht hat? Wie viel vom Rest steckt dann noch irgendein korrupter Diktator in seine Privatjet-Kasse? Treiben wir nicht sowieso mit unseren Hilfsprojekten die dritte Welt nur in die Abhängigkeit und subventionieren nebenher unsere Gesundheits-Industrie?


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In wenigen Bereichen bekommt die Forderung nach Transparenz eine so essentielle Bedeutung, wie in der medizinischen Entwicklungshilfe – insbesondere in Anbetracht des starken Zusammenhangs zwischen Armut und Korruption. Natürlich will keine Hilfsorganisation dass ihre Mittel veruntreut werden – die unmittelbare Reaktion, wenn es dann doch geschieht, ist aber häufig die Vertuschung. Dadurch wird die Organisation zum Mittäter.

Mit Marcela Rojo habe ich mich heute über Ansätze unterhalten, diesen Problemen durch Transparenz und Offenlegung aller Daten zu begegnen.

Marcela Rojo arbeitet für den Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria. Das Gespräch gibt es als Podcast in englischer Sprache als .mp3 und als .ogg.

(Anmerkung für Spreeblick-Leser: Bitte überspringt die nächsten 2 Absätze, wenn ihr Kathrins Artikel schon gelesen habt. Sie behandelt Finanzierung und Projekte ausführlicher.)

Lesotho Mother and Child
CC-BY-NC-ND Linus Neumann

Wo kommt die Kohle her?
Vom Global Fund gibt es gar keine hübschen Mädels mit Spende-Dosen und 6,50€ Stundenlohn in der Fußgängerzone.  95% der Spender sind Staaten, den größten Teil davon machen die G8 aus. Wie aber konnte eine Organisation in die Position kommen, das Geld direkt bei den Staaten abzugreifen, und frei darüber verfügen zu können? Sie wurde von den G8 selbst gegründet.

Dabei wurde auch festgelegt, dass jeder einzelne gespendete Dollar direkt bei den Notleidenden ankommen muss. Die (verhältnismäßig wenigen) Angestellten des Global Fund werden aus den Zinsen, die für dieses Geld anfallen bevor es ausgegeben werden muss, finanziert. Der Global Fund unterhält nur ein Büro in Genf.


Wo geht die Kohle hin? oder: Hilfe zur Selbsthilfe
Der Global Fund hat kein einziges eigenes Projekt vorzuweisen. Nirgendwo auf der Welt stehen Krankenhäuser, die vom Global Fund unterhalten werden, nirgendwo sind Sanitäter im Einsatz, die auf der Gehaltsliste des Global Fund stehen. Wenn ein Staat ein Problem mit Aids, Malaria oder Tuberkulose hat, und es bekämpfen möchte, dann muss er sich selbst ein Projekt ausdenken und auf die Beine stellen.

Darüber, wie realistisch das Projekt und die finanziellen Vorstellungen sind, entscheidet ein Expertengremium und bewilligt die Mittel – oder eben nicht.

Transparenz und Open Data
Für jedes geförderte Projekt gelten strenge Anforderungen an die Transparenz und Möglichkeiten zur Erfolgskontrolle. Werden diese Möglichkeiten nicht eingeräumt, wird das Projekt nicht gefördert. Auch laufenden Projekten wird mitunter die Unterstützung entzogen, wenn die Tranparenzanforderungen nicht erfüllt werden. In der Tat ist dies der häufigste Grund für diese sehr seltene Maßnahme. Bis zur Korruption will man es gar nicht erst kommen lassen. Im Übrigen wird selbstverständlich sofort nach anderen Wegen gesucht, den Bedürftigen die Hilfe zukommen zu lassen – ein weiterer Vorteil der Projektunabhängigkeit.

