Kultur

Netzpolitik-Interview: Karsten Gerloff von der FSFE

Die Free Software Foundation Europe hat einen neuen Präsidenten. Karsten Gerloff wechselt als Nachfolger von Georg Greve an die Spitze der Freien Software Lobby. Georg Greve hatte die Organisation 2001 mit gegründet und wollte nicht erneut kandidieren.

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netzpolitik.org: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Amt. Was hat Dich motiviert, zu kandidieren?

Karsten Gerloff: Seit ihren Anfängen vor mehr als acht Jahren hat sich die FSFE zu einem verlässlichen Partner sowohl für die Freie Software-Gemeinschaft als auch für Wirtschaft und Politik entwickelt. So einer Organisation vorstehen zu dürfen ist eine sehr spannende Herausforderung. Die Menschen in der FSFE denken schon sehr lange und sehr scharf über die Rolle Freier Software in unserer Gesellschaft nach, und entwickeln tragfähige Positionen.

netzpolitik.org: Wie bist Du zur FSFE gekommen, und wie hast Du dich dort engagiert?

Karsten Gerloff: Angefangen hat es damit, daß ich an der Uni einen Vortrag von Georg Greve gehört habe. Das Thema Freie Software interessierte mich brennend, deshalb habe ich ein Praktikum bei der FSFE gemacht. Seit dieser extrem interessanten Einführungszeit arbeite ich in der Organisation mit, sowohl im deutschen als auch im europäischen Team. Seitdem habe ich viel politische Arbeit für die FSFE gemacht, hauptsächlich bei der WIPO in Genf und bei der EU in Brüssel, habe Vorträge gehalten und bei Veranstaltungen an Ständen mitgearbeitet. Auch mit meiner Arbeit während der vergangenen Jahre, in denen ich über wirtschaftliche und soziale Aspekte Freier Software geforscht habe, gab es viele Überschneidungen. Schon dort habe ich viel über und mit dem öffentlichen Sektor gearbeitet, und auch den Einsatz Freier Software als Werkzeug für wirtschaftliche und soziale Entwicklung untersucht. Das alles sind sehr spannende Perspektiven.

netzpolitik.org: Hast Du Dir Ziele für Deine Präsidentschaft gesetzt?

Karsten Gerloff: Ja, aber nicht ich allein. Neben mir sind noch andere Leute für Schlüsselpositionen in der FSFE ausgewählt worden:

Fernanda Weiden als Vizepräsidentin.
Christian Holz als Geschäftsführer.
Adriaan de Groot, Koordinator für
unser Lizenzprojekt Freedom Task Force (FTF).
Matthias Kirschner, koordiniert das Fellowship und das deutsche Team.

Nimm noch die vielen Freiwilligen dazu, die die FSFE eigentlich ausmachen, und du hast eine Gruppe von sehr engagierten, kompetenten und erfahrenen Leuten. Unsere Ziele setzen wir uns gemeinsam. Wir werden die erfolgreiche Arbeit, die die FSFE über die letzten Jahre gemacht hat, auf jeden Fall weiterführen. Dazu gehört, daß wir uns für Innovation einsetzen und Software-Patente verhindern werden, und uns weiter für echten Wettbewerb auf dem Softwaremarkt engagieren.

Ein wichtiges Ziel ist, die vielen Freie Software-Gruppen in Europa besser zu vernetzen und zu schauen, wie wir alle zusammen mehr Einfluß nehmen können. Wir wollen vermehrt mit dem öffentlichen Sektor arbeiten. Da gibt es sehr viel Potential, durch den Einsatz Freier Software nicht nur die lokale Wirtschaft zu fördern, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Behörden leichter zu machen. Hier stehen schon einige Türen offen, und wir werden weitere öffnen.

