Ein Gast-Posting von Ole Seidenberg und Daniel Kruse über „So geht uns das Klima ins Netz“.
Morgen wollen Bürger in rund 170 Ländern mit über 4000 Aktionen zeigen, dass ihnen das Thema Klimawandel nicht egal ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die von der Initiative „350“ organisierte Massenmobilisierung die größte Demo der Welt. In Berlin wählen die Klimapiraten und die Kampagne „Klimakanzlerin gesucht“ aus 350 verkleideten Angela Merkels die wahre „Klimakanzlerin“. 350 stumme Raver angeführt von Dr. Motte werden mit der Silent Climate Parade durch Berlins Mitte ziehen und auf das „unsichtbare“ Problem hinweisen.
Ohne das Netz wäre eine derartige Aktivierung von Menschenmengen undenkbar. Alle drei Tage schickt die US-Zentrale von 350 in den letzten Tagen Updates, Hilfestellungen für lokale Organisatoren und Motivation per Newsletter: „Ladet eure Bilder online hoch, wir dürfen sie auf dem Times Square zeigen!“. Natürlich hält man die global verstreuten Aktivisten auch per Facebook und Twitter auf dem Laufenden. Der Hashtag #350 bewährt sich und für den internationalen Zusammenschluss der NGOs macht sich das Twibbon der übergeordneten Kampagne „tcktcktck“ bemerkbar.
Erst letzte Woche bin ich von den Vorverhandlungen in Bangkok zurück gekehrt. Mein Auftrag vor Ort: Ich möge die deutsche Chef-Delegierte Nicole Wilke auf Schritt und Tritt verfolgen und meine Leserschaft via Blog über die Verhandlungen aufklären, um im politischen Wirrwarr ansatzweise so etwas wie Transparenz zu ermöglichen. Gemeinsam mit elf anderen Bloggern aus insgesamt zwölf verschiedenen Ländern verfolgten wir also die Verhandlungen – und setzten große Hoffnungen in das in diesem Kontext bislang unerprobte Medium.
Die Erkenntnis: Tatsächlich sorgt ein Blogger in den starr koordinierten Abläufen einer UNO-Konferenz zunächst für Irritation. Noch gibt es z.B. keine Akkreditierungen speziell für diese „Spezies“ – die Registrierung als angeblicher Mitarbeiter einer Nichtregierungs-Organisation erleichtert dadurch den Zugang zu Treffen, von denen die Kollegen der klassischen Presse ausgeschlossen sind. Auch eröffnen die vorhandenen Tools die Möglichkeit, den Rückkanal zu öffnen und Fragen der Leser via Facebook und Blog-Kommentar direkt an unsere Verhandler weiterzuleiten.
Dennoch: Das eigentliche politische Schalten und Walten passiert noch immer hinter verschlossenen Türen und wie ich schnell feststellen musste, auf rigide Anweisungen der jeweiligen Regierungen hin. Einen Verhandler vor Ort direkt unter Druck zu setzen, führt also nicht wirklich zum Ziel.
Was wir brauchen, ist ein tatsächliches Umdenken in unserem Lebensalltag, das auch unser Handeln als Wähler, Konsument und interessierter Bürger nachhaltig beeinflusst. Das Netz birgt nicht nur die Chance, sich frei von einseitig gefärbten und von Lobbyverbänden co-finanzierten Informationen ein umfassendes Bild zu machen; es impliziert auch den Appell, seiner Verantwortung als Teilnehmer am sozialen Gesamtzusammenhang gerecht zu werden.
Und damit Ihr nicht in „Klima-Pessimismuss“ verfallt, seien an dieser Stelle einige der Möglichkeiten genannt, im und mit Hilfe des Netzes selbst aktiv zu werden:
Die in England gegründete Organisation ist eher für ihren Einsatz für Nord-Süd-Gerechtigkeit bekannt. Beim Klimawandel passt das zusammen, weil die Emissionen der reichen Länder die Armen als erstes treffen. Registrierte Klimahelden bekommen die neuesten Nachrichten zu Kopenhagen und werden etwa alle zehn Tage zu konkreten politischen Aktionen aufgerufen.
