Kultur

Textprovider: Fingierte Kundenbeurteilungen galore

Während Helmut Hoffer von Ankershoffen für die zwei Eigenbewertungen des WeTab übertrieben gebasht wird, hat die Telekom Einkaufswelt die Agentur Textprovider damit beauftragt ihren Shop mit Nutzerkommentaren zu füllen. Ich habe mir Textprovider mal etwas genauer angeschaut.


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Offensichtlich wurden bei Textprovider von der Telekom 1.000 Texte zwischen 80 und 180 Zeichen geordert, um vorzutäuschen dass sich die Kunden angeregt über die Produkte austauschen (bzw. das überhaupt Kunden existieren?). Da die Bewertungen authentisch sein sollten, durften sie auch negativ sein. Hintergrund bei so etwas ist neben dem erhofften Entfachen weiterer (dann kostenloser) Diskussionen eine bessere Platzierung bei Suchmaschinen.

Die beauftragte Firma Textprovider hat sich auf das Erstellen von „Unique Content“ zur Suchmaschinenoptimierung spezialisiert. Natürlich wird auf der Website nicht ausdrücklich vorgeschlagen irgendwelche Dinge zu fälschen, aber Hinweise wie

Wir verfügen über Erfahrungen in den Bereichen (technische) Produktbeschreibungen, Glossartexte, Ratgeberartikel, Blogbeiträge, PR-Texte, Veranstaltungsankündigungen, Touristik (z.B. Reise-, Städte- und Hotelbeschreibungen) uvm.

oder der Besitz der Domain produktbeschreibung.eu sind natürlich ein klarer Wink mit dem Zaunpfahl. Unter ‚Referenzen‘ wird dann auch kein einziger Kunde gelistet, sondern ein paar Artikel in mir nicht bekannten Zeitschriften. Was auf der Kundenseite als großartige, professionell fundierte SEO-Dienstleistung in Profi-Denglisch mit „Fachwörtern“ wie unique vs. duplicate content und keyword density (inkl. Glossar!) beworben wird, sieht auf der anderen Seite ziemlich popelig aus:

Jede(r) kann sich über ein einfaches System anmelden, bezahlt wird bei erteilten Aufträgen auf Rechnung. Wir befinden uns also nicht nur an der gerne großzügig ausgelegten Grenze zur Scheinselbstständigkeit (Textprovider würde das abstreiten und sich natürlich als Vermittlungsagentur bezeichnen), sondern ganz sicher auch fernab von jeder Professionalität – aber wen überrascht das schon?

Immerhin ist Textprovider professionell genug, die internen Schulungsvideos bei Youtube zu hosten. Wer also Interesse daran hat, freiberuflicher SEO-Profi-Texter (oder so) zu werden, kann sich hier ausgiebig alles erklären lassen, und sich dann direkt anmelden.

Hinter Produktbeschreibung und Textprovider verbirgt sich im Übrigen die Firma collective IQ, eine englische Limited mit Sitz in Bochum, die auch direkt das passende Portal netjobbing.de zur Rekrutierung ihrer Schreiberlinge unterhält. Für netjobbing.de haben die 3 Geschäftsführer 2008 vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen Wettbewerbs „Mit Multimedia erfolgreich starten“ einen mit 5.000€ dotierten Gründerpreis bekommen.

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21 Kommentare
  1. Naja, es gibt eben viele Arbeitslose die gar keine andere Wahl haben als sich bei solchen zweifelhaften Anbietern noch ein par Euro dazu zu verdienen.

    Freiwillig wird wohl niemand als SEO Texter arbeiten wollen. Ein für das Gemeinwohl völlig unnützer job der nur gemacht wird weil einige Individuen keine andere wahl haben als solche Aufträge anzunehmen.

    Gebt den Menschen endlich ein Grundeinkommen, dann müssen sie nicht mehr solch erbärmliche Jobs für ein par cents annehmen. Dann hat sich dieser SEO-Spam schnell erledigt.

    1. @Marxist: Ich glaub es gibt ne ganze Menge Menschen, die den Job freiwillig machen würden.
      Davon sicherlich auch ne Menge die das Nebenberuflich machen.

      Seid wann muss ein Job für das Gemeinwohl nützlich sein? Da fallen ja grad mal 10 % aller Jobs in der Wirtschaft drunter.

      Ich fänd den Job auch net so schlecht, gibt wahrlich unbequemere Jobs, die moralisch verwerflicher sind.

  2. Ich habe mal vor Jahren für verschiedene Flirt-Portale programmiert. In Sachen SEO wurde hier aauch aus allen Rohren geschossen. Profile, Texte und Bilder wurden erstellt, die es in wirklichkeit gar nicht gibt. Diese Art und Weise wird heute auf hunderten Portalen gemacht. Im Grunde ist das nichts neues und gab es schon vor 10 Jahren.