Sehr wichtig ist uns auch Freie Software in der Bildung. Schüler und Studentinnen sollten die Möglichkeit haben, wirklich zu lernen, wie Digitaltechnik funktioniert, und Computer selbstbestimmt einzusetzen. Das geht nur mit Freier Software.

netzpolitik.org: Was ist der derzeitige Stand der FSFE und Fellow-Community?

Karsten Gerloff: Die FSFE ist aufgebaut wie eine Zwiebel. Im Innersten gibt es einen kleinen Kern der juristisch verantwortlichen Leute, den FSFE e.V.. Die nächstgrößere Gruppe ist das europäische Kernteam. Hier und in den Länderteams findet der Großteil der tatsächlichen Arbeit statt. Das deutsche Team ist sehr aktiv, so wie andere in Österreich, Italien, Serbien und Schweden, und wir arbeiten hart daran, weitere Teams aufzubauen. Das Fellowship ist wiederum deutlich größer. Es hat sich seit dem Start in 2005 sehr gut entwickelt. Heute gibt es aktive Gruppen in vielen Städten in Europa, die vor Ort oft tolle Sachen machen. Wir wollen, daß es noch viel mehr werden. Die Fellows haben jetzt auch einen Repräsentanten in der Hauptversammlung der FSFE, ab nächsten Sommer werden es zwei sein. Damit sind sie ganz explizit an den strategischen Richtungsentscheidungen der FSFE beteiligt.

netzpolitik.org: Wie kann man Dich und Euch unterstützen?

Karsten Gerloff: Da gibt es verschiedene Wege, und es ist für jeden was dabei. Die FSFE finanziert sich vollständig über Spenden. Je mehr wir davon bekommen, desto mehr können wir erreichen. Je mehr unterschiedliche Spender wir haben, um so gesicherter ist unsere Unabhängigkeit.

Das Fellowship ist das Mitmach-Programm der FSFE. Hier kommen Leute zusammen, denen die politischen und sozialen Seiten Freier Software wichtig sind. Immer mehr Fellowship-Gruppen treffen sich in verschiedenen Städten in Europa, um sich auszutauschen und gemeinsam Aktionen zu planen. Aus der sehr aktiven Berliner Gruppe kam z.B. die PDFreaders.org-Kampagne , die es sogar bis auf dpa geschafft hat. Mit ihren Jahresbeiträgen unterstützen die Fellows unsere Arbeit als FSFE. Man muß übrigens kein Fellow sein, um zu den Gruppentreffen zu kommen — jeder ist willkommen.

Die meiste Arbeit in der FSFE wird von Freiwilligen geleistet. Wir suchen ständig Unterstützung in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel bei Übersetzungen und bei der Arbeit an der Website.

Die FSFE hat ständig einen oder mehrere PraktikantInnen. Die bleiben zwischen vier Monaten und einem Jahr bei uns. Wir binden sie von Anfang an in die Abläufe ein und geben ihnen mehr und mehr
Verantwortung. Das bedeutet, daß sie hart arbeiten, aber auch viel lernen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß ein Praktikum bei der FSFE ein sehr direkter, intensiver Einstieg in die Welt der Freien Software ist, und eine sehr bereichernde Erfahrung.

netzpolitik.org: Vor welchen Herausforderungen steht Freie Software in Europa und weltweit?

Karsten Gerloff: In den letzten Jahren ist Freie Software viel bekannter geworden. Freie Programme werden nun von viel mehr Leuten genutzt. Damit haben sich auch einige der Herausforderungen verändert, vor denen wir stehen. Zwar kommen mehr Menschen in Kontakt mit Freier Software, aber sie wissen nicht immer, was ihnen diese Freiheiten nutzen. Wir wollen ihnen erklären, was ihnen Freie Software zu bieten hat — zum Beispiel die Freiheit, das gleiche Programm auf mehreren Rechnern laufen zu lassen, ohne sich Sorgen über restriktive Nutzungsverträge machen zu müssen.