Das „Modell Deutschland“ des WWF
Der World Wide Fund for Nature konzentrierte sich einst auf den Artenschutz, inzwischen wurde der Fokus auf den Lebensraum der Tiere ausgeweitet, kurzum: den Planeten. Mit der just erschienenen Studie „Modell Deutschland“ zeigt der WWF den Weg in eine technisch mögliche und wirtschaftlich bezahlbare, klimaverträgliche Zukunft für Deutschland.
Die mit der Zahl: 350.org
Es wird die wohl größte Klima-Demo der Welt: Mit mehr als 4000 Aktionen in rund 170 Ländern will die Initiative 350 diesen Samtag auf die „wichtigste Zahl der Welt“ hinweisen. 350 ppm, also „parts per million“, sind das Höchstmaß an Kohlendioxid in der Atmosphäre, das den Klimawandel noch glimpflich ausgehen lässt. In Berlin werden 350 stumme Raver angeführt von Dr. Motte durch die Straßen tanzen.
Das Climate Action Network und sein „Fossil des Tages“
Mehr als 350 NGOs vereinen sich als Climate Action Network (CAN) und verkünden die täglichen Dramen der Klimaverhandlungen. Sie verleihen einen Preis, den niemand will: Das Fossil des Tages. Wenn der kanadische Premier Klima-Termine schmeißt oder die EU verbindliche Emissionsziele aus Verträgen streicht, dann überreicht CAN den sarkastischen Preis für Klimablockierer. Aktivisten in Berlin hauchtem dem Preis mit Kohlebriketts und Skelettdinosaurier Leben ein und lieferten ihn bei den entsprechenden Botschaften ab.
Segel hissen für Kopenhagen: Die Klimapiraten
„Die Klimapiraten sind eine offene Kampagne von kreativen, politischen und entschlossenen jungen Menschen. Wir finden, dass jetzt verdammt noch mal etwas getan werden muss, um einen katastrophalen Klimawandel gerade noch zu verhindern und die Kehrtwende hin zu einer nachhaltigen, regenerativen Zukunft einzuleiten. Zum Abschluss der Kampagne entern wir die Weltpolitik und segeln mit zwei Schiffen von Greifswald nach Kopenhagen. Mit der Piratenpartei haben wir nichts zu tun.“
Die Seite von Nick Reimer und Toralf Staud entstand aus dem gleichnamigen Buch und ist heute eine der führenden Anlaufstellen für Klima-Interessierte und absolute Neulinge. Am spannendsten ist der „Klima-Lügendetektor“, der aktuelle „Greenwashing“-Kampagnen großer Konzerne aufdeckt. So ehrlich und direkt wäre die hier stattfindende Klimaberichterstattung wohl andernorts nicht möglich. Erschreckende Realität: Bei meinem Besuch in Bangkok war Wir-Klimaretter vor Ort, die führenden deutschen Zeitungen jedoch entsandten keinen Redakteur. Insgesamt traf ich auf nur 3 deutsche Journalisten.
www.climatehearings.org
Die von der britischen NGO Oxfam und der globalen Klima-Kampagne „tcktcktck“ inititierten Zeugenberichte zeigen so genannte „Climate Hearings“, bei denen Menschen zu ihren Erfahrungen mit dem Klimawandel angehört werden. Deutlich wird hier: Die Folgen sind längst da – und uns näher, als wir glauben mögen. Vom Reisbauern in Thailand zur Familie in Bangladesh: Schon jetzt sind mehrere hundertausend Menschen von massiveren Fluten und Trockenzeiten betroffen. Die Videos und Interviews auf dieser Seite ermöglichen, die tatsächliche Reichweite greifbarer zu machen.
Ole Seidenberg arbeitete bei den Vereinten Nationen und ist für das Projekt „Adopt a Negotiator“ als Blogger auf den Fersen der deutschen Klima-Delegation bei den Verhandlungen von Bangkok bis Kopenhagen.
Daniel Kruse ist freier Autor und Gründer von Nest, einer Social Media Agentur für (öko)soziale Zwecke.