    1. Flirtportalprofile zu fälschen hat mit SEO nichts zu tun. Das ist wohl eher im Bereich Qualitätsmanagement anzusiedeln. ;) Was SEO Texte betrifft, so sollte klargestellt werden, dass wie bei jeder Art von Text die Qualtität die Musik spielt. Es sicher kein Spam, wenn man in einem Artikel über Basketball auch das Wort Basketball vorkommen lässt. Ich finde übrigens die hier als „Wink mit dem Zaunpfahl“ bezeichneten Leistungsbeschreibungen nicht zweideutig sondern ganz eindeutig. Produktbeschreibungen sind keine Reviews, sonst würde da nämlich „Reviews“ stehen. Es steht aber Produktbeschreibungen dort. Hotelbeschreibungen sind ja wohl auch erlaubt. Wisst Ihr wie viele Hotel-Preisvergleichportale es gibt? Und wie viele Onlineshops? Wer soll denn den ganzen Text für die verfassen? Der Hersteller gibt meistens nur eine Version heraus. Die will aber kein Kunde zweimal lesen und Suchmaschinen wollen ebensowenig zweimal die gleiche Information. Ich wäre als Shopbetreiber froh, wenn sich jemand für mich die Mühe macht, und meine Produktseiten mit informativen Texten aufwertet.

      Mal von der ganzen Legalität abgesehen und zurück zum eigentlichen Hetzthema: Wer von Euch glaubt eigentlich den Amazon Kundenreviews?

  3. Ich hatte auch schon einen netten Plausch mit den TP-Leuten und mag das auch nicht ganz so einseitig stehen lassen. Wer als Startup Auftraege sausen lassen kann, wie es beliebt: meinen respekt. Andersrum betrachtet: textprovider, Clickworker und konsorten sind die mir einzig bekannten Unternehmen, wo man tatsächlich von zuhause aus am rechner ein paar Euronen nebenher verdienen kann und ich weiss ein, zwei Leute, die das tun und verdammt froh dran sind.

    Dass nicht jede Erwerbstaetigkeit moralisch einwandfrei ist, geschenkt. In meinen Augen aber ein Fall fuers Verhaeltnismaessigkeitskommando.

  4. Kenne ich auch nicht anders… Viele Webforen werden zu Beginn mit Beiträgen von Fake-Profilen gefüttert, um echten Besuchern mehr Anreiz zu geben sich anzumelden und mit zu diskutieren. Wenn dann einmal genug echte Benutzer vorhanden sind, läuft das Ding dann von alleine.

  5. Möchte mich hier der Meinung meiner Vorkommentatoren anschließen. Kann die Aussage dieses Blogbeitrags auch nicht wirklich verstehen. Ist das jetzt schlimm was die Telekom gemacht hat oder ist es schlimm, dass es Textprovider gibt? Muss Obermann jetzt zurücktreten?

    Ich hatte mal ein sehr interessantes Paper zu englischen Wikipediaartikeln, wie sie entstehen und gepflegt werden. Im Grunde wurde dort festgestellt, dass Menschen eher bereit sind sich zu beteiligen, wenn ein Artikel schon existiert, unabhängig von der Qualität des Artikels. Leider kann ich das Paper nicht mehr finden…

    Dabei hat der Blogbeitrag so gut begonnen: […] Helmut Hoffer von Ankershoffen für die zwei Eigenbewertungen des WeTab übertrieben gebasht wird […]

  6. Es ist einfach nur schade, wie die Lüge offenbar „kultiviert“ wird und von vielen schon als „normal“ akzeptiert wird… bringt ja Kohle.

    Eine Kultur von Beschiss und Verarschung.

  7. Verhindern wird man das Lügen und Betrügen mit fingierten Rezensionen nicht komplett können. Aber jeder kann etwas dagegen tun.

    Mit schsch!

    schsch ist ein Social Media Experiment. Das Ziel von schsch ist es, den Druck auf Webshops, Websites und Hersteller so zu erhöhen, dass gefälschte Kundenmeinungen und ergaunerte google Suchergebnisse sich negativ auf deren Image auswirken.

    Lass Dich nicht länger untätig belügen und betrügen!

    Und was kannst Du tun? Einfach den faulen Fundort mit einem der beiden Hashtags twittern.

    #schseo > “Ich glaube das ist Schummel SEO”
    #schrez > “Ich glaube das ist eine Schummel Rezension”

    Und hier siehst Du was dann passiert: http://sch.wbta.de

  8. Da ich seit ca. einem Jahr als Texterin mit Textprovider zusammen arbeite, glaube ich, etwas dazu sagen zu können:
    Die Arbeitsbedingungen sind sehr gut. Ich bin flexibel und schreibe nur soviel, wie ich schaffen kann, von zu Hause aus, was gut ist, wenn man kleine Kinder hat und trotzdem Geld verdienen will. Die Projektmanager sind jederzeit ansprechbar, was für Textproduzenten nicht üblich ist.
    Die Projekte, an denen ich mit gearbeitet habe, waren ausschließlich Artikelbeschreibungen für Online-Shops, keine Fake-Beurteilungen, keine übertriebenen SEO-Konstrukte. Die Bezahlung ist für die Branche überdurchschnittlich und erfolgte bisher IMMER pünktlich.
    Man kann natürlich in jedem Job etwas Anrüchiges finden, wenn man lange genug danach sucht. Auch eine Form der Arroganz, finde ich. Und zwar gegenüber den Menschen, die auf solche Jobs angewiesen sind.

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