Dieses Verlangen nach Transparenz ist die einzige große Säule, auf dem die Arbeit des Global Fund fußt. Die Selbstständigkeit der Projekte wird nicht angegriffen, sie können sich den regionalen Gegebenheiten und Anforderungen individuell ohne bürokratisches Regelwerk anpassen. Sie können Selbstvertrauen aufbauen und sich weiterentwickeln, der Hilflosigkeit entgegentreten. Alles, was von den Projekten verlangt wird ist dass sie erfolgreich sind, und kein Geheimnis daraus machen, wie sie den Erfolg erreicht haben. Das ist nicht viel verlangt von jemandem der helfen will. Auf diesen zentralen Anforderungen fußen viel hundert Projekte weltweit.

Und was passiert mit den ganzen Daten? In welcher Schublade verschwinden sie? Nahezu beiläufig erwähnte Marcela das Global Fund Grant Portfolio – ein Musterbeispiel für die Online-Aufbereitung und Bereitstellung offener Daten, sowohl was Umfang, als auch die intuitive Darstellung betrifft. „Das ist doch wohl das Mindeste, was wir unseren Spendern schulden. Die müssen sich doch informieren können.“ sagte sie im Vorgespräch, und auch in der Podcast-Aufnahme merkt man ihr noch an, dass sie meine Mischung aus Ungläubigkeit und misstrauischer bis manischer Begeisterung über diesen Fundus an Informationen und den offenen Umgang damit gar nicht so wirklich teilen konnte. Dass der Global Fund nicht nur Transparenz verlangt, sondern auch selbst transparent ist, ist für sie einfach nur klar, kaum der Rede wert…

Hier bei Netzpolitik wird seit jeher für Open Data plädiert, und auf viele kleine Sternchen der offenen Daten (leider meist im Ausland) stürze auch ich mich lobpreisend. Dass ich eines der besten Beispiele dort finden würde, wo ich es am wenigsten vermutet hatte…

Ihr interessiert euch für das HIV-Projekt in Myanmar, wie viel Geld dort ausgegeben wurde, und wie es um die Performanz des Projektes steht? Oder ihr wollt euch mal die Poposals für zukünftige Projekte anschauen, die noch nicht bewilligt sind? Wie wäre es mit einer tabellarischen Auflistung der Daten verschiedener Projekte? Ihr müsst nur in der Lage sein, Myanmar auf der interaktiven Karte zu finden.

Im Kampf gegen Korruption und Betrug zeigt der Open Data-Ansatz und das radikale Verlangen nach Transparenz große Erfolge, so weit ich das anhand dessen, was ich hier in Lesotho heute zu sehen bekomme, beurteilen kann (dazu später mehr).

Merke: Wenn es um Leben und Tod nicht um die eigenen Daten geht, wird Open Data radikal durchgezogen – und zwar auf Initiative der G8. Interessant.

Disclaimer: Ich bin gerade auf Einladung des Global Fund in Lesotho, Afrika. Diese Einladung wird als Teil der Transparenz-Bemühungen gesehen – also bitte schreibt eure Fragen in die Kommentare – ich werde alles tun, um sie euch zu beantworten.

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6 Kommentare
  1. oh mann, es tut mir leid dass ich hier schimpfe. aber ich bin es leid immer wieder die gleichen ressentiments bzgl. der entwicklungshilfe zu lesen… und diese immer wieder aufgewärmt zu sehen. auch wenn es hier im text nur als opener gemeint ist, so steigt mir da die galle hoche, weil ich einige Leute kenne die in der Entwicklungshilfe tätig sind und weil deren Leben und Arbeit so gar nix mit der Spiegel-Massarati-Empörung zu tun hat.

  2. @2: …und ich bin es leid, andauernd Kommentare von ganz besonders naseweisen Teenagern zu sehen, die Artikel nicht zu Ende lesen.

    Was machen wir beide jetzt? Beides steht da, und man kriegt es nicht weg.

  3. Es wäre sehr wünschenswert wenn es diese Transparenz bei der Entwicklungshilfe die z.B. die BRD in Milliardenhöhe an diverse Staaten leistet ebenfalls geben würde.

