Ein Gastbeitrag von Leonard Dobusch.
Laut stats.wikimedia.org gab es im August 2008 ca. 87.000 aktive Wikipedianer – Menschen, die mindestens fünf Änderungen („edits“) in der Wikipedia vorgenommen haben. Ein winziger Bruchteil – ca. 300–400 Personen – dieser weltumspannenden Community trifft sich einmal im Jahr auf der Wikimania um im „real life“ über alle möglichen Wikipedia-relevanten Themen zu diskutieren.
Die erste Wikimania fand 2005 in Frankfurt/M. statt, die letzte Ende August in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Eine detaillierte Zusammenfassung der einzelnen Präsentationen spare ich mir hier, weil von den allermeisten Vorträgen Videos online direkt über das Konferenzprogramm verfügbar sind. Stattdessen im Folgenden einige persönliche Eindrücke. Die Wikimania in Buenos Aires war nicht nur die erste auf der Südhalbkugel, sie machte auch den enormen Zuwachs an Bedeutung und Professionalisierung von Wikipedia und ihren Schwesterprojekten wie Wikibooks und Wiktionary deutlich. Den Bedeutungszuwachs illustriert wohl am besten ein bebilderter Artikel in der New York Times, der es unter Verweis auf die monatlich mehr als 330 Millionen Wikipedia-Besucher auch in die Printausgabe geschafft hat.
Die Professionalisierung wiederum war in Buenos Aires sowohl organisatorisch als auch atmosphärisch erlebbar: Die Wikimania 2009 hatte nichts von einem improvisierten Wikipedianer-Treffen, sondern war eine perfekt durchorganisierte Konferenz mit Häppchen-Buffet und Rahmenprogramm (Stichwort: Tangokurs). Vor allem aber die ständigen Verweise auf den „strategy process“, der Dank einer Spende des Omydar Networks (siehe heise.de) mit Unterstützung der auf NGOs spezialisierten Beratungsfirma „Bridgespan“ in Angriff genommen wird, zeigen eine neue Ernsthaftigkeit mit der zumindest der organisierte Teil der Wikipedia-Community über sich selbst reflektiert.
Dass bei dem reichhaltigen Programm vor Ort nur wenig über Strategie diskutiert und stattdessen auf das Strategie-Wiki verwiesen wurde, ist dabei wohl auf der Habenseite zu verbuchen: Die Anzahl der Mitwirkenden ist so sicher um ein Vielfaches höher. Derzeit läuft dort noch ein „Call for Proposals“ zur Frage, in welche Richtung sich Wikimedia, die Trägerorganisation hinter Wikipedia & Co, weiterentwickeln soll. Wie genau aus den bereits jetzt über 150 Proposals am Ende eine einzige Strategie werden soll, konnte auch Eugene Kim von Bridgespan nicht wirklich erklären: Es wird zwischen 10 und 15 themenspezifische „task forces“ geben, die auf Basis der proposals Empfehlungen erarbeiten sowie eine spezielle „strategy task force“, die diese Empfehlungen wiederum beurteilen und weiterverarbeiten soll. Auch wenn die Beschreibung dieses Strategiefindungsprozesses von den Worten „transparent“ und „open“ durchdrungen war, ganz nachvollziehbar sind die Entscheidungsstrukturen und ‑prozesse dann wohl doch nicht – und das ist wahrscheinlich auch gut so, soll es nicht völlig bürokratisiert werden.
Dass diese Professionalisierung aber auch ihre Schattenseiten haben kann, wurde am zweiten relativ breit diskutierten Thema dieser Wikimania deutlich, nämlich der Internationalisierungsstrategie. Mittlerweile gibt es in über 25 Ländern lokale Wikimedia Organisationen, sogenannte „Chapter“, die sich vor Ort der Verbreitung und Förderung von Freiem Wissen im Allgemeinen und der Wikipedia-Projekte im Speziellen verschrieben haben. Das weltweit erste und ressourcenstärkste Chapter ist Wikimedia Deutschland und die meisten anderen Chapter eifern dem deutschen Vorbild nach. In vielen, insbesondere ärmeren Ländern ist der Aufbau formaler Vereinsstrukturen allerdings alles andere als einfach: Damian Finol versucht beispielsweise seit 2006 Wikimedia Venezuela zu gründen, scheitert aber bislang an Problemen wie fehlenden Reisemitteln um genug Wikipedianer zu einem Gründungstreffen zu versammeln. In Brasilien haben sich die Initiatoren des Chapters aus ähnlichen Gründen dazu entschlossen, auf eine formale Anmeldung als Verein zu verzichten: Sie argumentieren unter anderem, dass in ärmeren Ländern alleine mit der Aufrechterhaltung einer formalen Vereinsbürokratie soviel Aufmerksamkeit und Aufwand verbunden wäre, dass die eigentliche Arbeit für freies Wissen dabei zu kurz kommen würde und dass eine gleichberechtigte Partizipation aller Community-Mitglieder sowieso völlig unmöglich sei. Dabei betonen sie den Charakter der Wikipedia-Community als sozialer Bewegung, die gerade auch durch ihren informal-offenen Charakter eine besondere Stärke und Dynamik habe. Eine Position, die zu teilweise heftigem Widerspruch von Vertretern anderer Wikimedia-Chapter führte, die eine formal-rechtliche Verankerung für unverzichtbar halten, um überhaupt von einem Chapter sprechen zu können.
Die Gefahr, inzwischen bereits in gewisser Weise „zu professionell“ zu wirken, zu wenig einfache Einstiegsmöglichkeiten oder ganz allgemein zu wenig offen für potentielle Neu-Wikipedianer zu sein, war schließlich auch das beherrschende Thema der Vorträge von „Executive Director“ (!) Sue Gardner und ihrem deutschen Stellvertreter, Eric Möller. Während erstere in ihrer fesselnden Abschlussrede vor allem weniger Misstrauen gegenüber Neuankömmlingen einmahnte, nannte Eric Möller (Video) ganz konkrete Beispiele, warum heute ein Einstieg in die Wikipedia schwerer fällt als noch vor einigen Jahren: so gibt es beispielsweise einfach viel weniger rote Links, die zum editieren einladen, die Wiki-Syntax ist insbesondere bei größeren Artikeln einschüchternd kompliziert geworden, und der Upload von Dateien in Wikimedia Commons überfordert immer noch selbst erfahrenere User. Als Ausweg verwiesen beide wieder auf den laufenden Strategiefindungsprozess.
Dessen Ergebnisse sollen übrigens spätestens bis zur nächsten Wikimania 2010 vorliegen, die insbesondere für Berliner Wikipedianer besonders attraktiv sein dürfte, findet sie doch im nahen polnischen Gdańsk statt.