Wir werden viel Energie in die Entwicklung und Verbreitung offener Standards investieren. Die machen den Wechsel zu Freier Software sehr viel leichter und sorgen dafür, dass auf dem Software-Markt wirklicher Wettbewerb herrschen kann. Mit der Freedom Task Force helfen wir freien Projekten, ihre Lizenzen durchzusetzen. Wir unterstützen sie auch dabei, eine stabile Struktur für die Verwaltung ihrer Urheberrechte aufzubauen. Dazu stellen wir eine sogenannte Treuhänderische Lizenzverwaltung bereit.

Eine Frage, auf die wir noch keine Antwort haben, ist, wie Nutzer von Online-Diensten ihre Freiheiten behalten können. Wie kann ich sicher sein, was mit meinen Daten passiert, wenn ich einen Dienst
auf einem Server nutze, selbst wenn dieser Dienst auf Freier Software beruht? Das ist eine Diskussion, die wir in der nächsten Zeit führen wollen.

Und natürlich werden wir dabei helfen, daß sich Freie Software weiter in allen Bereichen ausbreitet. Wir wollen freie Programme in mehr Schulen und Universitäten eingesetzt sehen, in Behörden und öffentlichen Einrichtungen, und in Unternehmen. Wir wollen, daß mehr Menschen ihre Kreativität dazu nutzen, Freie Software besser zu machen. Wir wollen viele kleine und große Firmen sehen, die ihr Geld mit Freier Software verdienen.

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5 Kommentare
  1. Eine Frage die ich mir häufig stelle würde ich an dieser Stelle gerne mal loswerden: In welcher Weise verdienen die Entwickler von freier Software ihren Lebensunterhalt?
    Ich schreibe selbst seit einiger Zeit an einer Software und würde diese vom Gefühl her gerne als freie Software der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Einziger Knackpunkt: Da ich von dieser Arbeit nicht leben kann, muss ich meinem gelernten Beruf in höherem Umfang nachgehen als es mir lieb ist bzw. durch diesen Umstand kommt die Entwicklung der Software nur langsam voran. Wie lösen das die Entwickler schon etablierter Software?

  2. @manka: Wikipedia sagt dazu: „Heutige Geschäftsmodelle, die mit freier Software zu tun haben, konzentrieren sich […] auf den Dienstleistungsaspekt der Softwareentwicklung, -weiterentwicklung und -anpassung. Wartung und individuelle Anpassung der Software sowie Schulung und technische Unterstützung sind für die Kunden vorrangig. Unternehmen, die alleine diese Dienstleistungen als Geschäftsstrategie gewählt haben, sind zum Beispiel MySQL AB, Red Hat und Qt Software.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Software#Gesch.C3.A4ftsmodelle)

    Wobei ich mich auf frage ob das im Regelfall wirklich funktionieren kann. Immerhin ist der Entwicklungsaufwand ja doch recht hoch.

    1. @Stefan: Ja, der Gedanke das ein Auskommen nur über den Weg als Dienstleister rund um die eigenen Software möglich ist kam mir auch schon. Jedoch wie soll ein Ein-Mann-Entwicklerteam zum einen die Software schreiben (was wie du richtig sagst ein recht hoher Aufwand ist) und gleichzeitig sich mit Dienstleistung um eine vielleicht noch nicht 100% fertige Software über Wasser halten? Letztlich läuft es darauf hinaus, das man entweder mit viel Geld in Vorleistung tritt während der Zeit der Entwicklung oder wie ich es momentan mache die Entwicklung nur in der Freizeit stattfindet. In beiden Fällen bleibt offen ob jemals die Mühe honoriert werden wird, und sich z.B. die investierten Kosten wenn man die Entwicklung Full-time betreibt jemals über den Dienstleistungsweg wieder rechnen werden.
      Bisher haben mich diese Überlegungen dazu geführt das Softwareprojekt von vorn herein just for fun zu betreiben und erst gar nicht davon auszugehen das dabei was rum kommt, sei es nun monetär im Sinne eines Standbeins zum leben oder rein ideell.

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