    Dies wäre mal eine sinvolle Forderung an die Bundesregierung die sich hieraus ableiten liese.

  4. In meiner Hoffnung in vielversprechenden netzpolitik-Schreibern noch mehr journalistische Schärfe durch meine Bemerkungen anzuregen, sei folgendes geschrieben:

    Gerade wenn man von einer so großen Organisation eingeladen wird, um für „mehr Transparenz“ zu sorgen und eine Gesprächspartnerin hat, für die die ganze Offenheit „total selbstverständlich“ ist, sollte man doppelt kritisch sein.

    Ich habe mir jetzt in der Kürze der Zeit nicht die Mühe gemacht, die Dokumente der harten Kritiker an dieser Projektmaschine durchzulesen, aber allein aus dem Kreis der Befürworter und aus der Organisation selbst(!) kann man schon innerhalb kürzester Zeit einige Aspekte zur kritischen Nachfrage herausarbeiten.

    1. Die Portfolio-Übersicht ist zwar gut gemacht, aber gibt lediglich einen Überblick über die Gesamtsummen. Weder bei den Grants noch bei den Dispursements kann nachvollzogen werden, was die einzelnen Ministerien der Empfängerländer mit den Geldern gemacht haben, noch gibt es irgendein Feld für eine vor- oder nachgelagerte Qualitätskontrolle.

    Open Data heisst eben nicht einfach mal ganz viel Daten hinwerfen, damit man vor lauter Begeisterung vergisst zu fragen, was denn eigentlich mit dem ganzen Geld passiert.

    Weder kann die Verwaltungsquote (auf seiten Global Fund und auf Seite der Empfängerländer) herausgelesen werden, noch sieht man weder in der Übersicht noch in den .xls Feindaten wer dann genau was mit den Geldern gemacht hat.

    2. Der interne Evaluierungsbericht des Globalfund wirft selbst deutliche Fragen hinsichtlich der Effizenz der Arbeit der Zentrale von Global Fund und auch innerhalb der Kette der Verteilung (Fund Portfolio Managers (FPMs), Local Fund Agents (LFAs), Principal Recipients (PRs) and sub-recipients) scheint verbesserungswürdig.

    Siehe hierzu den internen Bericht unter: http://www.theglobalfund.org/en/terg/evaluations/sa1/

    Ebenso lässt sich aus dem Kommentar (okay, der ist von 22.9.2010, konnte also noch nicht in dein posting einfliessen) eines Executive Director herauslesen, dass es noch viel Optimierungsbedarf im zehnten Jahr des Bestehens des Global Fund gibt.

    http://www.huffingtonpost.com/dr-paul-zeitz/why-global-fund-reform-pa_b_734955.html

    Bevor du also vor lauter Begeisterung über die Einladung nach Lesotho von „radikalem Open Data“ sprichst würde ich noch ein wenig genauer arbeiten.

    3. Gibt es ja durchaus Projekte und Projektunterstützer in Deutschland, die zwar nicht mit den Milliarden von Bono, Gates und ihren Staatspräsidentenfreunden winken können, aber dennoch viel für crowd-basiertes, transparentes Spenden und Helfen organisieren.

    Ein kurzer Check über die Suchfunktion hat mir gezeigt, dass auf netzpolitik.org bisher wohl nicht über betterplace.org berichtet wurde und der letzte Bericht von socialcamp/socialbar ist auch aus 2008.

    Das nächste socialcamp findet übrigens am 19./20.11. in Berlin statt. Sicherlich wird man sich über deinen, dann kritisch reflektierten Bericht über den Global Fund in einer Session dort freuen und vielleicht findest du dort Menschen, die ohne ein Büro in Genf, ohne einen unverhältnismässigen Verwaltungs-Wasserkopf im Kleinen und im Großen Gutes tun.

    Bis dahin weiterhin gute Erfahrungen in Lesotho und lass dich nicht einwickeln.

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