Der spanische Telekommunikationskonzern Telefonica hat jetzt angekündigt, zukünftig Inhalteanbieter für die Nutzung ihrer Netze abzukassieren. Der Anfang soll bei Google gemacht werden, deren Dienste laut dpa rund 6% des Telefonica-Traffics ausmachen. Aber man kann davon ausgehen, dass wenn dieses Paradigma erstmal fällt, auch andere zur Kasse gebeten werden.
Die Diskussion um den „doppelten Markt“, also Telekommunikationsunternehmen, die zu beiden Seiten abkassieren, dominierte die US-Debatte rund um Netzneutralität. Bisher wurde diese Debatte in Europa nicht wirklich gestartet, hier konzentrierte sich die Debatte eher auf den anderen Bereich der Netzneutralität, dem diskriminierungsfreien Zugang zum Netz. Aber mit der Ankündigung von Telefonica dürften andere Telekommunikationsunternehmen auch aus der Deckung kommen. Ebenso wie Telefonica wollen andere Konzerne wie die Deutsche Telekom gleichzeitig zum Telekommunikations- wie zum Inhalteanbieter werden und dabei ähnliche Motivgründe haben, Wettbewerber zu diskriminieren oder mehr zur Kasse zu bitten.
Die Ankündigung von Telefonica kommt auch erwartungsgemäß nach Verabschiedung des Telekom-Paketes auf EU-Ebene, was im Dezember endgültig in Kraft getreten ist. Wir haben in der europäischen Debatte immer darauf verwiesen, dass wir strenge Regeln zur Erhaltung der Netzneutralität und damit der Offenheit und Innovationsfreundlichkeit des Netzes benötigen. Aufgrund von massivem Lobbying der Telko-Lobby wurde ein klares Bekenntnis zur Netzneutralität leider in der Endphase der Verhandlungen komplett verwässert. Und nun haben wir den Salat.
Interessant ist auch die Konstellation: Telefonica gehört o2 und gerade o2 wurde in Deutschland als Musterbeispiel angeführt, dass doch der freie Markt bei der Netzneutralität funktioniere, wo o2 doch Skype extra in ihren Netzen erlaubt. Wenn jetzt aber vom Mutterkonzern in den Backbones Schnellstraßen für Zahlungswillige Inhalteanbieter eingeführt werden und alle anderen auf Trampelpfade durchs Netz geschickt werden, wird deutlich, dass man bei einem oligopolen Markt nicht auf zuviel Wettbewerb zur Aufrechterhaltung der Netzneutralität hoffen sollte.
Heise hat auch einen ganz guten Artikel dazu: Netzneutralität: Telefónica bittet Google & Co. zur Kasse.
Auf der kommenden re:publica´2010 werden wir im April in einer ganzen Subkonferenz das Thema Netzneutralität aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Das Programm wird bald bekannt gegeben.